Altlasten

Lange habe ich in den letzten Jahren nach Mamis Schulheften gesucht. Als ich noch ein Kind war, durfte ich sie nämlich auf dem Estrich lesen. Ich liebte Mamis Aufsätze. Sie schrieb wirklich gut und vor allem sehr anschaulich. Ihre Schrift war gross, rund und offenbarte ihr grosses Talent zur Beobachtung. Heute sind diese Hefte allesamt verschwunden und ich bedauere es sehr. Ich wünschte, ich hätte sie vor der Entsorgung retten können.

Meine Mutter hat mir oft von den Misshandlungen erzählt, die sie, Jahrgang 51, in der Schule erdulden musste. Da war von Schlägen mit dem Massstab auf ihre Hände und zuhause Schläge mit Kleiderbügeln die Rede. Das hat mich immer sehr erschreckt.

Von der 1. bis zur 4. Klasse war ich nie von körperlicher Gewalt von Lehrern betroffen. Das lag aber vielleicht auch daran, dass wir damals schon weibliche Lehrpersonen hatten. Ab der 5. Klasse war alles anders. Ich habe es mehrere Male erlebt, dass geschlagen und herum geschrien wurde. Das hat mir immer sehr grosse Angst gemacht.

Mein heutiger Beruf macht mich sensibel für verbale und körperliche Gewalt. Ich wehre mich dagegen. Die Altlast von damals ist meine Kompetenz von heute.

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Sei.

In einigen Tagen, am 6. Mai, ist Omis 90ster Geburtstag. Ich hätte ihn so gerne mit ihr gefeiert. Sie fehlt mir sehr, besonders jetzt im Frühling.

Omi war bei meiner Geburt 49 Jahre alt, ein klein wenig älter als ich jetzt. Meine Mutter bekam sie mit 23 Jahren. Als ich 23 war, dachte ich gerade darüber nach, einen zweiten Beruf zu erlernen. Omi hat nie eine Lehre gemacht.

Ich gehe durch unser Haus. Es sieht nach uns aus. Doch immer wieder denke ich an sie, rieche ihren Duft. Frage mich, was sie von alledem hält, was wir hier so schaffen. Mein Omi. Alles ist anders, doch noch immer steckt viel von ihr in diesen Wänden.

Mein Berufsleben hat sich irgendwie verändert. Immer wieder werde ich angefragt, über unsere Erfahrungen mit Demenz, meine Erlebnisse als Angehörige zu erzählen. Ich denke: ich bin doch erst 40 Jahre alt. Demenz ist doch so weit fort von allem, in meinem Alter.

Omi sagte so Dinge wie: „Es ergibt sich immer ein Weg. Du brauchst nur den Mut, ihn zu gehen. Du bist nie alleine.“

Die Erfahrung, zwei Menschen bis in den Tod zu begleiten, hat mich nachhaltig verändert. Ich bin nicht mehr die Gleiche. Vielleicht bin ich heute mehr den je die Person, die ich sein werde.

Winter im Frühling.

Ich habe längere Zeit nichts mehr geschrieben, was nicht bedeutet, dass nichts in unseren Leben passiert ist. Der Winter ist wieder über das Toggenburg hereingebrochen, es liegt Schnee. Der Garten schläft weiter. Wir füttern weiterhin die Vögel um unser Haus.

Ich arbeite viel. Ich mag meine Arbeit. Aber ich würde auch gerne (mehr) Zeit haben, zu schreiben. Die hab ich nicht. Schreiben ist eine Sache, die geistige Freiräume verlangt. Auch im Hinblick auf meine Diplomarbeit im Juli hab ich die grad echt nicht. Ich stehe auf. Arbeite. Komme heim. Esse. Schlafe. Stehe wieder auf.

Unsere Katze wird bald 16 Jahre alt. (Das ist zwar nur eine grobe Schätzung, denn ich weiss echt nicht, wie alt sie ist. Ich hab sie 2002 in Boswil in der Kirche gefunden). Sie hatte im November einen Abszess am Kinn und reisst sich immer mal wieder Fellhaare aus. Ich fühle mich für sie sehr verantwortlich, denn sie hat mich, seit ich 25 Jahre alt bin, durch mein Leben begleitet. Ich habe Angst, sie zu verlieren, denn ich habe sie sehr gerne.

Die Katze hat mich 2007 auch zu Mami begleitet, als diese im Sterben lag. Meine Mutter freute sich riesig über die Katze, besonders weil sie eine schwarze Katze war. Negi, unser schwarzer Familienkater starb 2003. Er und Mami waren immer ein Herz und eine Seele.

Ich bin sehr glücklich, dass ich weiterhin Kontakt zum tschechischen Teil meiner Familie pflegen kann. Besonders glücklich hat es mich gemacht, dass sie mich zu ihrem Familienstammbaum hinzugefügt haben. Sie sorgen aktuell dafür, dass ich weiter über meine Urgrosseltern forschen kann. Ich habe noch so viele Fragen.

