„Wie gehts denn so bei der Arbeit?“

Es ist seltsam, Omi an Feiertagen zu besuchen. Gerade an Ostern fehlen mir unsere früheren Zusammenkünfte besonders. An Ostern versteckten Omi und Opa im Garten Osternester und andere Geschenke. Wir Kinder durften durch den erwachenden Garten ums Haus streifen und uns auf die Suche nach geheimnisvollen Dingen machen.

Ich bringe Omi einen kleinen Osterhasen und einen Sack voller Schoko-Eier mit. Sie mag Süsses in kleinen Portionen. Als wir ins Pflegeheim eintreten, sitzt Omi, wie immer im Fernsehzimmer. Sie döst und wirkt auf mich uralt und ein wenig wie eine russische Fürstin.

Omis lange Hände liegen auf der Decke. Die Füsse sind hochgelagert. Omi öffnet ihre Augen und sieht mich verträumt an. „Hallo“, sage ich. „Huhu“, brummelt sie. Sie sieht nicht zufrieden aus.

„Meine Enkelin besucht mich!“ sagt sie so laut, dass das bestimmt alle ihre Sitz- und Dösnachbarinnen mit und ohne Hörgerät mitbekommen.

Wir küssen uns. Ich streichle ihre Hand.
„Darf ich euch was anbieten?“ fragt sie ganz so, als wäre kein Tag zwischen meiner Kindheit und ihrem Umzug ins Heim vergangen. „Einen Kafi? Oder lieber eine Flasche Bier?“
Omi blickt uns amüsiert an.
„Nein danke. Wir hatten schon einen Kaffee. Zudem ist es erst gerade halb elf.“
„So!“ sagt Omi.

Wir reden über den Frühling, wie es Omi geht und wie es uns bei der Arbeit läuft. Bestimmt zum dritten Mal sagt Omi: „Jetzt erzählt mal, wie es euch beruflich so geht.“

Sascha und ich wollen noch essen gehen. Omi meint, sie würde gerne mitkommen. Es drückt mir fast das Herz ab. Ich sage: „Das ist keine gute Idee. Du kannst nur noch mit Rollator laufen. Du könntest stürzen und dich verletzen. Das ist mein absoluter Horror.“

Ich fühle mich mies, in dem Moment, wo ich das sage. Andere Leute schaffen es schliesslich auch, ihre Omas und Opas aus dem Pflegeheim abzuholen und einen lustigen Nachmittag zusammen zu verbringen. Da müsste ich doch das erst recht können.

Doch bevor ich mich weiter in schlechtes Gewissen vertiefe, fragt Omi: „Und, verzell? Wie gehts denn so bei der Arbeit?“

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An Mutters Grab

Im Frühling, Sommer und Spätherbst bepflanze ich das Grab meiner Mutter. Ich mag diese Aufgabe gerne, denn für eine kurze Zeit habe ich das Gefühl, ich bin ihr nochmals nahe. Die Urne mit ihrer Asche ist unter einem Stein aus dem Rhein vergraben. Wenn auch nach bald neun Jahren wohl nicht mehr viel von ihr da ist, spüre ich doch, dass ihr Körper in den Blumen und der Erde aufgegangen ist.

Meine Mutter wollte nie begraben werden. Sie wünschte sich, dass wir ihre Asche „einfach auskippen“. Für Omi war dieser Gedanke unerträglich. Sie brauchte damals einen Ort, wo sie ihre Tochter besuchen konnte. Ich erinnere mich noch gut an den Morgen nach ihrem Tod, wo ich im Städtli auf der Gemeinde anrief und darum bat, die Asche meiner Mutter hier begraben zu dürfen.

Ich bin noch immer dankbar, dass dies so geschah. Denn eigentlich hätte meine Mutter an ihrem Wohnort Frauenfeld begraben werden müssen. Doch hier oben sind, bis auf meinen Bruder Sven, alle Mitglieder der Familie mütterlicherseits bestattet. Henri, Röös, wahrscheinlich auch Anna und Nelly, sowie mein Opa Walter liegen auf dem Friedhof. Ich weiss nicht, ob der Gemeindeangestellte begriffen hat, welchen Liebesdienst er mir und meiner Oma damit erfüllt hat.

