Endspurt Teil 2

Heute haben wir die Zimmerpflanzen gezügelt. Das macht unsere Thurgauer Wohnung mit einem Mal leer und die Katze hat freie Sicht auf die Strasse.

Wir bringen eine weitere Fuhre in die Recyclinganlage: letzte Kartons, die ich im Estrich gefunden habe, Altmetall, alte Leuchtröhren, Petflaschen, den hässlichen roten Küchenteppich. Die Sammlung hässlicher Kleiderbügel. Jetzt ist der Keller leer bis auf all jene Bretter, für die wir einen Anhänger brauchen. Aber hey! Leer!! Fast zwei Jahre Arbeit fertig. Ufff!

Ein seltsames Gefühl. Da ich die nächsten Tage bis zum Umzug voll arbeite, werde ich das Haus erst wieder am Zügeltag sehen.

Im Toggenburg liegt wieder Schnee. Ich bin gespannt, wie das Wetter am 6.2. sein wird. In unserer Thurgauer Wohnung leeren sich langsam die Regale. Eine Autoladung voller Bücher, Geschirr und DVDs haben wir heute ins Brockenhaus gebracht. Die netten Leute der Heilsarmee klären mich auf, dass sie nur neue, hochwertige Bücher, alle Kochbücher und keine Videos annehmen. Das war ja wohl klar!

So leert sich auch langsam der Vorraum des Hauses. Zügeln befreit. Ich fühle mich leichter. Aber es ist noch lange kein Ende in Sicht. Am Nachmittag lege ich mich kurz hin und falle für zwei Stunden in einen tiefen, traumstarken Schlaf.

Abnützungserscheinungen oder Umziehen ist wie Sterben

In zwei Wochen ist es soweit. Wir ziehen aus. Weg aus dem Thurgau. Ich hasse Umziehen. Ich hasse Schachteln. Kisten. Taschen. Leere Räume.

Und langsam verschwindet meine Energie. Die Erkältung ist wieder da. Termine. Meine Bücher sind alle längst im Toggenburg, weit weg von mir. Ich bin einsam ohne sie. Bücher sind stille Freunde. Die besten.
Ich packe. Räume auf. Schmeisse weg.

Ich tue mich schwer mit Gehen. Da ist der Magnolienbaum im Nachbardorf, den ich so sehr liebe. Den werd ich so schnell nicht mehr sehen. Die Nachbarskatzen. Die alten Menschen im Dorf. Die unberührte Natur.

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Mir wird die Frauenfelder Mundart fehlen. Das stinkige Städtchen im Herbst. Der Geruch der Rüben. Das Hochwasser der Thur. Der blaue Himmel über dem See. Das Naturmuseum.

Ich werde mein Auto ummelden müssen. Die goldenen Löwen auf silbrig-grünen Grund machen dem Rutenbündel mit Beil auf grünen Grund Platz.

Ich weiss noch nicht mal, was ich nachher sein werde: bin ich eine Thurgauerin im Toggenburg? Oder eine Thurgo-Toggenburgerin? Und wenn ich jemals eine Tracht nähe, wird es die Thurgauer oder die Toggenburger Tracht sein?

Und wenn ich dann irgendwann sterbe, dann liege ich auf demselben Friedhof wie meine Urgrosseltern, mein Opa, meine Grosstante und meine Mutter. Nur mein Bruder, der liegt nicht da. Aber wahrscheinlich spielt das keine grosse Rolle. Omi hat mal gesagt: „Wir kommen alle zum selben Herrgott.“ Ich antwortete: „Ich glaube nicht an Gott.“ Omi schaute mich an, lächelte, kniff mich in die Wange und sagte: „Das isch ihm schissägliich.“

Elephants can remember

Nach einem anspruchsvollen Wochenenddienst am freien Tag ins Toggenburg zu fahren, kostete mich heute morgen früh etwas Überwindung.
Der Gedanke, dass wir Schlafzimmer und Saschas Büro fertig streichen, hat mich dann aber motiviert, aufzustehen. Das Wetter im Toggenburg war grandios. Blauer Himmel. Zarte Schneedecke vor dem Haus. Kein Thurgauischer Nebel. Kein Geruch von Rüben.

