Nachtrauern

Fast ein halbes Jahr lebe ich nun schon ohne Omi.
Meine grosse Erschöpfung ist gewichen und ich bin froh darum.
Ich bin manchmal traurig, dass Omi das Haus (und die neue Elektrik!) nicht sehen kann.
Dass sie nicht dabei ist, wie ich und Sascha hier leben, wo sie fast 30 Jahre lang gelebt hat.
Dass sie unseren Garten und ihre geliebten Johannisbeeren nicht sehen kann.
Dass sie nicht am Langen Tisch dabei war, wo sie doch Zusammensitzen und Essen immer so geliebt hat.
Dass sie nicht dabei ist, wenn ich 40 Jahre alt werde.

Ich frage mich nach wie vor, wozu das alles gut war, was wir gemeinsam erlebt haben.
Auf den Schmerz, die Tränen, die Sorgen könnte ich gut verzichten.

Manchmal erfahre ich, dank Omi und unserem Buch, Geschichten von Menschen.
Ich bekomme diese Geschichten wie kleine Umarmungen erzählt.
Dann ist zwar meine Trauer um Omi immer noch da und tut auch weh.

Wir alle leiden, wenn unsere Eltern und Grosseltern älter werden.
Zuzusehen, wie sie krank oder vergesslich werden, ist schwierig, denn wir haben noch immer unser Bild von ihnen, wie sie in unserer Kindheit, Jugend oder später agierten.
Eltern und Grosseltern so gebrechlich zu sehen, verletzt.

Aber irgendwie freut es mich auch, wenn Menschen dank Omis Geschichte über ihre eigenen Erfahrungen mit Demenz sprechen, es nicht für sich behalten, sondern offen sagen: so war es für mich.

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Glück im Garten

Glücklich war Omi immer dann, wenn sie in ihrem Garten war. Irgendwie wuchs einfach alles, wenn sie es pflanzte. Erdbeeren, Bohnen, Kartoffeln, Salate, Johannisbeeren. Ihre Beete waren makellos.

Vielleicht hat es mich darum vor bald 12 Jahren so schockiert, als Omi von einem Tag auf den anderen einfach ihren Garten platt walzen liess. Die alten Terrassenmauern waren einfach weg. Ich verstand es nicht. Aber für Omi stimmte es. Heute denke ich, sie hat wohl gespürt, dass etwas nicht mehr mit ihr stimmt. Und weil sie ihren Garten so liebte, wollte sie ihn wohl nicht verkommen lassen.

Die Rosen blühen. Es ist, wie wenn nichts wäre. Ich hab heute fast geweint, als ich die vertrockneten Blüten wegschnitt. Ich dachte an Omi. Manchmal sitze ich in meinem Atelier und schaue zum Gartentor raus und denke: Sie kommt nicht mehr wieder. Ich vermisse ihre fröhliche Stimme. Ihr Gesicht, wenn sie mich erblickte und wenn wir uns in die Arme schlossen. Ich vermisse ihr krauses, grauschwarzes Haar, den gebückten, zarten Körper und ihre wunderbar langen Hände.

Ich habe weitere Rosen angepflanzt. Ich will, dass es in unserem Garten blüht. Der Garten soll ein Zuhause für Bienen, Hummeln und Vögel sein.

 

Rosentränen

Gestern fuhr ich durch Weinfelden und erblickte beim Pflegeheim eine alte Frau, die genauso an ihrem Rollator ging wie Omi damals. Für einen Moment lang dachte ich: „Omi!“, um im nächsten Moment zu wissen: Nie wieder. Tränen fliessen.

Gestern nacht regnete und stürmte es stark bei uns im Toggenburg. Heute morgen erblühte die erste Damaszener Rose. Als ich um sieben Uhr das Haus verliess, dachte ich: das ist jetzt der erste Sommer ohne Omi.

