Der 93ste.

Heute ist Opi Walters 93ster Geburtstag.
Vor drei Monaten ist sein Grab vom Friedhof verschwunden.
Seit bald drei Jahren wohnen wir hier im Haus seiner Eltern.

Opi Walter ist der Vater meiner Mutter.
Er wuchs im Toggenburg auf, lernte hier seinen Beruf.
Wie alle in diesem Familienstrang arbeitete auch er im Textilsektor.
Das war wohl auch der Grund, warum er in den 70er Jahren seine Arbeit verlor.
Er wurde zum Eigenbrötler. Er war ein Mann, der gerne gearbeitet hat.

Mit knapp 20 Jahren wurde er ins Militär eingezogen.
Das war 1944.
Er blieb Zeit seines Lebens ein Kriegsgegner.
Aber das Militär hat er nicht verdammt.
An seiner Beerdigung 1997 waren seine Freunde anwesend, mit denen er im Krieg seinen Dienst geleistet hatte.

Opi förderte meinen Wissensdrang. Für ihn war es gar kein Thema, dass ein Mädchen Naturwissenschaften NICHT verstehen könnte. Er sagte, mir stehe die Welt offen.

Ich sitze in der Stube, wo er vor über 20 Jahren verstorben ist. Es ist alles anders und doch vieles gleich. Ich vermisse seinen Blick, seine warme Stimme, den Geruch seiner Pfeife. Manchmal schliesse ich die Augen und höre ihm zu, wie er über den Lauf der Welt sinniert, wie er flucht und wie er lacht. Er fehlt.

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Liebes Haus

Liebes Haus

Im Spätsommer befällt mich eine seltsame Melancholie.

Die Felder sind gemäht und abgeerntet. Die Apfelbäume scheinen gebeugt unter ihrer schweren Last. Der Nebel kehrt zurück in den Thurgau.

Wenn ich frühmorgens zur Arbeit fahre, sehe ich den Fuchs oder Rehe am Waldrand. Die Natur bäumt sich in ihrer Fülle nochmals auf, um dann, in ein paar Wochen mit bunten Farben den Herbst einzuläuten.

Ich fahre durch den Thurgau und sehe, wie alles verbaut wird und wie meine geliebten Apfelbaumplantagen der Säge zum Opfer fallen. Ich habe Sehnsucht nach dem Toggenburg, nach Dir, mein liebes, gelbes Haus.

Manchmal kommts mir vor, als müsste ich all die Last der letzten Monate auf mich nehmen, nur damit ich am Ende mit Dir und in Dir sein kann. Die Monate vergehen und ich warte und werde älter.

Ich denke, und das mag überheblich sein, dass ich dich verdient habe. Ich war für meine Grosseltern da und habe Omi immer geholfen. Ich war für meine Mutter da und hab sie bis zur letzten Minute begleitet. Ich lege den Weg zwischen Frauenfeld und Toggenburg zurück und bereue jede Minute, die ich so vergeude. Ich opfere meine rare Freizeit für die Landschaftsgestaltung und das Räumen des Hauses.

Doch in Wirklichkeit ist das alles nichts wert.

Das liegt nicht mal an der Behörde, sondern an unserem gottverdammten Erbrecht. Ich bins leid, zu beweisen, was ich gemacht habe. Ich will endlich meinen Frieden. Ich will endlich in Dir leben, meine freien Abende mit Omi verbringen und nicht hier, im Thurgau darauf warten, dass man irgendwann im Toggenburg ja zum Kauf des Hauses sagt.

Unsere Gesetze sollen ein Schutz für die Menschen sein. Doch in Wirklichkeit sind sie eine Hürde für Menschlichkeit. Diejenigen, die ihre Angehörigen pflegen und betreuen, beissen am Ende ins Gras. Freiwilligenarbeit wird hoch gehalten und am liebsten würde man gerade in der Pflege wohl alle gratis arbeiten lassen. Wer selber pflegt, ist dumm.

In der Schweiz, so schwer es mir fällt das zu sagen, kommt man besser durch, wenn man ein faules, selbstgefälliges, blödes Arschloch ist. Man fährt besser, wenn man seine Angehörigen im Stich lässt und nach deren Tod die hohle Hand macht. Das einzige, was in diesem Land zu zählen scheint, ist Geld und ich hoffe, dass jeder, der solche Gesetze durchwinkt und auch noch stolz darauf ist, beim Scheissen vom Blitz getroffen wird.

Liebes Haus, ich bin nicht wütend, ich bin nur enttäuscht.

Heute abend werde ich den Brief schreiben und ja sagen zu diesem Kaufpreis in der Hoffnung, dass ich wirklich an Weihnachten an meinem Herzensort, in Dir, wohne.

