Rosentränen

Gestern fuhr ich durch Weinfelden und erblickte beim Pflegeheim eine alte Frau, die genauso an ihrem Rollator ging wie Omi damals. Für einen Moment lang dachte ich: „Omi!“, um im nächsten Moment zu wissen: Nie wieder. Tränen fliessen.

Gestern nacht regnete und stürmte es stark bei uns im Toggenburg. Heute morgen erblühte die erste Damaszener Rose. Als ich um sieben Uhr das Haus verliess, dachte ich: das ist jetzt der erste Sommer ohne Omi.

Am Nachmittag dann habe ich mich (endlich) dazu überwunden, mit der Bildhauerin Kontakt aufzunehmen. Ich möchte so gerne, dass sie etwas mit Opas Grabstein macht, wenn das Grab im September aufgelöst wird. Omi hat den Grabstein sehr gemocht und ich muss sagen, dass er nach 20 Jahren noch immer frisch aussieht.

Wir haben auf unserer Wöschhänki wieder Leintücher als Sonnensegel aufgehängt, so wie Omi damals vor 30 Jahren.

Omi, ich vermiss dich so.

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Vergessen

Omi ist jetzt fast fünf Monate tot. Es erscheint mir, als wäre es gestern oder nie passiert.

Ich sitze in Omis Garten, während ich dies schreibe. Der Wunsch, dass sie jetzt neben mir sitzt, so wie damals, als wir Foto für Foto aus der Familienkiste besprochen haben, ist riesig. Das wird sie nie mehr tun. Die Bank, auf der wir vor bald 20 Jahren gemeinsam sassen, ist längst verrottet und steht auf unserer Wiese.

Noch vor einem Jahr war sie im Pflegeheim und ich habe sie besucht.
Ich war nicht jeden Tag da. Auch nicht wöchentlich.
Es ist viel eher so, dass ein Pflegeheim seine eigenen Abläufe und Gesetze hat.
Es war immer jemand für Omi da.

Omi schloss ihre Pflegenden ins Herz und trotz aller Trauer meinerseits
tat mir das gut.

Es war sehr schmerzhaft, den eigenen Namen und die Geschichte in ihren Augen zu verlieren, gerade weil sie mich immer so sehr geliebt hat.
Aber all das hatte auch etwas Gutes.
Man ist austauschbar.
Ihre Gefühle für andere Menschen waren nicht mehr nur auf mich konzentriert.

Es hat mich immer sehr gefreut, wen sie mochte.
Das waren immer Frauen, mit denen auch ich sehr gut auskam. Die ich für besonders fähig und gut hielt. Es hat mich sehr gefreut, dass einige von ihnen an Omis Beerdigung kamen.

Einerseits war es schön, dass sie andere Menschen an sich heranliess, sie mochte und mit ihnen Beziehungen aufbaute.
Aber es tat mir immer wieder sehr weh, dass sie mich einfach vergessen hatte, so als wäre ich nicht fast vierzig Jahre an ihrer Seite gewesen.

„Lass los“, dachte ich mehr als einmal

Eins, zwei, drei, tschüss.

Omi und ich haben oft miteinander telefoniert.
Sie kam jeden Mittwoch bei uns zuhause bei meinen Eltern vorbei und abends rief sie mich an, wenn sie wieder im Toggenburg war.
Wir konnten endlos miteinander quatschen.
Es war ganz schwer, jeweils den Hörer aufzuhängen, weil jeder von uns beiden noch etwas in den Sinn kam, was ganz wichtig war.

Irgendwann sagte ich zu Omi, ich glaube, ich war neun damals:
„Wir müssen einen Abschiedsgruss miteinander abmachen.“
Omi sagte: „Ja, aber welchen?“
„Eins, zwei, drei, tschüüüüühüüüs!!!“
Omi war einverstanden.
Und so verabschiedeten wir uns von da an bei jedem Telefonat mit „Eis, zwei, drüü tschüüüüühüüüs!!!“

Aber irgendwie funktionierte es immer noch nicht richtig.
Omi meinte, es muss ganz gut aufhören, am Schluss.
Sie schlug vor „Ich ha di gärn“, zu sagen.
Und ich sagte: „Ich ha di ganz fescht gärn, Omi.“
Und sie sagte: „Ich dich au.“

Und so machten wir das von da an.
Wir hielten es bis fast am Ende durch.
Irgendwann wusste Omi meine Telefonnummer nicht mehr.
Irgendwann vergass sie meinen Namen.

Als ich vor bald fünf Monaten am wirklichen Ende an ihrem Sarg stand und sie ein letztes Mal anschaute, sagte ich:
„Eis, zwei, drüü, tschühüüüss. Ich ha di ganz fescht gärn, Omi.“

Der Garten und ich

Mein Garten und ich gleichen uns.

Nach diesem Winter, der fast alles Lebendige in uns zerstört hat, wächst alles nun umso schneller.
Ich bin zu langsam für meine Trauer.

Der Garten blüht.

Ich stehe da und schaue den Blumen zu, wie sie sich im Wind bewegen.
Ich denke, es geht alles so schnell. Zu schnell für mich.
Ein Monat, zwei Monate, drei Monate, vier Monate bist du schon tot und das Leben geht weiter.

Ich denke an die Spuren, die du in mir und im Garten hinterlassen hast.
Die Pflanzen, die du all die Jahre gehegt hast.
Die Bäume, die du geliebt hast.
Die Liebe, die du uns gegeben hast.