Am Nachmittag dann habe ich mich (endlich) dazu überwunden, mit der Bildhauerin Kontakt aufzunehmen. Ich möchte so gerne, dass sie etwas mit Opas Grabstein macht, wenn das Grab im September aufgelöst wird. Omi hat den Grabstein sehr gemocht und ich muss sagen, dass er nach 20 Jahren noch immer frisch aussieht.

Wir haben auf unserer Wöschhänki wieder Leintücher als Sonnensegel aufgehängt, so wie Omi damals vor 30 Jahren.

Omi, ich vermiss dich so.

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Der Garten und ich

Mein Garten und ich gleichen uns.

Nach diesem Winter, der fast alles Lebendige in uns zerstört hat, wächst alles nun umso schneller.
Ich bin zu langsam für meine Trauer.

Der Garten blüht.

Ich stehe da und schaue den Blumen zu, wie sie sich im Wind bewegen.
Ich denke, es geht alles so schnell. Zu schnell für mich.
Ein Monat, zwei Monate, drei Monate, vier Monate bist du schon tot und das Leben geht weiter.

Ich denke an die Spuren, die du in mir und im Garten hinterlassen hast.
Die Pflanzen, die du all die Jahre gehegt hast.
Die Bäume, die du geliebt hast.
Die Liebe, die du uns gegeben hast.

Ein geliebter Mensch hinterlässt immer Spuren.
In unseren Herzen.
In meiner Erinnerung.
Ach Omi, du fehlst mir so sehr.

omi auf der treppe
omi und zora

Geschenke

Vor einem Jahr war alles anders, dachte ich vor einigen Tagen.
Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das Leben ohne Omi aussehen würde. Oder könnte.
Zwischendurch überkommt mich die Trauer um Omi wie eine grosse, warme Welle.
Ein Bild. Ein Gedanke. Ein Lied.
Meine Tränen fliessen einfach.

Immer wieder verspüre ich den Wunsch, ihr zu zeigen, was wir mit dem Haus machen, wie wir leben und wie wir das Andenken an sie hoch halten. Es gibt noch soviel zu tun, dass wir eigentlich keine Zeit haben, Trübsal zu blasen.

Und doch: Sie fehlt.
Zwischendurch sehe ich mir Videos von ihr an, die ich im Pflegeheim gemacht habe, weil ich wusste, ich will und muss mich an ihre Stimme erinnern. Auf einem Video hat sie gesungen und Quatsch gemacht. Sie schaut schelmisch in die Kamera und zwinkert mir zu. Wenn ich wirklich traurig bin, schaue ich mir das an und lache und weine.

Omi hat mir zeitlebens so viele Geschenke gemacht. Sie hat mich vor allem, was nicht gut war, beschützt und mir immer gezeigt, dass ich liebenswert bin. Ich habe versucht, am Ende ihres Lebens einfach da zu sein. Es hat mir fast das Herz herausgerissen. Dank Omi habe ich viel gelernt über Langsamkeit, Geduld, Humor und die Liebe.

Vielleicht ist das grösste Geschenk von Omi jenes, dass ich heute über Demenz schreiben und sprechen darf. Dass ich so vielleicht anderen Angehörigen helfen kann, nicht zu verzweifeln, sondern einen Weg zu finden, mit dem Vergessen umzugehen. Dafür bin ich Omi dankbar.

Mit Holz heizen

Omi lebte von 1997 bis 2012 allein in dem Haus, in dem wir jetzt leben. Ich weiss nicht recht, wie sie es geschafft hat, so lange selbständig zu bleiben. Insbesondere das Heizen mit Holz verlangt meines Erachtens eine grosse Aufmerksamkeit. Heute erst verstehe ich, warum Omi in den Wintermonaten nur ungern das Haus verliess.

Ich kann mich dunkel daran erinnern, dass Opa ihr 1996, damals lebte ich fast einen Monat unter ihrem Dach, gezeigt hat, wie man den Ofen anfeuert. Ich war 19, trug eine grosse Spange und erholte mich von meiner Kiefer-OP. Ich gewann den Eindruck, dass Heizen mit Holz eine grosse Wissenschaft ist, die man sich nicht einfach so von heute auf morgen einverleiben kann.