Der zweite Anstrich geht irgendwie leichter.
Das seltsame Minttürkis ist verschwunden. Weiss macht das alte Schlafzimmer zu einem neuen Raum, der sehr viel grösser scheint. Zum ersten Mal seit über dreissig Jahren ist er leer. Omas Kruzifix hat einen Abdruck an der Wand hinterlassen. Eine Art Schatten. Jetzt hängt das wunderschöne, traurige Kreuz im Pflegeheim über ihrem Bett.

Ich entrümple den hintersten Vorratsraum. Schachteln, zwei Strickmaschinen, weiteres uraltes, metallenes Zubehör kommt zum Vorschein. Dann zwei Liegestühle, einer davon aus den 50er oder 60ern. Ich bin begeistert. Ich kann mich nicht erinnern, jemals darin gesessen haben.

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Ich trage alles hinunter in den hintersten Keller, wo ich die Sommermöbel deponiert habe. Ich schleppe Teile des zerkleinerten Schranks nach unten. Eine Matratze. Weiteren Müll, den ich finde. Und dann ist der Vorraum vor unserem Schlafzimmer einfach leer.

Ich schiebe die Seitentüre des einen Estrichabteils zur Seite und erblicke den Elefanten aus Plüsch, auf dem ich als Kind so oft gesessen bin. Mit einem Mal fallen mir all die Fotos von mir ein, die sie von mir gemacht haben. Ich sehe zufrieden darauf aus. Ich muss knapp zweijährig gewesen sein. Meine Mutter lacht auf den Fotos und ist erkennbar schwanger. Mein Bruder. Keiner ahnt, dass Mutters Lächeln danach verschwinden wird.

Omi hat den Elefanten in eine Plastikfolie gehüllt, zugedeckt mit einer uralten, schön bestickten Decke, die voll grauem Staub ist. Omi hat nichts weggeschmissen. Nicht einmal meine Kindersachen. Dass ich jetzt hier so stehe und das sehe, berührt mich. Das Haus als Hort meiner unversehrten Kindheit? Omi nahm dies sehr ernst.

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Ich gehe zurück ins Schlafzimmer und putze die verschmutzten Fensterscheiben. Die Luft ist kühl und ich atme tief durch. Vor mir liegt die Krinau. Der Wald ist zugeschneit. Die Sonne scheint auf unser Haus.

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Eine Kindheit in Mint und Türkis

Das Schlafzimmer ist der oberste Raum im Haus. Es gibt nur noch den Estrich, aber in den muss man kriechen und klettern.
Das Schlafzimmer war türkisfarben. Seit heute ist es weiss gestrichen.

Ich brauchte Mut. Ich kenne diesen Raum aus Kindertagen. Hier haben wir Kinder und Omi geschlafen. Hier erzählten wir uns Geschichten. Ich fand es immer wieder interessant, die Wände anzuschauen. Türkis. Mint. Das Kruzifix über dem Bett. Draussen rauschte der Bach.

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Für einen Moment lang habe ich gezögert. Die Wand wirklich weiss streichen? Die Farben meiner Kindheit übertünchen?

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Ich tue es.
Ich zerre Heftpflaster von den Balken ab, die meine Oma angebracht hat. wollte sie damit das Haus, ihre Welt, vor dem Zerreissen schützen? Das Holz ist ungleich bemalt. Türkis. Mint. Ritzen. Risse.

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Ich nehme das Barri-Poster ab. Omi hat es vor einigen Jahren aufgehängt. Darunter versteckt sind Kleber, die wohl meine Schwester und ich vor bald dreissig Jahren angebracht haben. Sie sind ganz hart, fast brüchig.

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Das Streichen der Wände geht ganz leicht. Die Decke ist abgeschrägt. Ich streiche mit Inbrunst.

