Der nächste Tag

Um fünf Uhr in der Früh schreckte ich auf. Nachdem ich vielleicht zwanzig Minuten am Stück geschlafen hatte, wachte ich von der Stille auf. Mutters Atem hatte ausgesetzt. Nach einigen Sekunden röchelte sie. Dann atmete sie weiter.

Ich sass fassungslos da. Ich schwitzte. Weinte. Ich kroch auf das Bett neben ihrem. Es war leer. Ich legte mich hin und hielt ihre Hand. Dann schlief ich wieder ein. Aber mein Schlaf war oberflächlich. Sobald ich die Augen schloss, hatte ich Angst, einzuschlafen und sie loszulassen.

Um sieben Uhr morgens kam eine Pflegende. Da alle Sterbezimmer belegt waren, musste meine Mutter mit mir in diesem Vierbettzimmer liegen. Auf der anderen Seite lag eine hochbetagte demenzkranke Frau. Während sie die andere Frau aufnahm, ging ich unter die Dusche. Ich nahm etwas vom Duschmittel meiner Mutter und seifte mich ein. Mir schien, als könnte ich nur so den Geruch des Sterbens abwaschen und gleichzeitig mir etwas von ihr aufbewahren.

Ich ging frisch gewaschen wieder zu ihr.
Man bot mir etwas zu essen an. Aber ich hatte keinen Hunger.
Ich legte mich wieder neben sie und hielt ihre Hand.

Und dann kam endlich meine Oma Paula. Sie stand in der Türe und ich eilte zu ihr, umarmte sie. Sie wirkte wie ein Fels in der Brandung. Atmete schwer, als sie meine Mutter sah.

Was muss in Paula vorgegangen sein, als sie ihr Kind sterben sah? Omi Paula hat nie darüber geredet. Sie zog ihren dunkelgrünen Mantel aus, stellte ihre Tasche hin und setzte sich auf einen Stuhl.

Ich fühlte mich mit einem Mal nicht mehr alleine. Wir redeten miteinander, mit meiner Mutter. Mit Urseli. Es war wie immer. Nur dass meine Mutter keine Antwort mehr geben konnte.

Die Zeit verging. Paula und ich sassen da und warteten gemeinsam mit der Sterbenden.

Es macht mir zu schaffen, dass ich mit Omi Paula nicht mehr darüber reden kann. Meine Mutter ist für sie verschwunden. Vergessen sind unsere gemeinsamen Erlebnisse, jener 17. Oktober 2007. Ich bin für Omi glücklich, aber ich hasse es.

Wir hörten leise Musik. Immer wieder setzte Mutters Atem aus. Immer länger wurden die Pausen. Es klang für mich, als würde sie immer tiefer eintauchen und das Auftauchen wäre eine Qual.

Ihre Hände wurden immer kälter. Ich wusste, bald ist soweit. Dann, um kurz nach vier, wurde meine Mutter nochmals umgelagert. Sie öffnete nochmals die Augen. Im Radio erklang „Schacher Seppli“ von Ruedi Rymann. Meine Mutter hat es immer sehr geliebt. Um Punkt viertel nach vier tat sie ihren letzten Atemzug. Das Lied war zu Ende. Aus ihren Augen traten gelbe Tränen.

Omi und ich sassen da, hatten uns an den Händen gefasst. Sie stellten Mutters Tod fest. Ich öffnete das Fenster. Draussen schien die Sonne. Der Nebel war verflogen. Ich hörte eine Krähe. Ich sagte: „Jetzt muss Uschi bestimmt eins rauchen, nach all der Anstrengung.“ Omi und ich sahen uns an, dann lachten wir, umarmten uns. Dann liefen uns die Tränen herunter. Wir verabschiedeten uns von Uschi, die Paulas Tochter und meine Mutter gewesen war.

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Vor sieben Jahren um diese Zeit wachte ich an ihrem Bett. Am Abend zuvor hatte sie sich von mir verabschiedet. Ich mich aber nicht von ihr. Dabei hab ichs gespürt.

