Vom Verlust und der Liebe

Am 2. September würde meine Mutter 65 Jahre alt werden. Ich kann es mir nicht vorstellen. Egal, wie lange ich darüber nachdenke, es stellt sich kein Bild meiner gealterten Mutter ein.

Wenn ich über sie nachdenke, sehe ich sie immer als junge Frau. Manchmal sogar als Teenager oder Kind. Im Haus gibt es so viele Bilder von ihr. Sie war wunderschön. Sie war eine grosse, schlanke Frau mit dunklem Haar und einer seltsam olivfarbenen Haut. In ihren 40ern war sie etwas fülliger geworden. Dann, mit 50 magerte sie ab. Sie wirkte ausgezerrt.

Am Ende ihres Lebens, nach all den Jahren des Leidens und des Erstickens von tiefen Emotionen mit Hilfe von Alkohol, war sie wieder wunderschön. Ihr Sterben war schwer. Doch der Tod hat was friedliches. Die Begegnung und die Auseinandersetzung mit ihrem Sterben hat mich sehr geprägt und die Sicht auf das Leben völlig verändert.

Als meine Mutter vor neun Jahren im Sterben lag, war mir alles schwer. Ich wusste nicht mehr, wie ich einen Schritt vor den anderen setzen sollte. Und doch war das Leben intensiv wie nie. Ich schätzte plötzlich Dinge, die ich vorher gar nicht erkannt hatte. Ich freute mich über Begegnungen, die mir Kraft gaben. Das waren insbesondere Gespräche mit Menschen, die ebenfalls Angehörige verloren hatten. Das Feingefühl, das Verständnis und vor allem die wortlose Übereinstimmung, was Verlust angeht, haben mich beeindruckt und tief berührt.

Ich vermisse meine Mutter sehr. Sie fehlt mir so. Ich wünschte, sie würde noch leben und wir würden uns hin und wieder treffen und gemeinsam ein Glas Wein trinken. Ich würde so gerne mit ihr über die Liebe und den Verlust sprechen. Ich würde sie so gerne besser verstehen. Jetzt, mit fast 40 Jahren, ist sie mir in ihrem Sein näher denn je. Wir sind wie zwei Seiten derselben Medaille. Wir sind Alpha und Omega. Feuer und Wasser.
Mir fehlen ihre Umarmungen und ihre sanfte Stimme.

mami und ich

familie

mami_küche

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Sommermelancholie

Heute morgen arbeitete ich einige Stunden im Garten. Die Umgebung im Schuss zu halten, kostet Zeit, macht mir aber riesigen Spass. Ich verliere langsam den Ekel vor all den Insekten und Achtbeinern, die hier überall herumkriechen. Im Garten unterwegs zu sein, schafft Raum fürs Nachdenken. Das merke ich immer wieder.

Ich jätete heute das Beet beim Gartentor. Es war nicht voller Unkraut, aber doch so sehr, dass es sich lohnte, mit der Harke durchzugehen. Dann jätete ich das Tomatenbeet. Es steht dort, wo Omi schon vor dreissig Jahren bereits Tomaten geerntet hat. Ich entfernte eine Himbeerstaude, da ich unter all dem Zeugs einen wunderschönen, fruchttragenden Brombeerenstrauch entdeckt hatte. Den wollte ich frei legen. Beim Boden lockern entdeckte ich erneut Müll, den Omi hier „kompostiert“ hat: Brekkies-Aluminiumdeckel, verrottete Plastikstücke, Medikamentenblister.

Obwohl Omi Paula bald vier Jahre nicht mehr hier im Haus lebt, sind ihre Spuren noch deutlich. Erst kürzlich haben wir den Weichspüler aufgetrieben, den sie immer benützt hat. Jetzt riecht die Wäsche wieder so, als wäre sie erst gerade am Waschen gewesen.

Vor vier Jahren waren wir auf der Suche nach einem Heim für Omi Paula. Es scheint mir, als wäre es gestern und vor hundert Jahren gewesen. So viel ist seither geschehen. Manchmal, gerade wenn ich sehr glücklich bin, bedauere ich, dass Omi nicht mehr den Kontakt zu den tollen Menschen hier im Städtli gesucht hat. Sie hätte mit ihrer fröhlichen Art so gut hineingepasst.

Aber dann denke ich: genau das bringt die Demenz mit sich. Ein Mensch vereinsamt. Die Gedächtnislücken machen Angst und sorgen dafür, dass er oder sie sich nicht mehr unter Leute traut, weil man sich so sehr schämt und die Welt nicht mehr versteht. Der Umgang mit Demenz ist eine Aufgabe, die uns alle angeht, gerade in einer Gemeinschaft. Es scheint mir sehr wichtig, Menschen, die eine beginnende Demenz haben, nicht fallen zu lassen, sondern für sie da zu sein, sei es mit Einkaufen, gemeinsamem Kaffeetrinken oder ganz einfach Zuhören.

