Senfgelber Abschied auf Raten

Der erste bewusste Abschied in meinem Leben war wohl jener von meinem Bruder Sven. Ich erinnere mich an Szenen auf dem Friedhof und meine trauernden Eltern, Omi Paula, die mich weinend umarmt und tröstet. Ich verstand nichts. Ich war erst zwei. Der erste Abschied in meinem Leben war keiner, denn ich hatte Sven nie gesehen, nie in Händen gehalten und nicht begriffen, dass es ihn überhaupt gegeben hatte.

Ich hasse Abschiede. Ich mag mich nicht von Menschen trennen und wenn ich es tue, dann schnell mit einem glatten Schnitt.

Als mein Opa Walter starb, war ich nicht dabei. Die letzten Tage seines Lebens waren nur Omi Paula und eine Schwester der Spitex an seiner Seite. „Ich will nicht, dass du mich so siehst“, sagte er mir leise am Telephon. „So“ bedeutete sterbend. Senfgelb. Abgemagert. Dem Tode sehr nahe.
Ich habe Opa seit Weihnachten 1996 nicht mehr gesehen. Als er anfangs 1997 starb, war er meinen Augen fern, nicht aber meinem Herzen.

Den Abschied von meiner Mutter hätte ich beinahe verpasst.
Sie ist mir nämlich nach einem Streit gezielt aus dem Weg gegangen. Fast ein Jahr haben wir uns nicht gesehen, immer nur telephoniert. Immer gab es einen Grund, warum sie ein Treffen absagte oder gerade nicht zuhause war, wenn ich sie hätte besuchen können. Als ich sie auf der medizinischen Abteilung des Spitals besuchte, wo sie notfallmässig eingeliefert worden war, begriff ich auch warum. Sie war todkrank. Ihr Körper war senfgelb, ihr Bauch riesig, ihr ganzer Körper abgemagert.

Senfgelb ist für mich die Farbe des Todes. Ich hasse Senf und ich verabscheue den Geruch von frischer Leber.

Omi Paula und ich hatten immer gerne telephoniert. Wir hatten stundenlang Gesprächsstoff. Der Abschied fiel uns beiden jedes Mal schwer. Schliesslich kam ich auf die Idee, dass wir einen festen Ablauf für den Abschluss eines Gesprächs einführen sollten. Ich war damals acht Jahre alt, Omi 57.
„Wenn wir fertig sind, dann sagen wir einfach 1… 2… 3… Tschüüüüschüüüss und schicken Küsse durch das Telephon“, schlug ich ihr vor. Und so machten wir das. Fast 30 Jahre lang.

Irgendwann vergass Omi meinen Namen, dann meine Nummer und wie das Telephon funktioniert. Ich hasse diesen Abschied, der keiner ist.

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Der Bahnhofstraum

Ich schlief seit gestern abend acht Uhr bis heute halb sechs einfach durch. Ich war erschöpft von der Woche, die sehr turbulent gewesen war.

Ich träumte wild.
Mit einem Mal trug ich wieder ein schwarzes Kleid und eine weisse Schürze, wie damals in der Lehre. Ich servierte in einem Café in einem grossen Bahnhof. Viele Leute kamen vorbei. Ich sah Freunde, die längst nicht mehr leben und die ich schmerzlich vermisse. Ich erkannte Freunde, mit denen ich keinen Kontakt habe und die mir furchtbar fehlen.

Dann trat Paula in mein Café ein. Sie trug ihren dunklen Mantel, ein hübsches Kleid und hatte die Haare elegant frisiert. In ihren Händen hielt sie einen Koffer und eine Reisetasche. Sie setzte sich und bestellte freundlich wie immer einen Milchkaffee. Ich war erstaunt und machte mir Sorgen, dass sie sich verlaufen haben könnte. Doch sie winkte ab. Sie sagte meinen Namen und erklärte mir, dass sie hier auf Tante Hadj wartet.

Ich schüttelte den Kopf, sagte ihr, dass Tante Hadj seit über einem Jahr nicht mehr lebt. Paula lächelte mich milde an.
„Tumms Züüg“, sagte sie.
Ich brachte Paula den Milchkaffee und ein Erdbeertörtchen, weil sie diese so gerne mag. Dann ging die Türe auf und meine Grosstante Hadj, Paulas Schwester trat ein.

Sie trug wie früher ihre Cat Eyes Brille, das dunkelblonde Haar offen und ohne ein graues Haar. Sie trug eine kleine Handtasche bei sich. Auch sie begrüsste mich freundlich, so als wenn nichts geschehen wäre. Sie setzte sich zu Paula und die beiden vertieften sich in ein angeregtes Gespräch.

