Weiterleben. Weiterreisen.

Ich reise mit dem Zug an eine Weiterbildung. Der Himmel ist nebelverhangen und die Sicht auf den thurgauischen Teil des Bodensees wirkt auf mich wie eine kleine Erinnerung. Im Abteil neben an sitzt eine Mutter mit ihrem kleinen Kind. Das Mädchen streichelt seine Mutter immer wieder, streckt die Hände nach ihr aus. Die Mutter küsst dem Kind zärtlich die Hände. Das Kind sagt immer wieder: „Mami, siehst du meine Hände? Sag, Mami, siehst du meine Hände?“
Die Mutter nickt und lächelt.

Ich sitze da, wende mich ab, weil mir die Tränen in die Augen steigen. Ich muss an meine eigene Mutter denken, mit der ich nicht oft im Zug gefahren bin. In meiner Erinnerung tauchen Bilder auf, wo auch sie mich zärtlich umarmt hat, voller Freude und Stolz auf mich, die erste Tochter. Die Erinnerungen verblassen und ich muss an Omi denken.

Omi und ich, wie wir durch die Welt reisen, und sei es nur nach Berlin oder Wil oder St. Gallen. Omi mit ihrer dunkelblauen Tasche, im dunkelblauen Blazer, der weissen Bluse, der schwarzen Hose. Immer ein elegantes Halstuch umgelegt, mit wehenden schwarzgrauen Wellen.

Ich denke: Omi, hab ich dich genügend umarmt? Dir im Leben oft genug gesagt, wie sehr ich dich liebe?

Puppenstube

Vor fünf Jahren um diese Zeit suchten wir gemeinsam mit Omi ein Heim. Fünf Jahre sind vergangen wie im Fluge. Omi ist nicht mehr und manchmal erscheint mir alles sehr irreal.

Seit zweieinhalb Jahren leben wir nun im Haus. In diesen Sommerferien haben wir es geschafft, alle Kisten im Estrich zu ordnen und zu entsorgen, was wir nicht mehr brauchen. Ich frage mich, was Omi sagen würde, wenn sie nun durch ihr Haus marschieren würde. Würde sie es noch erkennen?

Nun ist auch das Gästezimmer frei geräumt.
Es ist das modernste Zimmer von allen, denn dieser Hausteil wurde erst in den 50er Jahren angebaut.
Omis Buffett steht hier, ein Tisch, Stühle. Auf den Balkon geht man besser nicht.
Als Kinder haben wir hier gerne gespielt, denn in den Seitenschränken hatte Omi unser Spielzeug verräumt.

Vor über fünf Jahren standen Sascha und ich mit Omi hier und sie bat mich, alles mitzunehmen, was ich noch brauchen kann. Immer wieder hatte sie Angst, dass sie, wenn sie ins Pflegeheim ginge, alles abgerissen und entsorgt wird. Erst mit Verschlechterung der Demenz verlor sie diese Angst.

Ihre Angst nahm mich als Enkelin in die Pflicht, sorgsam mit ihrem Hab und Gut umzugehen. Ich fasse alles bewusst an und entscheide, was damit passiert.

Omis Puppenstube ist 80 Jahre alt. Ich versuche mir vorzustellen, wie die kleine Paula überglücklich damit gespielt hat. Sie hat immer wieder erzählt, wie sie sie von ihrem Arzt bekommen hat, als sie so krank war. Als Omi entschied, ins Pflegeheim zu gehen, übergab sie mir ihre Puppenstube und ermahnte mich, sie in Ehren zu halten. Das hab ich getan. Wie könnte ich auch anders?

Ein Dank mit Tränen

Die Einladung vom NAR (Netzwerk Alternsforschung) in Heidelberg erreichte mich im Januar 2017, wenige Tage nach Omis Tod. Ich sagte sofort zu, an ihrem Seminar teilzunehmen.

Am 27. Juli 2017 war es dann soweit: Ich reiste mit Sascha nach Heidelberg, übernachtete in einem schönen Hotel. Noch nie in meinem Leben hatte ich eine Uni betreten. Dank Omi war mir das nun möglich.

