Frühling

Ich mag diese Tage vor Ausbrechen des wahrhaften Frühlings, wenn fast alles noch schläft, aber der Schnee bereits geschmolzen ist. Ich mag die erwachenden Bäume, liebe die ersten Blumen, die ihre Köpfe farbenfroh in die Sonne recken.

Das Licht. Die Wiese. Das erste Mal barfuss laufen. Den Muschelplättchen zuhören, wie sie im Wind klimpern. Draussen rauchen. Den ersten Schnittlauch ernten. Die Forsythie, die im Sturm fiel, betrauern. Nie mehr ihre gelben Blüten sehen.

Der Frühling fühlt sich immer wieder wie eine erste Liebe an. Der Frühling ist zaghaft, vorsichtig und gleichzeitig voller Leidenschaft. Er verspricht so vieles, was im Laufe des Jahres passieren wird.

Auf meinem Tisch krabbelt ein seltsamer, grosser brauner Käfer. Er sieht aus, als wäre er viele tausend Jahre alt. Er steht da und und lässt sich den Wind über den Panzer wehen. Er bewegt sich langsam fort, als wäre er ein seltsames, aus der Zeit gekommenes Schlachtschiff.

Langsam geht die Sonne unter und es wird kühler. Ich geniesse jeden Sonnenstrahl, die Wärme und möchte am liebsten nur noch draussen sein. Der Wind bläst durch den Garten und erinnert daran, dass noch nicht Frühling ist. Aber bald.

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Die Katze und ich

Sie ist seit 2002 an meiner Seite und ich empfinde sie als eine Art Freundin und Weggefährtin: Dreizehntel ist meine norwegische Waldkatze

Ich habe sie damals in einem aargauischen Dörfchen getroffen. Vielleicht haben wir uns auch gegenseitig gefunden. Ich erinnere mich noch ganz genau an unsere erste Nacht im Künstlerhaus Boswil.

Sie war schon anfangs ein wenig chaotisch. Sie und ich. Ich und sie. Sie ist meine absolute Traumkatze. Ich liebe schwarze Katzen. Ich liebe ihre gelben Augen.

Irgendjemand sagte mir: Gell, das ist bestimmt eine Angora-Katze. Das war wohl nur, weil sie so fellig daher kam. Unter ihrem Fell ist und war sie nämlich immer ein furchtbarer Hungerhaken.

Als meine Mutter anno 2007 im Sterben lag, äusserte sie den Wunsch, dass ich die Katze mit zu ihr ins Pflegeheim nehme. Ich hatte grossen Respekt davor. Ich wusste nicht, wie die beiden aufeinander reagieren würden. Schlussendlich kam es sehr gut: Dreizehntel ist eine sanfte, neugierige und sehr verfressene Katze und meine Mutter war willens, ihr viele Leckerli zu schmeissen.

Meine Katze war nach dem Besuch bei meiner Mutter sehr erschöpft. Auch ich war am Ende meiner Kräfte. Ich erinnere mich noch gut, wie ich jeweils mit meiner Katze auf dem Bauch auf dem Sofa eingeschlafen bin

Meine Katze ist jetzt 17 Jahre alt. Ich schätze sie sehr und kann mir ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen, auch wenn ich weiss, dass unsere gemeinsame Zeit wohl bald ein Ende hat. Ich habe noch nicht einmal mit meinen Eltern so lange zusammen gelebt, wie mit ihr. Von den Männern in meinem Leben ganz zu schweigen.

Ich schätze ihre Art, ihren Charakter sehr. Sie ist ein zielstrebiges, authentisches Lebewesen. Mit ihr zu leben ist ein Privileg. Sie ist die Summe aller Katzen in meinem Leben.

Der Stolz meines Vaters

Schon als kleines Mädchen war mir der Stolz meines Vaters das wichtigste. Er war wichtig. Ich bewunderte meinen Vater, denn er war gross und stark.

Mein Vater ist ein Bauernsohn und ich trage seinen Namen mit grossem Stolz. „Debrunner“ ist ein alter thurgauischer Name und ich konnte mir nie vorstellen, dass ich jemals heirate und diesen meinen alten Namen gegen einen anderen eintausche.

Es gibt verschiedene Übersetzungen. Einer, der mir am besten gefällt, lautet: Debrunne(r) bedeutet Hirschtränke. Ich mag Hirsche.

