Der Tag dazwischen

Der 8. Januar ist der Tag zwischen dem Todestag meines Opas und meiner Omi. Vor zwei Jahren um diese Zeit war ich ziemlich durch den Wind und am Ende meiner Kräfte. Meine Omi war damals seit dem 31. Dezember nicht mehr wirklich bei Bewusstsein. Im tiefsten Toggenburger Winter besuchte ich sie täglich im Pflegeheim.

Omi loszulassen konnte ich mir trotz der Demenz, die uns immer mehr von einander getrennt hat, nicht vorstellen. Omi war doch immer für mich da. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass sie einfach tot ist. Als Kind fürchtete ich mich sehr oft davor, Omi zu verlieren. Der Tod meines Bruders hat mich emotional sehr an meine Familienangehörigen geschweisst.

Am 9. Januar starb sie um 4 Uhr früh und ich lächelte, als ich ihre Sterbezeit erfuhr. Sie ist immer um 4 Uhr früh aufgestanden. An die Arbeit!

Die letzten zwei Jahre habe ich mit Schreiben und Nachdenken verbracht. Anders als erwartet, verschwand meine Trauer. Mir schien, als hätte mir Omi selbst mit ihrem Sterben ein Geschenk gemacht: Lebe dein Leben. Lass mich los. Vergissmeinnicht.

Wenn ich eine Lesung mit „Demenz für Anfänger“ halte, spüre ich Omi ganz nah. Ich schliesse die Augen und sehe sie dann in der hintersten Reihe sitzen. Sie lächelt verschmitzt und winkt mir zu. „Du wirst deinen Weg schon machen. Ich bin sehr stolz auf dich!“ pflegte sie zu sagen.

Ich weiss nicht, was ich glauben soll, ob ich sie je wiedersehen werde in einem anderen Leben oder dem, was sie „das Paradies, wo dein Bruder, dein Opa und dein Mami sind“ genannt hat. Einige Tage nach Opis Tod 1997 sassen meine Mutter, Omi und ich in der Küche hier im Haus. An der Ecke über dem Küchenbuffet hockte ein Weberknecht. Meine Mutter wollte ihn mit einem Besen runterholen. Doch Omi verbot ihr dies. Sie sagte: „Ich glaube zwar nicht an die Seelenwanderung, aber falls es sie trotzdem gibt, könnte es ja Opi sein.“ Und so blieb der Weberknecht in der Ecke oben und ich lernte von Omi eine weitere Lektion in Sachen Toleranz.

Wenn ich einen miesen Tag habe, vermisse ich es sehr, dass ich sie nicht mehr einfach anrufen kann. Ihre Telefonnummer hab ich noch immer gespeichert, obwohl die Nummer seit bald sechs Jahren abgestellt ist.

Sie fehlt mir sehr, die Dankbarkeit sie fast 40 Jahre in meinem Leben gehabt zu haben, überwiegt.

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Gedankensplitter 2006

Vor 12 Jahren um diese Zeit erreichte mich der Anruf meiner Schwester. Sie hatte grosse Angst und ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Sie beschrieb mir, dass sie nicht mehr essen und trinken konnte, dass sie umgeben sei von Menschen, die ihr Schlechtes wollten, die sie vergiften wollten. Sie wollte, dass ich am Heiligabend mich sofort in mein Auto setze, damit ich sie an ihrem Wohnort, 200km von hier, abholen würde.
Ich riet ihr, sich in einer psychiatrischen Ambulanz zu melden, denn ich hatte den Eindruck, dass sie gerade in einer psychotischen Episode steckte.

Ich war damals 29 Jahre alt und grenzte mich ihr gegenüber ab. Ich hatte das Gefühl, dass ich ihr als Einzelperson nicht helfen konnte. Dieses Erlebnis verfolgt mich noch heute, denn manchmal frage ich mich, ob ich irgendwie hätte anders reagieren können. Ob es an dieser Abzweigung des Lebens einen anderen Weg gegeben hätte.

Wenige Tage später lebte meine Schwester in einer psychiatrischen Klinik und ich war gottverdammt erleichtert. Ich war froh, dass sie nicht mehr alleine war, dass sie nun medizinische Hilfe hatte. Ich hatte Hoffnung, dass es ihr bald besser gehen würde und sie bald wieder die alte sein würde.