Omi machte 2007 den Vorschlag, dass wir einen Gärtner für die Arbeiten anstellen. Doch ich wollte das nicht. Für mich war es wichtig, dass ich das Grab gestalte.

Ich achte auf Farben. Meine Mutter war ein farbenfroher Mensch. Je mehr bunte Blumen auf dem Grab wachsen, umso besser. Das Jäten des Grabs, das Pflanzen der Blumen, macht mich froh, auch wenn ich meistens weinen muss. Ich rede dann ein wenig mit meiner Mutter, heute weniger als früher.

Omi begleitete mich am Anfang der Trauerzeit. Sie stand neben mir, schaute mir zu, redete mit Mami. Omi und ich haben bei der Grabpflege von Mami oft über den Tod gesprochen. Ich weiss genau, was sich Omi einmal wünscht. Am liebsten möchte sie zu Mami ins Grab. Sie will Blumen. Und es soll Kerzen drauf haben.
Der Weg auf den Friedhof wurde immer schwieriger für Omi Paula. Er liegt auf der Anhöhe, hoch über dem Tal und war für Omi körperlich nicht mehr zu schaffen. Irgendwann vergass Omi, dass Mami auf dem Friedhof lag. Als ich für Omi schaute, vernachlässigte ich das Grab manchmal. Trotz aller Trauer denke ich, man muss sich immer erst um die Lebenden kümmern.

 

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Was Sterben bedeutet

Gestern las ich Peter Stamms Buch „Weit über das Land“ fertig. Darin geht es um einen Mann, der Frau und Kind verlässt und einfach verschwindet. Am Ende des Buchs kommt auch die Frage auf, ob er nun tot sei. Ein Satz ist mir eingefahren:

„Niemand schien zu begreifen, dass die Beziehung zu Thomas für sie nicht zu Ende war, nur weil er nicht mehr da war.“

Als ich diese Worte las, stiegen mir die Tränen in die Augen. Ich musste an meine Mutter denken, die ich vor bald neun Jahren verloren habe. Es ist doch so: Nur weil jemand tot ist, erlöschen die Gefühle nicht. Der Überlebende fühlt weiter, ist mit seinem Angehörigen verbunden.

Ich denke sehr oft an sie.
Ich frage mich, wie sie mit dem Älterwerden klar gekommen ist. Was sie über mich gedacht hat. Ich war ihr fremd, obwohl ich ihr ähnle.

Als ich etwa zehn, elf Jahre alt war, musste sie ins Spital. Sie hatte Tumore in den Kieferknochen und sie haben ihr Zähne entfernt. Ich litt schreckliche Angst um sie. Ich dachte schon: jetzt sehe ich sie nie wieder. Jetzt stirbt sie.

Dabei war meine Mutter 1979 beim Tode meines Bruders schon gestorben. Ich hab das nur erst später verstanden. Nur weil jemand noch da ist, heisst es nicht, dass er noch lebt. Nur weil jemand tot ist, bedeutet es nicht, dass er nicht mehr existent ist.

Ich musste 30 werden, um zu verstehen, was Sterben bedeutet. Einen Menschen in seinen letzten Wochen begleiten zu dürfen, ist eine Erfahrung, die  wunderschön und zärtlich sein kann und gleichzeitig alles von einem abverlangt.

Oft denke ich: es musste so sein. Ich am Ende bei ihr, so wie sie am Anfang bei mir war. Ich war ja nicht alleine. Omi und ich sassen an Mamis Bett. Es hat mich ungeheuer berührt, Zeugin zu sein, wie Omi ihre eigene Tochter in den Schlaf flüstert und zärtlich streichelt, so als wäre sie nicht eine 56jährige, sterbende Frau, sondern ein Kleinkind.

Heute denke ich, wer ist dabei, wenn ich Omi begleite?

Und: wer ist an meiner Seite, wenn ich gehe?

Vanillefarbene Melancholie

Ich liebe Confiserien über alles.
Wenn ich mein Wunschdasein mit einem Ladengeschäft beschreiben müsste, so wäre es eine Confiserie.