Wenn Menschen sterben, spüren sie offenbar, was sie noch brauchen. Meine Mutter hat ein letztes Mal Spaghetti gegessen, mit ihrer Freundin geredet und mich angerufen. Am Ende sagte sie: „Ich bin müde.“

Den 16. Oktober 2007 werd ich nicht mehr vergessen, solange ich lebe. Ich wurde von der Arbeit ins Pflegeheim gerufen. Uschi lag da. Ihr Atem ging furchtbar schwer. Manchmal, wenn ich Albträume habe, höre ich diese kochelnden Laute. Dieses Brodeln. Ich sehe ihr senfgelbes Gesicht. Wenn die Pflegenden sie umlagern, öffnet meine Mutter die Augen und sieht mich mit ihren riesigen dunklen Augen an.

Hat sie Schmerzen, frage ich. Nein. Sie kriegt Morphium. Hat sie sogar in der Patientenverfügung geschrieben. Meine Mutter. Immer einen Plan B.

Ich war nicht darauf gefasst, sie sterben zu sehen.
Es wirft alles über den Haufen.
Ich weiss nicht, wie ich es geschafft habe, bei ihr zu bleiben.
Ich konnte einfach nicht gehen.
Während sie so da lag und starb, habe ich angefangen, ihre Häkeldecke zu verstäten. Das hat sie nämlich gehasst. Also hab ich es für sie gemacht.

Wenn man so dasitzt und Fäden vernäht, wird alles leichter. Mir kamen so viele Dinge in den Sinn. Meine Kindheit. Ihre Umarmungen. Ihre sanfte Stimme, die ich nie wieder hören würde. Meine Hoffnung, dass sie noch einmal die Augen aufschlägt und was sagt.

Der Tag vergeht langsam. Immer wieder gibt es Momente, an denen sie offenbar bereit ist, loszulassen, aber es noch nicht ganz kann. Ich warte. Es bleibt mir auch nichts anderes übrig.

Am Abend fahre ich kurz nach Hause. Ich bin getrieben von der Angst, dass wenn ich wieder zu ihr zurückkehre ins Heim, sie bereits gegangen ist. Meine Angst ist vergebens. Sie wartet auf mich.

Ich nehme Platz in einem unbequemen Sessel. Warte. Sie atmet. Immer wieder längere Atemaussetzer. Was wohl in ihr vorgehen mag? Lebt sie ihr Leben nochmals durch? Ab und zu glaube ich eine Träne zu sehen. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, denn meine eigenen Tränen fliessen unaufhaltsam.

Ich hätte nie gedacht, dass es derart weh tut, die Mutter zu verlieren. Omi Paula hatte mich vorgewarnt. Der Tod ihrer eigenen Mutter hat sie tief geprägt. Anders als ich konnte sie nicht an ihr Sterbebett eilen. Ihr Arbeitgeber hat sie nicht gehen lassen.

Dann wird es Abend. Ich habe keinen Hunger. Ich habe nicht einmal Durst. Mir erscheint mit einem Mal alles endlos. Meine Kräfte schwinden. Ich will nur noch, dass sie endlich stirbt, damit ich gehen kann. Die Luft im Pflegeheim ist trotz geöffneter Fenster schwer.

Ich wünsche mir an jenem Abend eine Umarmung. Wärme. Jemanden, der sich nur um mich kümmert. Der mich füttert. Mein Wunsch bleibt unerfüllt.

Ich halte ihre Hand. Ich spüre, wie ihr Hand kälter wird. Ich wage nicht, ihr Gesicht zu berühren. Habe Angst, ich könnte sie in jenem Prozess des Gehens stören. Zwischendurch schlafe ich ein. Ich denke, vielleicht schläft sie jetzt ja auch. Ich muss es nur vormachen.

Immer wieder wache, nein: schrecke ich auf. Ihr Kocheln. Sie blickt mit aufgerissenen Augen zur Decke. Dann schliesst sie sie wieder. Der Atem geht langsamer. Ich warte.