Das tat es natürlich nicht.
Eine solch schwerwiegende Erkrankung geht nicht einfach weg. Sie braucht Zeit und Sorgfalt. Meine Schwester lebte wieder ausserhalb der Klinik. Ich versuchte, ihr beizustehen, aber das war nicht leicht. Einige Zeit später ging es ihr wieder schlechter und ich wurde von ihrem damaligen Freund gebeten, etwas zu unternehmen, damit sie nicht stirbt. Er hatte Angst, dass sie verhungert, erfriert oder sich suizidiert. Er sagte, wenn ich nichts unternehmen würde, würde sie wohl sterben.

Als grosse Schwester habe ich versucht, ihr zu helfen. Ich unterstützte ihren Freund, damit er sie per FFE wieder in jene psychiatrische Klinik einweisen konnte. Ich wusste nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Sie war, nachdem sie es erfuhr, sehr wütend auf mich und lehnte es ab, je wieder mit mir zu sprechen. Aber ich war nur froh, dass sie noch lebte.

Ich weiss auch nach 12 Jahren nicht, was mich all dies hätte lehren sollen. Ich stehe ohnmächtig da, im Wissen, dass ich meiner eigenen Schwester nicht helfen kann, obwohl ich es doch so gerne möchte. Ich bin wütend und traurig und fühle mich nichtsnutzig.

Mir fällt ein Wort meines Opas ein, welches er wenige Tage vor seinem Tod, 1997 an mich gerichtet hat: „Lebe dein Leben.“

Ist das die Antwort aller Antworten?

Gewisse Dinge verändern sich nicht

Gestern traf ich jemanden, der mich schon als kleines Mädchen von zwei Jahren kannte und auch meine Familie. Er fragte mich, wie es meiner Mutter gehe und reagierte dann recht ungläubig, als ich entgegnete, sie wäre schon elf Jahre tot.

Gewisse Dinge verändern sich nicht. Das bemerkte ich gestern. Die Sehnsucht nach jenen, die nicht mehr da sind, bleibt. Sie sind einfach da und man vermisst sie, besonders in jenen Momenten, in denen man ihren Namen laut ausspricht. Es gibt Orte, da ist man noch immer Kind und kann sich erinnern, als wenn es gestern gewesen wäre, wie man noch die Hand der Mutter, der Grossmutter gehalten hat.

Ein wenig erinnert mich der Thurgau im November an Irland. Alles ist grau und grün und braun. Die Felder wirken auf den ersten Blick karg, doch das schlafen gegangene Leben ist bereits wieder zu spüren. Nur noch wenige Monate und der Frühling kehrt zurück in die müden Apfelbäume.

Ich fuhr gestern vorbei an einem alten Baum, der in meiner Kindheit strahlend blühte. Nun fällt er langsam auseinander, ist zerfressen von Würmern und anderem Getier und ich bin mir sicher, dass er nächsten November nicht mehr hier sein wird. Ich erinnere mich noch gut, wie Omi und Mami und ich oft auf dem Bänkli unter diesem Baum sassen und auf das Dorf blickten. Omi hatte immer Schokolade dabei und ich weiss noch gut, dass jenes Schoggi-Prügeli mit Silberpapier eingewickelt war und darauf Jass-Symbole gedruckt waren. Als ich gestern an jenem Platz vorbei fuhr, fiel mir schmerzlich ein, wie sehr sie mir alle fehlen. Für einen kurzen Moment stiegen mir die Tränen in die Augen.

Doch am Ende des Tages war ich glücklich, weil sich ein Mensch, den ich zuvor nicht kannte, an meine Mutter erinnert hat, die seit elf Jahren tot ist.

Von körperlichen und seelischen Schmerzen

Seit Omis Tod hat sich viel verändert.
Ich habe mir oft Sorgen um sie gemacht, seit sie gehen durfte, fühle ich mich erleichtert.
Das hat auch körperliche Auswirkungen. Ich treibe mehr Sport als früher, spüre heute sehr viel schneller, wenn ich mir zu viel zumute oder aber mich zu wenig bewege.

Das hat auch Auswirkungen auf meinen Geist. Ich lese viel, vorzugsweise Bücher, die ich rezensiere oder aber Zeitungen. Wenn ich frühmorgens nicht mein Toggenburger Tagblatt lesen und mich informieren kann, bin ich schlecht gelaunt.