Ich kann nicht genau beschreiben, was mir an jenem Abend durch den Kopf ging. Ich war sehr aufgeregt, voll freudiger Erwartung und nahe den Tränen. Ich stellte mir vor, wie Omi und meine Mutter weit hinten im Saal auf Stühlen sitzen und mir die Daumen drückten. Ich dachte: „Omi, ohne dich wäre ich jetzt nicht hier.“

Es rührte mich sehr, dass Malu auch da war. Ich bin mir sicher, dass wir Angehörigen von Demenzkranken einander zu Geschwistern werden, denn wir erleben ähnliches und brauchen einander nichts zu erklären.

Das NAR wurde 2006 unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Beyreuther gegründet. In diesem Netzwerk werden interdisziplinär die verschiedenen Aspekte des Alterns untersucht.

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Professor Dr. Bert Heinrichs hielt einen Vortrag zum moralischen Umgang mit Demenz. Ich hatte erst etwas Bedenken, mich mit seinen Ansichten zu konfrontieren,. Als Angehörige schmerzen mich oft Aussagen über Demenz und ich bin vorsichtig geworden, wem ich mein Ohr leihe. Beim Zuhören wurde mir aber klar, dass er in seinen klaren Worten beschreibt, worin das Dilemma von uns Angehörigen und der Gesellschaft besteht und dass es dafür keine Lösung gibt.

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Frau Andrea Germann, M.A. hielt ihr Referat über Bilder von Demenz in der Schönen Literatur. Ich war sehr berührt von ihren Erkenntnissen, ihrer Vortragsweise und der Tatsache, wie viel Literatur es über Demenz gibt.

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Ich durfte aus meinem Buch vorlesen. Im Vorfeld hatte ich die Befürchtung, ich würde anfangen zu weinen. Aber dann, beim Lesen, sah ich plötzlich wieder meine Omi vor mir. Wie sie ihr Leben trotz Demenz meistert. Wie sie den Pflegenden ein Lächeln ins Gesicht zauberte mit ihren träfen Sprüchen. Ihren letzten Satz an mich: Warum bist du denn traurig? Ach Omi.

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Ich bin noch immer sehr berührt von der Gastfreundschaft und der Liebenswürdigkeit, die mir von den Menschen vom NAR und den Zuhörern entgegengebracht wurde. Ich erlebte einen wunderbaren Abend in Ihrer Gesellschaft und die Gespräche hallen noch immer in mir nach. Ich möchte so herzlich danken für Ihr Vertrauen!

Ein halbes Jahr

Ein halbes Jahr ist sie nun schon tot und es scheint mir, als wäre es gestern her, dass wir zusammen gesessen sind und herumgeblödelt haben.
Nie mehr Geburtstage und Weihnachtsessen mit Omi.

Heute früh suchte ich 40 Fotos aus meinem Archiv heraus für meinen Geburtstag.
Auf unzähligen Fotos ist sie an meiner Seite.

Ich besitze praktisch keine Fotos mit meiner Mutter.
Das ist schon sehr seltsam und vor allem sehr traurig.

Omi war fast von Anfang meines Lebens an wie eine Mutter.
Sie hat mich gern gehabt und mir dies auch immer wieder gezeigt.
Für sie war ich Enkelin, Tochter und Hoffnung.
Als sie damals sehr unglücklich war, hat sie gesagt:
„Ich wollte nicht mehr leben. Aber für dich lebte ich weiter.“

Es war ja klar, dass ich sie irgendwann überleben würde.
Ich hatte immer Angst, dass dies früh geschehen würde, und nicht erst, wenn ich fast 40 bin.
Ich bin froh um die letzten Jahre mit ihr, selbst wenn sie mich und meinen Namen vergessen hat.

Omis liebevolles, hoffnungsfrohes Wesen fehlt mir so.
Selbst die Demenz, die so vieles zerstört, konnte mir diese Erfahrung, unsere Liebe, nicht nehmen.

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Dankbarkeit

Morgen vor vierzig Jahren hätte mein Geburts-Tag sein sollen.
Meine Eltern hatten mich auf den 7.7.77 geplant.
Aber weil es vor vierzig Jahren wohl sowas wie „Heute soll es sein!“ nicht gab, kam ich erst am 11. Juli zur Welt. Meine Mutter hat mir das bis zu ihrem letzten Tag vorgehalten.

Heute auf der Heimfahrt kam mir meine Mutter so unverhofft in den Sinn, dass es mich schmerzte.
Ich musste an ihren 40. Geburtstag denken und wie sie ihn mit Freunden gefeiert hat. Einige von ihnen leben auch nicht mehr. Ich dachte an meinen 30. Geburtstag und wie meine Mutter kurz danach verstorben ist. Diese schwierige Zeit hat mich sehr geprägt und ich bin nicht daran zerbrochen.

