Winterbach

Ich mag den blauen Himmel und die schneebedeckten Hügel des Toggenburgs.
Gestern waren wir in der Migros Wattwil einkaufen. Omi und ich waren oft dort. Sie liebte Einkaufen. Der Laden hat sich verändert, seit ich mit Omi da war. Es ist alles moderner geworden und manchmal denke: Omi, da wärst du nicht mehr klar gekommen.

Wenn ich am Joghurt-Regal vorbei laufe, lächle ich. Himbeer-Joghurts hat sie so sehr geliebt. Und Milchschnitten. Für einen Moment lang will ich danach greifen. Ich denke, das bringe ich nachher mit. Das kann sie gut beissen.

Dann fährt es mir in den Kopf: sie ist nicht mehr.

Als wir aus der Tiefgarage fahren, ist mein erster Impuls, links abzubiegen. In Ebnat-Kappel hat Omi die letzten Jahre verbracht. „Schnell bei Omi vorbei schauen“, denke ich.

Es tut weh, wenn einem bewusst wird, dass ein Kapitel des eigenen Lebens unwiderruflich abgeschlossen ist. Nie mehr Omi im Pflegeheim besuchen. Keine Umarmung mehr.

Im Alltag fehlt sie mir sehr, auch wenn wir nicht mehr so viel Zeit miteinander verbracht haben wie während meiner Kindheit. So vieles erinnert mich an sie. Der Zug. Die Läden. Die Strassen.

Der Bach neben unserem Haus friert langsam zu. Es ist ein seltsames Schauen. Ich denke: gell, Omi, es war dir einfach zu kalt. Aber irgendwann blühen wieder die Rosen und der Schnee macht dem hellen Grün der Wiese Platz.

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Die Hochwasser-Sache

Es gibt nicht viele Dinge, vor denen ich wirklich Angst habe. Aber Hochwasser bereitet mir Mühe. Mein Vater pflegt nämlich noch heute zu sagen: Feuer kann man löschen. Aber das Wasser hält nichts auf.

Der Regen von gestern liess unseren kleinen Hausbach anschwellen. Die letzten Tage konnte ich öfters beobachten, dass er innerhalb weniger Minuten seine Farbe und die Fliessgeschwindigkeit verändert. Das ist nicht ganz ohne.

Das Getöse des Baches liess mich gar nicht erst einschlafen. Zu gross war mein Horror, plötzlich umgeben von Wasser zu sein. Woher diese Angst kommt? Keine Ahnung.

Nach vier Stunden nutzlosen und schlaflosen Herumliegens ging ich in den Gang und schaute mir an, wie hoch das Wasser steht. Es lief mir eiskalt den Rücken herunter. Das Bächlein hatte sich in einen tosenden, stinkenden Strom verwandelt. Das Wasser stand im unteren Teil des Kanals bestimmt mehr als zwei Meter über normalem Pegel.

Ich bin in der Thurebene aufgewachsen. Ich bin es mich gewohnt, dass im Frühling das Land unter geht. Aber fünf Meter neben einem Bächlein zu wohnen und daran zu denken, dass grad das Atelier unter Wasser stehen könnte, ist nicht sexy.

Und so weckte ich nachts um zehn nach zwei Uhr Sascha. Dieser schlief tief und fest und war so überhaupt nicht betroffen von meinen Weltuntergangsängsten. Er reagierte etwas knurrig, als ich ihm sagte, dass wir (er) jetzt den PC aus dem Atelier holen müssten, weil ich Angst vor dem Wasser hatte.

So latschte er nach unten. Gemeinsam machten wir die Kabel ab und er ging, zu meinem Schrecken nach draussen, um nach getanem Werk eine Zigarette zu rauchen.
„Du kannst doch jetzt nicht da raus gehen!“ rief ich ihm nach und wollte ihm folgen. Mein Blick fiel auf eine riesige Hausspinne an der Wand. Es lief mir eiskalt den Rücken herunter. Wenn jetzt eine Welle käme und Erni da draussen… aber nein.

Fünf Minuten später lagen wir wieder im Bett, der PC sicher verstaut im ersten Stock, die Katze auf meinem Bein. Ich spürte ihr zartes Zittern. Ich war offenbar doch nicht die einzige, die ängstlich war. Ihr Gurren und Milchtreten beruhigte mich und so kam ich dann doch noch auf zwei Stunden Schlaf.

