Die Angst meiner Grosseltern

Die Angst vor Krieg ist in meiner Familie verhaftet. Meine Omi Paula und Opa Walter haben den Zweiten Weltkrieg als Teenager erlebt. Der Horror ging ihnen ins Blut über.

Beim Räumen entdeckte ich Plastikgeschirr. Nie ausgepackt. Opa verlangte von Omi, dass sie dieses zu Zeiten des Ersten Golfkriegs kaufte. Ich werfe das Geschirr weg. Es beelendet mich.

Für Opa war dieser Krieg schlimm. Mir scheint heute, als hätten all die Berichterstattungen seine nie verheilten Narben wieder aufgerissen.

Opa wurde als junger, unterernährter Mann eingezogen. Er war Musiker und arbeitete in einer Weberei. Ihm hatte die ganze Welt offen gestanden. Doch nach dem Krieg schaffte er es kaum noch, wieder Fuss zu fassen.

Mein Vater, sein Ex-Schwiegersohn, erzählte mir kürzlich, was für ein guter, vielversprechender Musiker Opa gewesen war. Opa hatte einfach kein Glück.

Dennoch bin ich irgendwie sehr froh, dass er nie berühmt geworden ist. Vielleicht hätte er dann Omi nie kennengelernt. Sie hätten meine Mutter nie bekommen und ich wäre nie geboren worden.

Ich freu mich drauf, im Haus die Portraits meiner Grosseltern aufzuhängen. Sie sind noch immer ein Teil des Hauses.

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Freitagabend

Ich erinnere mich gut an jenen Sommer Ende der 80er Jahre. Meine Schwester und ich spielten oft an der Sonne, bauten uns Hütten und tollten mit dem Hund herum.

An jenem einen Freitagabend aber war alles anders. Opa Walter wollte in den Ausgang gehen. Das bedeutete, dass er lange im Badezimmer stand, sich rasierte, parfümierte und seinen Blaumann gegen einen seiner guten Anzüge austauschte. Er sackte etwas Geld ein, Zigaretten und ging seiner Wege.

Normalerweise warteten Oma Paula und ich, bis Opa wieder da war. Schliesslich musste die Haustür verriegelt werden. Aber als er nachts um elf noch immer nicht da war, beschloss Oma, dass wir alle schlafen gehen.

Ich glaube, es war nachts um zwei Uhr, als ich wach wurde von seinem Geschrei. Mein Opa war immer ein eher leiser Mann. Umso ungewohnter war sein Gefluche in der nächtlichen Stille.

Immer wieder schrie er „Päul! Päul!!! Mach auf!!!“ Paula, das war meine Oma, aber wagte sich nicht nach unten.
„Er spinnt“, sagte sie beschwichtigend zu mir.
„Ja, aber der friert doch“, sagte ich.
„Soll er. Merkt er eh nicht. Der hat eh höch.“
Ich wusste sehr wohl, was das bedeutete. Mein Opa war nicht wie sonst leicht angeheitert, sondern sturzbetrunken.

Sein Gefluche wurde nicht leiser. Er hatte zwar offenbar einen Schlüssel, begriff aber nicht, dass die Türe längst offen war.
Oma öffnete das Dachfenster und rief:
„Halt mal die Schnorre. Die Nachbarn schlafen.“
Meinen Opa hielt das von weiteren Schimpftiraden nicht ab. Er fluchte nicht über meine Oma und natürlich nicht über uns, sondern über den lieben Gott, jeden, der ihn jemals verarscht hatte, seine ehemaligen Arbeitgeber und so weiter und so fort.

Schliesslich wurde seine Stimme leiser und ich dachte schon, Opa wäre jetzt ruhig. Aber das war ein Irrtum. Offenbar war er ums Haus herum gelaufen und hatte sich aus dem Schuppen eine Axt geholt. Und mit der hieb er jetzt in eine der Holzwände am oberen Eingang ein. Das Geräusch war grauenvoll.

