Strasse ohne Namen

Es gibt Strassen, da fahr ich nicht mehr gleich durch wie noch vor zehn Jahren.
Die Strasse zu Mamis Pflegeheim macht einen Teil meines heutigen Arbeitswegs aus. Ich mag die Abbiegung Richtung Pflegeheim nicht. Es ist manchmal, wie wenn es damals wäre.

Als ich verzweifelt in den frühen Morgenstunden im dichten Nebel von Weinfelden nach Wil gefahren bin. Als ich dachte, der Weg nimmt nie mehr ein Ende und ich danach nicht mehr wusste, wie ich unter all den Tränen im Heim angekommen bin. Als ich nur noch an eines denken konnte: ich komme zu spät. Ich treffe sie nicht mehr lebend an. Es ist alles vorbei.

Verzweiflung nenne ich diese Strasse. Ich bin froh, dass ich nicht nur den Herbst an ihr kenne. Der Frühling gefällt mir besser. Und der Winter auch. Die Strasse zwischen Weinfelden und Wil ist eine Strasse mit sehr vielen Kurven. Der Weg zum Pflegeheim ist ein Umweg. Ich vermeide ihn.

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Alles ist anders

Vor vier Jahren um diese Zeit steckten wir mitten in den Vorbereitungen für Omi Paulas Eintritt ins Pflegeheim. Es war unglaublich emotional, und mehr als einmal dachte ich, wir schaffen das nicht. Ich hatte Angst, dass ihr im Haus was passiert. Dass sie überfallen wird. Dass sie sich nicht mehr wehren kann und ich spät komme.

Mehr als einmal träumte ich, wie ich in meinem Auto zu ihr hinfahre und nicht vom Fleck komme. Wie ich an der Haustür klingle und sie nicht öffnet. Wie ich ums Haus herum renne und nicht zu ihr reinkomme. Wie ich draussen stehe und langsam verzweifle.

Omi hat immer wieder erwähnt, dass sie nicht mehr leben will. Dass sie hofft, dass der Herrgott sie zu sich holt und sie all das hier nicht mehr ertragen muss. Ich wusste darauf nichts zu entgegnen. Ihre Verzweiflung war auch meine.

Mein damaliges Gefühl glich jenem von 2007, als meine Mutter vom Spital ins Pflegeheim verschoben wurde. Meine Mutter war gerade 56 Jahre alt geworden. Kein Fall fürs Altenheim und trotzdem am Übergang zwischen Leben und Tod. Omi hingegen war lebensfroh, trotz Demenz, trotz Trauer und trotz Lebenszweifeln.

Ich kannte ja all jene Geschichten von Menschen, die ins Heim gehen und dann einfach schnell sterben. Ich wollte Omi nicht verlieren. Nicht jetzt. Nicht so. Ich wollte doch nur, dass sie zufrieden und behütet leben konnte.

Vier Jahre später ist alles anders.
Omi lebt in ihrem Pflegeheim, wird geliebt und behütet, so wie sie es sich immer erträumt hat. Sie hat mir sehr oft von ihrer Mutter, Omi Berti erzählt, die weich und zärtlich war und immer nur gute Worte hatte. In Omi Paulas jetziger Phase der Demenz wirkt sie so, als würde sie genau das dank der Pflegenden erleben, die sich so liebevoll um sie kümmern.

Die Rollen haben sich weiter gewandelt. Ich lebe im Haus und empfinde nun nach, wie es Omi all die Jahre hier ergangen ist zwischen all den Erinnerungen, alten Möbeln, Büchern und Werkzeugen. Anders als Omi habe ich die Freiheit mich von den Dingen zu trennen, die mich belasten, die mir nicht gefallen und die ich nicht mehr um mich haben will.

Alles ist anders. Alles ist gleich.