Das fünfte Weihnachtsessen

Wieder ein Weihnachtsessen mit Paula im Pflegeheim.
Mittlerweile ist es das fünfte, das ich mit ihr in diesem Rahmen erleben durfte. Ich tue mich schwer mit diesem Abend. Das liegt wohl daran, dass das Essen immer am Mittwoch stattfindet, wenn ich meinen Bürotag und eigentlich erst um 16.30h Feierabend habe. Da ich eine knappe Stunde im Abendverkehr unterwegs bin, muss ich um 15h von der Arbeit gehen. Natürlich hat das gestern abend hinten und vorne nicht geklappt. Ich bin um 16.30 zuhause angekommen und hatte nicht mal Zeit, mich in Ruhe umzuziehen. Dass ich Frühdienst hatte und um 4.30 bereits aufgestanden war, machte die Sache nicht einfacher.

Da der Anlass um 17h startet, sollte man meinen, man ist um 16.50h früh genug da. Aber natürlich sitzen alle anderen Gäste schon längst im Essraum. Omi wartet im Rollstuhl, mit dem Rücken gegen die Tür und ich fühle mich schlecht.

Omi sitzt da mit geschlossenen Augen. Ihr Gesicht sieht friedlich aus. Sie wirkt uralt, auch wenn ihre wunderschönen Wangen praktisch faltenlos sind. Ich setze mich neben sie. Die Pflegende ist sehr lieb und bittet mich, mich ja zu melden, wenn ich Omi das Essen nicht eingeben will. Sie würde sofort kommen und mir das abnehmen, damit ich in Ruhe das Essen geniessen kann.

Omi ist mittlerweile wohl die pflegebedürftigste Person dieses kleinen Heims.
Alle anderen Bewohner können selbständig essen. Omi aber weiss nicht mehr wie das Besteck halten. Ihre Hände sind sehr verkrümmt.

Ich zerschneide die Vorspeise und gebe Omi Bissen für Bissen ein. Sie isst langsam und mit geschlossenen Augen. Sie scheint das Essen sehr zu geniessen. Sie sitzt da und lächelt sanft. Ich bin ganz versunken in die Begegnung mit Omi, die schlafend kaut, dass ich die Pflegende gar nicht bemerke.

Sie spricht mit einem warmen Berner Dialekt und strahlt mich an. Sie spricht über mein Buch und über die Impulse, die es ihr in der Arbeit mit Omi gegeben hat. Ich sitze da und höre zu und kämpfe mit den Tränen. Es ist ganz seltsam. Mein Herz zieht sich zusammen. Ich bin sehr gerührt. Sie sagt, sie hätte in all den Jahren noch nie einen so besonderen Menschen wie Omi gepflegt. Das Buch hätte ihr so sehr geholfen, Omi zu verstehen.

Eine andere Pflegende fragt Omi schliesslich, ob sie weiss, wer ich bin. Omi schaut mich müde an und schüttelt den Kopf. Diese Frage, die ich nie stellen mag, verletzt mich noch immer, auch wenn sie gut gemeint ist. Die Antwort ist für mich eine Ohrfeige. Omi weiss weder meinen Namen, noch meine Geschichte. Sie erinnert sich nicht mehr an meine Geburt, meine Narben oder unsere gemeinsamen Erlebnisse. Es ist, als wäre ich aus ihrem Leben gelöscht. Ich bin nicht mal mehr eine Fussnote. Jemand, der das nicht erlebt hat, wird diese Verletzung nie nachvollziehen können.

Die Pflegende mit dem Berner Dialekt spricht mich schliesslich nochmals an. Sie erzählt mir, dass sie Omi am Vortag über das Weihnachtsessen informiert hat. Sie motivierte Omi, dass sie sich Kleider für dieses Fest aussuchen sollte. Anders als gewöhnlich sei Omi sehr klar mit ihrer Äusserung gewesen. Sie hatte sich die weisse Spitzenbluse ausgesucht.

Wiederum bin ich den Tränen nahe. Omi hat sich für das Weihnachtsessen die Bluse ausgesucht, die sie immer dann getragen hat, wenn wir beide gemeinsam einkaufen oder in den Ausgang gegangen sind.

Ich denke, vielleicht bin ich ja trotzdem nicht weg aus ihrem Leben, auch wenn es meinen Namen, mein Gesicht und meine Stimme nicht mehr für sie gibt.

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3 Gedanken zu “Das fünfte Weihnachtsessen

  1. Liebe Zora

    „Ich denke, vielleicht bin ich ja trotzdem nicht weg aus ihrem Leben, auch wenn es meinen Namen, mein Gesicht und meine Stimme nicht mehr für sie gibt. “

    Das wissen wir nicht, wir können es nur hoffen.

    Wir wissen nicht, was im Innenleben unserer Nächsten vor sich geht, aber ich bin überzeugt davon, dass es grosse Linien und Überschneidungen gibt, die mit Religion nichts zu tun haben, wohl aber Berührungspunkte aufweisen, die sich nicht einfach oberflächlich erklären lassen.

    Ich glaube, ohne religiös zu sein an Berührungspunkte zwischen Menschen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Auf den zweiten Blick vielleicht aber mehr als erwünscht!

    Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Zora,

    Meine Oma war alzheimerkrank, und sie hat in ihrem letzten Lebensjahr meiner Mutter – ihrer einzigen Tochter – immer wieder erzählt, wie sehr sie doch ihrer Tochter gliche und wie hübsch ihre Tochter sei, was für eine tolle Mutter sie geworden sei, und was für eine liebevolle Tochter. Sie schwärmte jeweils richtig von ihr.
    Meiner Mutter war das – bei aller Trauer – ein Trost.
    Ich wünsche Dir, dass Du ebenfalls nöime Trost finden kannst!

    Gefällt 1 Person

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