Oma fluchte. Meine Schwester weinte und ich war verwirrt. Warum sollte Opa sein geliebtes Haus abbrechen wollen?

Nach einigen Minuten wurde es wirklich ruhig. Meine Oma ging still nach unten und öffnete die Türe. Sie half meinem Opa stumm in sein Schlafzimmer und versteckte die Axt. Dann kam sie wieder nach oben und befand, ich sollte jetzt endlich schlafen.
Mein Opa hatte am nächsten Tag einen fürchterlichen Kater. Er redete wenig. Oma Paula meinte nur, wir sollten unseren Eltern nichts davon erzählen. Das taten wir auch nie. Schliesslich kannten wir ähnliche Szenarien bereits von unserer Mutter. Aber das wusste Oma Paula ja nicht.

was ist

Was ist, wenn ich selber alt sein werde?
Wie allein bin ich dann?
Werde ich alles um mich herum vergessen, in meiner eigenen Welt, meiner eigenen Zeit leben?
Wäre das nicht eine Chance, neu anzufangen?

Wird mir alles weh tun?
Mein Rücken gebeugt, meine Beine krumm?
Werde ich alle meine Zähne verloren haben?
Nichts mehr sehen, nichts mehr hören?
Wäre ich dann nicht darauf angewiesen, dass man mich gleich einem uralten Kinde bedingungslos liebt?

wenn ich keine Worte mehr finde
und nur noch rede ohne Punkt und Komma
ohne klare Worte
wär ich dann nicht froh, dass jemand meine Sprache spricht und mich versteht?

Wenn ich dann meine letzten Stunden
in meinem Bett in fremder Bettwäsche verbringe,
wär es dann nicht schön, wenn jemand meine kalten Hände hält
und mir den Weg hinüber ins Nichts leichter macht?

Der Tanz um die Zähne

In meiner Familie sind Zähne so eine Art Tabuthema.
ich wuchs mit fehlenden Backenzähnen und herrlich schiefen Schneidezähnen auf. Die Besuche in der Schulzahnklinik, ebenso die Begegnung mit tschechischen Zahnärztinnen, hat mich wesentlich und nicht im positiven geprägt. Für meine Eltern war das anfangs der 90er ein Grund, mich zum Kieferorthopäden zu schicken und mir eine Spange zu besorgen. Ich bin ihnen beiden noch heute zutiefst dankbar.

Doch woher kommt dieser Tanz um die schönen Zähne?
Von meines Vaters Seite her kann’s nicht kommen. Da erweisen sich die Vorfahren als zähe Beisser mit festen Zähnen.
Ganz anders sieht auf Mutter’s Seite aus:
Meine Mutter verlor während ihrer Schwangerschaft mit mir praktisch alle Zähne. Da war sie gerade mal 26 Jahre alt. Meine Grossmutter verlor alle Zähne in den Kriegsjahren, als sie an einer Hirnhautentzündung erkrankte. Ich mag gar nicht dran denken, wie sie so durch ihre Jugend kam. Ich bemerke allerdings auch heute noch, wie grosse Sorge sie ihren (künstlichen) Zähnen trägt.

Mein Grossvater Walter war in den Kriegsjahren gerade mal 20 geworden. Seine Begegnung mit einem Zahnarzt war derart traumatisch, dass er für den Rest seines Lebens keinen mehr aufsuchte.

Ein klein wenig scheine auch ich von dieser Angst ab bekommen zu haben. Obwohl ich das Glück habe, offensichtlich die Zähne meiner Vorfahren väterlicherseits vererbt bekommen zu haben, fürchte ich mich furchtbar vor Zahnarztbesuchen.

Ich schlafe schlecht. Ich schwitze. Ich habe Angst.
Heute war es wieder einmal so weit.
Ich bibberte im Wartezimmer meines (sehr fähigen und sehr netten) Zahnarztes. Ich schaue mich nicht gross um, denn der Zahnhocker für die Kinder, die Bestuhlung und die Zeitschriften verstören mich. Twitter hilft da sehr.

