Ein Jahr später

Nun steht er also auf Omis Grab.
Zehn Monate nach ihrem Tod scheint alles ein Ende und einen neuen Anfang gefunden zu haben.
Opas Grab ist verschwunden. Der Stein mit dem Herz aus Opas Grabstein leuchtet.

Als wir Omis Grab besuchen, es hat ein wenig geschneit, scheint mir alles wieder gegenwärtig. Vor ziemlich genau einem Jahr beging Omi ihren letzten Weg. Sie schlief langsam ein und ich ahnte, dass ich sie jetzt loslassen muss.

Omis Grabstein symbolisiert die Liebe, die sie mir und anderen Menschen geschenkt hat. Ihr Herz in der Mitte zwischen zwei Steinen.

Ein Jahr danach arbeite ich an einem Referat über Demenz.
Immer in meinem Hinterkopf: Omis Stimme. Ihr liebevoller Blick. Ihre Atemzüge.
Vergessen sind die Schmerzen, die Angst vor ihrem Tod.
Geblieben ist die Verbundenheit zu ihr in all den Jahren der Not und der Angst,
das Mitgefühl und die tiefe Trauer.

Ihr Bild prangt in unserer Stube. Sie blickt zufrieden in die Kamera und in mein Herz.
Ich würde so gerne hingehen und sie umarmen.
Ach Omi, du fehlst.

 

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Durcheinander

Seit einigen Tagen ist mein Vater (wieder) im Spital. Ich mache mir Sorgen um ihn.
Ich bemerke, dass es mich stark mitnimmt, dass er an Schmerzen leidet.
Ich fühle mich ohnmächtig.

Seine Krankheit rührt an die Ängste, die ich wohl aus frühester Kindheit kenne:
ein absolutes Gefühl von Verlassenheit. Die Angst, ihn (auch noch) zu verlieren.
Damals, als ich zwei Jahre alt war, starb mein Bruder und mit ihm verschwand meine Mutter.
Nach seinem Tod war sie nicht mehr derselbe Mensch.
Papi aber war immer für mich da.
Wir gleichen uns.

Mir fehlen seit Tagen die Worte, meine Gefühle auszudrücken.
Ich hab das Gefühl, dass ich nach Omis Tod dünnhäutiger geworden bin.
Es scheint mir so, als ob ich nur mehr langsam trauern und verarbeiten kann.

 

Dieses Photo drückt mein Gefühl passend aus: Von all diesen Personen auf dem Photo leben nur noch Papi und ich. Und irgendwie hab ich den Eindruck, als ob er mich auf dem Bild vor all den Dingen, die unsere Familie noch erwarten, beschützen wollte. Es ist das letzte Bild vor dem Tod meines Bruders.

Ungebetene Gäste

Plötzlich waren sie da.
Ich hatte sie nicht eingeladen. Die ersten beiden Tage nach ihrer Entdeckung konnte ich nicht darüber sprechen. Mit niemandem. Tausend Dinge schwirrten durch meinen Kopf.
Was ist, wenn…?
Was machst du jetzt? Wie soll dein Leben weiter gehen?

Vor zwei Wochen entdeckte ich Knoten in meiner Brust.
Uromi Anna, die 30 Jahre vor meiner Geburt verstarb, litt ebenfalls darunter. Sie wurde 56 Jahre alt.
Darüber nachzudenken, was nun passieren würde, fiel mir schwer. Frauenärztin. Ein Besuch. Die nächste Kontrolle war zwar erst für Februar 2017 geplant, aber dies war wohl eine andere Sache.

In der Phase des Nichtdarübersprechenkönnens musste ich an Omi Paula denken.
„Das kannst du Omi nicht antun!“ schrie eine Stimme in mir.
Ich musste lachen und weinen gleichzeitig. Omi würde nicht mal merken, wenn ich nicht mehr da wäre. Ich schob den Gedanken zur Seite.

Ich dachte an jene Menschen und Dinge, die mir Kraft gaben. Aber bei Omi ging ich nicht vorbei. Denn ich wusste genau, sie würde meine Traurigkeit spüren und es würde sie verwirren. Denn trotz Demenz würde sie noch immer direkt in mein Herz sehen können, so wie sie es immer getan hat, als ich noch ein Kind war und sie meine Oma.

Einige Tage zuvor hatte ich ein Referat übers Trauern gehalten. Dass ich mich nun damit auseinandersetzen musste, dass ich selber vielleicht sehr krank würde, befand ich als Ironie des Schicksals.

Der Termin bei meiner Ärztin verlief gut. Ein Ultraschall. Keine Tumoren. Kein Krebs. Lediglich eine Laune der Natur. Ich war erleichtert. Und dann dachte ich: mit 39 ist es verdammt noch Mal zu früh, um über das eigene Ende nachzudenken.

