Zehn Jahre sind ein Tag

Vor zehn Jahren um diese Zeit verabschiedete ich mich Tag für Tag, Stunde für Stunde, von meiner Mutter.
Ich wusste genau: Sie stirbt jetzt. Es gibt keine Hoffnung. Nicht in diesem Leben. Ich muss das Endliche akzeptieren.

Der September und der Oktober sind nicht meine Lieblingsmonate.

Ich mag zwar den Nebel und die Kühle des Herbstes, aber der Geruch der Luft lässt mich noch immer erschauern. Denn es riecht nicht nur nach Kälte und Zuckerrüben, sondern auch nach frischer Leber.

Die Bilder von damals sind mir noch immer präsent.
Meine Mutter, wie sie mit 56 im Pflegeheim unter jenen 90jährigen lebt, die sich selbst und die Welt vergessen haben. Sie aber fühlt sich wie 16 und sieht nur alte Menschen und mich, die Tochter, die sie nicht mehr kennt.

Die Pflegenden, die sich über das Hiersein meiner Mutter freuen.
Nagellack von Chanel. Der Farbton gleicht Galle. Lotion, die die sterbende Haut wieder zum Leben zurückholen soll. Taschentücher, die immer bereit sind für fallende Tränen in dummen Momenten.

Meine Tränen.
Meine Verzweiflung.
Die Trauer, die aus meinem Körper herausdrängt wie Kotze nach einer durchzechten Nacht.
Meine Mutter, wie sie sich über den Besuch meiner Katze freut.
Meine Oma, die so tapfer ist, wenn sie meine Mutter, ihre Tochter von damals, besucht. Ein Fels in der Brandung. Mit schwarz-grauem Haar und grün-braunen Augen, die sich im Hier und Jetzt und an Urseli festhalten. Das baldige Vergessen im Rücken.

Jemanden bis zum Ende des Lebens zu begleiten, ist ein Geschenk.
Die Angst vor dem Tod verfliegt und man gewinnt das Leben noch lieber.
Zu erleben, wie ein geliebter Mensch stirbt, ist immer ein grosser Schmerz.
Zuzuschauen, wie jemand seinen allerletzten Atemzug macht, ist nicht schön.
Es macht dich ganz klein und unwichtig und erinnert dich daran, was dir noch bevorsteht.

Dabeisein bis am Ende ist ein Geschenk.
Aber es gibt auch eine Verantwortung, die man übernimmt, wenn man da ist für seinen Menschen:

Man vergisst ihn nicht.
Man erinnert sich an all die schwierigen und traurigen und auch schönen Momente.
Man wird zum in die Haut geätzten Tagebuch.
Zehn Jahre sind ein Tag.

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Kieselstein

Dass Opis Körper just in diesen Tagen der Erde entnommen wird, ist ja auch nur eine Ironie des Schicksals. Er ist nun, wie alle anderen meiner verstorbenen Familie, endgültig weg.

Es ist sehr seltsam, denn vorgestern träumte ich von ihm. Er sass vor mir in unserer Küche, mit graublondem Haar, leuchtenden blauen Augen und rauchte Pfeife. Keiner in meiner Familie hat blaue Augen. Opi glich immer ein wenig Peter O’Toole in „Lawrence of Arabia“, später dann Richard Harris. Opi sass einfach da und zwinkerte mir zu, so als wolle er mich ermutigen, weiter an alledem zu arbeiten, wo ich mittendrin stecke. Ich war glücklich, ihn zu sehen, denn ich habe fast zwanzig Jahre nicht mehr bewusst von ihm geträumt.

Als Opi im gläsernen Sarg lag, durfte ich ihn nicht mehr besuchen. Ich war 19 Jahre alt, trug eine mächtige Spange und verstand nichts. Meine Mutter verbot es mir, ihn noch einmal zu sehen. Sie sagte: „Opi sieht nicht mehr schön aus.“ Ich dachte: Opi sah nie schön aus. Opi war Opi.
Das meiner Mutter zu erklären schaffte ich nicht.

Erst als sie starb, vor zehn Jahren, verstand ich ein wenig, was sie damit meinte.
Menschen, die schwerkrank sind, sehen nicht „schön“ aus.

