Unterwegs

Schon seltsam. Ich fahre mit dem Zug durch den Thurgau. Das letzte Mal hab ich das getan, als Omi starb und es viel schneite. Ich lasse mein Auto heute erneut stehen. Am Freitag kann ich mein neues, voralpentaugliches Gefährt abholen. Bis dahin mag ich mich von dem verdammten Schnee nicht mehr stressen lassen.

Alles um mich herum blüht. So mag ich meine alte Heimat am liebsten. Der Duft der Apfelblüten ist der Geruch meiner Kindheit.

Omi und ich fuhren gerne miteinander im Zug. Damals durfte man nämlich noch rauchen und es gab keine Smartphones. Wir unterhielten uns stundenlang und entdeckten gemeinsam wundersame Dinge durchs Fenster.

In Wil fällt mein Blick in Richtung Iddaburg.
Dort haben Opi und Oma vor 65 Jahren geheiratet.
Omi und ich waren nie gemeinsam da. Der Ort hat auf mich eine magische Ausstrahlung.
Die Sicht von dort oben ist atemberaubend und ich fühle mich nach jedem Besuch frei und ruhig.

Ich muss da unbedingt mal wieder hin.

Gräbli-Frühling

Heute weht ein warmer Wind. Es ist sonnig in meinem Toggenburg und ich wage nach dem Frühdienst den Gang auf den Friedhof.

Omis Grab will bepflanzt werden. Das hab ich ihr versprochen. Vor zehn Jahren, als Mami starb, meinte Omi mehr als einmal: „Gell, ich bestell dann für mein Gräbli den Gärtner. Nicht, dass du das auch noch machen musst.“

Damals lebte ich noch im Thurgau und Omi machte sich Sorgen wegen der langen Fahrzeiten. Zudem wollte sie ein schönes Gräbli und nicht eines, das ungepflegt aussieht. Omi schaute mir mehr als einmal genau zu, wenn ich Mamis Grab bepflanzte. Und irgendwann sagte sie: „Gell, du machst dann meines auch. Du kannst das so gut.“

Und nun steh ich da und pflanze.

Ich kaufte einen kleinen Rosenstock und rote Nelken. Das waren Omis Lieblingsblumen. Wir haben uns immer wieder Blumen geschenkt. Lila Stiefmütterchen kommen auch aufs Grab. Lila war eine ihrer Lieblingsfarben neben ultramarin und lindgrün.

Einige Reihen weiter liegt Opas Grab. Als Opas Grabstein gesetzt war, gingen Omi und ich häufig auf den Friedhof. An einem dieser Tage entstand auch dieses Bild. Omi hatte wie immer Putzmittel und Lappen dabei und rieb Opas Stein sauber. Dann zeigte sie auf den Nachbarstein und meinte: „Schau mal, der putzt seinen Grabstein auch nie.“

Dann denke ich: nun sind Mami, Opi und Omi alle auf einem Friedhof. Die ganze Familie Mettler ist vereint. Und irgendwann liege auch ich hier.

Oder

Heute während der Heimfahrt von der Arbeit überkam mich eine Welle der Trauer.
Ich weiss nicht mal richtig warum.
Vielleicht war es der Anblick jener sehr alten Frau, die von hinten aussah, als wäre es Omi.
Am liebsten hätte ich angehalten.

„Du fehlst, Omi“ fuhr mir durch den Kopf.
Und dann flossen die Tränen.
Ich konnte einfach nicht mehr aufhören mit Weinen.

Freitagnachmittag.
Fast zwei Jahre hatte ich Zeit, die Freitagnachmittage zum Besuch zu nutzen.
Rückblickend war es zu kurz.
Ich erinnere mich noch genau an jenen schönen Freitag, als eine Ländlergruppe ihre Probe in Omis Pflegeheim abhielt und wir zusammen im Gemeinschaftsraum verzaubert der Musik lauschten.
„Ach Omi“, denke ich.

Jedes Mal, wenn ich sie besuchen ging, hatte sie ein gutes Wort für mich übrig.
„Du siehst gut aus.“
oder
„Hast du abgenommen? Schau aber auf dich, Meitli.“
oder
„Dings. Schön, dass du mal wieder da bist.“
oder
„Hast du zugenommen? Steht dir aber gut.“
Manchmal bot mir Omi auch Kaffee oder Bier an.
Oder Schoggi.

Ich bin Omi nie besuchen gegangen, wenn es mir schlecht ging.
Oder wenn ich krank war.
Oder wütend.
Omi hat nämlich immer gespürt, wie es mir ging.
Sie hat es jedes Mal persönlich genommen.
Das wollte ich nicht.

Wenn ich aber fröhlich zu Omi ging.
Ohne Sorgen.
Nur im Hier und Jetzt.
Verlief alles ruhig.
Ich fühlte mich jedes Mal gut und gestärkt, wenn ich wieder heimwärts fuhr.

Omis letzte Worte begleiten mich durch den Alltag:
„Aber warum bist du denn traurig?“

Weil du mir so fehlst, liebe Omi.

Reisegedanken

Ich weiss nicht, wie oft Omi und ich von Lichtensteig aus mit dem Zug nach St. Gallen gefahren sind. Die Reise durch Wälder, Nagelfluhlandschaften und die Sicht in die Ferne, kurz vor Herisau war für mich immer ein riesiges Erlebnis. Omi erzählte Geschichten, verpflegte mich und meine Schwester mit Süssigkeiten und bestaunte mit uns all die Dörfer auf unserer Fahrt.