Strasse ohne Namen

Es gibt Strassen, da fahr ich nicht mehr gleich durch wie noch vor zehn Jahren.
Die Strasse zu Mamis Pflegeheim macht einen Teil meines heutigen Arbeitswegs aus. Ich mag die Abbiegung Richtung Pflegeheim nicht. Es ist manchmal, wie wenn es damals wäre.

Als ich verzweifelt in den frühen Morgenstunden im dichten Nebel von Weinfelden nach Wil gefahren bin. Als ich dachte, der Weg nimmt nie mehr ein Ende und ich danach nicht mehr wusste, wie ich unter all den Tränen im Heim angekommen bin. Als ich nur noch an eines denken konnte: ich komme zu spät. Ich treffe sie nicht mehr lebend an. Es ist alles vorbei.

Verzweiflung nenne ich diese Strasse. Ich bin froh, dass ich nicht nur den Herbst an ihr kenne. Der Frühling gefällt mir besser. Und der Winter auch. Die Strasse zwischen Weinfelden und Wil ist eine Strasse mit sehr vielen Kurven. Der Weg zum Pflegeheim ist ein Umweg. Ich vermeide ihn.

Streng dich an! Lass dich fallen!

Nun ist es also soweit. Meine Sommerferien fangen an.
Es ist ein seltsames Gefühl, drei Wochen nur für mich zu haben.
Ich habe viel vor, aber nichts geplant. Für jemanden wie mich ist das ein Drahtseilakt.

Wir haben aufgeräumt. Natürlich müssen wir weiterhin Kisten auspacken. Der Kühlschrank ist zu klein. Es gibt Wände zu streichen. Im Kalten Zimmer warten Flohmarktgegenstände auf neue Besitzer. Unser renovierter Kellerraum und der Holzflur brauchen ebenfalls einen neuen Anstrich. Im Sommer geht das besser als im Winter.Ich werde noch einen Tiefkühler kaufen.

Ich denke zurück. Letztes Jahr haben wir angefangen, gross zu räumen. Omi wohnt seit bald drei Jahren nicht mehr hier. Sie lebt jetzt im Pflegeheim, zwei Dörfer weiter. Gestern abend las ich in einem Quiz, dass Menschen 2,6 Jahre im Heim „überleben“. Omi ist jetzt 87. Ich bin seit einigen Tagen 38. Es ist noch immer so, dass sie ihr eigenes Leben lebt und ich seltsamerweise jetzt mein eigenes.

Es ist Sommer und ich muss dran denken, dass ich vor dreissig Jahren zum ersten Mal meine Ferien hier verbracht habe. Wir haben als Kinder hier gespielt. Opa lebte noch. Der Zwinger stand noch, zwar verrostet, aber immer noch sehr eindrücklich. Die Bäume waren alle kleiner. Der Garten existierte. Das Gartentor war damals schon vermodert.

Ich wurde älter. Nach meinen Hüft-Operationen 1986 und 1987 hat mich Omi jeweils wieder aufgepäppelt. Ich erinnere mich noch gut. Nicht alle fanden das passend. Das Wort „Strenge“ kenne ich gut. Omi hat mich gepflegt, als wäre ich ein kleiner Vogel, der aus seinem Nest herausgefallen ist. Ein Kind, das mehrere schwere Eingriffe hinter sich hat, grosse Schmerzen verspürt, kann man nicht zum Laufen prügeln. Ich habe mich damals angestrengt und wieder laufen gelernt. Ein saudummer Lehrer hat damals zu mir gesagt: „Streng dich an. Du musst ein Vorbild sein für andere Kinder!“

Ich ärgere mich. Kein Mensch kann ergründen, was ich als Kind im Spital erlebt habe. Kein Mensch kann Schmerzen eines anderen Menschen nachempfinden. Ich konnte kein Vorbild sein, erst recht nicht für Menschen, die nicht empathisch genug sind, mit einem Kind umzugehen.

Omi hat sich nicht dafür interessiert, was andere Menschen von ihrer Art Pädagogik hielten. Dafür bin ich ihr bis heute unendlich dankbar. Der Glauben an sich selbst ist das wichtigste. In einem Punkt sind wir uns sehr gleich: wir hatten eine schwere Sache überlebt. Und: Omi lebt noch immer.

Der Bach rauscht, als wären keine 30 Jahre vergangen. Auf der Terrasse hängen Sonnensegel aus Leintüchern. Zarte Stoffe. Hier werde ich ausruhen. Das habe ich schon vor 30 Jahren hier getan.

