Alles ist vergänglich.

familienfoto (5)

Ich war knapp zwei Jahre alt, als dieses Bild vor unserem Haus im Toggenburg gemacht wurde. Es ist eines von vielen an jenem Tag.
Meine Urgrosseltern hatten einen Fotografen engagiert, der das Generationenfoto machen sollte.

Ganz vorne im Bild sitzt Heinrich, genannt Henri. Er ist zu diesem Zeitpunkt 90 Jahre alt. Hinter ihm, rechts, stehen Röös und der Hund. Henri war während des ersten Weltkriegs im Militär. Nach dem Krieg heiratet er Anna Aerne, bekommt mit ihr eine Tochter, Nelly, die jedoch 1922 stirbt. 1924 wird mein Opa Walter geboren.

Ich kenne Röös nur in diesem Pullover. Sie hat ihn sehr gerne getragen. Sie ist einige Jahre jünger als Henri und seine zweite Frau. Sie ist während des zweiten Weltkriegs quer durch Europa in den Osten mit ihrer Tochter geflohen. Der Mauerbau trennt sie schlussendlich von ihren Kindern, die in der DDR, in der Tschechoslowakei und Polen leben.

Links von ihr steht mein Opa Walter, Henris Sohn aus erster Ehe mit Anna Aerne. Er ist vor über 20 Jahren gestorben. Opa Walter hatte ein Herz für uns Kinder. Am liebsten sass er in seiner Werkstatt und sinnierte über Politik und Naturwissenschaften. In jüngeren Jahren war er ein leidenschaftlicher Musiker.

Meine Mutter Uschi steht neben Opa Walter. Sie ist schwanger mit meinem Bruder Sven. Noch im gleichen Jahr, 1979, wird sie ihn gebären und er wird kurz danach sterben. Es ist das einzige Foto von ihr, wo sie lächelt. Meine Mutter starb 2007.

Omi Paula steht neben ihrer Tochter Uschi. Sie blickt sehr ernst drein. Paula wird nach dem Tod meines Bruders meine Mutter in einem Brief bitten, ihr Leben nicht aufzugeben. Als sie spürt, dass meine Mutter das nicht kann, nimmt sie an ihrer statt die Rolle der Mutter für mich an. 2007 begleiten Omi und ich meine Mutter in den Tod. Einmal mehr erlebt eine Frau in dieser Familie den Verlust des eigenen Kindes. Omi Paula starb am 9. Januar 2017.

In der Mitte des Bildes kauert mein Vater. Er hält mich im Arm und beruhigt mich. Mir scheint, als beschützt er mich vor all jenen Dingen, die nun im Leben auf mich zukommen.

Ich mag dieses Bild mit meiner Familie drauf. Es gibt mir Kraft, weil ich spüre, woher ich komme. Aber es macht mich auch traurig, weil auf diesem Bild so viele meiner liebsten Menschen nicht mehr da sind.

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