In einem Gespräch mit meinem Vater horchte ich auf. Er erzählte mir, wie sehr er immer auf seinen Körper geachtet hat. Er hat praktisch nie geraucht (ausser im Sommer Stümpli, um die Mücken zu vertreiben), er trinkt auch nur wenig Alkohol, er achtet darauf, was er isst. Nun ist er mit 70 Jahren gesundheitlich angeschlagen und meinte, dass er sehr viel verzichtet hat. Trotzdem hat er nun Schmerzen und Mühe zu sich bewegen, und das als ehemaliger Ausdauersportler.

Bei mir ist das anders: ich wurde mit einer beidseitigen Hüftdysplasie geboren und Schmerzen haben mich durch meine ganze Kindheit, Jugend und Erwachsenenjahre begleitet. Als Kind konnte ich die reibenden Gelenkschmerzen nicht einordnen und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass ich jemals Schmerzmittel erhalten hätte.

Als ich mit neun Jahren dann mehrere Male operiert wurde, habe ich gar nicht richtig verstanden, was mit mir geschieht. Die Schmerzen nach den OP’s waren der absolute Horror. Auch heute noch träume ich manchmal davon, wie ich im Spital Frauenfeld liege, Durst habe, mich nicht mehr bewegen und vor Schmerzen nicht mehr sprechen, geschweige denn schreien kann.

Nach den Operationen brauchte ich jeweils lange, bis ich wieder laufen konnte. Wenn jeder Schritt schmerzt und man sich seines Körpers nicht mehr sicher sein kann, ist Lernen schwer. Wenn Schmerzen einen täglich beschäftigen, wird man irgendwann krank. Die Schulzeit war für mich kein Spass. Ich fühlte mich behindert.

Als ich vor einigen Jahren mit Krafttraining anfing, beriet mich eine Trainerin, wie ich meine Beine stärken und einen Weg finden könnte, mich mit meinen schmerzenden Narben zu arrangieren. Ich fühle mich deshalb mit 41 stärker als je zuvor. Das ist ein schönes Gefühl.

Trotzdem kann ich verstehen, wie es meinem Vater geht. Denn das Gefühl der inneren Versehrtheit kenne ich nur zu gut.

Grosswerden

„Irgendwann wirst du gross werden“, pflegten meine Eltern zu sagen.
Da war ich noch ein Kind und konnte es mir nicht vorstellen, wie es ist, kein Kind mehr zu sein.

Das Schlimmste, was ich mir damals vorstellen konnte, war, meine Eltern oder meine Grosseltern zu verlieren. Ich dachte: Das ist das Ende der Welt. Du wirst nie mehr aufhören können zu weinen.

Ich dachte, wenn der Tod meines kleinen Bruders schon so schrecklich war, und der hat ja nur drei Tage lang gelebt, wird es noch viel schlimmer werden, wenn meine Eltern nicht mehr da sind.

Ich war 19, als Opi starb. Das war schlimm.
Mit 30 verlor ich meine Mutter. Das war sehr schlimm.
Ich war 39, als Omi starb. Das war schlimm, aber auch ok.

Die eigenen Eltern leiden und altern zu sehen, ist schrecklich. Man fühlt sich ohnmächtig. Es gibt wenig Trost und schon gar keine guten Ratschläge.
Zuhören ist eine Sache, die man tun kann.
Das Leiden aushalten eine andere.

Manchmal denke ich: Es ist schon sehr spannend, warum ich diesen meinen Beruf, den ich seit bald 20 Jahren ausübe, gewählt habe. Mein Vater sagte oft, dass eine körperliche Behinderung eines eigenen Kindes für ihn ganz schlimme Sache sei.

Ich bin diesbezüglich nicht abgestumpft, sondern pragmatisch geworden.
Ich tue, was ich kann für meine betreuten Menschen. Meine Kenntnisse, die beileibe nicht grossartig sind, helfen mir bei der Bewältigung des gemeinsamen Alltags. Ich schätze die Erfahrungen, die ich täglich mache und ich kann sagen, dass sie mich glücklich machen.

In der Begegnung in der eigenen Familie ist das anders.
Leiden macht mich unglücklich und ich spüre meine Ohnmacht sehr.
Ich will helfen und trösten und etwas tun, damit alles wieder gut wird.
In diesen Beziehungen bin ich noch immer kindlich und wünschte mir, ich könnte mit einem Kuss oder Trösten Tränen und Leiden wegwischen. Und der Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ ist zwar doof, aber leider stimmt er.

