20 Jahre

Gestern vor 20 Jahren habe ich als Praktikantin in einer sozialen Institution im Kanton Thurgau angefangen. Es kommt mir nicht so lange vor. Und doch ist so vieles passiert.

1998 hatte ich bereits 2 Jahre in einem Verkaufsgeschäft gearbeitet. Ich liebte diese Tätigkeit, die Beratung von Kunden, das Auffüllen von Regalen, Vitrinen schön einzurichten. Eine Freundin meinte schliesslich zu mir: „Und das willst du jetzt bis zur Pension machen?“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Die Freundin sagte: „Begleite mich mal zu meiner Arbeit und mach dir selber ein Bild.“ Sie war Sozialpädagogin in Ausbildung und so ging ich mit.

Ich hatte bis dahin wenig Kontaktmomente mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Ich kannte zwar einige Leute vom Sehen, doch tiefer gingen diese Begegnungen nicht. Meine Freundin motivierte mich, mich als Praktikantin zu bewerben. „Du wirst schnell sehen, ob es dir gefällt oder nicht. Zurück kannst du immer wieder.“

Und so bewarb ich mich in drei Institutionen. Die ersten zwei Bewerbungsgespräche waren desaströs und ich bin heute noch froh, dass ich in jenen zwei Institutionen nie gearbeitet habe. Das dritte hingegen war schön. Ich durfte eine Wohngruppe für Erwachsene besuchen und fühlte mich sofort wohl. Vier Monate später würde ich meinen Dienst als Praktikantin aufnehmen.

An meinem Arbeitsplatz, einem Lebensmittelgeschäft, sorgte mein Entscheid zu kündigen und „mit Verrückten zu arbeiten“ für einigen Aufruhr. Meine Chefin beschied mir, dass dies eine vollends blöde Idee wäre und ich würde schon sehen, wie es mir dort erginge. Der Chef hingegen verabschiedete mich an meinem letzten Arbeitstag mit einem Blumenstrauss, einem Händedruck und seinem Respekt für meine Entscheidung. Das hat mich sehr gerührt.

Und so startete ich am 1. Februar 1999 in einem mir bis dahin völlig fremden Arbeitsbereich. Ich lernte Menschen zu pflegen, ihnen beim Essen behilflich zu sein, medizinische Hilfe zu leisten, sie in Krisen und Freuden zu begleiten, sie in ihrer Freizeitgestaltung zu unterstützen und vieles mehr.

Ich habe nicht gezählt, wie viele Menschen ich in den 20 Jahren kennenlernen durfte. Es waren nicht wenige. Zu Herzen gingen mir jene Beziehungen, die anfangs nicht leicht waren, wo sich Menschen weiter entwickelten oder ich den letzten Weg begleiten durfte.

Vieles hat sich in meiner Arbeit geändert. Heute, im Gegensatz zu vor 20 Jahren, schreiben wir Berichte und Tageseinträge am PC und nicht mehr von Hand. Doch etwas ist gleich geblieben: Im Zentrum unserer Arbeit steht der Mensch mit seinen Wünschen, Bedürfnissen und Zielen.

Gestern mittag dachte ich schliesslich: Du hast dich vor 20 Jahren richtig entschieden, dass du hier in dieser Institution angefangen hast zu arbeiten.

Als ich vor einigen Jahren mit Omi die Schränke und Bücherregale im Haus durchsah, fiel mir ein Buch meiner Uromi Anna in die Hand. Es war ein Buch über die Pflege von behinderten Kindern. Damals wusste ich noch nicht, dass Anna vor meinem Opa schon ein Kind gehabt hatte, Nelly. Nelly starb noch vor Opas Geburt und keiner weiss heute mehr, wer sie war.

Vielleicht hat Anna das Buch gekauft, weil Nelly mit einer Behinderung auf die Welt gekommen war. Einmal mehr fühlte ich mich meiner Uromi Anna, die 30 Jahre vor meiner Geburt an Brustkrebs verstarb, nahe. Man lebt immer nur das eigene Leben. Aber manchmal fliessen Lebenslinien von früher ins eigene Dasein, damit man sich weiter entwickelt und das zu Ende bringt, was einem anderen vielleicht nicht vergönnt war.

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Der 93ste.

Heute ist Opi Walters 93ster Geburtstag.
Vor drei Monaten ist sein Grab vom Friedhof verschwunden.
Seit bald drei Jahren wohnen wir hier im Haus seiner Eltern.

