Blut ist dicker als Wasser

Ich fand diesen Spruch schon als Kind blöd. Ich verstand ihn lange nicht. Als ich es tat, war es noch nicht zu spät.

Als ich mitten in der Betreuerinnenausbildung steckte, behandelten wir auch das Thema Sterben und Tod. In einem Gespräch mit einem Freund äusserte ich, dass ich meine Mutter niemals pflegen oder bis zum Ende begleiten würde. Ich war so voll kindischen Zorns auf sie, dass nur schon die Vorstellung mich auf sie einzulassen, unvorstellbar war.

Im Juli 2007, ich war gerade 30 Jahre alt geworden, erfuhr ich, dass sie todkrank war. Seltsamerweise musste ich nun keine Sekunde überlegen, ob ich mich um sie kümmern würde. Ich wusste es einfach.

Gestern hatte ich Geburtstag. Ich weiss nicht, ob meinem Vater bewusst war, dass ich 42 Jahre alt wurde. Er lächelte mich mit diesem liebevollen, weisen und auch kindlichen Blick an, der all die Trauer eines Lebens spiegelt. „Ich hoffe, du bekommst nie diese Krankheit“, flüsterte er.

Blut ist dicker als Wasser, im besten wie im schlimmsten Fall. Weinen und Traurigsein nützt nicht viel. Das braucht zu viel Energie und leider sind wir alle keine Alpensteinböcke. Ich rief mir das Bild vor Augen, wie sie in steilsten Wänden herumkraxeln und ihr Leben meistern: Man setzt einfach immer einen Schritt vor den nächsten, lässt sich vom Abgrund nicht gross beeindrucken. Und ab und zu knabbert man an Moos.

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Rauchen im Toggenburg

Im Toggenburger Zweig meiner Familie waren alle, bis auf Omi Paula, starke Raucher. Das Rauchen und Paffen wird in dieser Familie seit mindestens 100 Jahren gepflegt.

Uropa Henri traf ich immer nur mit Pfeife oder Stumpen an. Er liebte es, da zu sitzen und zu rauchen. Manchmal redete er auch ein wenig, aber ehrlich gesagt – daran erinnere ich mich nicht mehr. Auch seine Frau Rosa rauchte. Sie mochte Zigaretten und ich finde, sie sieht auf Fotos immer ein wenig verwegen aus. Beide starben im hohen Alter.

Opa Walter hingegen rauchte querbeet alles, worauf er gerade Lust hatte. Er rauchte Zigaretten, Rösslistumpen und die Stummel der Stumpen stopfte er dann noch in seine Pfeife. Es gibt praktisch kein Bild von ihm, wo er nicht eine Zigi in der Hand oder im Mund hat. Opa war Musiker und Fabrikarbeiter und ich denke, das Rauchen war Zeitvertreib, Lebensstil und Psychohygiene gleichzeitig. Er starb an Leberkrebs.

Omi Paula rauchte gar nicht. Aber, als Kioskverkäuferin wusste sie natürlich alles übers Rauchen. Sie kannte alle Marken, wusste von jedem Stammkunden, welche Zigi er kaufen wollte. noch bevor er danach fragen musste. Im Haus fand ich viele Werbeartikel von den verschiedensten Produkten. Ich liebte es, mit ihr im Kiosk zu stehen und Waren zu verkaufen und ich bedauere es, dass es jenes eine Geschäft am Obertor nicht mehr gibt. Aber dafür gibt es noch immer Iversens Tabakladen und das mag ich sehr!

Meine Mutter war Kettenraucherin. Sie rauchte nur eine Marke und das bestimmt 40 Jahre lang: Mary Long. Seltsamerweise kann ich mir meine Mutter nicht ohne Zigi im Mund oder in der Hand vorstellen. Als sie im Pflegeheim lag und ich erfuhr, dass sie an jenem einen Tag nicht mehr geraucht hatte, wusste ich, jetzt ist es zu Ende. Witzig fand ich, und man möge mir diesen Ausdruck in dieser Situation verzeihen, dass ihre Lungen bis fast am Schluss super funktionierten. Vielleicht dauerte deshalb ihr Sterbeprozess auch so lange. Als meine Mutter 2007 ihren letzten Atemzug getan hatte, schauten Omi und ich uns an und öffneten das Fenster. “Jetzt will Uschi bestimmt eins rauchen”, entfuhr es Omi und mir und wir umarmten uns, lachend und weinend.

