die guten seelen teil 2

ich wohne ja nicht mit meiner oma zusammen, sondern ca. 50km von ihr entfernt. allerdings lebt sie in den voralpen. der weg ist dementsprechend harzig.

direkt betreut wird sie aktuell von den frauen der spitex. die kommen nun schon einige jahre zu ihr. anfangs putzten sie bei ihr, da paula starkes rheuma hatte und sich kaum noch bewegen konnte. als sich paulas demenz immer mehr abzeichnete, kamen schliesslich tägliche gänge für die medis, begleitung zum arzt usw. dazu.

als enkelin hatte ich lange keinen direkten kontakt zur spitex. erst seit sich paulas zustand verändert, sprechen wir mehr miteinander. gestern telephonierte ich mit frau f., der leiterin, um paulas übertritt gut zu gestalten.

nun ist es so, dass ich selber seit über 13 jahren in der langzeitpflege arbeite. trotzdem fällt mir der jetzige schritt sehr schwer. mir scheint, als wäre mein ganzes wissen und meine erfahrung nichts mehr wert im anbetracht der tatsache, dass paula meine oma ist und ich jetzt für sie schaue. ich bin in dieser sache kein profi. zwar beschäftige ich mich nun wieder mit naomi feils „validation“, aber meine emotionen wiegen über allem.

frau f. jedenfalls unterstützt mich und wir sprechen darüber, dass es jetzt wirklich zeit ist, dass paula in ein heim geht, weil sie mit sich und ihrem leben überfordert ist. wir sprechen kurz darüber, dass ich nicht mehr kann und was ich als nächstes noch tun muss. einen teil der aufgaben nimmt sie mir ab. das erleichtert mich und schont mein zeitbudget.

als wir uns schliesslich verabschieden, wünscht sie mir und paula alles gute auf unserem weiteren lebensweg. und ich sage ihr danke für ihre tolle arbeit.

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die liebe verwandtschaft

es ist schon seltsam. wenn ein familienmitglied dement wird, spaltet sich die liebe verwandtschaft auf: die sonst immer so netten haben plötzlich immer was sehr dringendes zu tun, wenns ums ablösen oder einen besuch geht. die überkritischen fordern sofortige entmündigung und am liebsten einweisung die geschlossene psychiatrie, zuvor jedoch noch die verteilung der güter. und dann sind da noch die ewigen ignorierer, die selbst wenn oma nicht mal mehr selber aufs klo gehen kann, dran glauben, dass „das alles schon wieder wird“. übrig bleiben dann nur noch die sozialkompetenten, die ewig netten. an denen bleibt dann der ganze papierkrieg, das räumen der (vermüllten) wohnung, der umzug ins altersheim, hängen.

ich habe insofern glück, dass ich einen partner habe, der mich unterstützt und mich aushält, wenn ich mal wieder am ende meiner kräfte bin, weil ich alle meine freien tage bei paula verbringe. nicht zur ruhe komme.

ich habe glück, dass ich meinen vater und seine frau habe, die mir helfen wollen, wenns hart auf hart kommt.

vor allem aber habe ich glück, dass ich freunde habe, die sich bei all meinem gelaber über paula nicht von mir abgewendet haben. dafür bin ich sehr dankbar. dieses glück hat nicht jeder und ich bin mir dessen bewusst.

schön wäre, wenn die leser dieses blogs wahrnehmen, wenn in ihrem näheren umfeld not am mann oder an der frau ist. meistens ist zuhören die halbe miete.

 

paula packt

paulas entschluss steht fest. sie geht ins altersheim. wirklich entspannend ist das nicht, denn paula hat es sich in den kopf gesetzt, ihr haus aufzuräumen.

es ist ja nicht so, dass paula ein messie ist. im gegenteil. sie ist ein sehr ordentlicher mensch. sie behandelt ihren besitz sehr sorgfältig. ihre kaffeemaschine hat sie in plastik verpackt, damit ihr ja nichts passiert. ebenso andere küchengeräte. paula kann gegenstände wie plastiksäcke oder kartonschachteln nicht wegwerfen. im vorratsraum stehen deshalb schachtelnweise schön gefaltete plastiksäcke herum.

da paula in ihrem eigenen haus lebt, braucht sie es jetzt auch noch nicht zu räumen. ihr das jedoch näher zu bringen, ist schwierig. manchmal ruft sie weinend an, weil sie müde ist vom schränke aufräumen und ihren besitz ordnen. nun könnte man einwerfen, warum ich, die liebe enkelin, sie da nicht unterstützt.

das ist leider sehr schwierig. mit paula etwas aufzuräumen, ist ein ding der unmöglichkeit. wenn ich sie frage: „soll ich das wegtun?“ antwortet sie mit „nein, das kann ich noch brauchen.“ eine diskussion übers horten von alten plastiksäcken macht nur dann sinn, wenn ich streit mit ihr will. und das will ich natürlich nicht.

vorsorglich kleider fürs altersheim packen ist ebenfalls eine sisyphosarbeit. schön gepackte schachteln sind einige tage später wieder ausgepackt, der inhalt im ganzen haus verteilt. alles fein säuberlich aufgeräumt. es ist zum schreien.