Sie bestellten Früchtewähe und Käsetoast, denn das hatten sie auch immer im Café Abderhalden gegessen. Ich brachte es ihnen.
Nach einer Weile blickte Tante Hadj auf ihre goldene Damenuhr.
„Wir müssen, Paula“, sagte sie.
Paula nickte und dann stritten sich die beiden, wer jetzt Essen und Kaffee bezahlen dürfte. Das haben sie nämlich immer getan. Ich schaute ihnen zu und sagte:
„Das geht aufs Haus.“

Die beiden blickten mich überrascht an.
„Du bist mir aber eine“, sagte Paula.
Zum Abschied umarmten mich beide und bedeckten mich mit ihren feuchten Grossmütterküssen. Dann verliessen Paula und Hadj gemeinsam mein Café.

Vom langsamen Verschwinden

Vor sechs Jahren um diese Zeit war meine Mutter bereits im Pflegeheim. Sie war 56 Jahre alt und wartete auf ihren Tod.

Meine Mutter hatte die letzten 13 Jahre ihres Lebens in einer Einzimmerwohnung in der Stadt gelebt. Diese Wohnung war ihr ganzer Stolz. Sie nannte sie ihr „Wöhnigli“. Sie wohnte in einem alten Haus unter dem Dach.

Ihr grosses Bett stand in der Stube, daneben eine ausgeleierte Couch, ein scheusslicher Couchtisch mit einem Tischtuch drauf, welches voll von Brandflecken war. Sie besass ein kleines Bücherregal, sehr viel Nippes und einen grossen Fernseher.

Die Küche war in einem Nebenraum, klein aber fein, dahinter das Bad mit Klo.

Sehr oft sass ich bei ihr in der Wohnung, umgeben von Zigarettenrauch und Verzweiflung. Meine Mutter sinnierte beim Rauchen über ihre Liebhaber, mich, meine Schwester, meinen Bruder und die Vergangenheit. Die Scheidung von meinem Vater war nicht spurlos an ihr vorüber gegangen. Nichts desto trotz liebte meine Mutter das Leben.

Umso schlimmer war es für mich, als ich die Wohnung betrat im Wissen, dass sie nie mehr dorthin zurückkehren würde. Mit ihrer Leberzirrhose, dem Wasserbauch und den Atemproblemen konnte sie keine Treppen mehr steigen.

Es gibt nichts Traurigeres als die verlassene Wohnung eines Menschen, den man liebt. Sie riecht nach kaltem Rauch und verletzten Gefühlen.

Da meine Mutter längere Zeit arbeitslos war und kein Geld mehr hatte, war sie abhängig vom Sozialamt. Die Dame des Amtes machte Druck, damit ich so schnell als möglich die Wohnung räumte. Niemand könne vom Staat verlangen, und der Staat war in dem Fall wohl die Dame vom Amt, dass man Pflegeheim und die Wohnung zahle. Natürlich nicht. Für die Dame vom Amt war meine Mutter nichts anderes als eine Zahl und in Gedanken wahrscheinlich ein Stück Scheisse. Jedenfalls vermittelte sie mir dieses Gefühl.

Das Räumen war leichter gesagt als getan. Ich arbeitete 100% in der Betreuung. Daneben pflegte ich Paula und sorgte mich um meine Mutter. Das Räumen der Wohnung war ein Kraftakt. Mein Chef gab mir drei Tage frei, damit ich das bei guter Gesundheit schaffe. Dafür bin ich ihm ewig dankbar. Ich habe den Kraftakt nur mit Tränen geschafft. Mein Vater und seine Frau halfen mir dabei. Einige Tage nach der Räumung starb meine Mutter und ich blieb zurück mit einem Gefühl des Versagens. Viel lieber wäre ich so lange wie möglich noch an ihrer Seite gewesen, hätte gerne noch mit ihr geredet. Doch stattdessen schleppte ich Kartons und wusch das Nikotin von den Wänden.

Das letzte Telephonat mit ihr, am 15. Oktober 2007, zwei Tage vor ihrem Tod, bleibt mir in Erinnerung. Ich fuhr durch den dichten Thurgauer Herbstnebel, den Knopf im Ohr und redete mit ihr. Sie erzählte vom Besuch ihrer besten Freundin, einem Plüschtier, das sie erhalten hatte und meinte schlussendlich: „Zora, ich wollte dir einfach danke sagen, für alles, was du für mich getan hast. Ich habe dich sehr, sehr gern.“

Als sie zwei Tage später, nach einem 36stündigen Ringen mit dem Tod starb, schien die Sonne.