Mir geht durch den Kopf, dass dieser Raum nie mehr der gleiche sein wird wie in meiner Kindheit. Ich frage mich, wer hier schon alles geschlafen hat. Paula. Mein Opa wohl kaum. Meine Urgrosseltern? Die Vorbesitzerin des Hauses? Omi hat seit vielen Jahren nicht mehr hier oben geschlafen, weil der Raum unbeheizt ist.

Mit weissen Wänden wirkt das Zimmer gleich grösser. In wenigen Wochen werden wir hier die Nächte verbringen. Ich freue mich.

 

 

 

 

Neue Nachbarschaft

Die Ruhelosigkeit ist im Moment meine beste Freundin. Zwar kann ich seit kurzem wieder durchschlafen, doch tagsüber wünschte ich mir, der Tag hätte mehr (helle) Stunden.

Unser heutiger Plan war klar: zwei Mal das Auto mit Sperrmüll füllen und ab in die Recyclinganlage. Insgesamt 200kg Holz und Platten haben wir heute entsorgt. Der Keller scheint langsam wieder begehbar.

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Wir entrümpeln weiter. Langsam lichtet sich der Berg von unbrauchbaren Sachen. Ich verstaue meine Kochbücher. Fülle ein Gurkenglas mit Schlüsseln, die ich im ganzen Haus gefunden habe. (Der Schlüssel für die Toilette ist jetzt übrigens auch wieder da, liebe Gäste)

Für einmal ist das Haus nicht kalt, sondern fast schon gemütlich warm. Sascha feuert den Ofen an. Wenn wir dann mal endlich richtig hier wohnen, wird er uns wärmen.

Omas Ehebett lässt sich tatsächlich in zwei Autoladungen entsorgen. Es ist ein seltsames Gefühl, wie das Möbel zerkleinert auf der Müllhalde landet. Aber traurig bin ich nicht. Unser Schlafzimmer muss noch frisch gestrichen werden. Das geht besser, wenn es leer ist. Ich stecke Omis Daunenduvets und die Kissen ebenfalls in einen Sack für die Kleidersammlung. Es muss weg. Ich weiss nicht warum.

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Draussen befreie ich den Abfluss vor dem Haus von Blättern. Ich höre ein dumpfes Quaken. Zuerst halte ich es für den Ruf einer Kröte. Dann bemerke ich: es kommt von den Bäumen herab. Ein Kolkrabe.

Für einen Moment lang möchte ich weinen und rufen: Sei willkommen, mein Freund! Doch dann gehe ich wieder ins Haus. Ich will meinen neuen, schwarzen Nachbarn nicht unnötig erschrecken.

Umziehen Teil 398

Ich muss leidlich anerkennen, dass die einzige, die wirklich Spass an Kisten, Staub und Stress hat, unsere liebste, alte Katze ist. Sie turnt topfit herum. Maunzt. Setzt sich in Pose. Für Dreizehntel scheint das alles ein grosser Spass zu sein. Nicht für mich!

Morgen kommt dann also der Schreiner. Er soll sich den Boden anschauen. Mir wäre lieber, wir würden einen Spinnenflüsterer anstellen. Der würde dann nämlich den freundlichen Achtbeinern mitteilen, dass ich wenig Lust auf deren Bekanntschaft habe.

Jetzt, wo Omis Bett raus ist, ist zumindest das Obergeschoss leer. Wir können den Raum renovieren und ihn bereit machen für unseren Einzug in vier Wochen. Kaum vorstellbar, dass wir in so wenigen Tagen dort schlafen werden.

Mein Büro aka Atelier nimmt langsam Gestalt an. Ich weiss jetzt klar, was ich darin machen will (und was nicht). Ich freue mich unbändig auf den Frühling und den Sommer. Denn dann werde ich Opas Keller durchlüften und entrümpeln.

Ich fühle mich aktuell unwohl, was wohl auch daran liegt, dass meine Bücher bereits alle weg sind. Ohne Bücher ist mein Leben leer. Ich will mir unsere Wohnung gar nicht leer vorstellen.

