Sommerwäsche

Omi hat immer gerne und viel Wäsche gewaschen und draussen auf der Terrasse aufgehängt. Schon als Kind liebte ich den Geruch von Omis Weichspüler in den Morgenstunden des Sommers. Omis Schritte. Das Klappern der Wäscheklappern.

Als Omi älter wurde, waren ihr die Hausarbeiten Pflicht und Struktur. Sie wusch noch immer viel Wäsche, obwohl doch nur noch sie im Haus lebte. Eine Nachbarin hat mir vor wenigen Jahren erzählt, wie sie es bewunderte, wie reinlich und engagiert Omi wöchentlich die ganze Bettwäsche gewaschen hat. Und das trotz ihres hohen Alters und ihrer Demenz!

Unser Haus hier war in früheren Zeiten eine Wäscherei.

Ich habe Omis Bettwäsche sortiert aufgeräumt. Ich mag die wunderbaren alten Leintücher, im Sommer sind sie eine Wohltat. Ich kann mich nicht von ihnen trennen. Manchmal schnuppere ich daran und glaube noch den Duft von damals wieder zu erkennen.

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Puppenstube

Vor fünf Jahren um diese Zeit suchten wir gemeinsam mit Omi ein Heim. Fünf Jahre sind vergangen wie im Fluge. Omi ist nicht mehr und manchmal erscheint mir alles sehr irreal.

Seit zweieinhalb Jahren leben wir nun im Haus. In diesen Sommerferien haben wir es geschafft, alle Kisten im Estrich zu ordnen und zu entsorgen, was wir nicht mehr brauchen. Ich frage mich, was Omi sagen würde, wenn sie nun durch ihr Haus marschieren würde. Würde sie es noch erkennen?

Nun ist auch das Gästezimmer frei geräumt.
Es ist das modernste Zimmer von allen, denn dieser Hausteil wurde erst in den 50er Jahren angebaut.
Omis Buffett steht hier, ein Tisch, Stühle. Auf den Balkon geht man besser nicht.
Als Kinder haben wir hier gerne gespielt, denn in den Seitenschränken hatte Omi unser Spielzeug verräumt.

Vor über fünf Jahren standen Sascha und ich mit Omi hier und sie bat mich, alles mitzunehmen, was ich noch brauchen kann. Immer wieder hatte sie Angst, dass sie, wenn sie ins Pflegeheim ginge, alles abgerissen und entsorgt wird. Erst mit Verschlechterung der Demenz verlor sie diese Angst.

Ihre Angst nahm mich als Enkelin in die Pflicht, sorgsam mit ihrem Hab und Gut umzugehen. Ich fasse alles bewusst an und entscheide, was damit passiert.

Omis Puppenstube ist 80 Jahre alt. Ich versuche mir vorzustellen, wie die kleine Paula überglücklich damit gespielt hat. Sie hat immer wieder erzählt, wie sie sie von ihrem Arzt bekommen hat, als sie so krank war. Als Omi entschied, ins Pflegeheim zu gehen, übergab sie mir ihre Puppenstube und ermahnte mich, sie in Ehren zu halten. Das hab ich getan. Wie könnte ich auch anders?

Leitsätze

In jeder Familie gibt es mehr oder weniger offen deklarierte Leitsätze. In der Familie meiner Mutter war dies: „Wirf nichts weg!“

Ich bin mittlerweile das schwarze Schaf der noch verbleibenden Familie. Ich schmeisse viel weg. Ich hab den Haushalt meiner Mutter aufgelöst und den meiner Omi. Ich bin stolz auf mich.

Von meinen Kindheits-Spielsachen mag ich mich nur schwer trennen. Noch verstehe ich nicht, warum dies so ist. Ich werde ja nie Kinder haben und wohl auch schwerlich mit den Spielsachen spielen. Vielleicht kommt das mit der Zeit, dass ich die Kindheit loslassen kann.

Von Omis Sachen konnte ich mich gut trennen, obwohl gerade sie mir immer wieder und bis fast am Schluss eingebläut hat: Schmeiss nichts weg!

Ich habe mich von all den Zetteln getrennt, die mit ihrer Schrift vollgekritzelt waren. Auf vielen dieser Zettel stand: „Paula, erinnere dich! Du darfst nicht vergessen!“ Ihre legendäre Einkaufstütensammlung ist ebenso im Müll wie all die Bettelbriefe von katholischen Organisationen (ein grosses Fuck you an all jene, die demenzkranke Menschen mit sowas zumüllen!)

Ich trennte mich von Mamis Sachen. Dem Nippes. Von all den hässlichen Figürchen, die sie so geliebt hat und die ihr bis fast am Ende ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben.

Marie Kondos Bücher haben mich auf diesem Weg die letzten paar Jahre begleitet. Vieles verstehe ich nun besser. Das Wegwerfen fiel immer leichter, aber der Weg geht noch weiter. Das Ziel ist doch wohl, wenn man selber stirbt, nicht mehr viel von einem übrig bleibt, nicht wahr?

Glück in der Erinnerung

Die Sommer im Toggenburg waren für mich in der Kindheit das Paradies. Ich liebte es so sehr, bei Omi und Opa zu sein, zu spielen, mich zu verkleiden, auf Entdeckungsreise zu gehen oder stundenlang zu lesen.

Vor einem Jahr schrieb ich darüber, wie viel Zeit Omi mit Schlafen verbringt. Damals dachte ich: Sie muss sich von diesem langen Leben noch ein wenig ausruhen, bevor sie uns verlässt. Denn solange Omi fit war, war sie immer unterwegs.