Alles Liebe und einen schönen Herbst

Deine Zora

Karriere machen

Als ich noch ein kleines Mädchen war, wollte ich den gleichen Beruf wie meine Oma ergreifen. Sie war Kioskfrau!
Es gab damals nicht schöneres für mich, als sie bei der Arbeit zu begleiten, Zigarettenpäckli einzuordnen, Stangen, Heftli schön in die Regale zu legen. Alles musste gut aussehen. Ich liebte es über alles!

Paula erzählte mir, dass es nicht ganz einfach war, um 1948 als Frau überhaupt einen Beruf zu ergreifen. Sie durfte nämlich, im Gegensatz zu Bibi und Hadi nicht in eine Berufslehre einsteigen. Ihr Weg war sozusagen vorbestimmt: als jüngste Tochter sollte sie für die alten Eltern sorgen.
Aber Paula gab nicht auf. Sie begann ihre Karriere in einer Strumpffabrik. Sie hat nicht oft darüber gesprochen, was sie da alles tun musste. Nur für etwas hatte sie klare Worte: die Arbeit hat ihr die Augen verdorben. Sie trägt seither eine dicke Brille.

Paula heiratete meinen Grossvater, wurde schwanger und brachte meine Mutter auf die Welt. Sie suchte eine neue Arbeit.

Paula erhielt einen Job bei Oscar Weber. Sie durfte Botengänge erledigen. Oscar Weber war damals ein grosses, tolles Kaufhaus. Sie wurde von einer Kundin um Rat beim Kauf einer Strumpfhose gefragt. Paula, hilfsbereit wie sie war, beriet die Kundin. Als sie die Kundin an der Kasse einer ausgebildeten Verkäuferin übergeben wollte, bemerkte Paula, dass der Chef ihr die ganze Zeit zugesehen hatte. Er forderte Paula auf, an die Kasse zu gehen und die Kundin zu Ende zu bedienen. Daraufhin wurde sie sofort als Verkäuferin angestellt.

Paula arbeitete fürs Leben gerne als Verkäuferin. Sie mochte grosse Warenhäuser, Haushaltsabteilungen, Mercerien und Strumpfabteilungen. Als meine Mutter heiratete, übernahm Paula einen Kiosk, den sie mit Kolleginnen betrieb.

Meine Mutter hatte ebenfalls eine An-Lehre als Verkäuferin gemacht, hatte aber immer wieder als Serviertochter gearbeitet Die Arbeit im Kiosk gefiel ihr. Doch dann, als sie mit mir schwanger war, geschah eine schlimme Sache. Ein Stammkunde, den Paula und meine Mutter als freundlichen, aufgestellten Menschen kannten, warf sich im Bahnhof Sirnach vor den Schnellzug, der von Winterthur nach Wil fuhr. Meine Mutter erzählte mir später, dass auf dem ganzen Bahnsteig Blut und Körperteile lagen. Es muss sie so sehr schockiert haben, dass sie danach nie mehr in einem Bahnhofskiosk arbeitete.

Paula hingegen liebte die Arbeit am Kiosk, den Auflauf von Kunden zu jeder Tageszeit, die Geschäftsmänner, die den „Tagi“ oder die „NZZ“ „mit“ kauften.

Die Kioske, in denen Paula einst ihr Geld verdiente, sind mittlerweile alle verschwunden.

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über die wut

manchmal werde ich wütend.

als angehörige einer demenzkranken frau leiste ich die organisation der pflege in meiner freizeit. immer. auch wenn oma krank ist. ich habe arbeitsrechtlich keine chance auf bezahlte freitage, um die pflege zu organisieren.

natürlich könnte ich jetzt mein pensum senken und 50km von meinem arbeitsort entfernt oma pflegen und pendeln. doch leisten kann ich mir das nicht. bezahlen würde mir diesen lohnausfall niemand. und mit meiner stelle kann ich nicht mit tieferen prozenten arbeiten.

die pflege und begleitung von menschen mit einer demenzerkrankung ist zeitintensiv. bisher schaffen wir es noch telefonisch. doch ich habe angst vor dem moment, wo sie zahlen nicht mehr lesen kann und meine stimme nicht mehr erkennt. ohne die pflege der spitex-frauen wäre dies das wohnen zu hause schon länger nicht mehr möglich gewesen.

ich hab seit monaten mit meinem vorgesetzten klartext gesprochen. ich denke, das ist nicht mehr als fair: die demenz ist an- und ausgesprochen. ich habe rückhalt. vielen anderen geht es jedoch nicht so gut. sie sprechen nicht darüber und arbeiten sich fast zu tode.

mein grossvater wurde in der 80er jahren des letzten jahrhunderts im zuge der textilindustriekrise arbeitslos und hat mehrere jahre seine stiefmutter und seinen vater gepflegt. ich weiss nicht, wie viele männer diesen dienst einfach so getan hätten. deshalb ist er für mich ein grosses vorbild. ich frage mich, wie er das geschafft hat.