1979 wurde mein Bruder Swen geboren und starb wenige Tage nach seiner Geburt. Für meine Eltern war das eine totale Katastrophe. Meine Eltern waren sehr traurig. Für sie brach eine Welt zusammen. Noch Jahre später überlegte ich mir, wie ich meine Eltern über diesen Verlust trösten könnte. Ich war die älteste Tochter und gab mir Mühe, ihnen Freude zu bereiten.

Als ich 8 Jahre alt war, diagnostizierte unser Hausarzt eine beidseitige Hüftdysplasie. Ich verstand nun endlich, dass und warum ich mich anders bewegte als andere Kinder in meinem Leben. Die darauf folgenden Jahre waren schwierig. Ich erlitt viele Schmerzen aufgrund der Operationen. Ich kann diese gar nicht beschreiben, denn es ist mir auch heute noch unklar, warum ich überhaupt so starke Schmerzen erlitt und warum die Schmerzmedikation bei Kindern nicht wirklich wirksam war.

Papi hat immer wieder versucht, mich aufzumuntern. Er hat sich nie anmerken lassen, wie sehr es ihn beschäftigte, dass ich Schmerzen habe. Als ich dann wieder anfing zu laufen, bereitete ihm dies Freude. Also gab ich mir noch mehr Mühe, denn ich wollte, dass er auf mich stolz sein kann.

Auch später in meinem Leben war es mir wichtig, dass ich ihn aufmuntere. Ich legte gute Prüfungen ab, lernte leicht und versuchte, gut zu sein. Er sollte auf mich stolz sein können. Denn im Gegensatz zu meinem Bruder, der der Stolz meiner Familie sein sollte, lebte ich. Swen war tot und das ist meines Wissens der einzige Fehler, den er je hatte.

Nun bin ich 41 Jahre alt. Ich lebe mein Leben. Ich trauere noch immer um meinen Bruder und um all die anderen, die vor mir gegangen sind. Es ist mir wichtig, dass mein Vater stolz auf mich sein kann. Ich mag es, mit ihm über mein Leben zu reden. Und ich mag es noch mehr zu hören, wie er sein Leben erlebt.

Machs gut, lieber Rudi

Vergangene Nacht starb Rudi. Er wurde 90 Jahre alt.

Ich habe Rudi nie getroffen, doch über Twitter waren wir über fünf Jahre lang befreundet. Er hat mich herzlich unterstützt, sei es in meinem Schreiben oder während Omis Demenz.

Als ich „Lavinia Morgan“ überarbeitete, hat er mich immer wieder via PN und Mail motiviert, weiter zu machen, (mich und das Buch) nicht aufzugeben. Auf das fertige Werk (und mich) war er dann sehr stolz.

Es hat mich sehr gerührt, dass er mich als „Enkelin“ bezeichnet hat. Das geschah in einer Zeit, in der mich meine Omi vergessen hatte. Es tat gut, einen Menschen aus ihrer Generation da zu wissen. Er hat Twitter für mich zu einem guten Ort gemacht. Seine Menschenfreundlichkeit und seine Begeisterungsfähigkeit werde ich nie vergessen.

Rudi gehörte zu meinem literarischen Freundeskreis: Wie oft hat er mir und meiner Familie mit seinen schön formulierten, liebevollen Kommentaren eine Freude gemacht! Er hat mich getröstet, als Omi im Sterben lag. Er tat dies aus der Warte des weisen alten Mannes, ohne jemals arrogant zu wirken. Rudi muss sehr viel erlebt haben; verbittert war er aber nicht.

Die letzten Monate habe ich nichts mehr von ihm gelesen. Ich ahnte, dass er sich nun auf seinen letzten Weg machen würde.

Lieber Rudi, ich wünsch dir eine schöne Reise und grüss all jene, die ich vermisse. Danke für alles!

20 Jahre

Gestern vor 20 Jahren habe ich als Praktikantin in einer sozialen Institution im Kanton Thurgau angefangen. Es kommt mir nicht so lange vor. Und doch ist so vieles passiert.

1998 hatte ich bereits 2 Jahre in einem Verkaufsgeschäft gearbeitet. Ich liebte diese Tätigkeit, die Beratung von Kunden, das Auffüllen von Regalen, Vitrinen schön einzurichten. Eine Freundin meinte schliesslich zu mir: „Und das willst du jetzt bis zur Pension machen?“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Die Freundin sagte: „Begleite mich mal zu meiner Arbeit und mach dir selber ein Bild.“ Sie war Sozialpädagogin in Ausbildung und so ging ich mit.