Am Morgen sprachen wir darüber, ob ich mich daran erinnern kann, ob wirklich mal ein Teil des Hauses unter Wasser stand. Offenbar geschah das die letzten vierzig Jahre nie. Aber ich erinnere mich noch gut an den Tag, als Opa abends anrief um uns mitzuteilen, dass der Bach gerade sein Feuerholz mitgenommen hatte. Opas wüste Flüche werd ich nie vergessen. Und nun sitz ich da. Opa lebt nicht mehr und ich verbringe die Nächte im zweiten Stock des Hauses und hab Angst vor Hochwasser. Toll.

Und so sah unser Bach an jenem Tag aus.

Bachtosen

Gestern früh, als ich aufwachte, wusste ich genau, was passiert war. Ich kannte das Geräusch noch aus meiner Kindheit.

Der kleine stille Bach neben unserem Haus hatte sich nach einer Nacht der Regenfälle in einem wilden, gelben Sturzbach verwandelt. Sein Tosen drang durch die Fenster hindurch.

Als ich noch ein Kind war, wurde Opa bei Regen nervös. Er fing dann jeweils an, auch mitten in der Nacht, alles ums Haus herum zusammenzuräumen. Er kannte die Launen des Baches zu gut.

Der Bach trat nur einmal über die Ufer. Er zerrte Holz mit. Das Haus wurde nicht in Mitleidenschaft gezogen. Zum Glück.

Gestern morgen fühlte ich wieder versetzt in meine Kindheit. Ich rannte zum Fenster und schaute hinaus. Der Bach toste und ich hielt für einen kleinen Moment Ausschau nach meinem Grossvater, der hastig das Holz ums Haus versorgt. Doch dann fiel mir ein, dass das jetzt unsere Aufgabe ist.

Sommergewitter

Heute nacht hatte ich einen seltsamen Traum. Ich träume ihn immer wieder. Seit über 25 Jahren.

Es ist ein heisser Tag in den 80ern. Die Sonne brennt heiss auf meiner Haut. Ich stehe auf unserer Wiese vor dem Haus im Toggenburg. Meine Schwester und ich hüpfen herum, weichen den Scheisshaufen von Barri, dem Appenzellermischling aus.

Ich nehme ein Bad im Bach. Der Bach ist eigentlich ein Kanal, der neben dem Haus vorbei fliesst. Er riecht ein wenig nach Chemikalien. Trotz alledem leben unten unter dem Fall einige Forellen.

Dann gehe ich zurück ins Haus. Oma, meine Schwester und ich schauen fern. Es wird langsam dunkel. Die Wolken ziehen sich zusammen. Ein Gewitter.

Nie habe ich solche Gewitter erlebt wie im Toggenburg als Kind. Mir schien, als bebte die Erde. Obwohl es dunkel ist, leuchtet alles herum. Es knallt und bebt, als ginge die Welt unter. Der Regen prasselt laut auf das Dach nieder und ich erwarte jeden Moment, dass eine Welle von Regenwasser uns alle davon schwemmt.

Ich wache auf. Ich bin kein Kind mehr. Mein Erlebnis ist über 25 Jahre her. Trotzdem sehne ich mich nach dem Haus.
Ich möchte zu gerne wissen, wie es ist, 25 Jahre später im Haus zu leben, wenn es gewittert. Werde ich Angst haben? Mich geborgen fühlen?

Frühling im Toggenburg

Ich habs immer so geliebt, meine Ferien bei Paula zu verbringen. Die Schulferien waren für mich die schönste und befreiendste Zeit des Jahres.

Nie konnte ich im Haus und im Garten der Eltern so unbeschwert herumtollen wie im Toggenburg bei meinen Grosseltern. Hier gehörte alles mir. Niemand reklamierte, wenn ich mich schmutzig machte oder im Bach schwamm. Ich konnte spielen, soviel ich wollte.

Abends schauten wir fern. Opa stand Pfeifen rauchend in der Stube. Ich erinnere mich an viele Gespräche. Opa und Paula konnten wunderbar Geschichten erzählen.

Besonders aufregend waren die Gewitternächte. Paula, meine Schwester und ich schliefen jeweils im Obergeschoss, direkt unter dem Dach. Durchs Fenster konnten wir jeweils das Wetterleuchten sehen. Das Gewitter kam näher. Der Bach plätscherte laut. Dieses Geräusch. Ich mag es so sehr.

Irgendwann donnerte es. Blitze um uns herum. Starker Regen. Der Bach wird lauter. Um uns herum geht die Welt unter. Paula jedoch liegt im Bett neben uns und erzählt uns leise Geschichten. Trotz des Gewitters, des prasselnden Regens auf dem Dach, schlafen wir Kinder ein. Vielleicht gerade deswegen.

Am nächsten Morgen entdecken wir, dass der Bach über seine steinernen Ufer getreten ist. Es ist nichts passiert. Alles ist noch da. Der Boden ist matschig. Bald sind die Ferien vorbei.