Umzugswehen

Der Zügeltermin rückt immer näher. Die Schachteln türmen sich in unserer Wohnung und ich ärgere mich über mich selbst, wie viel Zeugs man in 18 Jahren anhäufen kann.

Bücher. Spiele. Meine alten Plüschtiere.
Meine Schreibsachen. Und, oh Wunder: meine ersten Schreibversuche, fein abgelegt in Bundesordnern. Liebesgeschichten. Krimis. In mehr oder weniger krakeliger Schrift. Meine Tagebücher. Bestimmt 20 Stück. Meine Zeichnungen und Bilder. Dann wären da auch noch meine Apfelharasse, die im Estrich stehen. Brauchen viel Platz und sind super praktisch.

Viel hab ich in den letzten Jahren schon ausgemistet. Die Kleider meiner Mutter. Alte Kochtöpfe. Zeitschriften. Bücher, die ich nie lesen werde. Doch es muss noch viel mehr weg.

Weil ich nicht weiss, obs Schnee gibt im Februar, habe ich eine Zügelfirma angestellt. Das Gespräch am Telephon war beruhigend. Ich soll mir keine Sorgen machen. Alles kommt gut. Der Mann versteht sein Geschäft. Ich vertraue ihm.

Umziehen bedeutet wohl auch so eine Art Lebensbilanz. Rückblick und Ausschau. Wo will ich hin? Welchen Ballast werde ich jetzt los?

Die Katze geniesst die Unordnung und die vielen Kisten. Sie ist so neugierig. Ich habe beschlossen, mir an ihr ein Vorbild zu nehmen.

Winters Kälte

Ich erinnere mich gut an den Januar 1997. Ich war 19 Jahre alt, Besitzerin einer riesigen Zahnspange und seit einem halben Jahr unterwegs im Berufsleben.

Opas Krebserkrankung war allgegenwärtig. Ich wartete auf seinen Tod. Sehnsüchtig. Er litt. Ich war nicht fähig, ihn zu besuchen. Erinnerte mich an den Spruch: Behalt ihn so in Erinnerung, wie er sein Leben lang war.

Ich bereue es heute. Vielleicht hätte er in jenen Tagen meiner Anwesenheit bedurft. Wir haben uns immer umarmt, wenn ich das Haus verliess. Er war knochig. Am Ende war er fast zerbrechlich.

Omi wuchs in jener Zeit über sich heraus. Sie war standhaft und ruhig. Der Fels in der Brandung. Omi konnte nichts und niemand erschüttern. Sie war an seiner Seite und im Gegensatz zu mir weinte sie nicht. Sie erledigte nach seinem Tod, der nicht eben schön war, alle Angelegenheiten, so als hätte sie nie etwas anderes getan.

Die Beerdigung fand an einem sonnigen, kalten Tag im Januar statt. Opis Sarg wirkte klein. An die goldenen Blüten auf der Seite der Holzkiste erinnere ich mich noch immer. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er da drin lag. Ich erwartete jeden Moment, dass er einfach um die Ecke kommen würde. Rauchend. Fluchend. Die klaren blauen Augen auf uns gerichtet.

Doch Opi blieb weg.

Erst einige Tage nach der Beerdigung weinten wir gemeinsam. Seine Stimme fehlte. Sein leiser Schritt auf der Holztreppe. Der Keller war plötzlich unbelebt.

18 Jahre und einen Monat später werden wir im Haus leben. Mein Opi hätte bestimmt Freude dran.

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Das Nicht-Ehebett

Heute war es (endlich) soweit. Wir wollten Omis altes Ehebett auseinandernehmen, damit wir auch Platz haben, um das Schlafzimmer renovieren können.Ich habe es mir leicht vorgestellt, an dem Bett herum zu hacken und es kaputt zu machen, damit es aus dem Weg ist für unser eigenes.

Doch dann war ich nicht fähig dazu.
Mir kam in den Sinn, wie wir als Kinder unsere Ferien bei Omi verbrachten. Meine Schwester und ich schliefen in dem grossen Bett und Omi in einem Einzelbett an der Wand. Vor dem Einschlafen, es war immer sehr kalt, erzählten wir uns Geschichten.