Die Angst meiner Grosseltern

Die Angst vor Krieg ist in meiner Familie verhaftet. Meine Omi Paula und Opa Walter haben den Zweiten Weltkrieg als Teenager erlebt. Der Horror ging ihnen ins Blut über.

Beim Räumen entdeckte ich Plastikgeschirr. Nie ausgepackt. Opa verlangte von Omi, dass sie dieses zu Zeiten des Ersten Golfkriegs kaufte. Ich werfe das Geschirr weg. Es beelendet mich.

Für Opa war dieser Krieg schlimm. Mir scheint heute, als hätten all die Berichterstattungen seine nie verheilten Narben wieder aufgerissen.

Opa wurde als junger, unterernährter Mann eingezogen. Er war Musiker und arbeitete in einer Weberei. Ihm hatte die ganze Welt offen gestanden. Doch nach dem Krieg schaffte er es kaum noch, wieder Fuss zu fassen.

Mein Vater, sein Ex-Schwiegersohn, erzählte mir kürzlich, was für ein guter, vielversprechender Musiker Opa gewesen war. Opa hatte einfach kein Glück.

Dennoch bin ich irgendwie sehr froh, dass er nie berühmt geworden ist. Vielleicht hätte er dann Omi nie kennengelernt. Sie hätten meine Mutter nie bekommen und ich wäre nie geboren worden.

Ich freu mich drauf, im Haus die Portraits meiner Grosseltern aufzuhängen. Sie sind noch immer ein Teil des Hauses.

Freitagabend

Ich erinnere mich gut an jenen Sommer Ende der 80er Jahre. Meine Schwester und ich spielten oft an der Sonne, bauten uns Hütten und tollten mit dem Hund herum.

An jenem einen Freitagabend aber war alles anders. Opa Walter wollte in den Ausgang gehen. Das bedeutete, dass er lange im Badezimmer stand, sich rasierte, parfümierte und seinen Blaumann gegen einen seiner guten Anzüge austauschte. Er sackte etwas Geld ein, Zigaretten und ging seiner Wege.

Normalerweise warteten Oma Paula und ich, bis Opa wieder da war. Schliesslich musste die Haustür verriegelt werden. Aber als er nachts um elf noch immer nicht da war, beschloss Oma, dass wir alle schlafen gehen.

Ich glaube, es war nachts um zwei Uhr, als ich wach wurde von seinem Geschrei. Mein Opa war immer ein eher leiser Mann. Umso ungewohnter war sein Gefluche in der nächtlichen Stille.

Immer wieder schrie er „Päul! Päul!!! Mach auf!!!“ Paula, das war meine Oma, aber wagte sich nicht nach unten.
„Er spinnt“, sagte sie beschwichtigend zu mir.
„Ja, aber der friert doch“, sagte ich.
„Soll er. Merkt er eh nicht. Der hat eh höch.“
Ich wusste sehr wohl, was das bedeutete. Mein Opa war nicht wie sonst leicht angeheitert, sondern sturzbetrunken.

Sein Gefluche wurde nicht leiser. Er hatte zwar offenbar einen Schlüssel, begriff aber nicht, dass die Türe längst offen war.
Oma öffnete das Dachfenster und rief:
„Halt mal die Schnorre. Die Nachbarn schlafen.“
Meinen Opa hielt das von weiteren Schimpftiraden nicht ab. Er fluchte nicht über meine Oma und natürlich nicht über uns, sondern über den lieben Gott, jeden, der ihn jemals verarscht hatte, seine ehemaligen Arbeitgeber und so weiter und so fort.

Schliesslich wurde seine Stimme leiser und ich dachte schon, Opa wäre jetzt ruhig. Aber das war ein Irrtum. Offenbar war er ums Haus herum gelaufen und hatte sich aus dem Schuppen eine Axt geholt. Und mit der hieb er jetzt in eine der Holzwände am oberen Eingang ein. Das Geräusch war grauenvoll.

Oma fluchte. Meine Schwester weinte und ich war verwirrt. Warum sollte Opa sein geliebtes Haus abbrechen wollen?

Nach einigen Minuten wurde es wirklich ruhig. Meine Oma ging still nach unten und öffnete die Türe. Sie half meinem Opa stumm in sein Schlafzimmer und versteckte die Axt. Dann kam sie wieder nach oben und befand, ich sollte jetzt endlich schlafen.
Mein Opa hatte am nächsten Tag einen fürchterlichen Kater. Er redete wenig. Oma Paula meinte nur, wir sollten unseren Eltern nichts davon erzählen. Das taten wir auch nie. Schliesslich kannten wir ähnliche Szenarien bereits von unserer Mutter. Aber das wusste Oma Paula ja nicht.