Doch dann holt mich die Dentalhygienikerin aus dem Wartezimmer ab, nett wie immer. Sie lenkt mich von meinen trüben Gedanken ab und das zwar etwas einseitige Gespräch (mein Mund ist voller Schläuche) hilft mir, meine Angst abzubauen. Ich schliesse die Augen und denke an einen schönen Herbsttag. Der Wind bläst mir um die Ohren. Ich entspanne mich.
Ich denke an schönere Dinge als die Geräusche. Zum ersten Mal seit Jahren laufen mir keine Tränen mehr übers Gesicht. Endlich Heilung von all diesen vererbten Gefühlen?

Dann ist die Behandlung zu Ende. Ich kann wieder meines Weges gehen und ich besitze noch immer alle meine Zähne. Als ich in mein Auto steige, wünschte ich mir für einen kurzen Moment, dass auch meine Vorfahren einen so netten, fähigen Zahnarzt gehabt hätten.

Uschi verlieren

Die Tage vor Uschis erstem Todestag im Jahre 2008 habe ich mit Paula verbracht. Wir hielten uns an den Händen und weinten. Wir redeten gemeinsam über Uschis Tod. Für Paula war alles sehr präsent und schmerzhaft.

Wie oft hatten wir darüber gesprochen!
Für Paula war der Tod ihrer Mutter Berta tief einschneidend gewesen. Sie hat es sich, solange sie sich daran erinnern konnte, nie vergeben, dass sie in der Stunde des Todes nicht an Bertas Seite war.

Das kann ich von mir nicht behaupten.
Ich bin nicht von Uschis Seite gewichen, obwohl ihr Sterben alle meine Kräfte überstiegen hat. Sie lag in ihrem Bett, atmete schwer und ihr Leben aus, während ich stumm daneben sass. Die Pflegenden versuchten immer wieder mal, mich abzulenken, wohl weil sie aus Erfahrung wussten, dass die Sterbende erst gehen könnte, wenn ich weg war.

Aber ich wusste auch, dass meine Mutter und ich eine Art Pakt hatten. Sie hat es gehasst, wenn ich schwarze Kleider trug.
Manchmal, so denke ich, war das der Grund, warum ich bis zum Ende dabei sein durfte. Vielleicht war meine Aufgabe hierbei, die Angst vor dem Tod zu verlieren.

Das Ende ist nicht schwarz oder dunkel. Es ist traurig. Es ist herzzerreissend, aber nicht schwarz.

Wenn ich an meine tote Mutter zurückdenke, so sehe ich ihr dunkles Gesicht mit den schönen braunen Augen. Sie sah sehr entspannt aus, zufrieden, schlafend wie Dornröschen.

Der Tod hat etwas unheimlich friedliches. Er ist wie ein rückwärtsgewandte Geburt. Nur das Sterben scheint anstrengend.
Ich weiss nur, wenn ich sterbe, wird kein Kind von mir an meiner Seite sein. Davor habe ich Angst.

Meine Mutter, Paula und ich

Natürlich wäre es mir lieber, sie würde noch leben, meine Mutter. Die Frau, die mich geboren hat, lebt aber leider seit bald sechs Jahren nicht mehr.

Ganz bestimmt würde sie Bemerkungen über meinen Freund fallen lassen. Aber keine Angst: meine Mutter wäre die allerbeste und allerliebste aller Schwiegermütter geworden. Niemals hat sie einen meiner Freunde runter gemacht. Im Gegenteil. Sie fand jeden toll, weil er eben meiner war.

Meinen Beruf fand sie immer sehr speziell. Wir haben nie gross darüber geredet. Ich aber konnte ihr stundenlang zuhören, wenn sie über ihre Kunden im Denner gesprochen hat. Sie hat ihre Arbeit als Verkäuferin so sehr geliebt.