Omi stand vor fünf Uhr morgens auf, machte die Küche, die Wäsche, tränkte den Garten, ging für uns Kinder einkaufen, las den Blick, spielte Bingo, jätete oder las Beeren ab.

Damals habe ich dieses Bild gemacht:
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Wir Kinder spielen draussen, Omi schaut zum Fenster raus, ob wir auch ja recht tun. Sie wäscht gerade ab. Von Hand. Ihrem Gesicht sehe ich an, dass sie glücklich ist. Manchmal denke, dass sie damals mit uns ihre eigene Elternschaft mit meiner Mutter nachgeholt. Als meine Mutter noch ein Kind war, hat Omi viel gearbeitet und meine Mutter wuchs bei ihrer Omi Berta auf.

Meine Mutter hatte keine Enkel. Doch noch auf dem Sterbebett hat sie sich welche gewünscht, so wie Omi sich „Urenkeli“ gewünscht hat. Diesen Wunsch werde ich wohl nicht erfüllt haben.

Nachtrauern

Fast ein halbes Jahr lebe ich nun schon ohne Omi.
Meine grosse Erschöpfung ist gewichen und ich bin froh darum.
Ich bin manchmal traurig, dass Omi das Haus (und die neue Elektrik!) nicht sehen kann.
Dass sie nicht dabei ist, wie ich und Sascha hier leben, wo sie fast 30 Jahre lang gelebt hat.
Dass sie unseren Garten und ihre geliebten Johannisbeeren nicht sehen kann.
Dass sie nicht am Langen Tisch dabei war, wo sie doch Zusammensitzen und Essen immer so geliebt hat.
Dass sie nicht dabei ist, wenn ich 40 Jahre alt werde.

Ich frage mich nach wie vor, wozu das alles gut war, was wir gemeinsam erlebt haben.
Auf den Schmerz, die Tränen, die Sorgen könnte ich gut verzichten.

Manchmal erfahre ich, dank Omi und unserem Buch, Geschichten von Menschen.
Ich bekomme diese Geschichten wie kleine Umarmungen erzählt.
Dann ist zwar meine Trauer um Omi immer noch da und tut auch weh.

Wir alle leiden, wenn unsere Eltern und Grosseltern älter werden.
Zuzusehen, wie sie krank oder vergesslich werden, ist schwierig, denn wir haben noch immer unser Bild von ihnen, wie sie in unserer Kindheit, Jugend oder später agierten.
Eltern und Grosseltern so gebrechlich zu sehen, verletzt.

Aber irgendwie freut es mich auch, wenn Menschen dank Omis Geschichte über ihre eigenen Erfahrungen mit Demenz sprechen, es nicht für sich behalten, sondern offen sagen: so war es für mich.

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Glück im Garten

Glücklich war Omi immer dann, wenn sie in ihrem Garten war. Irgendwie wuchs einfach alles, wenn sie es pflanzte. Erdbeeren, Bohnen, Kartoffeln, Salate, Johannisbeeren. Ihre Beete waren makellos.

Vielleicht hat es mich darum vor bald 12 Jahren so schockiert, als Omi von einem Tag auf den anderen einfach ihren Garten platt walzen liess. Die alten Terrassenmauern waren einfach weg. Ich verstand es nicht. Aber für Omi stimmte es. Heute denke ich, sie hat wohl gespürt, dass etwas nicht mehr mit ihr stimmt. Und weil sie ihren Garten so liebte, wollte sie ihn wohl nicht verkommen lassen.

Die Rosen blühen. Es ist, wie wenn nichts wäre. Ich hab heute fast geweint, als ich die vertrockneten Blüten wegschnitt. Ich dachte an Omi. Manchmal sitze ich in meinem Atelier und schaue zum Gartentor raus und denke: Sie kommt nicht mehr wieder. Ich vermisse ihre fröhliche Stimme. Ihr Gesicht, wenn sie mich erblickte und wenn wir uns in die Arme schlossen. Ich vermisse ihr krauses, grauschwarzes Haar, den gebückten, zarten Körper und ihre wunderbar langen Hände.

Ich habe weitere Rosen angepflanzt. Ich will, dass es in unserem Garten blüht. Der Garten soll ein Zuhause für Bienen, Hummeln und Vögel sein.

 

Rosentränen

Gestern fuhr ich durch Weinfelden und erblickte beim Pflegeheim eine alte Frau, die genauso an ihrem Rollator ging wie Omi damals. Für einen Moment lang dachte ich: „Omi!“, um im nächsten Moment zu wissen: Nie wieder. Tränen fliessen.

Gestern nacht regnete und stürmte es stark bei uns im Toggenburg. Heute morgen erblühte die erste Damaszener Rose. Als ich um sieben Uhr das Haus verliess, dachte ich: das ist jetzt der erste Sommer ohne Omi.

Am Nachmittag dann habe ich mich (endlich) dazu überwunden, mit der Bildhauerin Kontakt aufzunehmen. Ich möchte so gerne, dass sie etwas mit Opas Grabstein macht, wenn das Grab im September aufgelöst wird. Omi hat den Grabstein sehr gemocht und ich muss sagen, dass er nach 20 Jahren noch immer frisch aussieht.

Wir haben auf unserer Wöschhänki wieder Leintücher als Sonnensegel aufgehängt, so wie Omi damals vor 30 Jahren.

Omi, ich vermiss dich so.

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