Geschenke

Vor einem Jahr war alles anders, dachte ich vor einigen Tagen.
Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das Leben ohne Omi aussehen würde. Oder könnte.
Zwischendurch überkommt mich die Trauer um Omi wie eine grosse, warme Welle.
Ein Bild. Ein Gedanke. Ein Lied.
Meine Tränen fliessen einfach.

Immer wieder verspüre ich den Wunsch, ihr zu zeigen, was wir mit dem Haus machen, wie wir leben und wie wir das Andenken an sie hoch halten. Es gibt noch soviel zu tun, dass wir eigentlich keine Zeit haben, Trübsal zu blasen.

Und doch: Sie fehlt.
Zwischendurch sehe ich mir Videos von ihr an, die ich im Pflegeheim gemacht habe, weil ich wusste, ich will und muss mich an ihre Stimme erinnern. Auf einem Video hat sie gesungen und Quatsch gemacht. Sie schaut schelmisch in die Kamera und zwinkert mir zu. Wenn ich wirklich traurig bin, schaue ich mir das an und lache und weine.

Omi hat mir zeitlebens so viele Geschenke gemacht. Sie hat mich vor allem, was nicht gut war, beschützt und mir immer gezeigt, dass ich liebenswert bin. Ich habe versucht, am Ende ihres Lebens einfach da zu sein. Es hat mir fast das Herz herausgerissen. Dank Omi habe ich viel gelernt über Langsamkeit, Geduld, Humor und die Liebe.

Vielleicht ist das grösste Geschenk von Omi jenes, dass ich heute über Demenz schreiben und sprechen darf. Dass ich so vielleicht anderen Angehörigen helfen kann, nicht zu verzweifeln, sondern einen Weg zu finden, mit dem Vergessen umzugehen. Dafür bin ich Omi dankbar.

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Von der Last und der Verantwortung, eine pflegende Angehörige zu sein

Seit mein Opa Walter tot ist, kümmere ich mich um Paula. Kümmern bedeutete in früheren Jahren, dass ich ihr jeden Freitag einen Brief schrieb, den sie am Samstag im Briefkasten hatte. Wir telephonierten mindestens einmal die Woche. Wir sahen uns einmal im Monat, gingen ins Kino oder gemeinsam lädelen. wir besuchten uns regelmässig, soweit dies bei meinen Dienstzeiten möglich war. Dann und wann unternahmen wir gemeinsam Zugreisen, fuhren nach Zürich, Luzern, Berlin oder nach Ulm an den Weihnachtsmarkt.

Als ich 2000 die Autoprüfung machte und ein Auto besass, konnte ich sie häufiger besuchen. 2002 nahmen Paulas gesundheitliche Probleme zu. Sie litt unter Rheuma, was aufgrund der fehlenden Heizung in ihrem Haus auch kein Wunder war. Paula schaffte aber den Haushalt und den Garten noch immer selber. In jener Zeit schaute ich alle ein bis zwei Wochen bei ihr vorbei, brachte ihr Lebensmittel oder Briketts für den Ofen.

Als 2007 meine Mutter schwer krank wurde und schliesslich verstarb, verbrachten Paula und ich sehr viel Zeit im Spital und im Pflegeheim. Paula war damals 79. Sie war sehr betroffen vom Tod meiner Mutter und gleichzeitig beruhigt zu wissen, dass sie friedlich gestorben war.

Bald danach begann Paula langsam abzubauen. Mir schien, als würde sie nun altern, war sie doch vorher eine vitale Frau gewesen. Von 2008 an war Paula vermehrt auf die Spitex und den Mahlzeitendienst angewiesen. Aufgrund der Demenz hatte sie Mühe, ihre Medis rechtzeitig zu nehmen oder Termine einzuhalten.

Gemeinsam mit Sascha habe ich schliesslich die letzten Jahre für sie gesorgt. Ich ging an meinen freien Tagen bei ihr vorbei, half ihr, wo sie Hilfe benötigte und thematisierte immer wieder einen Heimeintritt. Paula schob dies immer wieder weit von sich. Es war einfach noch nicht so weit. Dass mir Bekannte und Familienangehörige rieten, ich sollte sie „halt entmündigen lassen“, widersprach meiner Haltung. Ich empfand es als stossend, einem alten Menschen jegliches Urteilsvermögen und Entscheidungsgewalt einfach so abzusprechen. Ich wusste und sagte Paula immer wieder, dass sie schlussendlich selber wissen muss, was sie will. Im Sommer 2012 wusste sie, dass sie keinen Winter mehr in ihrem Haus verbringen wollte. Sie bat mich darum, mit ihr zusammen ein Pflegeheim zu suchen.

Nun ist es leider so, dass pflegende Angehörige meistens recht alleine da stehen. In meinem Fall war das nicht gewollt: meine Mutter war tot, meine Schwester wohnte weit fort. Ich hatte die Sache alleine auf meinen Schultern liegen.

Von Freunden und Bekannten weiss ich, dass solange ein Demenzkranker lebt, das soziale Umfeld sich schön zurück hält. Wenn’s dann aber ums Auflösen einer Wohnung oder gar eine Erbschaft geht, sind besonders jene, die sich nie um den Angehörigen gekümmert haben, die ersten, die die hohle Hand aufhalten.

Es gibt auch nichts Ärgerlicheres, als Angehörige, die in schwierigen Situationen Ratschläge erteilen, anstatt aktiv mitzuarbeiten. Einen Einkauf übernehmen, die Begleitung bei einer ärztlichen Untersuchung oder einfach mal einen Nachmittag bei Kaffee und Kuchen verbringen, entlastet die pflegenden Familienangehörigen sehr.