Lass uns fahren

Lass uns fahren. Lass uns einfach fahren. Wir sind in Bewegung. Wir bleiben nicht stehen. Das Leben zieht an uns vorbei. Wir wollen jetzt nicht an gestern denken, und schon gar nicht an morgen. Lass es uns einfach geniessen.

Ich weiss, es tut weh. Ich sehe es dir an. Ich fühle mich hilflos, weil kein Wort deinen Schmerz stillen kann.
Wir fahren über Strassen, die ich schon lange kenne, doch mit dir erinnere ich mich zurück. Weisst du noch…

Das ganze Leben zieht uns vorbei. Du kennst hier jeden Winkel, jeden Stein. Du zeigst mir die Lichtung mit den Birnbäumen im Wald. Du erzählst mir, wie du hier als Kind Rehe in den Armen hieltest. Ich hätte nicht gedacht, dass es diesen Ort wirklich gibt. Er existierte immer nur in meinen Träumen und vielleicht in meiner Erinnerung.

Du schaust staunend aus dem Fenster. Du weisst zu jedem Haus eine Geschichte. Deine Freunde, die nicht mehr sind, scheinen uns beim Vorbeifahren zuzuwinken. Weisst du noch, fragst du mich. Ich schüttle den Kopf. Es sind nicht meine Erinnerungen.

Wir fahren über Hügel mit blühenden Apfelbäumen. Alles scheint vor Glück zu platzen. Nur wir beide sind traurig: ich, weil ich mich vor dem Morgen fürchte und du, weil du dich erinnerst.

Vaterliebe

Mein Vater ist seit einigen Jahren krank. Letzten Spätsommer ging es ihm sehr schlecht. Wir führten am Küchentisch ein Gespräch, das mich nachhaltig geprägt hat.

Vater sprach mit mir darüber, wie schwer für ihn das Leben mit seiner Krankheit ist. Er, der immer Sport getrieben hat, war nun auf einmal auf Hilfe angewiesen. Für ihn ist das ein Verlust der Lebensqualität. Das macht ihm alles schwer zu schaffen.

Er sagte zu mir: „Wenn ich mit 40 gewusst hätte, wie ich jetzt, mit 70, beisammen bin, hätte ich sehr viel mehr die Sau rausgelassen. Ich hätte gefeiert, gesoffen, geraucht und all das gemacht, was ich mir immer erträumt hatte.“

Ich konnte ihn nicht trösten. Seine Aussage beschäftigte mich jedoch sehr. Als ich zuhause ankam, schrieb ich Tagebuch. Doch meine Gedanken schweiften immer wieder ab.

Ich begann eine Skizze zu machen. Ich schrieb auf, was ich gerne mache, worin ich gut bin und was ich unbedingt beibehalten will. Dazu gehören Schreiben, Nähen, Sprachen und anderes. Dann zeichnete ich auf, was ich nicht mehr in meinem Leben brauche und loslassen will. Das war sehr befreiend.

Doch da war noch eine dritte Skizze, die zuerst leer blieb: Was ich gerne lernen und leben will. Ich schrieb weiter, dachte an andere Dinge und plötzlich war es da:

Die Jagd. Ich will Jagen lernen.
Ich will mich mit der Natur auseinandersetzen.
Ich melde mich für die Jagdausbildung an.

Ich sass verdutzt vor meiner Skizze. Noch selten schienen mir die Dinge so klar.

Lange sprach ich mit keinem darüber, weil ich spüren musste, worum es mir wirklich geht. Als ich schliesslich meine Familie und vor allem meinen Vater über meine Pläne informierte, reagierte dieser heftig.

„Wie kommst du nur auf sowas?“ fragte er mich. Ich erklärte ihm, wie er mich dazu gebracht hatte, über mein aktuelles Leben nachzudenken. Dass ich über meine Träume nachdachte, während er um seine Gesundheit trauert. Das liess ihn verstummen. Ich fürchtete schon, er wäre nun sauer auf mich.

