Zwei Erinnerungen auf Fotofilm

Es gibt zwei Erinnerungen an Omi, bei denen ich immer auch bei schlechtester Laune sofort lächeln muss, sobald ich die jeweiligen Fotografien ansehe.

In der ersten Erinnerung sitze ich auf Omis Knien. Sie trägt ein gutes Kleid und füttert mich mit Süssigkeiten. Sie tut es mit den Händen. Lächelt mich glücklich an. Ich fühle mich offenbar wohl. Ich spiele gerne an den Knöpfen ihres Kleids herum, versuchte wohl, alle in die gleiche Richtung zu drehen. Wenn ich Fotos von damals ansehe, dann habe ich das Gefühl, dass wir wie Mutter und Kind sind. Ich besitze kein einziges Bild, das mich so mit meiner eigenen Mutter in dieser Innigkeit zeigt.

 

Omi und ich (2) (685x582)

zora_paula (2)

zora isst Schokoküsse

 

In der zweiten Erinnerung bin ich schon grösser. Wann immer ich zu Omi kam, ganz egal, ob es in den 80ern, den 90ern oder bis vor wenigen Jahren war: Omi war immer dabei, Wäsche aufzuhängen. Ich glaube, dass diese Tätigkeit ihr Sicherheit gab. Ich weiss gar nicht, ob sie auch saubere Wäsche gewaschen hat. Sie mochte es einfach. Sie konnte die Stücke so perfekt befestigen, dass sie sie nachher nicht einmal mehr bügeln musste. Denn das hat sie nämlich gehasst.

Der Geruch von Comfort ist noch immer in meiner Nase. Der Wind weht zwischen den Leintüchern, der Unterwäsche und den Strümpfen hindurch.

Heute habe ich Wäsche auf unserer Terrasse aufgehängt. Wir haben sie „Acapulco“ getauft, weil es hier im Sommer sehr heiß ist. Ich hab den Eindruck, als Omi jeden Moment um die Ecke kommen könnte. Bemerkenswert ist hierbei, wie oft Omi beim Wäsche aufhängen fotografiert wurde.

 

img786

img150

img155

img830

img831

barry

 

 

Advertisements

Über Paradiese

Meine Mutter verschwand beinahe in der grell weissen Bettwäsche des Spitals. Ihr Gesicht leuchtete senfgelb. Sie war total abgemagert, doch ihr Bauch stach wie bei einer Hochschwangeren hervor. Es war schlimmer als alles, was ich erwartet habe und schlimmer als alles, was noch kommen würde. Ich wusste, sie liegt jetzt im Sterben und ich kann nichts dagegen tun.

Sie starb dann aber nicht sofort. Sie liess sich drei Monate Zeit mit Weggehen. Das war nicht für alle ganz einfach. Die Dame des Sozialamts sagte mir denn auch rasch, dass ich jetzt die Wohnung räumen sollte und überhaupt, ob ich das Gefühl habe, sie zahlen doppelt für meine Mutter?

Meine Mutter überlebte das Spital und zog in ein Altersheim. Mit ihren 56 Jahren war sie bei weitem die jüngste Heimbewohnerin. Insgeheim dachte ich: jetzt bist du hier wirklich der letzte Hippie, Mami.

Weil das Sozialamt natürlich nicht für Pflegeheim und eine versiffte Ein-Zimmer-Wohnung in Frauenfeld bezahlte, war es nun an mir, meine Mutter zur Kündigung ihrer Wohnung zu bewegen. Das war sehr entwürdigend, denn meine Mutter hatte ja Hoffnung, sie würde diesen ganzen Scheiss hier überleben und wieder zurückkehren. Ich wusste es besser. Schliesslich willigte sie ein, denn sie erwähnte eine wunderschöne Wohnung mit weissen Wänden, einem Lift, Tumbler und Waschmaschine, wo sie sich einmieten würde. Einen Balkon hätte es da auch, damit sie draussen rauchen gehen könnte. Für meine Mutter schien die Vorstellung mit einem Mal so klar, dass sie in jenem Moment die vorbereitete Kündigung der Wohnung unterschrieb.

Einige Tage später aber erinnerte sie sich, was sie getan hatte und beschimpfte mich übel.

