Unsere letzte Reise

Omi Paula und ich erlebten intensive Jahre, als sie sich noch an mich erinnern konnte.

2007 starb meine Mutter. Omi und ich wurden durch ihr Sterben noch mehr zusammengeschweisst, als wir es vorher schon waren. Wir telephonierten oft, sprachen über unsere Gefühle, die Trauer. Omi war so traurig, dass meine Mutter nicht mehr lebte. Aber sie trauerte nicht nur um ihre Tochter. Immer wieder betonte sie, wie schlimm es ist, wenn ein Kind die Mutter verliert.

Ich dachte damals, es ist schlimm, Mami verloren zu haben. Es ist überhaupt das Schlimmste, das mir je widerfahren ist. Ihr Tod hat mich völlig verändert. Aber ich dachte auch: ich hab ja noch mein Omi.

Omi und ich unternahmen viel. Wir besuchten ihr Grab, gingen einkaufen, trafen uns zum Kaffee. In der Adventszeit 2008 beschloss ich, mit Omi nochmals eine richtige Reise zu machen: ich wollte mit Omi nach Ulm an den Weihnachtsmarkt fahren.

Nun ist es eine wirkliche Herausforderung, mit einer 80jährigen Dame zu reisen. Omi ist ein Bewegungsmensch und es passte ihr nun überhaupt nicht, dass sie im Car ruhig herum sitzen musste. Sie jammerte, ass ein Gipfeli, trank Kaffee, schaute heraus.

Irgendwann waren wir da. Ulm.
Der Weihnachtsmarkt interessierte uns nicht wirklich.
Wir gingen ins Münster.
Omi betete.
Ich trank einen Glühwein, was Omi missbilligend kommentierte.
Ich kaufte in einer Confiserie Lavendelpralinen. Wir tranken Kaffee. Assen eine Wurst.Tranken noch mehr Kaffee. Omi kommentierte, dass die Deutsche Mark nicht mehr aussieht wie früher.
Und dann fuhren wir wieder ins tief verschneite Toggenburg zurück.

Ganz im Ernst: ich ahnte, dass dies das letzte Aufbäumen vor dem Vergessen war.
Aber wir habens genossen.
Vielleicht tue ich heute darum so schwer, an Weihnachtsmärkte zu gehen.
Omis kindliche Kommentare im Real Life fehlen mir.
Glühwein lieb ich noch immer.

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Adventsfensterherzen

Ich mag es, mit anderen Menschen in der kalten Jahreszeit zusammen zu sitzen.
Mir fehlt die Gesellschaft jener Menschen, die nicht mehr da sind.

Der Sommer war gesellig. Wir sassen oft in der Sommerbeiz im Städtchen.
Sascha und ich entspannten uns bei Gin Tonics nach langen Renoviertagen.
Den Herbst und den Winter verbrachten wir eher alleine.
Jetzt, im Winter, ist die Sehnsucht nach dem Sommer am grössten. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal nicht gefroren habe.

Da ich Paulas Haus nicht nur für uns alleine haben will, mache ich beim Adventsfenster-Abend mit. Ich habe vor einiger Zeit einen Entwurf gezeichnet.

 

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Am 8. Dezember nun wird unser Stubenfenster bunt leuchten und ich freue mich auf unsere Gäste und Freunde, die uns dann besuchen kommen.

Wasser

Ich mag den Chlorgeruch, wenn ich nach der Umkleidekabine in die holde Wärme des Schwimmbads trete. Immer denke ich zuerst an meine Mutter.

Sie liebte Schwimmen. Das Wasser war ihr Element.
Ich erinnere mich an meine Schwimmversuche im Untersee bei Steckborn. Das grosse Wasser war angsteinflössend. Es war dunkel und warm im Hochsommer. Die Hände meiner Mutter griffen nach meinem Körper, damit ich nicht ertrank. So muss es sich auch vor meiner Geburt angefühlt haben.

Oft gingen wir nach Frauenfeld und schwammen dort.
Zuerst konnte ich mich gar nicht über Wasser halten.
Das Tauchen war mir näher.
Meine Hüfterkrankung liess mich den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Oder schwimmen.

Das Hellblau des Bades. Die Silhouetten. Die Wärme.

Dann: senfgelbes Wasser. Der Hüttwilersee. Ich erinnere mich ungerne daran.

Omi schwamm auch gerne.
Sie war bestimmt über 60 Jahre alt, als wir jeweils im Schwimmbad Bütschwil zusammen schwammen. Omi war ängstlich. Sie wachte über mich und meine Schwester, als wäre sie die Glucke und wir die Küken. Omi war allgegenwärtig. Sie machte jeden Blödsinn mit und ihr Lachen hallt in mir wider. Sie war unsagbar glücklich, uns Enkelinnen um sich zu haben. Ich war glücklich, dass sie da war.

