Dement = dumm?

Ich weiss noch, wie ich vor über 15 Jahren stinkwütend wurde, als ich Omi Paula im Spital Wattwil besuchen ging. Omi war wegen ihres Hallux valgus in Behandlung. Sie hatte schlimme Schmerzen und war nach der OP recht durcheinander. Ich hab mir natürlich Sorgen gemacht und sie nach dem Eingriff aufgesucht. Eine Pflegende nahm mich damals kurz zur Seite und meinte: „Ich glaube, Ihre Oma ist demenzkrank.“

Ich kriegte fast einen Tobsuchtsanfall. Mein Omi? Dement?? Doch nicht Omi. Omi war manchmal chaotisch. Verpeilt. Vergesslich. Aber dement?

Ich sagte Omi nichts von diesem Gespräch. Aber ab jenem Zeitpunkt war es irgendwie anders. Ich wurde älter und meine Angst, dass Omi demenzkrank sein könnte, bewahrheitete sich. Noch heute denke ich oft an diese Pflegende und meine Wut zurück. Sie hatte es gut mit mir gemeint. Ich hab patzig geantwortet, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte.

Ich hatte damals ein Bild von Demenz im Kopf, das zu Omi einfach nicht passen wollte. Ich hatte mich in jenen Jahren für eine Ausbildung im gerontopsychiatrischen Bereich interessiert. Ich habe beim Schnuppern viele Patienten gesehen, die in der Psychiatrie alt und dement wurden. Ich hatte mit 20 Jahren Angst, Omi würde auch mit leeren Augen, sabbernd und entwürdigt, vollgestopft mit Medis in vollen Windeln herumliegen.

Glücklicherweise traf das alles nicht ein. Omi wurde zwar alt und demenzkrank, aber nicht würdelos. Nicht dumm. Sie bekam zwar zunehmend Mühe mit den Aufgaben des Alltags, doch all dies machte etwas anderem Platz. Sie strahlte Ruhe und Liebe aus. Sie war immer noch Paula. Dem Kern ihrer Persönlichkeit, ihrer Liebeswürdigkeit und ihrem Humor, konnte die Demenz nichts anhaben. Sie wurde liebevoll und respektvoll gepflegt bis zu ihrem letzten Tag.

Vielleicht macht es mich deshalb sehr sehr wütend, wenn Menschen alte Menschen als „dement“ bezeichnen, wenn sie eigentlich sagen wollen: dieser Mensch ist dumm. Oder senil. Michael Schmieder hat ein wunderbares Buch darüber geschrieben: „Dement, aber nicht bescheuert“. Wer lesen kann, der lese dieses Buch!

Ich bin der Meinung, dass wir uns als Angehörige von Demenzkranken dagegen wehren müssen, wenn solche Menschen unsere Verwandten und andere alte Menschen, einfach pauschal abwerten, um sich selber aufzuwerten.

Die Demenz ist als Erkrankung zu ernst, zu traurig, zu kräftezehrend, als dass man sie als Beschimpfung in die Welt hinaus plärrt. Nur jemand, der selber einen demenzkranken Menschen gepflegt hat, kann dies wohl verstehen. Allen anderen wünsche ich, dass sie diese Erfahrung nie machen müssen.

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