Ich hatte bis dahin wenig Kontaktmomente mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Ich kannte zwar einige Leute vom Sehen, doch tiefer gingen diese Begegnungen nicht. Meine Freundin motivierte mich, mich als Praktikantin zu bewerben. „Du wirst schnell sehen, ob es dir gefällt oder nicht. Zurück kannst du immer wieder.“

Und so bewarb ich mich in drei Institutionen. Die ersten zwei Bewerbungsgespräche waren desaströs und ich bin heute noch froh, dass ich in jenen zwei Institutionen nie gearbeitet habe. Das dritte hingegen war schön. Ich durfte eine Wohngruppe für Erwachsene besuchen und fühlte mich sofort wohl. Vier Monate später würde ich meinen Dienst als Praktikantin aufnehmen.

An meinem Arbeitsplatz, einem Lebensmittelgeschäft, sorgte mein Entscheid zu kündigen und „mit Verrückten zu arbeiten“ für einigen Aufruhr. Meine Chefin beschied mir, dass dies eine vollends blöde Idee wäre und ich würde schon sehen, wie es mir dort erginge. Der Chef hingegen verabschiedete mich an meinem letzten Arbeitstag mit einem Blumenstrauss, einem Händedruck und seinem Respekt für meine Entscheidung. Das hat mich sehr gerührt.

Und so startete ich am 1. Februar 1999 in einem mir bis dahin völlig fremden Arbeitsbereich. Ich lernte Menschen zu pflegen, ihnen beim Essen behilflich zu sein, medizinische Hilfe zu leisten, sie in Krisen und Freuden zu begleiten, sie in ihrer Freizeitgestaltung zu unterstützen und vieles mehr.

Ich habe nicht gezählt, wie viele Menschen ich in den 20 Jahren kennenlernen durfte. Es waren nicht wenige. Zu Herzen gingen mir jene Beziehungen, die anfangs nicht leicht waren, wo sich Menschen weiter entwickelten oder ich den letzten Weg begleiten durfte.

Vieles hat sich in meiner Arbeit geändert. Heute, im Gegensatz zu vor 20 Jahren, schreiben wir Berichte und Tageseinträge am PC und nicht mehr von Hand. Doch etwas ist gleich geblieben: Im Zentrum unserer Arbeit steht der Mensch mit seinen Wünschen, Bedürfnissen und Zielen.

Gestern mittag dachte ich schliesslich: Du hast dich vor 20 Jahren richtig entschieden, dass du hier in dieser Institution angefangen hast zu arbeiten.

Als ich vor einigen Jahren mit Omi die Schränke und Bücherregale im Haus durchsah, fiel mir ein Buch meiner Uromi Anna in die Hand. Es war ein Buch über die Pflege von behinderten Kindern. Damals wusste ich noch nicht, dass Anna vor meinem Opa schon ein Kind gehabt hatte, Nelly. Nelly starb noch vor Opas Geburt und keiner weiss heute mehr, wer sie war.

Vielleicht hat Anna das Buch gekauft, weil Nelly mit einer Behinderung auf die Welt gekommen war. Einmal mehr fühlte ich mich meiner Uromi Anna, die 30 Jahre vor meiner Geburt an Brustkrebs verstarb, nahe. Man lebt immer nur das eigene Leben. Aber manchmal fliessen Lebenslinien von früher ins eigene Dasein, damit man sich weiter entwickelt und das zu Ende bringt, was einem anderen vielleicht nicht vergönnt war.

Vom Kämpfen und der Poesie der frühen Kindheit

Ich war ein sehr schlagkräftiges Kind, wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte. Ich wollte rennen, kämpfen, mich prügeln wie ein Junge. Ich kann mich erinnern, dass mich damals in der Kinderkrippe, ca 1981 ein Mädchen so geplagt, immer wieder genervt hat, dass ich ihr einfach eins runtergehauen habe. Danach musste meine Mutter brav antraben und sich rechtfertigen, warum ihre Tochter derart aggressiv war. Ich bekam schlimme Schimpfe, derweil das Mädchen, dessen Namen ich nie vergessen habe, mit ihrer Intrige durchkam.

