Vom Älterwerden und der Wut

Vor einigen Tagen machten wir unseren traditionellen Debrunner-Ausflug. Das heisst, wir begeben uns gemeinsam an den See, besteigen das Kursschiff und fahren nach Schaffhausen. Wir reden, geniessen die wunderbare Aussicht und essen miteinander.

Dieses Jahr war alles etwas anders. Und das lag nicht nur an der herrschenden Trockenheit und der Tatsache, dass das Schiff aktuell nur bis Stein am Rhein fährt.

Mein Vater ist seit einigen Monaten gesundheitlich angeschlagen. Er hat Mühe mit dem Gleichgewicht und dem Gehen. Aber er versucht sein Bestes. Ohne seine Frau würde es ihm wohl sehr viel schlechter ergehen. Ich bin sehr froh, dass sich die beiden haben!

Beim Aussteigen aus meinem Auto hat mein Vater die Autotüre gegen ein anderes Auto geditscht. Die Lenkerin des Fahrzeugs hat das bemerkt und war ziemlich sauer. Abgesehen davon, dass ich das nicht mitgekriegt habe, wie er ausgestiegen ist. Das will er nämlich selber, er mag nicht Hilfe annehmen, wo er sie nicht braucht. Ich war an der Parkuhr und konnte ich die nachfolgende Aufregung der Frau nicht nachvollziehen. Für irgendwas hat man eine Haftpflichtversicherung. Der Mann hat das doch nicht extra gemacht.

Die Frau aber war stinkesauer. Und sie hat sich ziemlich hysterisch aufgeführt.
Für meinen Vater war diese Begegnung mit dieser Frau nicht so einfach. Er hat uns Kindern damals nämlich von Anfang an eingeimpft, sorgsam mit Autotüren umzugehen. Dass ausgerechnet ihm sowas passiert, hat ihn wohl beschämt.

Während die Eltern an den Hafen spazierten, mein Vater braucht mittlerweile diese Zeit, redete ich mit dieser Frau. Ich versuchte es zumindest. Sie hat ja dann nicht nur weiter herumgesackert, sondern mir auch noch an den Kopf geschmissen, ich hätte meinen Vater gefälligst auf der Strasse aussteigen lassen sollen, damit er ihre Karre nicht beschädigt. Ich mein: WTF?

Natürlich schimpfe auch ich immer wieder über ältere Menschen im Strassenverkehr. Aber ich glaube, ich würde niemals einen gehbehinderten Menschen anpflaumen, weil er die Türe an mein Auto schlägt. Doch dieses Erlebnis hat mir eines aufgezeigt: Es ist sehr anspruchsvoll älter zu werden, gerade wenn man sein ganzes bisheriges Leben so fit war wie mein Vater. Es tut weh, nicht mehr so viel zu können, wie vorher. Man will, aber der Körper spielt nun sein eigenes Spiel.

Ganz im Ernst: Die Autotüre interessiert mich wenig. Es interessiert mich auch nicht, wieviel dieser Lackschaden kostet, denn mehr war es auch nicht. Aber wenn jemand einen Menschen, den ich liebe, bewusst angreift und verletzt, dann macht mich das wütend. Das akzeptiere ich nicht, ganz egal ob es vor 11 Jahren meine Mutter, dann meine Omi oder jetzt mein Vater ist.

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Sommerwäsche

Omi hat immer gerne und viel Wäsche gewaschen und draussen auf der Terrasse aufgehängt. Schon als Kind liebte ich den Geruch von Omis Weichspüler in den Morgenstunden des Sommers. Omis Schritte. Das Klappern der Wäscheklappern.

Als Omi älter wurde, waren ihr die Hausarbeiten Pflicht und Struktur. Sie wusch noch immer viel Wäsche, obwohl doch nur noch sie im Haus lebte. Eine Nachbarin hat mir vor wenigen Jahren erzählt, wie sie es bewunderte, wie reinlich und engagiert Omi wöchentlich die ganze Bettwäsche gewaschen hat. Und das trotz ihres hohen Alters und ihrer Demenz!

Unser Haus hier war in früheren Zeiten eine Wäscherei.

Ich habe Omis Bettwäsche sortiert aufgeräumt. Ich mag die wunderbaren alten Leintücher, im Sommer sind sie eine Wohltat. Ich kann mich nicht von ihnen trennen. Manchmal schnuppere ich daran und glaube noch den Duft von damals wieder zu erkennen.

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Angst

Eine jener Ängste, die mich die letzten Jahre, bevor Paula ins Pflegeheim eintrat, umgab, war jene, dass sie überfallen oder ausgeraubt werden könnte. Sie lebte all die Jahre in ihrem Haus, das ihr so ans Herz gewachsen war und welches sie am Schluss so sehr gehasst hat.

Paula hatte während Jahrzehnten gerne telephoniert und es machte mich mehr als einmal misstrauisch, wenn sie mir erzählte, sie hätte mit netten Menschen geredet. Die Krankenkasse, die sie zu einer höheren Franchise überreden wollte, ist hier nur ein Beispiel. Zum Glück hatte sie einen guten Betreuer, der ihr in Vertragssachen half.

Besonders wütend machten mich die sogenannten „Stündeler“, wie Paula sie nannte. Das waren Sektierer, die ihr Bücher und Prospekte andrehten. Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich bei all jenen unehrlichen Menschen vorbeigegangen und hätte sie verflucht.

Ich wusste, dass Paula bald nicht mehr selber würde entscheiden können. Doch ich hatte keine Ahnung, wie man ein solches Gesuch stellt. Ich hatte das Gefühl, dass Paulas grösstes Gut die Autonomie war und als Enkelin lag es mir fern, einfach so über meine Oma zu bestimmen.

Mit 30 stellt man sich keine Fragen übers Altwerden. Ich hätte es vielleicht tun sollen.