Meine Mutter, die Lieder und ich

Meine Mutter war in jungen Jahren die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Sie hatte dunkelbraune Haare, olivbraune Haut, dunkelbraune Augen. Sinnliche, aussergewöhnliche Lippen. Sie war grossgewachsen. Sehr lange Beine.

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Meine Mutter war wunderschön.
Sie hat damals keinen Hehl daraus gemacht, dass ich ihren Ansprüchen nicht genügte, meine Schwester hingegen schon. Ich war das klassische hässliche Entchen. Und verdammt: das Märchen vom schönen Schwan hab ich geliebt, weil es diametral von mir entfernt war.

Meine Mutter wurde langsam älter und ich weniger hässlich.

Und dann wurde sie krank. Ihr Gesicht färbte sich gelb, während ich immer blasser wurde. Wir unterhielten uns über die Liebe, die Männer und das Stricken. Über unsere Lieblingsfilme. Unsere Songs. Die Lieblingsfarben.

Als sie starb, musste ich mich auf Lieblingslieder für den Gottesdienst beschränken. Ich wählte jene Lieder, bei denen wir gemeinsam weinten.

Ave Maria

wonderful world

somewhere over the rainbow

und am Ende:

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Über Verantwortung, fehlende Zeit und ein schlechtes Gewissen

Wer nun denkt, dass man sich als Angehöriger zurücklehnen kann, wenn der alte Mensch im Pflegeheim wohnt, hat sich geschnitten. Nun geht es erst richtig los.

Da ist zuerst einmal das Haus oder die Wohnung, für die man sorgt oder auflösen muss. In unserem Fall ist es so, dass Paula ein eigenes Haus besitzt. Dieses hüte ich. Das bedeutet, dass ich bei jedem Besuch bei Paula vorher kurz vorbei fahre und schaue, ob alles in Ordnung ist.

Ich gehe noch jedes Mal für Paula einkaufen, denn obwohl sie im Altersheim alles kriegt, was sie will, braucht sie doch ihre eigenen Sachen. Sie will ihre Früchteschale mit ihren Lieblingsäpfeln, Bananen und Orangen. Sie will ihre Lieblingsmeringues und die Schümli aus der Migros haben. Und Schoggi. Falls mal jemand zu Besuch kommt. Paula trinkt fürs Leben gern Incarom. Den gehe ich ebenfalls kaufen. Und dann mag sie nur Gonfi ohne Körner drin, weil die sonst unter ihrem Gebiss kleben bleiben könnten und das hasst Paula.

Paula braucht neue BH’s, da sie so stark abgenommen hat, während sie zuhause lebte. Ich soll mit ihr in die Nachbarstadt fahren und neue kaufen. Auch damit fühle ich mich überfordert. Sie kann nicht mehr als eine halbe Stunde herumlaufen. Ihre Arme tun ihr weh. Wie sollen wir da BH’s ausprobieren? Ich entscheide mich dafür, mich von meiner Stiefmutter beraten zu lassen. Als Fachfrau hat sie das richtige Auge.

Die Frau, die Paulas Finanzen verwaltet, kommt offensichtlich nicht regelmässig vorbei. Paula hat bisher keinen Beistand. Auch die Klärung dieser Situation scheint meine Aufgabe zu sein, zumindest aus Sicht der Pflegenden. Diese Sache liegt mir schon lange auf dem Magen. Ich gebe es zu, es überfordert mich. Ich, die Enkelin. Aber sonst ist ja niemand mehr da.

Dann ist plötzlich Paulas Telephon defekt. Auch das ist meine Aufgabe. Ich besorge entweder neues oder versuche es zu flicken. Sascha bringt das Kunststück fertig. Glück gehabt.

Paula wünscht sich, mal wieder in ihr Haus zu gehen. Aufgrund der Wetterverhältnisse war dies aber nicht möglich, da der Weg zum Haus recht steil ist und ich nicht so nahe mit dem Auto ranfahren kann. Die Pflegenden würden ja gerne mit ihr dorthin gehen, aber leider haben sie dazu keine Kapazität. Also ist es mein Job. Ein freier Tag, der dafür drauf geht. Geplant ist er für übernächste Woche. Dann ist hoffentlich auch der Schnee ganz weg und Paula kann gefahrlos ins Haus laufen.

Es bleibt spannend.

kommunikation ist glückssache

wie schon vor einem monat gibt es bei einem altersheimeintritt sehr viele probleme, aber auch helfer.

als ich vor bald zwei jahren mit der spitex eine unterstützung für paula zum erledigen ihrer finanziellen dinge suchte, war ich froh, dass ich schnell hilfe bekam. herr muheim, mitarbeiter des gemeinnützigen vereins x, kam vorbei und erklärte paula, sascha und mir, wie wir vorgehen sollten. für paula war es damals noch klar, dass ich ihre finanziellen belange übernehmen sollte. ich wusste, dass ich das nicht wollte. herr muheim versprach, dies für die ersten monate zu übernehmen.

vor über einem halben jahr übergab er sein ämtli dann an seine mitarbeiterin frau ganzgenau. man kann seit dem letzten erlebnis sagen, dass frau ganzgenau und ich das heu nicht auf der selben bühne haben. gestern schickte mir sascha ein sms, dass frau ganzgenau mich anrufen würde. sie hatte ihm nicht sagen wollen, warum es ging, obwohl er ihr gesagt hatte, ich sei in einem seminar.

frau ganzgenau rief mich dann auch mitten im mittagessen an und kam sehr schnell auf den punkt.
„im oktober wurden vom konto ihrer grossmutter 300.- abgehoben. ich finde keinen beleg.“
ich zucke kauend die schultern.
„keine ahnung.“
„da muss aber eine quittung vorhanden sein.“
„ich weiss es nicht.“
„ihre oma kann sich an nichts erinnern.“
ich antworte nicht: logo, sie hat ja auch eine demenz, sondern kaue weiter.
„haben sie geld abgehoben?“
„wie bitte?“
„waren sie auf der bank und haben das geld genommen?“
eine leise welle von wut steigt in mir hoch.
„nein. das habe ich nicht.“
„haben sie vielleicht geld für den umzug genommen?“
die leise welle verwandelt sich in einen sturm. ich kriege einen roten hals. ich bin stocksauer. ich habe es bisher in meinem leben nicht nötig gehabt, das geld meiner 84jährigen oma zu klauen.
mühsam schlucke ich die wut runter und antworte:
„nein.“
frau ganzgenau stutzt und meint:
„irgendjemand muss das geld geholt haben. und ihre oma war nicht alleine dort.“
ich gebe ihr recht, verweise auf die spitex, die ich mal drum gebeten habe.
frau ganzgenau grummelt und meint:
„dann frag ich die.“
wir hängen auf.

ich unterbreche dann das essen und gehe an die frische luft. ich bin sehr, sehr, sehr wütend. das hat mir doch noch keine gesagt. ich verspüre grosse lust, einen kleinen schneemann zu zertrümmern, tue es aber nicht. ich informiere sascha.

fortsetzung folgt.