Gewisse Dinge verändern sich nicht

Gestern traf ich jemanden, der mich schon als kleines Mädchen von zwei Jahren kannte und auch meine Familie. Er fragte mich, wie es meiner Mutter gehe und reagierte dann recht ungläubig, als ich entgegnete, sie wäre schon elf Jahre tot.

Gewisse Dinge verändern sich nicht. Das bemerkte ich gestern. Die Sehnsucht nach jenen, die nicht mehr da sind, bleibt. Sie sind einfach da und man vermisst sie, besonders in jenen Momenten, in denen man ihren Namen laut ausspricht. Es gibt Orte, da ist man noch immer Kind und kann sich erinnern, als wenn es gestern gewesen wäre, wie man noch die Hand der Mutter, der Grossmutter gehalten hat.

Ein wenig erinnert mich der Thurgau im November an Irland. Alles ist grau und grün und braun. Die Felder wirken auf den ersten Blick karg, doch das schlafen gegangene Leben ist bereits wieder zu spüren. Nur noch wenige Monate und der Frühling kehrt zurück in die müden Apfelbäume.

Ich fuhr gestern vorbei an einem alten Baum, der in meiner Kindheit strahlend blühte. Nun fällt er langsam auseinander, ist zerfressen von Würmern und anderem Getier und ich bin mir sicher, dass er nächsten November nicht mehr hier sein wird. Ich erinnere mich noch gut, wie Omi und Mami und ich oft auf dem Bänkli unter diesem Baum sassen und auf das Dorf blickten. Omi hatte immer Schokolade dabei und ich weiss noch gut, dass jenes Schoggi-Prügeli mit Silberpapier eingewickelt war und darauf Jass-Symbole gedruckt waren. Als ich gestern an jenem Platz vorbei fuhr, fiel mir schmerzlich ein, wie sehr sie mir alle fehlen. Für einen kurzen Moment stiegen mir die Tränen in die Augen.

Doch am Ende des Tages war ich glücklich, weil sich ein Mensch, den ich zuvor nicht kannte, an meine Mutter erinnert hat, die seit elf Jahren tot ist.

Advertisements

Ein Jahr

Gestern war unser Jahrestag. Wir leben seit einem Jahr hier im Haus.

Es ist seltsam, ich hab den Eindruck, als hätten wir nie woanders gelebt. Die Jahre im Thurgau scheinen wie hinter einem dichten Nebel verschwunden. Ich fühle mich hier im Städtli sehr zuhause. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich jemals woanders als im Thurgau beheimatet fühlen könnte.

Der Garten, die Bäume und das Haus halten uns auf Trab. Es gibt immer etwas zu tun, sei es Rasenmähen im Sommer, Laub zusammennehmen im Herbst oder die Fütterung der Vögel im Winter.

Wir haben schon sehr viel am Haus renoviert. Mein Atelier braucht nur noch einen Anstrich, dort, wo ich vorletztes Jahr aufgrund des durchbrochenen Bodens aufgehört habe. Der kleine Keller ist ebenfalls fertig. Wir lagern dort jetzt Gemüse und haben endlich einen grossen Tiefkühler. Der Hangdruck und die damit verbundene starke Feuchtigkeit bereiten uns weniger Sorgen. Seit einigen Monaten haben wir einen Entfeuchter aufgestellt. Unser „kaltes“ Zimmer ist ebenfalls zur Hälfte entrümpelt und ich freu mich darauf, dass ich bei wärmeren Temperaturen die Wände frisch streichen kann.

Auch unser Schlafzimmer wird immer schöner. Vor einem Jahr strich ich die vergilbten türkisfarbenen Wände. Jetzt sind sie weiss. Wir haben Bücherregale aufgestellt. Im Frühling und Sommer ist es sehr hell in diesem Raum. Die Katze liebt es sich dort zu räkeln.

Der Garten entwickelt sich. Ich habe ihn letztes Jahr umgestochen und angefangen zu besäen. Jetzt bin ich gespannt, was uns die Erde geben wird.

Der Thurgau scheint fern.
Mehr als je zuvor vermisse ich unsere ehemaligen Nachbarn. Mir wird bewusst, wie aussergewöhnlich unsere Freundschaft und Nachbarschaft war. Ich bin manchmal traurig, denn jetzt kann ich nicht mehr wie früher einfach die Treppe raufsteigen, „hallo“ sagen oder beim gemeinsamen Rauchen diskutieren.

Omi lebt zwei Dörfer weiter im Pflegeheim. Ich sehe sie jetzt öfter. Es ist ein sehr beruhigendes Gefühl, in der Nähe zu sein, auch wenn ich nicht immer bei ihr bin. Unsere Verbundenheit begleitet mich durch die Tage und die Momente im Haus.

Vor einem Jahr lag hier hoher Schnee und es war sehr kalt. Unser Haus gibt uns warm. Es wurde vor 176 Jahren nach dem Sonnenstand gebaut. Vielleicht ist das ein Lebensmotto, welches sich lohnt, zu beleben:

Richte dich nach dem, was dich wärmt und deiner Seele gut tut.

Sommerwind

In einigen Tagen kann ich damit anfangen, die Johannisbeeren zu ernten. Die Rosen sind verblüht. Die Hortensien zeigen in einigen Tagen ihre volle Pracht.

Der Sommer meiner Kindheit war geprägt von der Johannisbeerernte. Omi Paula stand um vier Uhr morgens auf, las die Zeitung und pflückte Beeren. Alles geschah in den frühen Morgenstunden. Bingozahlen, wichtige Gespräche, Gedanken.

Mittags war es für alles zu heiss. Wir hielten uns immer nur im Haus auf. Das Haus kühlte uns. Es ist auch heute noch kühl. Das ganze Toggenburger Haus ist auf die Jahreszeiten ausgerichtet. Im Winter kann man es schnell auf-heizen. Im Sommer aber sind die Räume trotz Südlage kühl.

Es ist wohltuend, abends nach der Arbeit heim zu kommen und ins Atelier zu sitzen, in dem es einfach nur wohltuend kühl, ja kalt, ist. In diesem Haus hat jeder Raum seinen Zweck. Nichts ist falsch gebaut.

Der Fenchel und die Zwiebeln wachsen. Ich denke an Omi. Die Terrasse zerfällt langsam. Früher hat Omi hier Wäsche aufgehängt. Heute liegen wir hier an der Sonne.

Der Bach führt weniger Wasser als auch schon. Meine Sorge gehört den Forellen. Ich hoffe, sie überstehen die Hitze der nächsten Tage.

Die Linde blüht. Ich jäte. Am Freitag entrümpeln wir den Keller. Ich brauche Luft. Eine Tiefkühltruhe. Freiraum.