Einige Tage später rief er mich an. „Weisst du“, sagte er, „ich habe gerade den „St. Galler Bauer“ gelesen. Da steht was über Wildbretverwertung. Ich habs dir ausgeschnitten. Es wäre noch gut, wenn du dir das durchliest, wenn du jetzt die Jagdausbildung machen willst.“

** Fortsetzung folgt **

Wie du Abschied nehmen kannst

Abschied nehmen ist vielleicht die andere Seite des sich Verliebens: Man nimmt Abschied von jemandem, den man gerne hat. Man lässt ihn langsam los, im Wissen, dass der gemeinsame Weg bald einmal zu Ende ist.

Wenn man weiss, dass der gemeinsame Weg nicht mehr lange dauert, ist die Zeit eine relative Sache. Es vergeht alles schnell und gleichzeitig sehr langsam. Es gibt noch so viel zu besprechen, derweil alle Worte fehlen.

Das Leben ist eine Sache, der Tod, das Nichtmehrsein eine andere. Was gibt es da noch zu bereden?

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Die vier Schwestern

Die Linde, die auf unserem Grundstück steht, nenne ich seit Jahren „Die vier Schwestern“. Ich möchte euch gerne erzählen, wie sie zu diesem Namen gekommen ist.

Unsere Linde besteht aus vier einzelnen Stämmen. Sie erinnert mich an die vier prägendsten Frauen meiner Familie: Da ist meine Mutter Uschi. Sie wurde 1951 als erste aller Enkelinnen meiner Urgrossmutter Bertha geboren und starb 2007. Sie wuchs als jüngste Enkelin quasi als vierte Schwester auf. Sie ist die Tochter meiner Omi Paula. Ich durfte mit Omi ihre letzten Stunden begleiten. Meine Mutter fehlt mir sehr. Ihre Lebensfreude und ihre Tierliebe fehlen mir.

Tante Hadj wurde 1926 geboren und starb 2013. Sie war eine elegante, wunderschöne und stilvolle Frau. Auch sie hat mich mit guten Gedanken und Ratschlägen unterstützt. Sie war in Sachen Stil ein grosses Vorbild für mich.

Dann ist da Tante Bibi. Sie wurde 1924 geboren, sie hatte am gleichen Tag Geburtstag wie mein Bruder Sven, und starb 2016 am Geburtstag meiner Mutter Uschi. Bibi hat mich nach dem Tod meiner Mutter und während der Demenz meiner Omi liebevoll unterstützt. Ich werde diese arbeitsame, starke und tolle Frau nie vergessen.

Omi Paula war die jüngste der Hüppi-Schwestern und hat alle anderen überlebt. Sie wurde 1928 geboren, überlebte eine schwere Hirnhautentzündung und war mir eine wunderbare Grossmutter. Sie fehlt mir im Alltag an allen Ecken und Enden. Ich habe ihre Telefonnummer nicht gelöscht. So oft möchte ich mit ihr reden, mich austauschen und ihr meine Sorgen und Freuden berichten. Sie hatte immer ein Ohr dafür. Ihr Tod kam nicht unerwartet und hat mich doch sehr getroffen.

Die Linde steht unverrückbar da. Sie tut es seit vielen Jahren. Wann immer ich sie ansehe, werde ich an die vier Schwestern erinnert: Uschi, Hadj, Bibi und Paula.

Feiertagslaune

Seit einigen Jahren pflegen wir in unserer kleinen Familie die Tradition, an hohen Feiertagen nicht zuhause zu kochen, sondern gemeinsam in ein Restaurant zu gehen und uns dort verwöhnen zu lassen.

Das war nicht immer so. Als ich noch ein kleines Mädchen war, verbrachten meine Eltern, meine Schwester und ich Ostern und Weihnachten jeweils bei Omi Paula und Opa Walter. Dazu muss man sagen, dass das Haus im Winter jeweils sehr zugig und kalt war. Ich erinnere mich an doppelte Vorfenster, die aber auch nicht viel mehr zu einer erträglichen Raumtemperatur beigetragen hätten.