In meiner Erinnerung trug Opa immer seinen Blaumann, leicht russverschmiert, die Pfeife im Mund, darin einen verchafelten Rössli-Stumpen, während er das Holz in den Ofen schmiss. Omi stand daneben, schaute zu, kommentierte sein Treiben.

In einem jener Momente entstand dieses Bild. Ich weiss noch genau, wie und wo: In der Küche. Neben dem Ofen. Als ich es vor einigen Tagen wieder gefunden habe, musste ich lachen. Ich lachte genau so wie damals, bis mir die Tränen ins Gesicht stiegen.

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Omi ist jetzt drei Monate tot und der Winter hat länger gedauert als erwartet. Wir heizen noch immer ein und ich denke oft an Omi. Meistens denke ich Dinge wie: „Ich verstehe, warum du gegangen bist. Es war dir zu kalt.“

Es gibt aber auch Momente, in denen ich die Kälte schätze. Ich bewege mich mehr, die Luft ist rein und ich befasse mich in der Freizeit mit so interessanten Tätigkeiten wie Stricken. Das Stricken vertreibt mir meinen Trübsinn und wenn es mir auch innerlich kalt ist, stehe ich einfach so an den Kachelofen und lasse mich wärmen und denke an die, die schon vor mir hier an dieser Stelle standen.

Ach Omi. Du fehlst.

Umarmung

Vielleicht lichten sich jetzt endlich meine Schatten.
Ich habs nämlich heute geschafft, Omis erste Kiste aufzuräumen.

Omis letztes Hab und Gut steht seit ihrem Tod in unserem Vorratsraum, dem kalten Zimmer. Seit Januar besass ich null Energie, ihre Sachen zu sortieren und zu verstauen.
Jetzt fühle ich mich etwas anders.

Das liegt vielleicht auch daran, dass ich morgen „unser“ Auto weggebe und ein neues abhole. Es ist Frühling und alles verändert sich.

Mit dem alten Auto sind Omi und ich ab 2009 in der Gegend herumgegondelt, einkaufen oder Essen gegangen und nach Einsiedeln zur Klosterkirche gefahren. Omi mochte das Auto, weil es so bequem war für sie zum Sitzen. Ich hatte das Auto gekauft, damit Omi besser einsteigen und die Fahrt geniessen konnte.

Seit Januar hab ich das Gefühl, ich brauche den alten Mercedes nicht mehr. Omi ist nicht mehr da und für den harten Winter hier oben ist es leider vollkommen untauglich. Das Auto hat mich nie im Stich gelassen, sondern mir viele schöne Stunden beim Reisen durch die Schweiz beschert. In diesem Auto habe ich damals auch Omi ins Pflegeheim gefahren und ihre Sachen aus dem Pflegeheim abgeholt. Ich glaube, es hat seinen Dienst getan.

In der ersten Kiste stiess ich auf massenhaft Taschentücher, die Überbleibsel ihrer Plastiksacksammlung, einige Püppchen, ein Fotoalbum mit witzigen Fotos von uns und ihre Halstücher.

Als ich Omis Halstücher in die Hand nahm, durchfuhr mich ein warmer Schauer. Ihr mintgrünes hab ich immer besonders gemocht und darum wollte ich auch nicht, dass sie es im Sarg trägt. Ich faltete es auf und legte es mir um den Hals. Früher nämlich, wenn Omis Hände schmerzten, musste ich es ihr jeweils schön um den Hals drapieren und danach noch ihre Frisur kämmen. Das mochte sie sehr. Als ich das Tuch an meiner Haut spürte, musste ich weinen. Es fühlte sich genauso an wie damals. Ein wenig roch ihr Halstuch noch immer nach ihr, so als wäre sie nur kurz im Bad und käme gleich zurück.

Nein, ich weiss, sie kommt nicht zurück. Aber ich werde wohl nun öfters Halstücher tragen.