Lebensader

Da gibt es Menschen in meinem Umfeld, die schwer krank sind und an ihrem Leben hängen. Jeder Gedanke, jede Faser ist aufs Leben konzentriert. Und trotzdem vergeht ihr Leben langsam wie Sand in einer Sanduhr. Der geliebte Mensch nimmt rasch ab, die Haut färbt sich langsam durchsichtig, dann gelb. Der Krebs kriecht durch diesen Menschen und man hofft, er möge aufhören zu wachsen und sich nicht länger am Körper dieses Menschen zu laben.

Es gibt Menschen, die sehr alt geworden sind und in ihrer Demenz zwischen Leben und Leben und Tod und Tod schweben. Sie werden immer dünner, kleiner und zerbrechlicher und man kriegt das Gefühl, sie verschwinden langsam, aber sie sind noch da. Sie wirken wie uralte Schmetterlinge aus Seidenpapier.

Es gibt Menschen, deren Leben noch kaum begonnen hat, die als kleine Kinder sterben und man steht daneben und hat wenig Worte und erst recht keinen Trost.

Dann gibt es da Menschen, denen das Leben zu schwer geworden ist. Keine Hoffnung. Kein Sonnenaufgang, kein Lachen und kein Kuss, auf den sie sich noch freuen könnten. Und als Mensch in ihrem Umfeld beginnst du Bahngleise, Fenster im dritten Stock, Äste mit Seilen dran, Schlaftableten oder Armeewaffen zu fürchten.

Du kannst dich den Menschen öffnen und hoffen, dass sie dein Herz sehen. Trauer macht den Menschen verbittert, so sagt man. Ich denke, Trauer macht einen Menschen fassungslos und verletzlich. Der Verlust eines Menschen kehrt alles. Nichts mehr ist wie vorher. Du bleibst zurück mit deinen Erinnerungen, die du nun nicht mehr mit ihm teilen kannst.

Du hast die Wahl zu leben, sagt man. Du hast die Wahl, wie du dein Leben gestalten willst. Du kannst einen Garten bepflanzen und dich an den Rosen, den Schmetterlingen und den vielen Vögeln freuen.

Oder aber du wählst die Planierraupe, fährst alles platt und machst einen Parkplatz draus.
Du hast die Wahl.

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Lebe-Wesen

Seit Februar 2015 lebe ich nun hier im Haus und der zweite Frühling, der etwas verseicht daher kommt, ist nicht minder spannend als der erste.

Ich habe Pflanzen und Bäume gepflanzt. Nach einem Jahr Training mit dem alten Rasenmäher kann ich seine Röchel und Stöhner besser interpretieren. Fast immer bringe ich dieses Scheissteil zum Laufen.

Mit der Fadensense habe ich mich bisher nicht anfreunden können. Aktuell ist sie bei meinem Vater, der es absolut toll findet, mit ihr herum zu mähen (und Krach zu machen). Ich bin eher so der Handsensentyp. Abgesehen davon dass Sensenmähen reinstes Krafttraining ist, machen mir die Bewegungen Spass. Ich spüre, wie stark mein Rücken, meine Arme und meine Beine sind und das macht mich glücklich.

Was ich am Handmähen ebenfalls mag, ist die Tatsache, dass ich immer wieder auf Tiere stosse, die wohl sonst zerfetzt würden. Unser Grundstück ist nämlich feucht, steil und zeitweise etwas schattig, gleichzeitig gibt es sonnige Stellen, Steinplatten und Büsche.

Heute traf ich nach dem Rasenmähen auf eine etwas schockierte Blindschleiche. Ich hatte nie Angst vor schlangenartigen Lebewesen. Blindschleichen fand ich immer wunderbar schon als Kind. Lieber hab ich kein perfekt gepflegtes Grundstück, als dass ich auf tote Blindschleichen stosse.

Ich habe auch entdeckt, wie spannend ich Weinbergschnecken finde. Diese doch stattlichen Lebewesen habe ich in mein Herz geschlossen. Ich schaue ihnen gerne zu, wie sie sich bewegen. Ich freu auch, wenn sich die Bienen an den Wildblumen am Steilhang oder an den Rosen nähren.

Ich freue mich auch über jeden Besuch von Eidechsen, Blaumeisen und dem Eichelhäher. Ich hoffe, das Grundstück ist so gestaltet, dass es meinen tierischen Freunden gefällt.

