Der Werkzeugschrank

Seit Februar lebe ich jetzt im Haus. Seit anfangs März habe ich mein Atelier bezogen. Langsam stellt sich eine Ordnung ein. Fast alles ist eingeräumt.

Mein pièce de résistance war Opas Werkzeugschrank. Er steht in meinem Atelier und ich habe ihn seit einem Jahr nicht mehr geöffnet. Warum? Das weiss ich nicht genau. Seine Werkzeuge waren ihm immer heilig. Wie Oma auch hatte auch er ein Faible fürs Aufbewahren von Dingen. Ich schaffte es einfach nicht, den Schrank zu leeren. Es war mir, als würde ich ein Stück von ihm von mir loslösen.

Heute packte ich die Aufgabe aber an und es fiel mir schwer. Sascha holte zuerst die Spinnweben herunter und dann nahm er Stück für Stück für Stück aus dem Schrank. Was rostig war, kam in die Tüte. Der ganze Schrank war stark verstaubt. Das Regal, auf dem Opa sein Werkzeug aufbewahrt hat, war früher Teil der Wohnwand meiner Eltern. Opa war ein Meister des Recycling. Er hat aus allem was gebastelt.

 

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Dann, nach einer Stunde ist der Kasten leer und ich machte mich ans Putzen und neu bestücken.

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Was übrig bleibt, kommt auf den Tisch.
Wieder erhalte ich ein neues Bild meines Grossvaters. Ich entdecke ihn als Erfinder, als Mann, der sich für Elektrik interessiert und: das Schneidern.

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Ich stosse auf Rollen von Milimeterpapier. Auf dem ersten Bogen ist gar nichts. Dann der Grundriss eines der Zimmer des Hauses. Er wollte es verändern. Schliesslich finde ich ein Schnittmuster für ein Jackett mit drei Knopflöchern. Für einen Moment bleibt meine Welt stehen. Ich wusste ja, dass er schneidern konnte. Doch ein Werk aus seinen Händen einfach so zu sehen, berührt mich.

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Arbeiten im Atelier

Nach bald anderthalb Monaten im Haus pendelt sich unser Leben langsam ein. Der Schnee ist weg. Der Frühling meldet sich langsam an. An meinen freien Tagen arbeite ich im Atelier unten. Ich habe freien Blick auf die Strasse und den noch nicht-existenten Garten.

Zum ersten Mal kann ich zusehen, wie die Schneeglöckchen, die Primeln und die Krokusse blühen. Hinter dem Haus spriessen die Knospen der alten Forsythie. Noch vor zwei Jahren, noch vor einem Jahr hätte ich niemals zu träumen gewagt, dass ich hier leben darf. Dass Haus und Land mir gehören.

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Ich hänge nicht an Besitz. Reich bin ich definitiv nicht.
Aber es befriedigt mich, dass ich im Haus meiner Familie lebe.
Meine schlimmsten Albträume haben sich nicht erfüllt. Ich hatte Angst, dass das Haus verkauft werden muss. Dass alles abgerissen wird. Meine Kindheit in Schutt und Asche liegend. Ich denke, mit uns als Bewohner hat das Haus eine Zukunft. Die Balken knarren zwar und ich habe manchmal Angst, dass sie brechen. Aber noch bietet uns das Haus Schutz.

Ich denke über unser Fotoprojekt nach. In einer Schachtel, die ich erst vor einigen Wochen entdeckt habe, fand ich viele Fotos meiner Urgrosseltern. Ich möchte die Aufnahmeorte herausfinden und die Fotos nachstellen. Mutters Grab muss ich noch bepflanzen. Das werde ich aber wohl erst nach Ostern tun, da die letzte Jahre über die Feiertage hinweg das Grab abgeräumt und die Blumen geklaut wurden.

Ich schreibe. In der Tanne vor dem Haus pfeift ein Vogel. Ich muss mich noch immer an meine Aussicht gewöhnen. Es ist so still hier. Der Strassenlärm dringt nicht bis zu uns herunter. Es ist kein Vergleich zu unserem alten Wohnort. Neben unserem Haus rauscht der Bach. Die Katze hat es bequem gemacht und beobachtet eine Kohlmeise. Alles ist in Bewegung.