Omi kochte jeweils ihr wunderbares Voressen mit Muschelteigwaren. Es gab Rimuss für uns Kinder und Wein für die Erwachsenen. Das war meiner Erinnerung nach das einzige Rezept, das meine Omi für mehrere Personen kochen konnte. Tiefkühlprodukte wollte sie nicht servieren, obwohl sie diese für sich und Opi täglich zubereitete. Irgendwann tauchte dann Raclette auf dem Weihnachtessentisch auf, ich ass mit neun Jahren zum ersten Mal geschmolzenen Käse, und das blieb dann auch einige Jahre so.

Ich weiss nicht, auf wessen Initiative jener erste Restaurantbesuch stattfand, ich nahm an, mein Vater hat sich durchgesetzt, weil es ihm einfach zu kalt im Haus war. Wir fuhren alle gemeinsam nach Neu St. Johann ins Restaurant „Zur Mauer“, wo damals Mamis Schulfreundin und ihr Mann wirteten. Ich erinnere mich noch gut an die allgemein aufgeheizte Stimmung: Mein Opa, bereits leicht angeheitert, wünschte sich ein „Steak“. Er sprach es aber absichtlich als „Stick“ aus, was meinen Vater auf die Palme brachte. Ich nehme an, mein Opa hat das nur gemacht, um seinen Schwiegersohn zu ärgern.

Als ich von zuhause auszog, verbrachte ich die Feiertage unregelmässig bei den Eltern oder Omi. Rückblickend hat mich das damals etwas entwurzelt. Wenn ich meinen Freunden jeweils zuhörte, wenn sie über ihren „Familienschlauch“ schnödeten, machte mich das neidisch. Ich hätte auch gerne eine mehr oder weniger grosse Familie gehabt.

Nach der Scheidung ging ich ein paar Mal mit meiner Mutter zu Omi. Das jedoch war keine lustige Erfahrung: Opi war inzwischen gestorben und meine Mutter und Omi hatten das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne. Und weil es auf Omis Tisch keinen Wein mehr gab, trug das nicht zur guten Laune meiner alkoholkranken Mutter bei.

Irgendwann brachten meine Vater und seine Frau unsere alte Tradition des Auswärtsessens wieder auf: nun fuhren wir gemeinsam nach Lichtensteig, holten Omi ab und tuckerten in Richtung Krinau.

Dort steht nämlich das wunderbare, schöne alte Restaurant „Rössli“. Es ist der Mittelpunkt des idyllischen Dörfchens. Ich weiss nicht mal mehr, warum meine Eltern genau dieses Restaurant aussuchten. Ich muss sie mal fragen…

Die nächsten Jahre verbrachten wir das Weihnachts- und oft auch das Osteressen in diesem Restaurant. Omi genoss es, mit einem wunderbaren Mahl verwöhnt zu werden, auch wenn sie jedes Mal zu Anfang beteuerte, sie hätte gar nicht viel Hunger. Sie ass den Teller genüsslich leer.

Mit den Jahren wurde das Familienessen für Omi beschwerlicher. Zwar war ihre Demenz nicht vorherrschend, aber sie fühlte sich unwohl unter Menschen, hatte Angst, sich zu blamieren und konnte nur schwer ihr geliebtes Haus verlassen. Im Restaurant war dann alles wieder gut und sie konnte es im Kreise der Familie geniessen.

2010 assen wir zum letzten Mal mit Omi im Restaurant. 2011 wohnte sie noch in ihrem Haus, weigerte sich aber, zum Auswärtsessen mitzukommen. Ab 2012 lebte sie im Pflegeheim und die Fahrt wäre für sie mit ihrer Gehbehinderung eine Tortur gewesen. Stattdessen genossen wir nun mit ihr die Weihnachtsanlässe im Pflegeheim.

Heute fahren wir (die überlebende Familie Debrunner) wieder ins Rössli Krinau. Wir fühlen uns dort sehr wohl, weil wir so viele schöne Anlässe dort erlebt haben. Auch Omis Beerdigungsessen im Januar 2017 fand dort statt. Ich bin noch immer froh darüber, denn ich konnte in diesen traurigen Momenten diesen schönen Ort mit Familie und lieben Freunden teilen.

Was unsere Familie die nächsten Jahre erwarten wird, weiss ich nicht. Aber ich weiss ganz sicher, so lange wir die hohen Feiertage, die Geburtstage gemeinsam verbringen, kommt alles gut. ❤

Ich wünsche euch allen ein schönes Osterfest!