Glückspilz

Ich bin ein Glückspilz, denke ich.
Dank Omi lese ich heute jede Menge Bücher über Demenz und vergleiche deren Inhalte mit dem, was ich die letzten Jahre an ihrer Seite erlebt habe. Ich lerne, dass es verschiedene Arten von Demenz gibt und das Ziel von uns Angehörigen sein muss, dem betroffenen, geliebten Menschen die Selbstständigkeit zu ermöglichen. Ah ja.

Ich lerne auch, dass es gegen Ende des Lebens eher schwierig wird, dies zu gewährleisten. Menschen mit einer schweren Demenz verlieren ihr Erinnerungsvermögen und leben ganz in der Gegenwart.

Ganz im Ernst? Ein wenig habe ich Omi darum beneidet, in der Gegenwart zu leben. Sie war nie so entspannt und glücklich wie damals, als es weder Vergangenheit noch Zukunft für sie gab. Omi hat nicht mehr getrauert. Die Verluste unserer geliebten Menschen stellten für Omi keine tiefen Narben mehr dar. Es war eher so, als hätte es sie nie gegeben. Omi hat zwar täglich SRF geschaut, und allein dafür gebührt ihr der Tapferkeitsorden, aber Kriege und Katastrophen haben sie nicht mehr berührt.

Manchmal, so denke ich, ist Demenz nicht der Schlimmste aller Wege. Vergessen ist eine schöne Sache, eine Art ewiger Schlaf.

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3 Gedanken zu “Glückspilz

  1. Im Ernst, das habe ich auch schon gedacht nach meinen Erfahrungen mit geistig behinderten, dementen Menschen.
    Letztlich zählt ja doch nur die Gegenwart – diese vielen aneinander gereihten Gegenwarten unseres Lebens – ob wir es jetzt und eines Tages im Rückblick als gelungen betrachten können.

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  2. Ich kann da leider nicht zustimmen. Es ist ja kein gewünschter Zustand. Wenn mein Vater unruhige Tage hat, dann u. ich sehe, dass er an seinem Zustand leidet, dann wünsche ich ihm natürlich auch, dass er so schnell wie möglich wieder im Zustand des ganz in der Gegenwart u. ganz zufrieden ist. Zum Glück kommt der unruhige Zustand nicht so oft vor. Daher bin ich auch froh, wenn er mich anlächelt u. auf mich reagiert. Ich sehe noch das Wesen meines Vaters, aber so zu sein wie er jetzt ist, war seine größte Alptraumvorstellung. Wir können uns nicht mehr unterhalten, Worte kommen durcheinander und machen keinen Sinn. Trotzdem versuche ich die Aussagen irgendwie aufzunehmen und darauf zu reagieren. Ihn trotzdem ernst zu nehmen. Ich habe manchmal einfach Mühe damit, wenn die Leute alles positiv sehen wollen. Wobei ich auch eine positive Einstellung lebe. Ganz im Moment bin. Aber der Weg dahin war mit viel Trauer, immer noch. Es warten noch viele Herausforderungen auf uns. Aber wir gehen den Weg gemeinsam als Familie.

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    1. Liebe/r coloris

      ich stimme dir zu. Sich nicht mehr unterhalten zu können, war auch für mich die schlimmste aller Vorstellungen. Was mich betrifft: ich seh überhaupt nicht alles positiv. Es ist eher das Gegenteil der Fall.
      Ich versuche aktuell noch immer, Omis Tod auf die Reihe zu kriegen, was mir nicht wirklich gelingt, auch wenn es schon! drei Monate her ist. Für mich ist es momentan einfach ein Trost, an sie zu denken, wie sie ihre letzten Jahre gelebt hat. Trotz schwerer Demenz und anderer Leiden, in dem Punkt ist sie für mich ein Vorbild.

      Ich wünsche dir und deiner Familie, deinem Vater alles Liebe. ❤

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