Heute fahre ich diese Strecke alleine. Ich muss ganz fest an Omi denken, denn sie fehlt mir gerade bei dieser Reise sehr. Wir sind vor langer Zeit das letzte Mal gemeinsam mit dem Zug gefahren. Sie war vor über fünf Jahren nicht mehr gut zu Fuss und ich holte sie für Einkaufstouren einfach mit dem Auto ab.

Kurz nach dem Tod meiner Mutter, ihrer Tochter, sind wir gemeinsam mit einem Reisecar an den Weihnachtsmarkt in Ulm gefahren. Das Gefühl, das ich damals empfand, das ist unsere letzte gemeinsame Reise, hat mich nicht betrogen.

Beim Gedanken an Omi fühle ich, noch immer eine grosse Leere. Mir scheint, als wäre ein Teil meines Herzens verbrannt. Der Schmerz, die Trauer um Omi, sitzt tief. Ich vermisse sie.

Die Wälder ziehen an mir vorüber. Mein Blick fällt bei Mogelsberg auf alte Häuser. Ich muss an mein eigenes Haus denken, das auch sehr alt ist. Dann denke ich: Omi ist noch immer bei dir. Sie ist in den Mauern, den Möbeln und vor allem im Garten. Ich freu mich auf ihre Tulpen und die Rosen, die sie vor vielen Jahren neu gepflanzt hat. Der Frühling war Omis Lieblingsjahreszeit.

Die Zauberin

Omi liebte es, Geschichten zu erzählen. Ich, die Enkelin, hörte fürs Leben gerne zu. Es waren nie grosse Romane, die sie zum Besten gab. Immerzu waren es die Geschichten unserer Familien, die Missgeschicke und Alltagserlebnisse, die Eheprobleme, die Geburten, die Todesfälle. Omi konnte aus dem Nichts etwas zaubern. Aus Leintüchern an der Wöschhenki wurde ein Schloss. Aus Karton eine Burg. Aus Tüchern ein Ballkleid. Jeder Spaziergang mit ihr wurde zu einer Weltreise. Omi konnte in allem Schönheit entdecken.

Als Omi demenzkrank wurde, drehte sich vieles um. Nun war plötzlich ich die, die wusste. Omi hörte zu ohne verstehen. Sie wunderte sich oft. Manchmal sagte sie: „Diese Geschichte kommt mir sehr bekannt vor. Ich kenne jemanden, dem das auch passiert ist.“
Jedes Mal, wenn wir im Pflegeheim vorbeischauten, erzählte sie uns ihre Erlebnisse. Nur leider schilderte sie diese in einer Sprache, die wir noch nicht verstanden.

Jetzt erzähle ich meine eigenen Geschichten und Omi kommt darin vor. Sie ist eine Erinnerung, die noch sehr präsent ist.

Meine Trauer um Omi erscheint mir wie eine schwarze Raupe, die sich langsam in einen Schmetterling aus weissen Federn verwandeln soll. Noch ist sie schwarz. Aber ich hoffe auf weiss.

Freiheit

Als ich noch sehr klein war und in Wängi lebte, kaufte Omi mir eine Schaukel.
Sie war grün und rot und aus Metall.
Ich habe diese Schaukel sehr geliebt und es gibt unzählige Fotos, wie ich darauf sitze und glücklich bin.

Irgendwann zogen wir weg, in ein anderes Dorf.
Omi konnte nun nicht mehr einfach in den Zug sitzen und uns besuchen.
Sie war länger unterwegs. Wir sahen uns seltener.
Auch die Schaukel blieb am alten Wohnort.

Ich hatte zum ersten Mal im Leben das Gefühl, innerlich zerrissen zu werden.
In Wängi waren meine Schwester und ich „frei“. Wir hatten Freunde.
Unser Bruder lag auf dem Friedhof und in der Nähe des Hauses, am Bach,
stand mein Tintenfischbaum.

Am neuen Wohnort wurde alles anders.
Wir lebten mit unseren Eltern auf dem Schulhausareal und hatten nichts eigenes mehr.
Wir mussten alles teilen.
Die Schaukel des Kindergartens durften wir zwar benutzen, aber wenn ein anderes Kind kam, mussten wir Platz machen und gehen. Wenn wir im Sandhaufen spielten, gehörten unsere Moules plötzlich allen Kindern.

Das wäre nicht mal schlimm gewesen.
Aber andere Kinder machten unsere Sachen aus Spass kaputt.
Wir waren schliesslich nur die Kinder des Hauswarts und keiner wäre auf die Idee gekommen, diese Kinder zur Rechenschaft für ihr Verhalten zu ziehen. Ich fühlte mich minderwertig.

Das gleiche passierte unseren Tieren.
Wenn jemand sich an unserer Katze störte, konnte er sie ohne weiteres treten.
Als einmal der Hund des Nachbarn erst unsere Laufenten und dann unsere Hühner riss, passierte nichts. Warum auch besass unser Vater, der Hauswart, die Frechheit, einfach Tiere zu züchten?
Unser Privatleben war gleich null, denn immer konnte irgendjemand bei uns vorbei schauen und uns stören. Weil wir auf dem Schulhausareal lebten, konnte jeder Lehrer und jede Lehrerinnen sehen, wann ich beispielsweise spielte. Hatte ich dann eine schlechte Note an einer Prüfung, bekam ich genau das zu hören.

In den Ferien gingen wir immer zu Omi Paula.
Dort waren wir wirklich frei. Keiner machte unsere Spielsachen kaputt. Keiner nahm sich das Recht raus, uns Kindern zu sagen, dass wir stören.

Insofern hat mich dieses Erleben politisch sehr geprägt.
Ich hänge nicht am Geld oder am Wohlstand.
Aber ich liebe meine Freiheit und ich schaue wie ein Heftlimacher,
dass keiner mir sagt, wie ich zu leben habe.
Omi war da genau gleich.