Die grosse Reise

Omi Paula liebte es, nachts abenteuerliche Einschlafgeschichten zu erzählen.
Meine liebste war folgende, die fast genau so in einer regnerischen Sommernacht passiert ist.
Wir Kinder lagen im Bett, derweil Omi uns diese Geschichte erzählte:

„Stellt euch vor, es regnet und wir sitzen alle im Bett. Wir hören die Tropfen aufs Dach tropfen, genau so wie jetzt.“
Meine Schwester und ich nickten im Dunkeln. Der Regen war furchteinflössend.
„Was machen wir,“ fragte meine Schwester, „wenn der Schlafzimmerboden nicht hält?“
Omi seufzte tief.
„Dann, ja dann, wird was ganz Schlimmes passieren.“
„Was??“ riefen meine Schwester und ich.
Wir wussten es genau!
„Wir werden mit dem Bett auf den Stubenboden purzeln, wo Opa jetzt schläft.“
Wir Kinder kreischten.
„Wir müssen Opa wecken! Und Barri!“
Barri war unser Appenzeller Sennenhund, der schon recht alt und kugelrund war.
„Ich habe eine bessere Idee“, sagte Omi.
„Wir lassen sie einfach aufs grosse Bett steigen.“

Und so fiel das grosse, alte Ehebett von Omi und Opa durch den Boden in die Stube, wo Opa und Barri sassen und mit allerletzter Kraft konnten meine Schwester und ich die beiden aufs Bett zu uns und Omi ziehen.
„Opa, hast du deine Stumpen? Und haben wir genügend Futter für Barri?“ fragte meine Schwester.
„Ja klar!“ riefen alle.
Kaum hatten wir dies ausgesprochen, fiel der Stubenboden in den Keller und von dort aus stürzte alles in den Bach. Wir hielten uns aneinander fest, denn das Bett wurde nun zu einem Floss. Wir flogen von Wasserfall zu Wasserfall, bis wir schliesslich mit einem grossen Rumpeln in der Thur landeten.

Opa zündete sich eine Zigarre an, meine Schwester streichelte den Hund.
Wir gondelten langsam die Thur hinunter, vorbei an Dietfurt, durch das tiefe Tal bei Bütschwil, vorbei an den Brücken von Lütisburg. Omi hatte einen Sack Süssigkeiten unter dem Kopfkissen versteckt und wir tranken alle Grapefruit, bis auf Opa, der ein Glas Rosé trank.

Unser Bett gondelte vorbei an Bischofszell, Weinfelden und schliesslich Frauenfeld. An der Rorerbrücke rief Omi: „Winkt mal nach oben! Da stehen eure Eltern!“
Meine Schwester und ich winkten wie wild den Eltern zu.
„Passt auf! Nicht zu fest! Nicht dass ihr aus dem Bett in die Thur fallt!“

Unser Bett hielt und so überstanden wir auch die Fahrt in den Rhein, bis wir kurz vor dem Rheinfall anhielten.
„Opa, jetzt müssen wir lenken!“ rief Omi. Und so sorgten Omi, Opa und Barri dafür, dass das alte Bett sicher den Rheinfall herabflog.
„Geht es euch allen gut?“, rief Omi.
„Ja!“ antworteten wir.

Unsere Reise dauerte noch sehr, sehr lange. „Irgendwann,“ so sagte Omi, „sind wir am Meer. Das werdet ihr schon sehen. Es ist wunderschön. Und nun schlaft gut.“

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Ein Gedanke zu “Die grosse Reise

  1. Liebe Zora,
    ich hatte große Sorge vor diesen Tagen beim Mitlesen über die letzten Jahre, fürchtete den Moment und bin jetzt ganz ergriffen von Deinen Worten zum Tod Deiner lieben Omi und von der obigen wunderschönen Geschichte, einer „Traum“ – oder ursprünglich „Alptraum“-Reise.

    Ich fühle sehr mit Dir und finde die Schilderung dieser Tage ausgesprochen tröstend.

    Ich denke an Dich, denke an Deine Omi. Sie möge in Frieden ruhen und es hört sich sehr so an, als gelinge dies.

    Für mich würde ich mir sehr wünschen, dass wir weiter von Dir lesen dürfen …

    In herzlicher stiller Anteilnahme
    Lili

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