Sie beruhigte sich wieder. Aber mein schlechtes Gefühl blieb. Es ging mir gottverdammt schlecht. Ich fing an, ihre Wohnung zu räumen, immer ihren Geruch in der Nase. Mir fielen ihre Briefe, ihre Fotos, ihre Bücher in die Hände. Ich musste entscheiden, was ich mitnehme und was nicht. Manchmal legte ich mich dann einfach auf den versifften Teppichboden und weinte. Das half mir ein wenig, wenn ich nicht mehr wusste, wie weiter. Ich hab die Entsorgung ihres Mülls selber bezahlt. Zum Dank gab das Sozialamt dann meine Adresse an ihre Gläubiger weiter.

Einige Tage vor ihrem Tod erzählte mir meine Mutter wieder von ihrer neuen Wohnung. Sie freute sich auf den Umzug. „Irgendwann kommst du mich dann besuchen und dann hören wir Musik. Wir schauen „Die Herberge zur 6. Glückseligkeit“ mit Ingrid Bergman und Curd Jürgens. Wir werden gemeinsam Kaffee trinken und du musst mir versprechen, dass du dann nicht in schwarzen Kleidern herumhockst und einen Lätsch ziehst.“

Und so laufe ich heute nur noch selten in schwarzen Kleidern herum, nämlich dann, wenn es gar nicht mehr anders geht und ich traurig bin. Die Trauer verfliegt langsam, aber im Herzen drin bleibt eine schwarze, immer eiternde Wunde.

Auf der Suche nach meiner Mutter

Die Entdeckung der Talente meiner Mutter führt übers Kochen.
Meine Mutter war eine wunderbare Köchin, und obwohl sie aus dem Toggenburg stammt und vierzig Jahre im Thurgau gelebt hat, liebte sie das Essen aus fremden Ländern.

uschi (3) (800x636)

Sie war nie in Asien oder Spanien. Sie kochte Paella und versuchte sich an allem, was der Thurgauer sonst nicht frisst. Als ich ihre Wohnung zwangsweise räumen musste, brachte ich es nicht übers Herz, mich von ihren Kochbüchern zu trennen.

Sie besass jene wundersame rote Kiste mit Kochrezepten, die ich fürs Leben gerne schon als Kind sortiert habe. Sie fand das wunderlich. „Machs nicht kaputt!“ war ihr Standardsatz.

Kochrezepte

Meine Mutter liebte Tiere. Als ich noch ein Kind war, zog sie eine Ente auf. Das Tappen der kleinen Füsschen kann ich heute noch hören, wenn ich die Augen schliesse. Meine Mutter lag im Herbst 2007 im Sterben. Ich durfte meine Katze mit ins Pflegeheim nehmen. Meine Katze schnupperte an meiner Mutter und diese streichelte sie. Ich wagte es nicht, das Gesicht meiner Mutter zu fotografieren.

003 (12)

Im Haus hier treffe ich auf Mutter Schallplatten, ihre Bücher und ihre Briefe. Immer wieder denke: wie konnte das alles nur so kommen?

Meine Mutter war so voller Leben, so voller Freude. Doch etwas in ihr verschwand, als mein Bruder starb. Ist es dieses Gefühl, ein neugeborenes Kind zu verlieren, einfach so? Die Angst, immer zu versagen?

Ich wusste immer, dass ich nicht wie sie leben würde. Ich würde keine Kinder haben. Der Gedanke, ein Kind zu verlieren, ist für mich das Schrecklichste, weil ich Angst hätte, dass auch ich mich verlieren würde. Den unerträglichen Schmerz zu betäuben hat sie nur mit Alkohol geschafft.

Auch ich fühle den Schmerz. Ich hab ihn mit der Muttermilch aufgenommen. Doch im Gegensatz zu ihr habe ich das Schreiben.

Muttertag

2007 war das letzte Jahr meiner Mutter. Ich habe den Tag nicht gefeiert, weil ich unendlich wütend auf sie war. Sie hatte es geschafft, mit einem einzigen Telefonat meine psychisch labile Schwester in einen Zustand von grosser Verzweiflung zu versetzen.

Meine Schwester lebte damals in einer psychiatrischen Klinik, weil sie Monate zuvor einen Suizidversuch gemacht hatte. Sie arbeitete mit Hilfe von Fachleuten ihre eigene Kindheit auf. Für meine Schwester war so vieles schwierig. Sie erklärte mir damals, sie hätte niemals Grenzen erfahren, immer nur grosse Liebe. Das mag toll klingen, für sie aber war es furchtbar. Meine Mutter litt so sehr unter dem Tod meines Bruders, dass sie bei allem, was meine Schwester anstellte, meinte: „Du bist für mich zwei Kinder.“

Meine Schwester konnte machen, was sie wollte. Es hatte nie Konsequenzen. Vor knapp zehn Jahren erlitt sie schliesslich einen völligen Zusammenbruch. Meine Mutter machte sich Sorgen um sie. Sie rief sie an. Sie redeten. Das letzte Mal.