Die Menschen, die mein Leben bereichert haben und jetzt nicht mehr sind, fehlen mir sehr. Omi und meine Mutter fehlen mir, besonders jetzt. Ich würde so gerne mit ihnen jetzt im Garten sitzen, Wein trinken und rauchen. (Ja, Omi, ich rauche auch nicht zu viel, nur Brissago im Sommer.)

Aber da gibt es auch andere Menschen, die nun in meinem Leben sind, die ich sehr gern habe, und die mir mit ihrer lieben Art Freude bereiten. Deren Gesellschaft geniesse ich nun in vollen Zügen. Denn ich weiss genau, irgendwann werden sie und ich auch nicht mehr sein.

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2017

Vor einem halben Jahr lag Omi im Sterben und ich erzählte ihr, während sie einschlief, dass ich es schade finde, dass sie nicht mehr an meinem 40sten Geburtstag dabei sein wird. Sie lächelte mich an. Ich wusste Bescheid.

Dieses Gefühl hat sich nicht verändert. Sie fehlt mir so. Oft muss ich an sie denken; wenn ich ihre Lieblingsfarben oder ihre Gastkatze sehe, den Bach, ihren Garten oder ihre Pflanzen.

Sie war bei all meinen besonderen Tagen dabei: nach meiner Geburt, meiner Taufe, bei der Beerdigung meines Bruders, meinem 10ten Geburtstag, meiner Konfirmation, als meine Mutter starb, bei Mamis Beerdigung.

Omi liebte es, mit mir Geburtstag zu feiern. Ich bekam eine Torte, viele Küsse, Geschenke und unzählige Male gesagt, dass sie mich gern hat.

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In den Sommerferien verbrachte ich jeden Geburtstag, bis ich 16 war, bei ihr. Und jeder Geburtstag war der Schönste. Mein 19ter Geburtstag war der letzte mit Opa. Omi und ich haben noch Jahre später darüber gesprochen, wie schön das war. Zusammensein. Reden. Einander umarmen.

Seit ich 32 Jahre alt war, hab ich all meine Geburtstage kurz bei Omi vorbei geschaut, auch wenn sie längst nicht mehr wusste, wer ich war, oder dass ich Geburtstag habe. Aber irgendwie war es immer besonders:

Omi sass in ihrem Sessel, strahlte mich an, streichelte mich, wir umarmten uns und redeten einige verworrene Sätze.

Dieser Geburtstag ist der erste, wo ich sie nicht sehen werde. 2017.

Nachtrauern

Fast ein halbes Jahr lebe ich nun schon ohne Omi.
Meine grosse Erschöpfung ist gewichen und ich bin froh darum.
Ich bin manchmal traurig, dass Omi das Haus (und die neue Elektrik!) nicht sehen kann.
Dass sie nicht dabei ist, wie ich und Sascha hier leben, wo sie fast 30 Jahre lang gelebt hat.
Dass sie unseren Garten und ihre geliebten Johannisbeeren nicht sehen kann.
Dass sie nicht am Langen Tisch dabei war, wo sie doch Zusammensitzen und Essen immer so geliebt hat.
Dass sie nicht dabei ist, wenn ich 40 Jahre alt werde.

Ich frage mich nach wie vor, wozu das alles gut war, was wir gemeinsam erlebt haben.
Auf den Schmerz, die Tränen, die Sorgen könnte ich gut verzichten.

Manchmal erfahre ich, dank Omi und unserem Buch, Geschichten von Menschen.
Ich bekomme diese Geschichten wie kleine Umarmungen erzählt.
Dann ist zwar meine Trauer um Omi immer noch da und tut auch weh.

Wir alle leiden, wenn unsere Eltern und Grosseltern älter werden.
Zuzusehen, wie sie krank oder vergesslich werden, ist schwierig, denn wir haben noch immer unser Bild von ihnen, wie sie in unserer Kindheit, Jugend oder später agierten.
Eltern und Grosseltern so gebrechlich zu sehen, verletzt.

Aber irgendwie freut es mich auch, wenn Menschen dank Omis Geschichte über ihre eigenen Erfahrungen mit Demenz sprechen, es nicht für sich behalten, sondern offen sagen: so war es für mich.

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