Das Telephonat

Ich kriege selten noch Anrufe aufs Festnetz, weil praktisch keiner mehr von jenen lebt, die es gerne und häufig benutzt haben. Meine Nummer hatten lediglich meine Eltern, Omi Paula und – Mamis Freund W.

Heute abend nun ruft W., nach über zehn Jahren – unverhofft – an. Es ist so viel Zeit in unserer beider Leben vergangen. Er verlor vor zehn Jahren die langjährige Freundin, ich die Mutter.

Ich bin erstaunt, dass er ausgerechnet mich anruft, doch ich freue mich. Ich lächle am Telefon. Meine Mutter hatte ihn furchtbar gern. In ihren Tagebüchern schreibt sie immer wieder über ihn. Ist es überheblich, dass ich mich für sie freue?

Für einen Moment tauchen mir die Bilder ihres Sterbens vor meinem Augen auf. Meine Mutter, die röchelnd da liegt. W., der hilflos und trauernd neben mir sitzt. Ich, die spüre, dass nun alles anders wird, dass kein Stein auf dem andern bleibt. Wie ich die ganze Nacht neben ihr wache, sie loslassen muss, obwohl ich es jetzt gar nicht mehr will.

Wir sprechen über vieles; ihren Tod, ihre letzten Jahre mit ihm und die Tatsache, dass sie ihn an Svens Grab mitnahm. Das konnte ich fast nicht glauben, denn sie hat mir gegenüber alles abgewehrt, was mit meinem Bruder zu tun hatte. W. gegenüber aber zeigte sie sich offen. Er beschreibt mir seine Hilflosigkeit im Umgang mit ihrer Trauer und ich denke: Auch du. Willkommen im Club.

Wir reden und reden und er rechtfertigt sich, dass er mich angerufen hat. Er sagt, er hat Mami versucht die Welt zu zeigen, auch wenn sie am 2. September 2001 in Wien für sie beide endete. Sie war 50 Jahre alt und danach ging die Welt beinahe unter und 6 Jahre später ist sie tot. Er war damals 65 Jahre alt und die besten Jahren erwarteten ihn noch. Er liebte sie und hatte seit ihrem Tod keine neue Beziehung mehr angefangen.

Er erzählt mir, eine alte Freundin meiner Mutter wollte Omis Grab besuchen und fand es nicht. Ausgerechnet! Omis Grab liegt zwei Meter von Mamis Grab entfernt! Lappi!

Da ist all die Jahre ein Mensch da, der an dich gedacht hat.
Der noch immer deinen Namen weiss, der wenig vergessen hat.
Der mit deiner Mutter am Grab deines Bruders war und seinen Namen noch weiss.
Der deinen Beruf kennt.
Der weiss, dass du irgendwo da draussen bist.
Der einige Tage nach seinem 75sten einfach deine Nummer wählt, weil er sie vor über 10 Jahren aufgeschrieben hat und sie immer aufbewahrt hat.

Als ich von zuhause wegging

Im Sommer 1993 begann ich mein Au-Pair-Jahr in Nyon. Ich weiss bis heute nicht genau, was mich dazu getrieben hat. Vielleicht war einer der Gründe, dass ich meine gewünschte Lehrstelle als Buchhändlerin nicht bekommen hatte. Stattdessen hatte ich für 1994 eine Zusage für die beste Lehrstelle der Welt in einer kleinen Frauenfelder Confiserie erhalten.

In der Sekundarschule war ich keine Leuchte in Französisch. Es fiel mir aufgrund verschiedenster Umstände schwer und ich fühlte mich ungenügend. Meine Liebe galt Deutsch. Von mir aus hätte es fünf Tage die Woche Deutsch- oder aber Geschichtsunterricht geben können. Ich wäre glücklich gewesen.

Der Entscheid, in die Romandie zu fahren, war ein Versuch, mich meinen Schwächen zu stellen. Unbewusst bin ich wohl auch vor meiner Mutter geflohen. Mitten in der Pubertät wollte ich nur noch weg von zuhause und mein Leben leben. Ich war 16 Jahre alt und fühlte mich bereit für die grosse weite Welt. In Nyon war ich nurmehr „la petite Thurgovienne“. Das gefiel mir nicht schlecht.

Ein Jahr lang lebte ich in einem kleinen Dorf bei Nyon, schaute für zwei Kinder, putzte ein wenig und ging zwei Mal pro Woche in den Französisch-Unterricht. Schon nach kurzer Zeit war mir klar, dass ich das Französisch-Diplom in Annemasse machen wollte. Monate des Übens lagen vor mir. Die Auseinandersetzung mit der Grammatik, der französischen Literatur und des französischen Films begeisterten mich. Meine Erfahrungen in der Sekundarschule waren mit einem Mal vergessen. Ich bemerkte, wie schnell ich lernen konnte und das machte mich stolz und glücklich.