 

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Die Alt-Vorderen

Beim Einräumen meines Atelier wird mir bewusst, wie sehr ich mit dem Beruf und der Herkunft meiner Urgrosseltern schon immer verwoben war.

Die Wollknäuel türmen sich. Stickgarne in allen Farben. Alte Musterbücher. Opas Zuschnittbuch. Stoffscheren.

Alles scheint sich hier im Toggenburg um Stoff und Wolle zu drehen. Es wundert mich nicht. Das ganze Haus duftet nach Handarbeit. Ich kann mir gut vorstellen, wie Uromi Röös in der Stube, wo ich jetzt, beim Schreiben dieses Textes sitze, sass und Socken strickte. Sie konnte nicht nur mit Stricknadeln umgehen, nein. Sie konnte auch wunderbar nähen und sie hat es bis zum hohen Alter getan.

Es ist ihr wohl auch nichts Anderes übrig geblieben. Denn hier im Haus gabs damals wohl noch keinen Fernseher, keinen Telephonapparat, natürlich keinen Internetanschluss und erst später einen Radioapparat. Dieser steht übrigens heute noch hinter der Türe. Ich liebe ihn, er passt perfekt in die dunkel getäferte Stube, als wäre er eigens dafür geschaffen worden.

Meine Urgrosseltern wirkten auch auf den letzten Fotos verliebt. Vielleicht lag das daran, dass sie gar nicht anders konnten, als miteinander zu reden. Auf einem meiner Lieblingsbilder von ihnen sitzen sie da. Beide halten sie ein Glas Schnaps in den Händen und strahlen sich an. Sie waren damals weit in den 80ern. Die Zärtlichkeit des Moments aber lässt sie jung erscheinen. Wer weiss, was sie alles gemeinsam durchgestanden haben, welche Klippen sie gemeinsam umschifft haben.

Es scheint mir ein Privileg, jetzt hier im Haus wohnen zu können. Ob ich meine Beziehung auch bis ins hohe Alter so liebevoll leben kann?

 

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Raum schaffen

Heute, nach über zwei Wochen kam ich endlich dazu, mein Atelier einzurichten. Ich gebe es gerne zu: es hat mir davor gegraust. Es war mir zu kalt, zu dunkel und ich war zu erschöpft, um in der Kälte des Kellers Möbel herum zu rücken.

Heute findet in unserem Städtchen der Funkensonntag statt. Das ist ein heidnischer Brauch, eine Mischung aus Laternliumzug und Böögg-Verbrännis. Früher hat man so den garstigen Winter vertrieben. Ich dachte mir: das passt. Wenn der Winter heute gehen muss, kann ich mein Atelier aufräumen.

Zehn Kisten habe ich ausgepackt, Regale und Schubladenschränke an den richtigen Ort gerückt. Erstaunlicherweise hatte alles Platz. Mein PC ist installiert. Ich habe meine Steuerunterlagen wieder gefunden. Ich staune, wie viele Post-its sich in meinem Besitz befinden.

Dann stosse ich in einer unscheinbaren Schachtel auf Familienfotos. Sie gehörten meiner Uroma Röös, der zweiten Frau von Henri. Ich habe sie bisher nie angeschaut. Ich sehe mir Bilder von Babies an. Trauerbilder. Ich erfahre so, dass Röös‘ Enkelin 1971 mit neun Jahren gestorben ist. Und: ich erkenne auf Bildern aus den 30er Jahren ihren ersten Mann, den geheimnisvollen. Er schien ein wohlhabender Mann gewesen zu sein.

Beim weiteren Blättern stosse ich schliesslich auf Bilder meiner Urgrossmutter Anna. Sie sind uralt. Sie ist schwarz gekleidet und steht neben einer Frau, die ihr aufs Haar gleicht. Ich stelle die Bilder auf meinem Hausaltar auf.

Das habe ich mir nämlich vorgenommen: an dem Ort, an dem ich schreiben, nähen und malen werde, werden ihre Bilder stehen. Ich hege die Hoffnung, dass sie so alle immer bei mir sind und mir über die Schultern schauen.

Am späten Nachmittag erhellt die Sonne den Raum und alles der Schnee leuchtet hell. Ich verräume Nadeln, Wolle, Schnittmuster und Bücher und setze ich mich hin. Der Raum, in dem ich jetzt sitze, hat sich innerhalb zweier Jahre komplett verändert. Er ist wie neu geboren.
Ich bin müde, aber glücklich.