Vielleicht

Vielleicht war der Verlust meiner Mutter der heftigste meines bisherigen Lebens.
In meiner Mutter wollte ich mich nie erkennen und fand doch immer nur mein Spiegelbild.
Dass sie nun elf Jahre tot ist, erscheint mir manchmal etwas irreal. Es war erst gestern oder nie.

Meine Mutter war 56, als sie starb. Ich war 30, als ich mutterlos wurde.
Ich bin manchmal etwas neidisch, wenn ich andere Töchter mit ihren Müttern sehe.
Aber es macht mich jedes Mal auch glücklich, wenn ich den Stolz in den Augen einer Mutter entdecke.
Dann denke ich: Das ist so schön.

Ich weiss nicht wirklich, ob meine Mutter je stolz auf mich war.
Was ich in meinem Leben bis zu ihrem Tod anstellte, hinterliess sie immer etwas ratlos.
„Schreiben? Woher hast du das bloss? Wenigstens nicht von mir!“
Oder: „Ich könnte nie mit Behinderten arbeiten. Das bräche mir das Herz.“
Oder: „Du fährst Auto. Sowas könnte ich nie. Da hab ich Angst.“

Vielleicht war es aber auch so, dass sie gar keine Worte für ihre Gefühle fand.
Meine Omi schaffte das problemlos. Es gab bis zum Ende ihrer Erinnerung sehr viele Worte des
Stolzes. Das hat die beiden unterschieden. Omi konnte sehr lange ihre Emotionen ausdrücken, derweil es meine Mutter erst kurz vor ihrem Tod schaffte.

Herbstferien

Herbstferien bedeuten für mich Ausruhen, das schöne Wetter im Toggenburg geniessen, den Garten winterfest zu machen und die Gräber von Mami und Omi neu zu machen.

Etwas Gutes hat der schöne Sommer ja: Die Blumen blühen und die beiden Gräber brauchen noch gar keinen Allerheiligenflor, obwohl es in zwei Wochen schon soweit ist. Normalerweise habe ich um diese Zeit Mamis Grab neu gemacht. Es ist nur noch knapp eine Woche bis zu ihrem 11. Todestag.

Vor einigen Wochen ist unsere uralte Forsythie im Sturm umgefallen. Der Baum war bestimmt 50 Jahre alt. Er stand all die Jahre in jenem Blumenbeet neben dem Waschbärenstall. Alles hat seine Zeit und man kann sich fragen, wann die eigene abgelaufen ist.

Ich mag diese Zeit der bunten Farben, wenn die Blätter von den Bäumen fallen. Ich räume den Garten auf und verstaue alles, was wir den Winter über nicht mehr brauchen im Keller. Ich pflanze Tulpen und Narzissen und freue mich auf den Frühling, wenn sie ihre Köpfe aus dem kalten Boden recken. Die alten Rosen blühen noch immer und ich freue mich über jede Blüte wie ein Geschenk.

Vor sechs Jahren um diese Zeit bangte ich um Omi, die ins Altersheim ziehen würde. All das scheint mir elend weit weg und wenn ich nicht soviel darüber geschrieben hätte, wüsste ich es wohl nicht mehr.

Als meine Mutter im Sterben lag, telefonierten Omi und ich praktisch täglich. Wir waren beide durch den Wind und sehr traurig. Omi war der einzige Mensch, dem ich nichts vormachen musste. Wir wussten beide: Das ist nun das Ende. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass sie und ich Mami in den Tod begleitet haben. Omi und ich erlebten die Wochen vor Mamis Todestag jeweils sehr intensiv.

Das hat auch unsere restlichen gemeinsamen Jahre geprägt – bis Omi sich nicht mehr an meine Mutter erinnern konnte. Das war sehr schmerzhaft, denn es zeigte mir auf, dass menschliche Identität sich an den gemeinsamen Erinnerungen festmacht. Es tat mir weh, nicht mehr mit meiner Erinnerungsgefährtin reden zu können.

Doch all das hat auch etwas Gutes. Omis Demenz hat mich dazu gebracht, schreibend weiter zu denken, mich zu erinnern – und loszulassen. Das ist ein grosses Geschenk, trotz allem.