Ich musste in den letzten Tagen daran denken, dass ich auch meinen Bruder Swen nie gesehen habe, weder lebendig noch tot. Auch sein Grab ist verschwunden und mich treibt die Frage um, was mit den Knochen von Menschen passiert, die fast 40 Jahre tot sind. Früher gab es Gebeinshäuser und heute werden sie wohl einfach in die Verbrennungsanlage „entsorgt“.

Omi wollte eingeäschert auf dem Friedhof begraben werden. Ich hätte mir gewünscht, ein klein wenig von ihrer Asche unter den Rosenstock zu leeren. Aber ich wusste auch, dass dies nicht in ihrem Sinne gewesen wäre. „Irgendwo auskippen“ fand sie furchtbar und sie verbat es vehement, auch nur darüber nachzudenken, dass es andere Bestattungsorte als den Friedhof (für sie) geben könnte.

Jetzt, wo Opis Grab aufgehoben wird, geht die Bildhauerin ans Werk und wird Omis Grabstein erschaffen. Ein klein wenig von Opis Stein ist darin enthalten. Aber ich fühle auch, dass Omi, genauso wie alle anderen weg ist und so ein Grabstein ein kleiner Kiesel auf dem Lebensweg ist.

 

 

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Opa war immer für einen Spass zu haben. Ich vermisse ihn.

Wie es ist.

Vor 38 Jahren wurden mein Vater und meine Mutter zum zweiten Mal Eltern.
Ich kann mich heute noch an den Bauch meiner Mutter erinnern und das Glück in ihren Augen. Ich war knapp zwei Jahre alt. Ich schmiegte mich an ihren Körper und durfte die Bewegungen meines Bruders in ihrem Bauch an meinem Ohr fühlen.

Ich hatte keine Ahnung, was es bedeutet, ein Geschwisterchen zu kriegen. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Aber ich kann mich heute noch an meine Schritte in der Wohnung in Wängi erinnern. An die Möbel, das Licht, die Vorhänge und den Geruch. An meine Spielsachen. An die Tigerkatze, die sich an meine Beine schmiegte.

Heute, mit 40 fühle ich mehr denn je mit meinen Eltern mit, die damals ein Kind bekamen und wenige Tage nach der Geburt verloren. Meine Eltern waren bei seinem Tod am 20. September 1979 um die 30 Jahre alt. Mit seinem Tod zerbrachen Hoffnungen und Träume. Jahre der Trauer, der Verzweiflung und der Schuldgefühle sollten folgen.

Meine Omi hat immer gesagt: Alles ist für etwas gut.

An Swens Tod kann ich, noch immer, keinen Sinn erkennen, ausser dass ich es heute einfach akzeptiere, wie es ist.

Endstation Trauer?

Dieses Wochenende würde mein Bruder Sven 38 Jahre alt werden.
Mein Vater hat mir erzählt, dass Svens Grab seit einigen Monaten geräumt ist. Es gibt also nichts mehr, was noch daran erinnert, dass Sven mal gelebt hat.

Ich hatte Angst vor diesem Moment. Warum? Weiss ich nicht genau.
Sven war ja nicht mein Kind, sondern mein Bruder.
Trotzdem hat sein Dasein und sein Tod mein Leben in den letzten Jahren bewegt. Ich habe sehr oft um ihn und um unsere Familie geweint.

Vielleicht ist es so, dass mit dem Verschwinden seines Grabes, Omis Tod im Januar und Mamis 10. Todestag im Oktober Ruhe eingekehrt ist. Vielleicht habe ich auch darum das Gefühl, dass es jetzt gut ist. Dass ich loslassen kann und mein eigenes Leben führe.

Vielleicht ist es auch so, dass das vertiefte Schreiben und Nachdenken über unsere familiären Traumata bewirkt hat, dass meine Trauer ein Ende fand.

Septembersonne

Es ist September geworden und seit langem alles anders als sonst. Ich trauere nicht mehr so stark wie noch vor einem Jahr. Oder fünf. Mutters Geburtstag ist morgen. Der 66ste. Seit zehn Jahren ist sie nicht mehr da.

Vielleicht liegt es daran, dass Omi jetzt auch nicht mehr lebt. Oder dass Svens Grab endgültig geräumt ist und somit alles, was war und schmerzte, verschwunden ist.

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass Trauer irgendwann ein Ende hat.

mami und ich