Die Dusche in Bütschwil sieht noch immer aus wie vor 25 Jahren.
Das Bad riecht gleich.
Nur die Schrankschlüssel haben sich verändert.

Meine Mutter ist nicht mehr hier.
Omi weiss nicht mal mehr, dass wir hier gemeinsam geschwommen sind.
Die Orte, an denen ich als Kind glücklich war, verändern sich.

Schön, dass du da bist!

Es ist Samstag. Samstag ist Omi-Tag, wenn ich frei habe.
Wir kaufen ein, hetzen von Geschäft zu Geschäft. Das Vorweihnachts-Theater lässt mich kalt. Aber im Gegensatz zu Frauenfeld, ist die Wattwiler Migros ein Ort der Ruhe und des Friedens.

Dann fahren wir zu Omis Pflegeheim. Auf den nahen Hügeln liegt Schnee. Das Heim aber strahlt Wärme aus. Wir treten ein. Nach über drei Jahren fühle ich mich hier schon fast zuhause.

Omi sitzt auf ihrem roten Sessel im Fernsehzimmer, vor sich den befüllten und dekorierten Rollator. Sie sitzt aufrecht da mit geschlossenen Augen. Ich grüsse sie sanft. Sie scheint nicht zu schlafen, denn sie schreckt nicht auf. Sie sagt, ohne die Augen zu öffnen: „Schön bist du da.“

Das ist erstaunlich, denn sie kennt mich ja nicht mehr. Ich setze mich neben sie. Auf dem Stuhl neben ihr sitzt eine andere, sehr alte Dame, die friedlich gekrümmt döst. Ein Ort der Ruhe und der Entspannung, denke ich.

Omi hat inzwischen ein Auge geöffnet. Sie jammert ein wenig. Ihr linkes Auge geht nicht richtig auf. Es sieht leicht entzündet aus. Aber da Omi sich nicht erinnern kann, kann sie mir auch nicht erklären, was passiert ist.

Wir reden über dies und das. Einkaufen. Weihnachten. Omi nickt eifrig und antwortet in Sätzen. Sie erzählt vom Hans, der sie grad noch besuchen kam. Hans ist vor vielen Jahren gestorben. Er war ihr Lieblingsbruder. Ich sage: „Den Hans hattest du sehr gerne.“ Omi nickt strahlend und es scheint mir, als wäre es die richtige Antwort gewesen.

Einige Zeit später kommt eine Pflegende ins Zimmer und bietet den alten Menschen Tee an. Sie tut dies auf ruhige und sehr liebevolle Art und ich spüre ihre Wärme und ihre Freude an der Arbeit. Ich frage sie nach Omis Auge. Sie holt eine andere Pflegende.

Diese erklärt mir dann sehr freundlich, was los ist. Omi hat offenbar eine kleine Verletzung am Auge und kriegt seit einigen Tagen Antibiotika-Salbe. Gestern sahs noch schlimmer aus. Aber weil Omi die ganze Zeit in ihrem Auge herumreibt, geht die Besserung halt langsamer vonstatten. Dafür kriegt sie dann eine Piratenklappe. Ha!

Omi sitzt grinsend da, zeigt auf mich und meint: „Das ist meine Schwester.“ Ich lache.
Die Pflegende lacht auch und geht wieder weiter. Da meint Omi: „Ich muss mal.“
Ich möchte jemanden holen, der ihr hilft. Aber Omi winkt ab.
„Ich kann das alleine.“

„Genau. Einäugig. Mit Rollator. Nee. Ich geh dann mal jemanden suchen.“

Einige Augenblicke später habe ich eine andere Pflegende rufen können. Sie kommt sofort zu Omi und hilft ihr. Sie zeigt auf das Buch in Omis Rollator und sagt:
„Ich habs gelesen. Ich kann Ihre Oma jetzt viel besser verstehen. Abends lesen wir manchmal daraus vor und sie erinnert sich wieder.“

Die Frau ahnt nicht, welche Freude sie mir mit diesen Worten gemacht hat. Ich würde sie am liebsten umarmen. Stattdessen bedanke ich mich bei ihr, verabschiede mich bei Omi und gehe mit Tränen in den Augen wieder aus dem Haus heraus.

Vor-Weihnachts-Gedöns

Ich tue mich innerlich schwer mit Weihnachten.

