Vier Tode. Was mein Leben verändert hat.

Heute wurde ich auf Twitter von @hipsterfitness von mit der Frage konfrontiert: „Was hat dein Leben verändert?“ Ich möchte diese Frage gerne beantworten.

Der erste Tod in meinem Leben war der meines Bruders Sven.
Er wurde am 17. September 1979, 15 Tage nach Mutters 28. Geburtstag geboren und starb am 20. September 1979 im Kantonsspital Frauenfeld. Ich war zwei Jahre alt und begriff nichts und alles. Ich bin mir sicher, dass ich verstanden hatte, dass meine kindliche Welt mit Mutter und Vater nun nicht mehr existieren würde. Ich verstand körperlich, dass sich nun alles verändern würde.

Ich war zwar nur ein kleines Kind, doch ich fühlte, wie traurig meine Omi und mein Vater waren. Wer einmal unverhofft die Nachricht vom Tode eines geliebten Menschen erhalten hat, kann nachvollziehen, wie die Energie eines Raumes sich verändert. Die Angst. Die Panik. Die Hysterie. Die tiefe Trauer. In all das wurde ich geschmissen, als mein Bruder starb. Ich verlor nicht nur den Bruder, ich verlor auch die Eltern, so wie sie vorher waren.

Der zweite Tod in meinem Leben war der meines Grossvaters Walter.
Er wurde 1924 geboren, wurde mit knapp 20 in den Krieg eingezogen, wurde wieder aus der Armee ausgespuckt. Mein Grossvater war leidenschaftlicher Jazzmusiker. Ich kann mich nicht erinnern, dass je in diesem Haus keine Musik im Radio lief. Mein Opa war ein schmächtiger, zart gebauter Mann. Er hatte seit den frühen 80er Jahren seine Eltern gepflegt, weil er Zeit hatte. Die Textilindustrie im Toggenburg hatte für Menschen wie ihn keine Verwendung mehr.

Sein Sterben kam nicht unerwartet. Er war, solange ich ihn kannte, Alkoholiker gewesen. Er trank langsam, aber stetig, mit Vorliebe Rosé. 1996 wurde er plötzlich müde. Er ging zum Arzt im Spital, der ihm Leberkrebs diagnostizierte. Opi wusste wohl von Anfang an, was ihn erwartete. Stoisch ging er den letzten Tagen seines Lebens entgegen. Den Schluss verbrachte er in dem Bett, in dem schon sein Vater gestorben war. Sein Tod war eine Erlösung für ihn, doch für uns andere war es ein grosser Verlust. Er fehlt.

Der dritte Tod in meinem Leben war der meiner Mutter.
Ich war gerade 30 Jahre alt geworden, als sich abzeichnete, dass ihr Leben nun enden würde. Ich hatte mich schon Jahre davor befasst, denn wie schon ihr Vater war auch sie Alkoholikerin gewesen.

Mit 30 hat man wahrscheinlich als Frau schon Kinder. Ich hatte keine. Mein erstes Gebären war der Tod meiner Mutter. Das Sterben eines Menschen, der einem nahe steht zu begleiten, ist eine harte Sache. Ich wusste nicht, ob ich dem gewachsen war. Doch ich lief auch nicht davor davon. Ich konnte nicht anders.

Ich glaube, wenn man beim Sterben eines Menschen anwesend ist, hat man die Chance, tief ins eigene Ich zu blicken. Was macht mir wirklich Angst? Wen liebe ich? Wie will ich weiter leben? All das erfuhr ich, als ich die Hand meiner Mutter hielt, während sie starb. Es war wirklich hart, aber es war auch ein Geschenk für mein Leben. Nach ihrem Tod wurde ich zu einer anderen Frau.

Der vierte Tod in meinem Leben war der meiner Omi.
Ich wusste, dass Omi und ich uns loslassen würden. Es war von Anfang an klar. Unsere Beziehung war immer eine des Lebens und des Todes gewesen. Wir hatten unzählige Male darüber gesprochen. Zwischen uns war alles klar.

Als sie dann aber im Dezember 2016 ihr Leben langsam losliess, hatte ich Mühe. So viele Jahre hatte ich versucht, für sie zu sorgen, zu schauen, damit sie ihr Leben so leben kann, wie sie es für richtig hält. Autonomie, dieses grosse Wort, hatte ich hoch gehalten, trotz ihrer Demenz.

Doch was bedeutet Autonomie, wenn jemand stirbt? Ich klammerte mich innerlich an sie. Ich konnte sie nach über 39 gemeinsamen Jahren nur schwer loslassen. Sie war für mich der Anker gewesen. Sie zu verlieren war für mich unvorstellbar.

In jener Nacht, als sie ihre letzten Züge tat, schrieb ich, wie schon die Nächte zuvor. Es war tiefster Winter und sehr kalt. Ich schrieb, weil es das war, was ich gut konnte. Am nächsten Morgen erwachte ich, müde und seltsam leicht. Man rief uns an, um uns mitzuteilen, dass Omi um vier Uhr morgens gestorben sei. Es wunderte mich nicht. Es war ihre Zeit. Ihr Leben. Und ihr Abschied.

 


 

 

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Vom Älterwerden und der Wut

Vor einigen Tagen machten wir unseren traditionellen Debrunner-Ausflug. Das heisst, wir begeben uns gemeinsam an den See, besteigen das Kursschiff und fahren nach Schaffhausen. Wir reden, geniessen die wunderbare Aussicht und essen miteinander.