Hier treffen sich Menschen jeglichen Alters. Sie können im Café miteinander reden, wunderbaren Kaffee trinken und dazu Tortenstücke essen. In einer Confiserie gibt es köstlichste Süssigkeiten, Salzgebäck und Pralinen. Mitte der 90er Jahre habe ich in einer längst verschwundenen Frauenfelder Confiserie eine Lehre als Verkäuferin gemacht.

Rückblickend waren das die zwei schönsten Jahre meiner Jugend, mitten in der Pubertät und den Wirren des Abschieds von zuhause. Meine Eltern waren längst getrennt und mein erstes Kapitel als junge Frau fand in diesem uralten Geschäft statt.

Ich hatte meine Lehrmeisterin sehr gerne. Sie war mir Lehrerin, Mutter und Verbündete. Sie war ein e resolute ältere Dame. Mein Leben, meine Schwärmereien interessierten sie. Sie hatte für jede Lebenslage Ratschläge und trostreiche Worte. Die Alkoholkrankheit meiner Mutter fand sie schlimm, aber sie hat mir nie deswegen Vorwürfe gemacht, so wie es vielleicht andere taten. Im Gegenteil. Sie sagte: du kannst nicht in einen anderen Menschen hineinsehen.

In einer Confiserie tragen alle Uniformen.
Die Frauen damals in der Backstube trugen Kochschürzen, die Frauen im Laden weisse Blusen, Schürzchen und Jupes. Alles hatte seine Ordnung. Farben. Geschmäcker. Schachteln. Säckchen.

Manchmal denke ich mir: in mein Leben darf auch jeder treten, der sich anständig benimmt, die Regeln meines Geschäfts beachtet, keine Sauornig anrichtet und sich beim Verlassen des Geschäfts verabschiedet. Menschen, die keine Süssigkeiten, keine kulinarischen Kostbarkeiten, mögen, sind bei mir wohl im falschen Geschäft.

Schon als kleines Mädchen besuchte ich mit meinem Omi Kaffeehäuser. Oft bekam ich eine heisse Ovi und ein Schöggeli. Omi bestellte sich immer eine Schale. Die Serviererinnen und Verkäuferinnen in ihren Uniformen fand ich grossartig.

Wenn ich heute in ein Kaffeehaus gehe, werde ich jeweils von einer gewissen Melancholie eingeholt. Ich vermisse meine Besuche und die Gespräche mit Omi über Gott, die Welt und Prinzessin Di. Ich bin traurig, wenn ich andere Frauen in meinem Alter mit ihren Müttern sehe. Zu gerne würde auch ich mit meiner eigenen Mutter an einem Tischchen sitzen und mich über die Konsistenz von St. Honoré-Torte und den Gehalt von Rum in Savarins unterhalten.

Vernunfttrunken

Omi Paula lebt seit Oktober 2012 im Pflegeheim. In einigen Wochen wird sie 88 Jahre alt.
Sie hat sich lange gegen einen Umzug gewehrt. Sie fühlte sich nicht alt. Sie hatte ihren eigenen, grossen Haushalt, ihren Garten, ihren Tagesablauf. Ich wollte sie auch nicht dazu zwingen, denn ich bin ich der Meinung, dass Zwang etwas vom Schlimmsten ist, das man einem Menschen antun kann.

Ich setzte auf Omis Vernunft.
„Vernunft?“, wirst du vielleicht fragen.
Ja. Vernunft. Selbst Menschen mit einer Demenzerkrankung können denken, fühlen und vor allem Entscheidungen treffen. Sie brauchen etwas Hilfe, Liebe und Geduld.
Ich glaube, Geduld und Liebe sind das Wichtigste, das man einem demenzkranken Menschen entgegenbringen kann.

Wenn jemand an Demenz erkrankt, verändert sich so vieles. Das Gewohnte scheint verändert. Angehörige, die andauernd an einem Menschen herum reklamieren, ihn zurechtweisen, ihn klein machen und so demütigen, machen alles nur noch schlimmer.