Opi Walter ist der Vater meiner Mutter.
Er wuchs im Toggenburg auf, lernte hier seinen Beruf.
Wie alle in diesem Familienstrang arbeitete auch er im Textilsektor.
Das war wohl auch der Grund, warum er in den 70er Jahren seine Arbeit verlor.
Er wurde zum Eigenbrötler. Er war ein Mann, der gerne gearbeitet hat.

Mit knapp 20 Jahren wurde er ins Militär eingezogen.
Das war 1944.
Er blieb Zeit seines Lebens ein Kriegsgegner.
Aber das Militär hat er nicht verdammt.
An seiner Beerdigung 1997 waren seine Freunde anwesend, mit denen er im Krieg seinen Dienst geleistet hatte.

Opi förderte meinen Wissensdrang. Für ihn war es gar kein Thema, dass ein Mädchen Naturwissenschaften NICHT verstehen könnte. Er sagte, mir stehe die Welt offen.

Ich sitze in der Stube, wo er vor über 20 Jahren verstorben ist. Es ist alles anders und doch vieles gleich. Ich vermisse seinen Blick, seine warme Stimme, den Geruch seiner Pfeife. Manchmal schliesse ich die Augen und höre ihm zu, wie er über den Lauf der Welt sinniert, wie er flucht und wie er lacht. Er fehlt.

Liebes Haus

Liebes Haus

Im Spätsommer befällt mich eine seltsame Melancholie.

Die Felder sind gemäht und abgeerntet. Die Apfelbäume scheinen gebeugt unter ihrer schweren Last. Der Nebel kehrt zurück in den Thurgau.

Wenn ich frühmorgens zur Arbeit fahre, sehe ich den Fuchs oder Rehe am Waldrand. Die Natur bäumt sich in ihrer Fülle nochmals auf, um dann, in ein paar Wochen mit bunten Farben den Herbst einzuläuten.

Ich fahre durch den Thurgau und sehe, wie alles verbaut wird und wie meine geliebten Apfelbaumplantagen der Säge zum Opfer fallen. Ich habe Sehnsucht nach dem Toggenburg, nach Dir, mein liebes, gelbes Haus.

Manchmal kommts mir vor, als müsste ich all die Last der letzten Monate auf mich nehmen, nur damit ich am Ende mit Dir und in Dir sein kann. Die Monate vergehen und ich warte und werde älter.

Ich denke, und das mag überheblich sein, dass ich dich verdient habe. Ich war für meine Grosseltern da und habe Omi immer geholfen. Ich war für meine Mutter da und hab sie bis zur letzten Minute begleitet. Ich lege den Weg zwischen Frauenfeld und Toggenburg zurück und bereue jede Minute, die ich so vergeude. Ich opfere meine rare Freizeit für die Landschaftsgestaltung und das Räumen des Hauses.

Doch in Wirklichkeit ist das alles nichts wert.

Das liegt nicht mal an der Behörde, sondern an unserem gottverdammten Erbrecht. Ich bins leid, zu beweisen, was ich gemacht habe. Ich will endlich meinen Frieden. Ich will endlich in Dir leben, meine freien Abende mit Omi verbringen und nicht hier, im Thurgau darauf warten, dass man irgendwann im Toggenburg ja zum Kauf des Hauses sagt.

Unsere Gesetze sollen ein Schutz für die Menschen sein. Doch in Wirklichkeit sind sie eine Hürde für Menschlichkeit. Diejenigen, die ihre Angehörigen pflegen und betreuen, beissen am Ende ins Gras. Freiwilligenarbeit wird hoch gehalten und am liebsten würde man gerade in der Pflege wohl alle gratis arbeiten lassen. Wer selber pflegt, ist dumm.

In der Schweiz, so schwer es mir fällt das zu sagen, kommt man besser durch, wenn man ein faules, selbstgefälliges, blödes Arschloch ist. Man fährt besser, wenn man seine Angehörigen im Stich lässt und nach deren Tod die hohle Hand macht. Das einzige, was in diesem Land zu zählen scheint, ist Geld und ich hoffe, dass jeder, der solche Gesetze durchwinkt und auch noch stolz darauf ist, beim Scheissen vom Blitz getroffen wird.

Liebes Haus, ich bin nicht wütend, ich bin nur enttäuscht.

Heute abend werde ich den Brief schreiben und ja sagen zu diesem Kaufpreis in der Hoffnung, dass ich wirklich an Weihnachten an meinem Herzensort, in Dir, wohne.

Alles Liebe und einen schönen Herbst

Deine Zora

Karriere machen

Als ich noch ein kleines Mädchen war, wollte ich den gleichen Beruf wie meine Oma ergreifen. Sie war Kioskfrau!
Es gab damals nicht schöneres für mich, als sie bei der Arbeit zu begleiten, Zigarettenpäckli einzuordnen, Stangen, Heftli schön in die Regale zu legen. Alles musste gut aussehen. Ich liebte es über alles!