Dieses Jahr war alles etwas anders. Und das lag nicht nur an der herrschenden Trockenheit und der Tatsache, dass das Schiff aktuell nur bis Stein am Rhein fährt.

Mein Vater ist seit einigen Monaten gesundheitlich angeschlagen. Er hat Mühe mit dem Gleichgewicht und dem Gehen. Aber er versucht sein Bestes. Ohne seine Frau würde es ihm wohl sehr viel schlechter ergehen. Ich bin sehr froh, dass sich die beiden haben!

Beim Aussteigen aus meinem Auto hat mein Vater die Autotüre gegen ein anderes Auto geditscht. Die Lenkerin des Fahrzeugs hat das bemerkt und war ziemlich sauer. Abgesehen davon, dass ich das nicht mitgekriegt habe, wie er ausgestiegen ist. Das will er nämlich selber, er mag nicht Hilfe annehmen, wo er sie nicht braucht. Ich war an der Parkuhr und konnte ich die nachfolgende Aufregung der Frau nicht nachvollziehen. Für irgendwas hat man eine Haftpflichtversicherung. Der Mann hat das doch nicht extra gemacht.

Die Frau aber war stinkesauer. Und sie hat sich ziemlich hysterisch aufgeführt.
Für meinen Vater war diese Begegnung mit dieser Frau nicht so einfach. Er hat uns Kindern damals nämlich von Anfang an eingeimpft, sorgsam mit Autotüren umzugehen. Dass ausgerechnet ihm sowas passiert, hat ihn wohl beschämt.

Während die Eltern an den Hafen spazierten, mein Vater braucht mittlerweile diese Zeit, redete ich mit dieser Frau. Ich versuchte es zumindest. Sie hat ja dann nicht nur weiter herumgesackert, sondern mir auch noch an den Kopf geschmissen, ich hätte meinen Vater gefälligst auf der Strasse aussteigen lassen sollen, damit er ihre Karre nicht beschädigt. Ich mein: WTF?

Natürlich schimpfe auch ich immer wieder über ältere Menschen im Strassenverkehr. Aber ich glaube, ich würde niemals einen gehbehinderten Menschen anpflaumen, weil er die Türe an mein Auto schlägt. Doch dieses Erlebnis hat mir eines aufgezeigt: Es ist sehr anspruchsvoll älter zu werden, gerade wenn man sein ganzes bisheriges Leben so fit war wie mein Vater. Es tut weh, nicht mehr so viel zu können, wie vorher. Man will, aber der Körper spielt nun sein eigenes Spiel.

Ganz im Ernst: Die Autotüre interessiert mich wenig. Es interessiert mich auch nicht, wieviel dieser Lackschaden kostet, denn mehr war es auch nicht. Aber wenn jemand einen Menschen, den ich liebe, bewusst angreift und verletzt, dann macht mich das wütend. Das akzeptiere ich nicht, ganz egal ob es vor 11 Jahren meine Mutter, dann meine Omi oder jetzt mein Vater ist.

Sommerwäsche

Omi hat immer gerne und viel Wäsche gewaschen und draussen auf der Terrasse aufgehängt. Schon als Kind liebte ich den Geruch von Omis Weichspüler in den Morgenstunden des Sommers. Omis Schritte. Das Klappern der Wäscheklappern.

Als Omi älter wurde, waren ihr die Hausarbeiten Pflicht und Struktur. Sie wusch noch immer viel Wäsche, obwohl doch nur noch sie im Haus lebte. Eine Nachbarin hat mir vor wenigen Jahren erzählt, wie sie es bewunderte, wie reinlich und engagiert Omi wöchentlich die ganze Bettwäsche gewaschen hat. Und das trotz ihres hohen Alters und ihrer Demenz!

Unser Haus hier war in früheren Zeiten eine Wäscherei.

Ich habe Omis Bettwäsche sortiert aufgeräumt. Ich mag die wunderbaren alten Leintücher, im Sommer sind sie eine Wohltat. Ich kann mich nicht von ihnen trennen. Manchmal schnuppere ich daran und glaube noch den Duft von damals wieder zu erkennen.

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Angst

Eine jener Ängste, die mich die letzten Jahre, bevor Paula ins Pflegeheim eintrat, umgab, war jene, dass sie überfallen oder ausgeraubt werden könnte. Sie lebte all die Jahre in ihrem Haus, das ihr so ans Herz gewachsen war und welches sie am Schluss so sehr gehasst hat.

Paula hatte während Jahrzehnten gerne telephoniert und es machte mich mehr als einmal misstrauisch, wenn sie mir erzählte, sie hätte mit netten Menschen geredet. Die Krankenkasse, die sie zu einer höheren Franchise überreden wollte, ist hier nur ein Beispiel. Zum Glück hatte sie einen guten Betreuer, der ihr in Vertragssachen half.

Besonders wütend machten mich die sogenannten „Stündeler“, wie Paula sie nannte. Das waren Sektierer, die ihr Bücher und Prospekte andrehten. Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich bei all jenen unehrlichen Menschen vorbeigegangen und hätte sie verflucht.

Ich wusste, dass Paula bald nicht mehr selber würde entscheiden können. Doch ich hatte keine Ahnung, wie man ein solches Gesuch stellt. Ich hatte das Gefühl, dass Paulas grösstes Gut die Autonomie war und als Enkelin lag es mir fern, einfach so über meine Oma zu bestimmen.

Mit 30 stellt man sich keine Fragen übers Altwerden. Ich hätte es vielleicht tun sollen.