Da die Familie nicht mehr so gross ist, feiere ich keine grossen Feste. Ich schlage mir nicht den Bauch voll und ich betrinke mich auch nicht. Es gibt auch keine Familienzwiste an Weihnachten. Das ist der Vorteil an einer Familie wie meiner, die vom Aussterben bedroht ist.

Aber es schmerzt mich auch, dass ich nicht mehr so wie früher mit Omi feiern kann. Sie ist so rasch müde. Sie isst nicht mehr viel. Gesprächen kann sie oft nicht mehr folgen. Sie spricht nurmehr bruchstückhafte Sätze. Dennoch ist sie präsent mit ihrem Lächeln und ihren schalkhaften Augen. Manchmal frage ich mich wie sie als Kind war.

Früher war Weihnachten anders. Omi und ich trafen uns zum Einkaufen in Wil, diskutierten in Cafés und schenkten uns Kleinigkeiten. Wir telephonierten, um am Weihnachtsfeiertag miteinander essen zu gehen.

Ich fiel mir lange Zeit schwer, diesen Verlust von Gewohnheiten zu verdauen und neu zu beleben. Ein Anfang war, dass ich vor einigen Jahren damit begann, am dörflichen Adventsfenster mitzumachen. Ich mag es, von Menschen Besuch zu bekommen. Ich dekoriere das Haus. Ich werde dieses Jahr Omis und Uromis Christbaumkugeln hervorholen und Räume weihnächtlich einrichten.

Wir gehen jedes Jahr zu Omi ins Pflegeheim ans Weihnachtsessen. Jetzt, wo wir so nahe wohnen, können wir es noch mehr geniessen. Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr, dass ich Omi nicht nach Hause nehmen kann.

Und dann denke ich daran, was einmal sein wird, wenn Omi nicht mehr da ist und wie sich mein Leben danach verändert.

Spätherbst

Zum ersten Mal erlebe ich den Herbst bewusst im Haus mit. Es wird kälter. Seit September heizen wir ein. Zum Glück ist es dieses Jahr lange mild.
Die Linde vor dem Fenster hat längst ihr Blätterkleid abgeworfen. Unsere Katze hat jede Menge netter Verstecke im Haus gefunden, in denen sie schläft oder von wo aus sie ihre Blaumeisen beobachten kann.

Der Garten fällt bald in seinen Winterschlaf. Ich freu mich drauf, wenn er schneebedeckt ist und wenn er langsam wieder erwacht und die Krokusse sich durch die Eiskruste küssen.

Es ist gemütlich warm. Ich mag den Kachelofen, er ist die Seele des Hauses. Ich denke sehr oft, wenn ich daran lehne, an meinen Opa. Auch er mochte den Ofen. Opa hat sich nie beschwert, dass er in einem Haus ohne Ölheizung lebt. Das Prasseln des Feuers und die warmen Kacheln sind eine Wohltat.

Omi hat zuletzt sehr gefroren. Sie hatte damals grosse Mühe, selber anzuheizen. Doch sie hat ihren Kopf durchgesetzt. Erst als es gar nicht mehr ging, zog sie aus.

Seit über drei Jahren lebt Omi nicht mehr hier. Seit über drei Jahren schreibe ich diesen Blog. Manchmal scheint es mir, als wäre alles ein Traum.
Es ist soviel passiert.

Seltsamkeiten

Es gibt seltsame Dinge im Leben.
Schreiben ist eine Sache. Die Auseinandersetzung mit meiner Herkunft, meinen Familien, eine andere. Seit neun Monaten lebe ich jetzt im Haus. Wir sind verschmolzen. Ich staube ab, entdecke und erschaffe neues.

Doch da sind noch immer Menschen von früher. Überall im Haus haben sie ihre Spuren hinterlassen. Röös ist die geheimnisvollste unter ihnen. Sie ist meine Stiefurgrossmutter und stammte aus dieser Gegend hier. Ich weiss wenig über sie.

Vor einigen Tagen schrieb mich P. an. Er ist Röös‘ Urenkel und ebenfalls auf der Suche nach ihrer Geschichte. Ich musste das erst setzen lassen. Es war emotional, zu bemerken, dass ein anderer Mensch meiner Generation sich die gleichen Fragen stellt wie ich.

Wir tauschen nun Photos aus. Und dank P. komme ich zu neuen Photos von Omi Paula, die ich bisher nicht kannte. Ich bin furchtbar gespannt, was wir über unsere Urgrossmutter herausfinden werden. Ich will all die Geschichten hören, die mir noch nicht erzählt wurden. Ich hoffe, dass ich P. und seine Familie, seine Mutter ist Röös‘ Enkelin, bald kennenlernen werde.