Vielleicht war es mein Geschenk, dass ich seit vielen Jahren mit Menschen mit geistigen Behinderungen arbeiten darf. Ihr Verhalten ist manchmal auf den ersten Blick so unverständlich, so fremd, dass einem gar nichts anderes übrig bleibt, als seine eigene Sicht auf das Leben immer wieder zur Seite zu stellen und sich aufs Gegenüber einzulassen und nachzufragen.

Mir fielen Omis veränderte Verhaltensweisen früh auf. Aber ich wollte es nicht wahrhaben. Omi sagte oft: „Warte nur, bis du so alt bist wie ich.“

Ich sprach immer wieder ihren Gesundheitszustand an. Ich machte mir grosse Sorgen, dass sie stürzt, Schmerzen erleidet oder aber überfallen wird. Ich sagte ihr, ich halte es fast nicht aus, dich hier so zu sehen. Bei allem aber war mir klar, dass es ihre Entscheidung ist und nicht meine.

Als Omi sich entschloss, umzuziehen, war die Sache emotional nicht ausgestanden. Wenn jemand dreissig Jahre am gleichen Ort lebt, kann man ihn nicht einfach umpflanzen. Es braucht Behutsamkeit und Verständnis. Schliesslich muss sich ein Mensch von seinem bisherigen Leben verabschieden.

Mir schien, als stürbe Omi ein wenig. Ihr ganzes Leben zog während der Umzugsphase an ihr vorbei. Die Erinnerungen waren präsenter als die Gegenwart. Ich habe sehr viel gelernt über mich, über sie und unsere Familie. Ich bin dankbar, trotz der vielen Tränen und den Sorgen, dass ich sie auf diesem Weg begleiten darf.

Heute ist Omi sehr glücklich. Sie wirkt sehr alt und gleichzeitig kindlich. Sie lacht oft und wirkt auf mich gelassen. Natürlich mache ich mir Gedanken, was uns alles noch erwartet. Wie das Ende sein wird. Doch Omi sagte immer: Jetzt ist ein schöner Moment. Geniessen wir ihn.

Frühling im Schneetreiben

Ich spüre den Frühling.
Da will ich raus zum Rasenmähen, Vögel beobachten, Rosen schneiden oder Garten umgraben.
Diese elende Herumsitzerei im Winter nervt mich langsam.

Ich wollte das Bureau endlich fertig streichen. Das schmutzige Türkis war mir zu dunkel. Shabby chic in allen Ehren, doch ich brauche Helligkeit. Mein Arbeitsplatz soll ein Ort der Ruhe und der Inspiration sein. Nicht zusätzliche Ablenkung.

Es fing heute morgen an zu schneien. Ich dachte: Toll. Genau das hat mir jetzt noch gefehlt. Ich will endlich wieder im Bikini draussen herum liegen. Im Garten arbeiten. Mein Bedarf an Wollsocken und warmen Pullovern ist gedeckt.

Ich beginne mit der Decke. Stelle Möbel um. Ich bin zu faul, um alles raus zu stellen. Es hätte auch keinen Platz im Hauseingang. Beim Streichen denke ich an Opa Walter. Hier hat er so oft über seinen Projekten gebrütet. Seine Sachen aufbewahrt. Das Bureau war früher die Werkstatt. Vermüllt. Der Raum, der im schlechtesten Zustand von allen im ganzen Haus war. Hier wurde seit 1839 gearbeitet. Mehr oder weniger.

Ich streiche weisse Farbe über das Türkis. Ich bin mir sicher, Türkis war schon hier, bevor Uropa Henri mit seiner Röös einzog. Das ganze Innenleben des Hauses scheint damit überzogen zu sein. Weberknechte kreuzen meinen Weg. Sascha bringt die Tiere in den hinteren Keller.

Über Mittag gehen wir in den Löwen essen.

Hier fand anno 1983 oder 1984 das Beerdigungsessen von Henri statt. Zum ersten Mal seit über dreissig Jahren stehe ich wieder hier. Das Essen schmeckt köstlich. Die Räume sind traumhaft schön und mir scheint, als tauchten die Bilder von damals wieder aus meiner Erinnerung auf, so als wären sie nie weg gewesen und so, als wären niemals dreissig Jahre vergangen.