Diese eine letzte Nacht

Sie hatte es wieder getan.
Sie wollte wieder einmal nicht mehr leben. Dabei war es noch nicht mal September.
Der Auslöser für ihren Entscheid war schnell gefunden.
Es gab tausend Gründe: sie wollte nicht mehr leben.
Sie hatte Tabletten genommen. Ich weiss nicht mal welche.
Es ging ihr himmeltraurig. Sie weinte. Sie schrie. Sie kotzte.

Ich versteckte mich mit meiner kleinen Schwester unter der Bettdecke.
Hielt ihr die Ohren zu.
Meine Schwester sollte ihre Schreie nicht hören. Aber wir wussten beide, es ging um alles.
Ohne Mutter würden wir hier nicht mehr länger leben können.

Der Arzt kam. Kümmerte sich um unsere Mutter.
Die Tränen. Ihre Stimme. Ihre Verzweiflung.

Ich wusste, irgendwann würde es so nicht mehr weiter gehen. Ich war vielleicht zwölf Jahre alt.

Irgendwann kriegt man ein Gefühl für die Gefühle anderer Menschen. Man spürt genau, wie weit man gehen kann und wo man helfen muss. Als Erwachsener lernt man das in einer Ausbildung. Ich hab das schon als Kind gekonnt.

20 Jahre nach dieser Episode sitze ich an ihrem Sterbebett. Ich bin erstaunt, dass sie es so weit geschafft hat. Dass sie noch immer lebt und an ihrem Leben so festhält, obwohl sie es doch jahrelang riskiert hat. Ich sitze da und weiss ganz sicher, dass sie gehen wird. Diese Klarheit ist seh viel klarer als in meinen Kindertagen, denn ich sehe ich ihre Gesichtsfarbe, messe ihren Puls und achte auf ihre Atmung.

Als meine Mutter stirbt, bin ich traurig. Aber ich bin auch erleichtert, dass diese Angst nach fast 30 Jahren ihr Ende gefunden hat.

Vom Trost der Photographie

Beim Aufräumen meines Ateliers stiess ich auf einen grossen grauen Karton, der in Sütterlinschrift angeschrieben ist. Darin enthalten sind die Fotos meiner Uroma Röös und meines Urgrossvaters Henri.

Henri und Röös haben vor bald 60 Jahren dieses Haus hier, wo ich heute leben darf, gekauft. Die Fotos in der Kiste aber sind sehr viel älter. Sie zeugen von Röös bewegtem Leben. Da sind Bilder aus den 1920er, 1930er und 1940er Jahren, Fotos von Hochzeiten in Schwarz, sinnliche Portraits junger Frauen und Männer, Eindrücke aus dem Leben zwischen zwei Weltkriegen.

Röös und Henri

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Einerseits finde ich sehr viele Fotos aus dem Toggenburg, Röös‘ Familie stammte ebenfalls von hier. Ich erkenne die alten Häuser, die Landschaften und die Kleidung der Menschen von hier. Es sind Zeugnisse, wie einfach die Menschen damals lebten. Woran sie sich freuten, was sie liebten und in Erinnerung behalten wolten. So finde ich Bilder kleiner Kinder, junger Hunde, Liebespaaren, von Menschen auf dem Totenbett und von Beerdigungen.
Ich stosse auf Bilder aus Deutschland. Brandenburg. Spreewald. Und auf Margherita.

Margeritha

Margherita, Röös‘ Tochter aus erster Ehe lebte dort all die Jahre seit dem Krieg. Zwischen Mutter und Tochter bestanden tiefe Bande, getrennt durch die Mauer. Margerita sandte ihrer Mutter immer wieder Fotos, auf deren Rückseite sie bewegende kleine Gedichte schrieb. Sie drückt darin ihre Liebe und die Sehnsucht nach ihrer Mutter aus.

Zeilen der Liebe

Margherita ist gemeinsam mit Röös aus Italien in den Osten geflüchtet. Nach dem Krieg kehrte Röös ohne ihre Kinder zurück. Sie heiratete Henri, der verwitwet war. Dann kauften sie das Haus hier. Beim Durchschauen wurde mir bewusst, wie sehr sich die europäische Vergangenheit mit all den Kriegen, den Mauern, durch meine eigene Familie zieht. Ich bin dankbar, dass ich die Fotos aufbewahren darf.

Röös starb 1983. Ihre Tochter durfte wohl nicht mal zur Beerdigung ihrer eigenen Mutter kommen. Ein Brief von Margherita zeugt davon. Sie bittet darin meinen Opa Walter und Omi Paula um Bilder des Grabes. Diese haben sie ihr dann auch in die DDR geschickt.