Vor-Weihnachts-Gedöns

Ich tue mich innerlich schwer mit Weihnachten.

Da die Familie nicht mehr so gross ist, feiere ich keine grossen Feste. Ich schlage mir nicht den Bauch voll und ich betrinke mich auch nicht. Es gibt auch keine Familienzwiste an Weihnachten. Das ist der Vorteil an einer Familie wie meiner, die vom Aussterben bedroht ist.

Aber es schmerzt mich auch, dass ich nicht mehr so wie früher mit Omi feiern kann. Sie ist so rasch müde. Sie isst nicht mehr viel. Gesprächen kann sie oft nicht mehr folgen. Sie spricht nurmehr bruchstückhafte Sätze. Dennoch ist sie präsent mit ihrem Lächeln und ihren schalkhaften Augen. Manchmal frage ich mich wie sie als Kind war.

Früher war Weihnachten anders. Omi und ich trafen uns zum Einkaufen in Wil, diskutierten in Cafés und schenkten uns Kleinigkeiten. Wir telephonierten, um am Weihnachtsfeiertag miteinander essen zu gehen.

Ich fiel mir lange Zeit schwer, diesen Verlust von Gewohnheiten zu verdauen und neu zu beleben. Ein Anfang war, dass ich vor einigen Jahren damit begann, am dörflichen Adventsfenster mitzumachen. Ich mag es, von Menschen Besuch zu bekommen. Ich dekoriere das Haus. Ich werde dieses Jahr Omis und Uromis Christbaumkugeln hervorholen und Räume weihnächtlich einrichten.

Wir gehen jedes Jahr zu Omi ins Pflegeheim ans Weihnachtsessen. Jetzt, wo wir so nahe wohnen, können wir es noch mehr geniessen. Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr, dass ich Omi nicht nach Hause nehmen kann.

Und dann denke ich daran, was einmal sein wird, wenn Omi nicht mehr da ist und wie sich mein Leben danach verändert.

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Geschenktes Leben

Als kleines Mädchen hatte ich oft das Gefühl, ich lebte ein geschenktes Leben. Der Tod meines Bruders hing wie eine graue Wolke über mir. Ich lebte. Er nicht.

Ich hatte dankbar zu sein, dass ich da war. Trotz meiner deformierten Hüften. Meiner schlechten Augen. Ich weiss nicht, aber das Überleben der frühen Kindheit setzte unvermutete Kräfte frei. Ich hatte nach den drei Hüftoperationen mit neun, zehn Jahren schreckliche Schmerzen. Ich hatte insgesamt vier Mal gelernt, wieder zu laufen. Jeder Schritt war eine Qual. Das Körpergefühl will neu entdeckt werden.

Oft dachte ich: Du lebst. Das ist ein Geschenk.

„Du musst ein Vorbild sein!“ sagte ein Lehrer in der Primarschule zu mir. Ich frage mich heute noch, woher Menschen die Unverschämtheit nehmen, einem Kind zu sagen, was es zu sein hat.

Heute bin ich 38 Jahre alt.
Der Gedanke, überlebt zu haben, lodert noch immer in mir.
Ich fühle mich oft sehr alt.
Unerfahren.
Ich streiche über die wulstigen Narben an meinen Beinen.
Narben sind erkaltete Lebensadern.
Vulkanstreifen.