Ein wenig bin ich melancholisch, denn vor fünf Jahren machte ich die wunderbarste Begegnung: ich lernte Fritzi, eine junge Krähe kennen. Gemeinsam haben wir als Familie die Krähe gefüttert, ohne sie von uns abhängig zu machen. Manchmal denke ich daran, wie schön es wäre, wenn sie jetzt hier auf unserem Land leben und nisten würde.

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Januar 2015

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Frühling 2015

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Frühling 2015

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Juni 2016

Lehrjahre

Ich war gerade 17 Jahre alt geworden, als ich in Frauenfeld, in einem kleinen Familienbetrieb, meine Lehre als Confiserie-Verkäuferin begann. Meine Eltern hatten sich kurz zuvor getrennt und ich steckte in der tiefsten und wirrsten Pubertät, die man sich vorstellen kann. Und Akne sowie eine fette Spange im Mund hatte ich auch.

Ich liebte meine Lehre, mein Lehrgeschäft und meine Lehrmeisterin war ein grosses Vorbild für mich. Sie war direkt, freundlich, kreativ und konnte wunderbar Geschichten erzählen. Ich ging immer gerne arbeiten und freute mich über all das, was ich dort lernen durfte. Doch all das bedeutete noch mehr für mich: ich fand in meiner Lehrmeisterin und ihrem Mann zwei Menschen, die ein offenes Ohr für mich hatten und denen es scheissegal war, woher ich kam. Nur meine Leistung, meine Noten und mein Wesen zählten.

Ich habe mich recht geschämt, wenn meine Mutter in mein Lehrgeschäft kam, um einzukaufen. Ich hatte Angst, man würde bemerken, wenn sie betrunken war. Für meine Lehrmeisterin war das kein Thema. Nachdem ich ihr das erzählt hatte, war das ok. Ich lernte dank ihr, dass Dinge ansprechen eine gute Sache ist. Ich musste mich nicht wegen meiner Mutter schämen. Das sagte sie mir sehr klar und genau das musste ich damals hören.

Die zwei Jahre Lehre gingen viel zu schnell vorbei. Ich schloss erfolgreich ab und verliess das Geschäft. Nicht immer hatte ich das Glück, so tolle Chefs zu haben. Manchmal war es wirklich schwierig für mich. Sehr oft dachte ich an die Menschen, die in der Confiserie arbeiteten. Für mich waren sie wie eine Familie geworden. Wann immer ich kann, besuche ich schöne alte Confiserien, denn der Geruch von dunkler Schokolade, das Geräusch knisternden Papiers und Regale voller Geschenkspackungen fehlen mir zu meinem Glück.

Meine Arbeitshaltung, meine Werte und mein Umgang mit Lernenden sind sehr von dieser ersten Erfahrung mit meiner Lehrmeisterin geprägt. Gerade an Weihnachten, wenn auch in der Pflege alles drunter und drüber geht, denke ich jeweils an meine Lehrmeisterin und daran, wie sehr sie den Betrieb an Weihnachten, den „Stress“ und die viele Arbeit geliebt hat. Dann muss ich lächeln.

Mein Lehrgeschäft existiert seit vielen Jahren nicht mehr. Die schöne Inneneinrichtung des Ladens ist verschwunden und hat einem Restaurant Platz gemacht. Und seit ein paar Tagen lebt nun auch meine Lehrmeisterin nicht mehr. Ich denke fest an sie und bin unglaublich dankbar, dass sie mir damals die Chance gab, bei ihr in die Lehre zu gehen.

Alles Liebe und gute Reise Ihnen. ❤

Narbenhaut

Letzthin fragte mich jemand, im Hinblick auf diesen Blog: „Du hast soviel erlebt. Wie überlebst du das nur?“

Ich habe mir diese Frage ehrlich gesagt nie so gestellt. Oftmals war ich verwundert, dass ich gesund bin. Arbeiten kann. Liebesfähig bin.

Als Kind war das für mich anders. Ich fragte mich oft, warum mich meine Mutter nicht liebt. Nicht so liebt, wie ich es bei anderen Kindern und ihren Müttern erlebte. Mütter sind für mich eine grosse Wundertüte.

Meine Mutter war keine Bilderbuchmutter. Sie war launisch, cholerisch und oft gewalttätig gegen mich. Sie fiel oftmals in wahre Verprügelungsorgien. Es war, als müsste sie all das, was sie plagt, verjagen und schlagen. Und das war dann ich.

