Narbenhaut

Letzthin fragte mich jemand, im Hinblick auf diesen Blog: „Du hast soviel erlebt. Wie überlebst du das nur?“

Ich habe mir diese Frage ehrlich gesagt nie so gestellt. Oftmals war ich verwundert, dass ich gesund bin. Arbeiten kann. Liebesfähig bin.

Als Kind war das für mich anders. Ich fragte mich oft, warum mich meine Mutter nicht liebt. Nicht so liebt, wie ich es bei anderen Kindern und ihren Müttern erlebte. Mütter sind für mich eine grosse Wundertüte.

Meine Mutter war keine Bilderbuchmutter. Sie war launisch, cholerisch und oft gewalttätig gegen mich. Sie fiel oftmals in wahre Verprügelungsorgien. Es war, als müsste sie all das, was sie plagt, verjagen und schlagen. Und das war dann ich.

Es gab einen Moment in meiner Kindheit, da wollte ich nicht mehr. Ich war vielleicht zehn Jahre alt. Sie rastete aus irgendeinem Grund aus. Sie schrie, fluchte, schlug zu. Sie trat zu. Mit Vorliebe trat sie in meinen Rücken und schlug gegen den Hinterkopf – nie in mein Gesicht, so als sollte es keine offensichtlichen Spuren hinterlassen. So auch an diesem Tag.

Ich wusste, selbst als Kind, dass sie mich damit töten oder zumindest halbtot schlagen könnte. Es gab natürlich immer Gründe für sie, das zu tun. Aber ich verstand nur den Hass. Ich kauerte mich zusammen, auf dem Boden, weil ich hoffte, ihre Schläge würden mich nicht all zu sehr verletzen. Das Weinen hatte ich mir irgendwann abgewöhnt. Es schützte mich nicht vor ihren Schlägen.

Nach den Prügeln machte sie sich an mein Zimmer. Sie schlug es kurz und klein. Sie zerstörte meine Spielsachen, schmiss meine Bücher, meine Kleider und meine Plüschtiere herum. Es sah aus, als wenn eine Bombe in mein kleines Zimmer eingeschlagen hätte. Dann ging sie, mit einem Blick der Verachtung.

Ich versuchte mir an jenem Abend einen grossen Nagel ins Handgelenk zu schlagen, weil ich hoffte, ich würde vom Schmerz in meinem Herzen erlöst werden. Mir fiel in jenem Moment ein, dass ich in den Ferien zu Omi gehen wollte. Omi würde mich erwarten. Sie würde es nicht überstehen, wenn ich einfach nicht mehr da wäre. Ich entschied mich fürs Leben.

Ich zog den Nagel wieder raus und war froh, dass nichts schlimmeres passiert war. Ich wusste, ich wollte leben. Übrig blieb von diesem Gedanken bloss meine Narbenhaut.

Haut, die verletzt ist, vernarbt. Es gibt dicke und dünnere Narben. Die einen sind tief, die anderen fast unsichtbar.

Im Laufe der letzten Jahre erlebte ich immer wieder, dass sich (männliche) Freunde und Bekannte das Leben genommen haben. Meine Gefühle waren immer ambivalent. Einerseits war da die Trauer, Menschen verloren zu haben, die ich gerne hatte und deren Gesellschaft ich nun vermisste. Andererseits aber kann ich es nachvollziehen, wenn ein Mensch so verzweifelt ist und so starke innere Schmerzen erleidet, dass nur noch das Ende des Lebens Linderung verspricht. Jemand, der niemals an diesem einen, schwarzen Grat angekommen ist, hat keine Ahnung. Das Verurteilen eines Suizids ist grausam und lächerlich.

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