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Zieh dich warm an, Kind!

Die Winter mit Omi waren jeweils kräftezehrend. Als Kind fror ich oft am Morgen, bis Opa den Ofen angeheizt hatte. Warme Kleidung war gefragt und so liefen wir alle gut verpackt im Haus herum. Nachts kuschelte ich mich in ein Schaffell ein und die Kälte verschwand.
„Leg di warm an, Chind“, haben Omi und Opa oft zu mir gesagt.

Wollsocken trage ich auch heute wieder. Denn es braucht seine Zeit, gerade nach einem Tag auswärts, bis es wieder warm ist im Haus.

Nach bald drei Wochen am neuen Lebensort komme ich nun endlich dazu, mein Atelier einzuräumen. In diesem Raum herrscht Kälte. Ich werde mit einem Elektroofen heizen müssen. Noch habe ich keinen Plan, wie ich die Kisten umschichte und die Regale herumschieben werde. Ich weiss nur, wo mein Schreibtisch stehen wird: am Fenster mit Blick in den (verschneiten) Garten.

Vor dem Fenster liegen grosse Steine. Sie sind schneebedeckt. Der Schreiner hat sie beim Renovieren des alten Bodens hervor geholt. Langsam schmilzt der Schnee und ich kann sie endlich bewegen. Schade, habe ich kein Bild machen können, wie sie da unter den Brettern lagen. Die Bauweise von 1839 erscheint mir fremd.

So ziehe ich mich heute also sehr warm an und freue mich darauf, wie sich mein Atelier in einigen Stunden zeigen wird.

Mittwochsfreude

Zwei Tage vor Umzug stehen alle Zeichen auf Sturm. Ich bin müde, erschöpft und kann nicht mehr schlafen. Ich bin unruhig.

Wir fahren zu IKEA und kaufen Saschas Schreibtisch. Sein jetziger Arbeitstisch kommt in unsere Küche. Mit einem Mal interessiert mich die Küchenausstellung mehr als je zuvor. Schliesslich wollen wir, irgendwann, die über sechzigjährige Küche renovieren.Ich ignoriere sogar tobende Kinder, die ihre Mütter terrorisieren. Das muss die neue Gelassenheit sein.

Von St. Gallen aus düsen wir ins Toggenburg. Sascha will die Türen noch beschriften, damit die Zügelleute sich orientieren können und ich meinen Büroboden sehen. Wir waten durch tiefen Schnee. Mit einem Mal leuchtet mir unser Haus entgegen und ich muss dran denken, was ich an Weihnachten 2013 gehofft habe: im nächsten Jahr ist das Haus belebt.

Belebt war das Haus wohl: da waren wir, die wir sechzig Jahre Familienschrott entsorgten. Mein Vater und seine Frau, die uns immer wieder tatkräftig mit der Gartengestaltung unter die Arme griffen. Röteli und Simeli, die uns immer mal mit einem Besuch auf der Fensterbank erfreut haben. Ich erinnere mich auch noch an den Sektenheini, der zu Omi wollte und den ich zum Teufel gejagt habe. Und dann waren da noch die Schreiner letzte Woche, die den Boden meines Büros ersetzt haben.

Die alte Werkstatt, der versiffteste Raum im ganzen Haus, verschimmelt, vermodert, ist renoviert. Ich kanns gar nicht glauben. Ich bin nahe an den Tränen, weine aber nicht, weil ich dazu zu müde bin und später wieder in den Thurgau fahren muss. Der Raum ist wunderschön geworden. Nichts, schon gar nicht der Geruch, erinnert an die Unordnung, die wir langsam abgetragen haben. Ich weiss genau, wo welches Möbel hinkommen wird. In die Ecke der Arbeitstisch, das Schreibzeug. Dort die Regale für die Schnittmuster und Wörterbücher. Eine Sitzecke für die Katze.

Ich denke, während ich in dem Raum stehe: Das muss Omi sehen. Das glaubt sie mir nie.

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Sommer 2013

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Sommer 2014

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Weihnachten 2014

 

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Neujahr 2015

 

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Februar 2015