Einige Jahre vor ihrem Tod half ich ihr bei ihrer Bewerbung als Rottenköchin. Meine Mutter war die beste Köchin ever. Ihr Voressen war legendär. Leider hat sie den Job nicht gekriegt.

Das bringt mich dazu, darüber nachzudenken, was ich immer werden wollte. Schon als Kind wollte ich Schriftstellerin werden. Einige tolle Lehrer versuchten mir die Sprache abzugewöhnen. Meine Mutter war diesbezüglich immer sehr fordernd. Sie gab sich mit keiner halbwegs perfekten Note zufrieden. Deutsch fand sie wichtig. Also strengte ich mich an.

Zu gerne würde ich wissen, was sie über meine Hauspläne denkt. Würde sie mich unterstützen? Würde sie mich tatkräftig unterstützen?

Wahrscheinlich würde sie das nicht tun.
Sie hat mich auch all die Jahre vor ihrem Tod bei der Betreuung von Paula nicht unterstützt. Ein Beispiel? Meine Oma hatte immer so einen seltsamen Aschenbecher der Swissair. Den habe ich als Kind so sehr geliebt. Ich fand es wunderbar, das silberne Flugzeug aus seiner Verankerung zu holen und mit dem Ding zu spielen. Meine Mutter hat es Oma abgeschwatzt mit dem Vorwand, es behalten zu wollen. Stattdessen hat sie es verkauft. Das fand ich wirklich schlimm.

Nie übernahm meine Mutter einen der Einkaufsdienste. Nie ging sie mit Paula zum Arzt. Stattdessen habe ich das getan, obwohl ich 100% berufstätig war.

Ich mag meiner Mutter keine Vorwürfe machen. Sie ist tot. Aber manchmal denke ich, dass es furchtbar ungerecht ist. Sie sollte jetzt an meiner Stelle stehen. Sie sollte sich um Paula sorgen. Ich würde sie dabei unterstützen. Bestimmt.

lächeln.

ich arbeite dieses jahr über weihnachten durch. zum ersten mal seit langem habe ich keinen der feiertage frei. die kolleginnen mit kindern haben sich frei gewünscht. ich habe keine, da fällt die wahl leicht.

ich war recht erledigt, als ich heute mittag mit sascha ins auto stieg und ins toggenburg fuhr. eigentlich wollte ich mich vor einem besuch drücken, einfach mal ausruhen. ich dachte mir, dass paula ja gar nicht so genau weiss, ob weihnachten ist oder nicht.

die fahrt ins toggenburg zieht sich in die länge. wir fahren hinter sonntagsfahrern her. zwischendurch machen wir einen halt. ich besuche das grab meines kleinen bruders sven und sage ihm, wie sehr er mir an weihnachten fehlt. ich denke, die schulter meines bruders zum anlehnen wäre jetzt gerade praktisch. doch an seiner statt bleibt nur der baum, den mein vater vor 33 jahren angepflanzt hat.

wir fahren weiter, ins altersheim. als wir in den eingang kommen, steht ein kleiner tisch mit dem bild eines alten mannes drauf. paulas flurnachbar ist tot. ich schlucke schwer. wir gehen in den zweiten stock und finden paula in ihrem bett vor.
sie trägt keine brille, ihr nase ist ganz spitz und sie sieht sehr alt aus.

ich spüre es. sie bittet mich platz zu nehmen. hält mich mit ihrer hand fest. tätschelt meine schenkel. redet mit mir. sie sagt, es gehe ihr gar nicht gut. unkraut vergehe nicht. blutentnahme. keine entzündung. immer wieder: unkraut vergeht nicht.

verschiedene bilder tauchen vor meinem auge auf. ich sehe meine mutter vor mir, wie sie hechelt und kaum mehr atmen kann. ich denke: bitte nicht. nicht jetzt.

ich sitze an ihrem bett und möchte weinen. aber das geht natürlich nicht.
ich schlucke die tränen, den dicken kloss, runter. lächle.