Ich bin überhaupt aufgewachsen wie ein Junge. Ich kletterte herum auf Bäumen, watete durch Bäche und machte mich mit meinem geliebten Kindergartenfreund Matthias auf Entdeckungstouren. Irgendwie war nichts gefährlich genug. Damals dachte ich, und ich war vielleicht sechs Jahre alt: den Matthias, den heiratest du einmal. Wenn ich ihn ansah, konnte ich mir vorstellen, wie es ist, mit einem Menschen zusammen zu sein, Kinder zu haben und glücklich zu sein.

Ich hatte keine Idee, was Heiraten bedeutet, damals als Kind. Auf Matthias‘ Grab bin ich 1995 gestossen, als ich das Grab meines Bruders besuchte. Doch die Idee, die ich damals als Kind schon hatte, nämlich dass Beziehung durch gemeinsames Bestehen von schwierigen Situationen besteht, dass man sich unterstützt, sich gerne hat, gleich was passiert, das stimmt noch immer für mich.

Jetzt bin ich 41 Jahre alt und irgendwie ist alles noch gleich: die Gefühle, der Instinkt, die Liebe zu anderen Menschen. Aber ich vermisse Matthias und all das, was er damals für mich bedeutet hat, als ich noch ein Kind war. Ich vermisse seine Schwester A., die ich anno 2000 aus den Augen verlor, und die mir eine so gute Freundin in turbulenten Zeiten war. Manchmal denke ich zurück an jenen Flecken meiner Kindheit, wo die grosse alte Weide und die Buche standen und die Treppe zum Hüslibach, wo der Tintenfischbach auf mich wartete.

Gedankensplitter 2006

Vor 12 Jahren um diese Zeit erreichte mich der Anruf meiner Schwester. Sie hatte grosse Angst und ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Sie beschrieb mir, dass sie nicht mehr essen und trinken konnte, dass sie umgeben sei von Menschen, die ihr Schlechtes wollten, die sie vergiften wollten. Sie wollte, dass ich am Heiligabend mich sofort in mein Auto setze, damit ich sie an ihrem Wohnort, 200km von hier, abholen würde.
Ich riet ihr, sich in einer psychiatrischen Ambulanz zu melden, denn ich hatte den Eindruck, dass sie gerade in einer psychotischen Episode steckte.

Ich war damals 29 Jahre alt und grenzte mich ihr gegenüber ab. Ich hatte das Gefühl, dass ich ihr als Einzelperson nicht helfen konnte. Dieses Erlebnis verfolgt mich noch heute, denn manchmal frage ich mich, ob ich irgendwie hätte anders reagieren können. Ob es an dieser Abzweigung des Lebens einen anderen Weg gegeben hätte.

Wenige Tage später lebte meine Schwester in einer psychiatrischen Klinik und ich war gottverdammt erleichtert. Ich war froh, dass sie nicht mehr alleine war, dass sie nun medizinische Hilfe hatte. Ich hatte Hoffnung, dass es ihr bald besser gehen würde und sie bald wieder die alte sein würde.

Das tat es natürlich nicht.
Eine solch schwerwiegende Erkrankung geht nicht einfach weg. Sie braucht Zeit und Sorgfalt. Meine Schwester lebte wieder ausserhalb der Klinik. Ich versuchte, ihr beizustehen, aber das war nicht leicht. Einige Zeit später ging es ihr wieder schlechter und ich wurde von ihrem damaligen Freund gebeten, etwas zu unternehmen, damit sie nicht stirbt. Er hatte Angst, dass sie verhungert, erfriert oder sich suizidiert. Er sagte, wenn ich nichts unternehmen würde, würde sie wohl sterben.

Als grosse Schwester habe ich versucht, ihr zu helfen. Ich unterstützte ihren Freund, damit er sie per FFE wieder in jene psychiatrische Klinik einweisen konnte. Ich wusste nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Sie war, nachdem sie es erfuhr, sehr wütend auf mich und lehnte es ab, je wieder mit mir zu sprechen. Aber ich war nur froh, dass sie noch lebte.

Ich weiss auch nach 12 Jahren nicht, was mich all dies hätte lehren sollen. Ich stehe ohnmächtig da, im Wissen, dass ich meiner eigenen Schwester nicht helfen kann, obwohl ich es doch so gerne möchte. Ich bin wütend und traurig und fühle mich nichtsnutzig.

Mir fällt ein Wort meines Opas ein, welches er wenige Tage vor seinem Tod, 1997 an mich gerichtet hat: „Lebe dein Leben.“

Ist das die Antwort aller Antworten?