Paula erzählte mir, dass es nicht ganz einfach war, um 1948 als Frau überhaupt einen Beruf zu ergreifen. Sie durfte nämlich, im Gegensatz zu Bibi und Hadi nicht in eine Berufslehre einsteigen. Ihr Weg war sozusagen vorbestimmt: als jüngste Tochter sollte sie für die alten Eltern sorgen.
Aber Paula gab nicht auf. Sie begann ihre Karriere in einer Strumpffabrik. Sie hat nicht oft darüber gesprochen, was sie da alles tun musste. Nur für etwas hatte sie klare Worte: die Arbeit hat ihr die Augen verdorben. Sie trägt seither eine dicke Brille.

Paula heiratete meinen Grossvater, wurde schwanger und brachte meine Mutter auf die Welt. Sie suchte eine neue Arbeit.

Paula erhielt einen Job bei Oscar Weber. Sie durfte Botengänge erledigen. Oscar Weber war damals ein grosses, tolles Kaufhaus. Sie wurde von einer Kundin um Rat beim Kauf einer Strumpfhose gefragt. Paula, hilfsbereit wie sie war, beriet die Kundin. Als sie die Kundin an der Kasse einer ausgebildeten Verkäuferin übergeben wollte, bemerkte Paula, dass der Chef ihr die ganze Zeit zugesehen hatte. Er forderte Paula auf, an die Kasse zu gehen und die Kundin zu Ende zu bedienen. Daraufhin wurde sie sofort als Verkäuferin angestellt.

Paula arbeitete fürs Leben gerne als Verkäuferin. Sie mochte grosse Warenhäuser, Haushaltsabteilungen, Mercerien und Strumpfabteilungen. Als meine Mutter heiratete, übernahm Paula einen Kiosk, den sie mit Kolleginnen betrieb.

Meine Mutter hatte ebenfalls eine An-Lehre als Verkäuferin gemacht, hatte aber immer wieder als Serviertochter gearbeitet Die Arbeit im Kiosk gefiel ihr. Doch dann, als sie mit mir schwanger war, geschah eine schlimme Sache. Ein Stammkunde, den Paula und meine Mutter als freundlichen, aufgestellten Menschen kannten, warf sich im Bahnhof Sirnach vor den Schnellzug, der von Winterthur nach Wil fuhr. Meine Mutter erzählte mir später, dass auf dem ganzen Bahnsteig Blut und Körperteile lagen. Es muss sie so sehr schockiert haben, dass sie danach nie mehr in einem Bahnhofskiosk arbeitete.

Paula hingegen liebte die Arbeit am Kiosk, den Auflauf von Kunden zu jeder Tageszeit, die Geschäftsmänner, die den „Tagi“ oder die „NZZ“ „mit“ kauften.

Die Kioske, in denen Paula einst ihr Geld verdiente, sind mittlerweile alle verschwunden.

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über die wut

manchmal werde ich wütend.

als angehörige einer demenzkranken frau leiste ich die organisation der pflege in meiner freizeit. immer. auch wenn oma krank ist. ich habe arbeitsrechtlich keine chance auf bezahlte freitage, um die pflege zu organisieren.

natürlich könnte ich jetzt mein pensum senken und 50km von meinem arbeitsort entfernt oma pflegen und pendeln. doch leisten kann ich mir das nicht. bezahlen würde mir diesen lohnausfall niemand. und mit meiner stelle kann ich nicht mit tieferen prozenten arbeiten.

die pflege und begleitung von menschen mit einer demenzerkrankung ist zeitintensiv. bisher schaffen wir es noch telefonisch. doch ich habe angst vor dem moment, wo sie zahlen nicht mehr lesen kann und meine stimme nicht mehr erkennt. ohne die pflege der spitex-frauen wäre dies das wohnen zu hause schon länger nicht mehr möglich gewesen.

ich hab seit monaten mit meinem vorgesetzten klartext gesprochen. ich denke, das ist nicht mehr als fair: die demenz ist an- und ausgesprochen. ich habe rückhalt. vielen anderen geht es jedoch nicht so gut. sie sprechen nicht darüber und arbeiten sich fast zu tode.

mein grossvater wurde in der 80er jahren des letzten jahrhunderts im zuge der textilindustriekrise arbeitslos und hat mehrere jahre seine stiefmutter und seinen vater gepflegt. ich weiss nicht, wie viele männer diesen dienst einfach so getan hätten. deshalb ist er für mich ein grosses vorbild. ich frage mich, wie er das geschafft hat.