Mutterschaften

Bei Diskussionen über Mutterschaft fühlte ich mich lange Zeit aussen vor. Ich habe keine Kinder und bin nicht unglücklich darüber.

Meine Mutter pflegte während meiner pubertären Schübe jeweils zu rufen: „Du wirst nochmals an mich denken, wenn du selber Kinder hast! Ha!“ Vor einigen Monaten geriet ich in eine hitzige Diskussion mit einer sehr jungen Person. Plötzlich kamen mir Mutters Worte wieder in den Sinn.
„Ja, Mutter“, so dachte ich, „du hast recht. Ich entkomme dir nicht!“

Schon mit dreissig Jahren war ich in einer ähnlichen Situation. Meine Mutter, schwerkrank im Pflegeheim, Leberzirrhose, konnte sich kaum bewegen. Sie hatte einen Wasserbauch. Ihr Leben würde nicht mehr lange dauern. Die Pflegende rief mich an, weil meine Mutter unbedingt abhauen und „Autostöppeln“ wollte. Sie war durch nichts und niemanden zu bremsen. Also musste ich, die Tochter mit ihr reden.

Das Gespräch dauerte nicht lang, doch ich bemerkte sofort, dass meine Mutter nicht mit mir, der Tochter, sondern mit meiner Oma redete. Sie benahm sich wie ein Teenager und war recht angriffig. Ich blieb ruhig und konnte meine Mutter so abhalten, „abzuhauen“. Danach weinte ich.

Da war die Arbeit an meinen Büchern. Das erste Buch war eine schwere Geburt und ich war umso stolzer, als es da war. Das zweite Buch hingegen war leicht. Ich war nicht angestrengt und überglücklich, als ich es zum ersten Mal in Händen hielt. Jeder, der schreibt, weiss, dass der Prozess des Schreibens viel von einem abverlangt. Das Resultat ist das, was am Ende zählt.

Eine weitere Mutterschaft erlebte ich mit Omi. Die letzten Jahre ihres Lebens wurde sie kindlicher und ich fühlte mich für ihr Wohlergehen verantwortlich. Oftmals sah sie in mir ihre Mutter. Am Ende ihres Lebens konnte sie nicht mehr sprechen und ich hatte den Eindruck, als würde ich nun ein sehr altes und gleichzeitig junges Lebewesen loslassen müssen.

Mutterschaft ist eine relative Sache. Man braucht dafür weder Geschlechtsorgane noch Babywindeln. Man braucht nur ein Herz.

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2 Gedanken zu “Mutterschaften

  1. Danke für den schönen Text. Ich mache mir gerade selbst viele Gedanken zum Thema Mutterschaft und deine Gedanken passen gut zu meinen. Mutterschaft ist Liebe und Verantwortung und das gibt es auch außerhalb der Mutter-Kind-Beziehung.

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