Meine Schwester rief mich nach jenem Telefonat verzweifelt an. Sie sagte: „Mami hat mir gesagt, sie hätte damals überlegt, mich abzutreiben. Das kriege ich nicht auf die Reihe.“

Ich war sowas von sauer. Ich hab meine Mutter angerufen und sie angeschrien, ob sie noch alle Tassen im Schrank hat. Sie weinte. Ich weinte. Das Muttertagsgeschenk verrottete in meinem Kofferraum. Ich konnte nicht mehr.

Im Juli 2007 kam meine Mutter ins Spital. Drei Monate später starb sie. Ich war dabei. Meine Schwester nicht. Ich war verzweifelt und wütend und alleine. Ich habs meiner Schwester nicht vergeben, obwohl ich weiss, wie schlecht es ihr ging.

Ich kann wenig anfangen mit der Verherrlichung des Mutterseins. Das hat bestimmt mit meiner Vergangenheit zu tun. Ich weiss nicht, was die Mutterschaft für meine Mutter bedeutete. Aber ich lernte früh, dass nicht jede Mutter für ihre Kinder aufgeht. Dass sie nicht jedes Kind automatisch lieben muss. Ihr Leben wurde nicht durch Rosen aus der Fleischerei versüsst.

Ich vermisse meine Mutter sehr. Ich würde sehr gerne vieles klären.
Aber das geht ja nicht. Also kläre ich mit mir selber.

 

mami und ich

 

Gartenkraft

Vor zwei Jahren um diese Zeit war ich verzweifelt. Ich hatte Angst, dass ich das Haus, das mir nicht gehörte, verlieren würde. Diese Angst hat mich fast krank gemacht.

Heute ist alles anders. Ich lebe hier seit über einem Jahr und manchmal kommt es mir vor, als läge alles andere weit weg. Wenn ich jeweils morgens zur Arbeit fahre, laufe ich unter dem Friedhof vorbei, wo meine Mutter seit bald zehn Jahren liegt. Ich sende ihr einen stillen Gruss und bedauere es, dass sie nicht hier ist.

Wenn ich im Garten arbeite, den Rasen mähe oder jäte, ist mir Omi Paula sehr nahe. Sie hat hier jahrzehntelang den Laden geschmissen. Sie gärtnerte immer sehr gerne. Was immer Omi anfasste, blühte auf. Als ihre Demenz schlimmer wurde, verschwanden der Garten und auch ihre Zimmerpflanzen.

Dieses Jahr habe ich angefangen, Gartenbeete zu stechen. Das ist harte Arbeit, lohnt sich aber. Ich weiss noch immer, wo Omi bestimmte Dinge ausgesät hat. Die Mauer beim Waschbärenstall beherbergte jahrelang Tomatenstauden. Ich liebe Tomaten.

Die Johannisbeerbüsche sind ausgelichtet. Ich bin gespannt, wieviele Beeren es dieses Jahr gibt. Die Vögel haben Nester gebaut und zwitschern zur Freude unserer Katze ums Haus herum.

Da unser Grundstück nicht eben ist, hinter dem Haus ist es sogar richtig steil, kann ich nicht alle Wiesen mit dem Rasenmäher mähen. Es bleibt mir also nichts anderes, als mit der Sense von Hand zu mähen. Ich besitze zwar eine Fädelisägiss, aber die ist im Moment bei meinem Vater im Thurgau. (Er liebt dieses Teil!) Ich hingegen ziehe die Sense vor.

Ich denke darüber nach, dass wir Hühner anschaffen. Ich liebe diese Tiere so sehr. Am liebsten hätte ich Bartzwerge. Oder Seidenhühner. Moderne Englische Zwerg-Kämpfer find ich auch toll. Solange ich mich nicht entscheiden kann, lass ich es halt. Ein Hühnerhaus steht hier ja schon. Ich müsste nur noch eine schöne Volière bauen.

Ich bin mir bewusst, in welchem Paradies ich hier lebe, trotz fehlender Zentralheizung. Es ist einfach nur schön. Ich bin Omi sehr dankbar.

Wie feiert man die 88?

Omi feiert heute ihren 88sten Geburtstag.
Wie jedes Jahr waren wir auch dieses Mal wieder eingeladen in Omis Pflegeheim.
Die Pflegenden haben für Paula im Séparée wunderschön einen Tisch gedeckt. Paula sitzt im Gang und döst. Zwei ältere Herren sitzen an ihrer Seite und ich muss dran denken, wie schön es ist, dass sie nicht alleine lebt.