Ich hielt intensiven Briefkontakt mit Omi Paula und meiner Mutter. Zur gleichen Zeit zerbrach die Ehe meiner Eltern. Als ich aus der Romandie zurückkehrte, war meine Mutter ausgezogen und mein Vater zog mit seiner Freundin zusammen. Zum ersten Mal erlebte ich ihn wirklich glücklich.

Ich aber tat mich anfangs schwer, mich wieder einzuleben. Ein Jahr lang hatte ich nur noch Französisch gesprochen, sogar auf Französisch geträumt. Zurück in der thurgauischen Pampa war alles anders. Ich konnte nicht mehr schreiben. Ich hatte mich meiner Familie entfremdet und fühlte mich als Aussenseiterin. Glücklicherweise konnte ich am 2. August 1994 meine Lehre beginnen, so dass sich schnell wieder alles zum Guten wandelte.

Mutterschaften

Bei Diskussionen über Mutterschaft fühlte ich mich lange Zeit aussen vor. Ich habe keine Kinder und bin nicht unglücklich darüber.

Meine Mutter pflegte während meiner pubertären Schübe jeweils zu rufen: „Du wirst nochmals an mich denken, wenn du selber Kinder hast! Ha!“ Vor einigen Monaten geriet ich in eine hitzige Diskussion mit einer sehr jungen Person. Plötzlich kamen mir Mutters Worte wieder in den Sinn.
„Ja, Mutter“, so dachte ich, „du hast recht. Ich entkomme dir nicht!“

Schon mit dreissig Jahren war ich in einer ähnlichen Situation. Meine Mutter, schwerkrank im Pflegeheim, Leberzirrhose, konnte sich kaum bewegen. Sie hatte einen Wasserbauch. Ihr Leben würde nicht mehr lange dauern. Die Pflegende rief mich an, weil meine Mutter unbedingt abhauen und „Autostöppeln“ wollte. Sie war durch nichts und niemanden zu bremsen. Also musste ich, die Tochter mit ihr reden.

Das Gespräch dauerte nicht lang, doch ich bemerkte sofort, dass meine Mutter nicht mit mir, der Tochter, sondern mit meiner Oma redete. Sie benahm sich wie ein Teenager und war recht angriffig. Ich blieb ruhig und konnte meine Mutter so abhalten, „abzuhauen“. Danach weinte ich.

Da war die Arbeit an meinen Büchern. Das erste Buch war eine schwere Geburt und ich war umso stolzer, als es da war. Das zweite Buch hingegen war leicht. Ich war nicht angestrengt und überglücklich, als ich es zum ersten Mal in Händen hielt. Jeder, der schreibt, weiss, dass der Prozess des Schreibens viel von einem abverlangt. Das Resultat ist das, was am Ende zählt.

Eine weitere Mutterschaft erlebte ich mit Omi. Die letzten Jahre ihres Lebens wurde sie kindlicher und ich fühlte mich für ihr Wohlergehen verantwortlich. Oftmals sah sie in mir ihre Mutter. Am Ende ihres Lebens konnte sie nicht mehr sprechen und ich hatte den Eindruck, als würde ich nun ein sehr altes und gleichzeitig junges Lebewesen loslassen müssen.

Mutterschaft ist eine relative Sache. Man braucht dafür weder Geschlechtsorgane noch Babywindeln. Man braucht nur ein Herz.

Wut

Ich sah heute auf Facebook den Anfang eines Videos, in dem eine weinende ältere Frau zu sehen war. Das Video stammte von einer amerikanischen Alzheimer-Seite. Ganz im Ernst? Es hat mir wehgetan und mich stinksauer gemacht.

Ich glaube nicht daran, dass wir Angehörigen das Leiden unserer demenzkranken Eltern, Grosseltern oder Partner vermitteln können, indem wir einfach jene Momente filmen, in denen es ihnen schlecht geht. Es ist entwürdigend, so wie die ganze Krankheit entwürdigend für einen Menschen sein kann.

Man(n) hat mir mehr als einmal vorgeworfen, ich würde „zu intim“ über die Krankheit schreiben. Im Gegensatz zu einer Filmaufnahme sind meine Texte nur Wörter. Es sind meine Worte und die Art und Weise, wie ich ihre Krankheit wahrnahm und verarbeitete. Aber es zeigt nicht auf, wie es ihr wirklich ging, was sie sagte oder ausdrückte.

Es gab viele Situationen, in denen Omi weinte, verzweifelt war oder aber schimpfte, weil sie nicht mehr einordnen konnte, was um sie herum passierte. Das letzte und abgefuckteste, was man in einer solchen schlimmen Situation einem Menschen antun kann, ist, eine Handykamera aufs Gesicht zu halten und zu filmen.

Der menschliche Kontakt, die Kommunikation, die Liebe macht uns zu dem, was wir sind. Das bleibt und das hilft schlussendlich auch, wenn ein Mensch alles vergisst.