Es gab einen Moment in meiner Kindheit, da wollte ich nicht mehr. Ich war vielleicht zehn Jahre alt. Sie rastete aus irgendeinem Grund aus. Sie schrie, fluchte, schlug zu. Sie trat zu. Mit Vorliebe trat sie in meinen Rücken und schlug gegen den Hinterkopf – nie in mein Gesicht, so als sollte es keine offensichtlichen Spuren hinterlassen. So auch an diesem Tag.

Ich wusste, selbst als Kind, dass sie mich damit töten oder zumindest halbtot schlagen könnte. Es gab natürlich immer Gründe für sie, das zu tun. Aber ich verstand nur den Hass. Ich kauerte mich zusammen, auf dem Boden, weil ich hoffte, ihre Schläge würden mich nicht all zu sehr verletzen. Das Weinen hatte ich mir irgendwann abgewöhnt. Es schützte mich nicht vor ihren Schlägen.

Nach den Prügeln machte sie sich an mein Zimmer. Sie schlug es kurz und klein. Sie zerstörte meine Spielsachen, schmiss meine Bücher, meine Kleider und meine Plüschtiere herum. Es sah aus, als wenn eine Bombe in mein kleines Zimmer eingeschlagen hätte. Dann ging sie, mit einem Blick der Verachtung.

Ich versuchte mir an jenem Abend einen grossen Nagel ins Handgelenk zu schlagen, weil ich hoffte, ich würde vom Schmerz in meinem Herzen erlöst werden. Mir fiel in jenem Moment ein, dass ich in den Ferien zu Omi gehen wollte. Omi würde mich erwarten. Sie würde es nicht überstehen, wenn ich einfach nicht mehr da wäre. Ich entschied mich fürs Leben.

Ich zog den Nagel wieder raus und war froh, dass nichts schlimmeres passiert war. Ich wusste, ich wollte leben. Übrig blieb von diesem Gedanken bloss meine Narbenhaut.

Haut, die verletzt ist, vernarbt. Es gibt dicke und dünnere Narben. Die einen sind tief, die anderen fast unsichtbar.

Im Laufe der letzten Jahre erlebte ich immer wieder, dass sich (männliche) Freunde und Bekannte das Leben genommen haben. Meine Gefühle waren immer ambivalent. Einerseits war da die Trauer, Menschen verloren zu haben, die ich gerne hatte und deren Gesellschaft ich nun vermisste. Andererseits aber kann ich es nachvollziehen, wenn ein Mensch so verzweifelt ist und so starke innere Schmerzen erleidet, dass nur noch das Ende des Lebens Linderung verspricht. Jemand, der niemals an diesem einen, schwarzen Grat angekommen ist, hat keine Ahnung. Das Verurteilen eines Suizids ist grausam und lächerlich.

Was war und was ist

Beim Aufräumen bin ich auf weitere Schachteln mit Fotos gestossen. Einige wenige sind datiert. Viele kann ich nur zuordnen, weil ich sie mit Omi früher angesehen habe.

Es ist grad ein ziemlich schräges Gefühl, dass ich jetzt die einzige bin, die diese Bilder bestimmen kann. Ich komme mir ziemlich alt und auch wenig verlassen vor.

Ich sehe meine Mutter auf den Fotos. Sie ist noch ein Kind. Sie steht vor dem Haus, in dem ich jetzt lebe. Ich sehe meine Urgrosseltern, die 30 Jahre tot sind. Ich sehe Omi und Opa. Beim Durchblättern frage ich mich oft, welche Sorgen sie wohl gehabt haben. Woran sie gedacht haben.

Dann stosse ich auf Bilder von Anna, meiner Urgrossmutter, der ersten Frau von Henri. An sie kann sich niemand mehr erinnern, denn sie starb bereits 1947, fast vierzig Jahre vor Henri und seiner zweiten Frau Röös. Anna blickt ernst in die Kamera. Sie trägt immer schwarz.

Anna Aerne Mettler

Henri Anna und Walter

Anna ist geheimnisvoll. Ich weiss nur wenig von ihr. Ich würde zu gerne wissen, ob sie es war, die in den 40er Jahren Bücher über behinderte Kinder las. Ich würde gerne wissen, ob ihre Tochter Nelly eine Behinderung hatte. Ich finde ein Bild, das wohl Annas Bruder, Heinrich Aerne, zeigt. Er starb auf den Tag genau 40 Jahre vor meinem kleinen Bruder an einer Blutvergiftung.

Heinrich Arne September 1938

Ist alles im Leben ein Zufall? Sind die Wege, auf denen wir uns bewegen, vorgezeichnet? Was in uns, in mir, treibt voran?