Ich weiss nicht mal, ob meine Oma und mein Opa das Bett je geteilt haben. Nie habe ich es erlebt, dass einer von beiden im selben Raum geschlafen hätte. Für mich als Kind war das normal. Oma schläft im Bett, Opa auf der Couch in der Stube. Als Kind nahm ich an, dass das Grosseltern einfach so tun.

Glücklicherweise helfen zwei liebe Freundinnen und Sascha tatkräftig mit. Ich brings nämlich nicht übers Herz, mit dem Brecheisen das grosse Bett mitsamt Rahmen auseinanderzunehmen. Das einzige, was ich schaffe, ist, die abgebrochenen Teile aus dem Fenster hinaus zu schmeissen und zu versuchen, nicht das Vordach zu treffen. Und es gelang! Nach einer Stunde ist das Bett in Kleinholz gehackt und liegt verteilt draussen auf der verschneiten Wiese. Unsere baldige Nachbarin schaut interessiert zu. Endlich passiert hier mal was.

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Beim Auflesen der Kleinteile fällt mir plötzlich ein, dass Omi sehr wohl eine ganze Nacht bei Opa verbracht hat. Es war die Nacht vom 6. auf den 7. Januar 1997, als Opa starb. Aber sie lagen nicht im Ehebett, sondern auf der Couch in der Stube. Omi sagte später, dass es gewesen sei wie früher, als sie sich verliebt hatten.

Walters Sein

Seit ich die Werkstatt zu meinem Büro umfunktioniere, ist mir mein Opa Walter wieder sehr präsent. Ich hätte nie gedacht, dass aus dem türkisfarbenen, vollgemüllten Raum mal ein leeres, weissgestrichenes Zimmer werden könnte.

Ich muss, während ich renoviere, sehr oft an Opa denken. Am 7.1. ist sein Todestag 18 Jahre her. Bald lebe ich in seinem Haus, das er 1984 von seinem Vater Henri geerbt hat. Hier, im Keller, hat Opa gewirkt. Der Keller ist eine alte Wäscherei, die wahrscheinlich irgendwann nach 1840 entstand.

Anfangs der 1980er wurde Opa arbeitslos. Er fand keinen Job mehr und war noch nicht mal 60 Jahre alt. Stattdessen zog er ins Toggenburg und pflegte seinen Vater und seine Stiefmutter Röös. Ich weiss nicht wirklich, wie es ihm dabei erging. Es war wohl nicht einfach. Mein Opa war ein zartgliedriger, eher mittelgrosser Mann. Mein Urgrossvater hingegen war kugelrund und schwer. Mir ist es ein Rätsel, wie er es jeweils geschafft hat, ohne pflegerische Kenntnisse, meinen Uropa zu bewegen.

Meinen Opa Walter habe ich noch immer in jenem Blaumann vor Augen, wenn er Holz sägte, oder Regale zusammenbastelte. Er liebte seine Märklin, seine Briefmarken und seine Instrumente. In jungen Jahren war er ein begabter Musiker. Seine im Krieg erworbene Angst vor Zahnärzten verunmöglichte ihm später, weiter Musik zu machen. Die Zähne fielen ihm bis auf einige wenige alle aus. Lieber litt er Schmerzen als nochmals einen Zahnarzt aufzusuchen.

Als er starb, träumte ich davon, dass ich in einem Jeep durch einen von Buchen bewachsenen Wald fuhr. Ich wusste, irgendwo ist mein Opa. Ich fand ihn in einer Grotte, die dem Keller glich. Wir tauschten unsere Overalls. Und dann fuhr Opa wieder davon. Ich hingegen blieb.

Und nun schleife ich die Wände ab, streiche und alles wird neu. Opa aber ist noch immer da. Ich wünsch mir so sehr, er hätte Tagebuch geschrieben. Irgendwas, damit er greifbarer würde.

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