Wasser

Ich mag den Chlorgeruch, wenn ich nach der Umkleidekabine in die holde Wärme des Schwimmbads trete. Immer denke ich zuerst an meine Mutter.

Sie liebte Schwimmen. Das Wasser war ihr Element.
Ich erinnere mich an meine Schwimmversuche im Untersee bei Steckborn. Das grosse Wasser war angsteinflössend. Es war dunkel und warm im Hochsommer. Die Hände meiner Mutter griffen nach meinem Körper, damit ich nicht ertrank. So muss es sich auch vor meiner Geburt angefühlt haben.

Oft gingen wir nach Frauenfeld und schwammen dort.
Zuerst konnte ich mich gar nicht über Wasser halten.
Das Tauchen war mir näher.
Meine Hüfterkrankung liess mich den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Oder schwimmen.

Das Hellblau des Bades. Die Silhouetten. Die Wärme.

Dann: senfgelbes Wasser. Der Hüttwilersee. Ich erinnere mich ungerne daran.

Omi schwamm auch gerne.
Sie war bestimmt über 60 Jahre alt, als wir jeweils im Schwimmbad Bütschwil zusammen schwammen. Omi war ängstlich. Sie wachte über mich und meine Schwester, als wäre sie die Glucke und wir die Küken. Omi war allgegenwärtig. Sie machte jeden Blödsinn mit und ihr Lachen hallt in mir wider. Sie war unsagbar glücklich, uns Enkelinnen um sich zu haben. Ich war glücklich, dass sie da war.

Die Dusche in Bütschwil sieht noch immer aus wie vor 25 Jahren.
Das Bad riecht gleich.
Nur die Schrankschlüssel haben sich verändert.

Meine Mutter ist nicht mehr hier.
Omi weiss nicht mal mehr, dass wir hier gemeinsam geschwommen sind.
Die Orte, an denen ich als Kind glücklich war, verändern sich.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Wasser

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s