Ich bin etwas gehemmt, denn ich traue mich nicht, Omi an der Hand zu nehmen und zu führen. Omi ist so zerbrechlich und alt, dass ich Angst habe, dass sie umfallen könnte. Ich bin froh, dass eine Pflegende uns hilft, Omi an ihren Platz zu begleiten. Kaum ist Paula wach, schon lässt sie ihre träfen Sprüche fallen.
„Wo möchten Sie sich hinsetzen, Frau M.?“ fragt die Pflegende.
„Am liebsten aufs *Füdli“, antwortet Paula.

Es gibt Suppe, Salat, einen Hauptgang und später Dessert.
Omi mag die Suppe nicht essen, weil sie ihr zu heiss ist. Aber den Salat hat sie gern. Er ist klein geschnitten, damit sie ihn besser beissen kann. Die Pflegende hilft ihr bei den Medis. Sie macht das einfach toll. Als Hauptgang wird uns Kartoffelstock, Rüebli und Hackbraten serviert. Das Essen ist lecker. Aber Omi hat keinen grossen Hunger. Die Pflegende hilft ihr, ich ermuntere sie, aber Paula sagt so klar: „Ich mag nicht mehr.“
Dann döst sie immer wieder ein. Zwischendurch schaut sie auf meinen Teller und findet: „Du kannst gerne noch meine Portion haben.“

Ich lasse für Omi den Radetzky Marsch auf dem Handy laufen. Obwohl sie die Augen zu hat, tippt sie den Takt auf dem Teller mit.

Das Dessert lassen wir aus. Omi ist zu müde. Sie geht jetzt ihr Schläfchen machen. Die Torte kriegt sie später. Ich hoffe, die beiden netten Herren von vorher kriegen auch ein Stück Schwarzwälder. Wir fahren nach Hause, gehen in Paulas Stammcafé, das Huber. Hier stossen wir auf unsere Paula an. ❤

 

*Dialektausdruck für Hintern

Diese Liebe

Berlin ist meine erste Liebe.
Die erste Reise, die ich alleine vom Thurgau aus machte, führte mich nach Berlin.
Da wollte ich ihn. Ich weiss nicht wieso.

1998. Ich arbeitete in einem Lebensmittelgeschäft an der Kasse mit Blick auf
die Bahnlinie. Ich hatte grosses Fernweh, besonders wenn die Wägen des Orient-Express vorbei donnerten. Das geschah jeweils am Dienstag. Ich weiss noch genau, dass ich um jene Zeit am Nachmittag immer besonders aufmerksam nach draussen schaute.

Ich reiste wenige Wochen nach dem schrecklichen Bahnunglück von Eschedde nach Berlin. Meine Reservationen waren ungültig und ich verbrachte den grössten Teil der Fahrt auf den Boden. Aber das störte mich nicht.

Ich stieg am Bahnhof Zoo aus und wanderte durch die Stadt. Eine ganze Woche lang. Ich war glücklich. Es war, als würde ich nach Hause kommen. Dieses Gefühl kannte ich damals nicht, denn ich lebte nicht gern an jenen Orten im Thurgau, wo ich aufgewachsen war.

Ich frage mich oft, warum gerade Berlin es mir so angetan hat. Vielleicht hat es mit meiner Uroma Röös zu tun, denn sie lebte einige Zeit während des Krieges in dieser Stadt. Wenn ich durch die Stadt laufe, denke ich an sie und frage mich, ob sie hier wohl auch mal gestanden hat. Alles ist anders als damals. Sie kam nach dem Krieg zurück ins Toggenburg, heiratete meinen Urgrossvater Henri und redete nie mehr über Berlin. Nur dank Souvenirs weiss ich, dass sie hier gewesen war.

Ein wenig Angst hatte ich schon, als ich am Sonntag hier ankam. Ich weiss ja, dass Berlin sich sehr schnell verändert. Würde ich noch irgendetwas wiedererkennen?

Sascha und ich liefen durch die Stadt. Hier bin ich auch mit Paula durchgewandert. Das ist erst 17 Jahre her. Die Zeit vergeht so schnell. Ich gehe zum ersten Mal an die Republica. Das habe ich bisher nie getan, weil Paula immer um jene Zeit Geburtstag hat. Ich dachte immer: du weisst nicht, wie lange sie noch da ist. Dieses Jahr ist ihr Geburtstag am Freitag. Also bin ich jetzt in Berlin und nachher, am Freitag bei Paula.