Ein geliebter Mensch hinterlässt immer Spuren.
In unseren Herzen.
In meiner Erinnerung.
Ach Omi, du fehlst mir so sehr.

omi auf der treppe
omi und zora

Geschenke

Vor einem Jahr war alles anders, dachte ich vor einigen Tagen.
Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das Leben ohne Omi aussehen würde. Oder könnte.
Zwischendurch überkommt mich die Trauer um Omi wie eine grosse, warme Welle.
Ein Bild. Ein Gedanke. Ein Lied.
Meine Tränen fliessen einfach.

Immer wieder verspüre ich den Wunsch, ihr zu zeigen, was wir mit dem Haus machen, wie wir leben und wie wir das Andenken an sie hoch halten. Es gibt noch soviel zu tun, dass wir eigentlich keine Zeit haben, Trübsal zu blasen.

Und doch: Sie fehlt.
Zwischendurch sehe ich mir Videos von ihr an, die ich im Pflegeheim gemacht habe, weil ich wusste, ich will und muss mich an ihre Stimme erinnern. Auf einem Video hat sie gesungen und Quatsch gemacht. Sie schaut schelmisch in die Kamera und zwinkert mir zu. Wenn ich wirklich traurig bin, schaue ich mir das an und lache und weine.

Omi hat mir zeitlebens so viele Geschenke gemacht. Sie hat mich vor allem, was nicht gut war, beschützt und mir immer gezeigt, dass ich liebenswert bin. Ich habe versucht, am Ende ihres Lebens einfach da zu sein. Es hat mir fast das Herz herausgerissen. Dank Omi habe ich viel gelernt über Langsamkeit, Geduld, Humor und die Liebe.

Vielleicht ist das grösste Geschenk von Omi jenes, dass ich heute über Demenz schreiben und sprechen darf. Dass ich so vielleicht anderen Angehörigen helfen kann, nicht zu verzweifeln, sondern einen Weg zu finden, mit dem Vergessen umzugehen. Dafür bin ich Omi dankbar.

Ihr 89ster

Geburtstage haben eine Bedeutung, wenn jemand lebt. Man denkt daran zurück, dass dieser Mensch das Licht des Lebens erblickt hat. Ich denke heute ganz fest an mein Omi Paula. Heute ist ihr 89. Geburtstag.

Es ist ganz seltsam für mich, ihren Geburts-Tag zu erleben. Zum ersten Mal, seit ich lebe, ist Omi an ihrem Geburtstag nicht mehr da. Das erste Jahr ohne einen geliebten Menschen ist immer schwer, hat man mir gesagt. Die gemeinsamen Erlebnisse wirken nach, seien es Geburtstage, Familienfeste oder Unglücksfälle.

Ich entschied mich heute dafür, Omis und Mamis Grab neu zu bepflanzen. Nie hätte ich gedacht, dass sie praktisch nebeneinander begraben sein würden. Der Aufstieg zur Kirche und zum Friedhof ist steil und dennoch leicht. Der Blick auf die Kirche ist wunderschön.

Ich stand oft mit Omi an Mamis Grab. Omi schaute mir zu, wie ich die Blumen in die Erde pflanzte. „Schön machsches. Do het sie sicher Freud, wenn sie obenabe lueged.“ Sie tätschelte sanft meine Schulter. Diesen Satz sagte sie mehr als einmal.

Jetzt bepflanze ich ihr Grab und ihre Stimme hallt nach.
Ich fühle mich matt, denn der Anblick des Kreuzes und der Erde macht mir klar, dass sie weg ist und nicht mehr wieder kommt. Ich weine und lasse mich verregnen. Toll, denke ich. Ich kann mich gar nicht dran erinnern, wann es das letzte Mal an Omis Geburtstag geregnet hat.

Ich pflanze Studentenblümchen, Kapkörbchen, jäte, ekle mich vor zwei grossen grauen Spinnen und schütte neue Erde auf Omis Grab. Dann bin ich fertig.

Als ich einige Minuten später den Friedhof verlasse, scheint plötzlich die Sonne. Es wird richtig warm. Ich weine.

Vor einem Jahr war alles anders.

Vor einem Jahr kam ich zurück aus Berlin.
Ich wollte Omis Geburtstag nicht verpassen.
Damals dachte ich: Du weisst nie, wann es das letzte Mal ist.

Jetzt, ein Jahr später ist alles anders.
Die Tulpen, haben erst vor einigen Tagen angefangen zu blühen.
Sie sind unter der Last des Schnees zerbrochen.
Einzig die Linde sieht aus wie immer.
Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals klein, und kein so grosser Baum wie jetzt, war.

Ich hab keine Ahnung, wie Omis Grab aussieht.
Morgen mache ich es nochmals neu.
Ich bin froh, dass Omi kremiert ist und ihr toter Körper nicht in dieser kalten Erde vor sich hin gefriert. Sie mochte es lieber immer warm.

Vor einem Jahr fuhren wir jeweils ins Pflegeheim, um mit Omi ihr Geburtstagsmahl zu essen.
Wirklich wohlgefühlt habe ich mich nicht. Das lag aber nicht am Heim oder an Omi, sondern daran, dass es mich sehr getroffen hat, als Omi nicht mehr selber essen konnte. Ich dachte daran, wie oft sie mich gefüttert hat, als ich noch ein kleines Kind war.

Ich hatte oft Angst, sie erstickt irgendwann, denn das passiert schwer demenzkranken Menschen manchmal. Es liegt aber vielleicht auch daran, dass Ersticken für mich eine schreckliche Art und Weise zu gehen ist.

Ich versuche, mich an der Natur zu orientieren.
Ich freue mich über die Besuche der Kohlmeisen, Blaumeisen, der Spatzen, der riesigen Krähe und des Spechts. Dann denke ich: Vielleicht ist Omi jetzt ja eine wunderschöne Blaumeise, die sich über Futter und Zuspruch freut.