Sie.

Als meine Schwester 1981 zur Welt kam, war ich vier Jahre alt und hatte bereits einen Bruder verloren. Die Lücke, die er trotz drei Tage Lebens auf dieser Welt hinterliess, war riesig.
Meine Mutter erlitt grosse Ängste um meine Schwester. Sie hatte Angst, dass auch sie einfach so sterben würde wie mein Bruder.

Ich erinnere mich daran, wie sehr sich meine Eltern über ihre Geburt gefreut haben. Nach der dunklen Wolke, dem Tod meines Bruders, haben sie endlich wieder Freude empfunden. Es regnete an Pfingsten 1981. Die Heuernte war am Arsch, aber das war uns allen egal. Als meine Schwester wenige Monate später einen Fieberkrampf erlitt, fast starb, war das für uns alle eine Katastrophe. Einen Menschen, ein Kind, fast sterben zu sehen, ist eine furchtbare Sache.

Vier Jahre Altersunterschied sind sehr viel.
Ich empfand mich immer als die Erwachsenere von uns beiden.
Dabei war ich das hässliche Entchen. Sie war die hübsche, strahlende.
Als ich 86/87 im Krankenhaus lag und nicht mehr laufen konnte, ist sie gerannt.
Sie hatte alle Möglichkeiten.

1986 verschwand im Thurgau ein Kind. In jener Zeit habe ich mich mehr als alles andere um meine kleine Schwester gesorgt. Einmal verschwand sie für mehrere Stunden. Ich habe jeden Fluch, jeden Streit, bereut. Die Angst, sie zu verlieren, hat mich damals total paralysiert. Als sie wieder kam, sie hatte stundenlang mit ihrer Kindergartenfreundin gespielt, habe ich geheult.

1996, vor bald 20 Jahren, wurde ich am Kiefer operiert. Ich konnte für mehrere Wochen nichts mehr essen, nicht mehr sprechen und war im Gesicht entstellt. Meine Schwester hatte damit kein Problem. Wenn wir einkaufen gingen, ging sie voraus und hat der Verkäuferin gesagt: „Meine Schwester kann aktuell nicht reden.“

Diese Sorge um mich hat mich sehr gerührt.
Später haben wir uns auseinander gelebt. Ihr Leben war und ist ein anderes als meines.
Ich habe Mühe, ihr das Verhalten beim Tod unserer Mutter zu verzeihen.
Ich habe mich schrecklich alleine gefühlt, bei der Beerdigung und bei allen anderen Angelegenheiten.

Nächstes Jahr wird meine Schwester 35 und ich habe sie bestimmt seit bald 10 Jahren nicht mehr gesehen. Ich weiss nicht, wo sie lebt. Ich weiss nur, dass sie lebt. Wahrscheinlich ist das das einzige, was zählt.

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Am Morgen

Ich sitze neben ihr. Sie atmet unregelmässig. Immer wieder stockt ihr Atem. Ihr Herz jedoch schlägt unermüdlich. Ich bin zu müde zum Weinen. Draussen steht mein Auto auf dem Parkplatz und ich sollte Münzen einwerfen gehen. Es erscheint mir seltsam, jetzt aufzustehen und etwas derart Sinnloses zu tun, damit ich keine Busse kriege.

Ich habe Angst, dass es an mir liegt, dass sie nicht sterben kann. Ich fühle mich unsagbar einsam. Ein paar Meter vom Pflegeheim weg liegt das Spital, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hat. Ich frage mich, ob sie bei meiner Geburt auch einsam war. Ob das einfach dazu gehört, dieses Gefühl vollständiger Verlorenheit bei endgültigen Abschieden.

Sie wird von den Pflegenden umgelagert. Ich hoffe irgendwie, dass sie aufwacht und noch etwas letztes zu mir sagt. Dabei ist alles gesagt. Ihr Weg ist nicht meiner.
Ich lege mich auf das Bett neben ihrem. Die Pflegenden haben es neben sie geschoben, damit ich ihr nahe sein kann. Das Sterbezimmer ist leider schon belegt. Die Bettwäsche ist unverschämt bunt. Die Wände des Zimmers sind hölzern. Nie hätte ich gedacht, dass es sich so anfühlt.

Draussen lichtet sich der dichte Nebel. Es wird ein schöner Tag werden, so denke ich. Die Sonne scheint zärtlich. Ich aber sitze hier drinnen. Die Luft ist schwer. Mittags kriege ich ihr Essen. Dabei habe ich keinen Hunger und keinen Durst mehr.

Ich sitze da und wünsche mir ihren Tod. Wünsche mir, dass sie weiter lebt. Dass ich nochmals Kind und sie wieder Mutter ist. Denke darüber nach, was noch kommen wird. Was sie niemals erleben wird, aber ich schon. Ich denke darüber nach, was sie erlebt hat und ich nie erfahren werde. Es gleicht sich wohl aus.

Ich werde immer müder. Schlafe ein. Schrecke auf.
Bin besoffen vor Schlaflosigkeit und Tränen.
Noch ist sie da. Noch kann sie mich hören. Ich flüstere, denn ich will sie nicht erschrecken, nicht stören. Ich verspüre den Wunsch, sie zu umarmen und schaffe es doch nur, ihre Hände zu streicheln. Ich sehe sie an und entdecke mich in ihr.
Wir gleichen uns.
Wir werden uns geglichen haben.

Ein Morgen im Herbst

Ein Sonntagmorgen im Oktober 2007. Ich bin dreissig Jahre alt. Es ist kalt und neblig. Meine Mutter ist seit mehreren Wochen in einem Pflegeheim. Sie ist gerade mal 56 Jahre alt und lebt nun unter Greisen.

Sie war immer eine bildschöne Frau. Sie war sehr schlank, aber trotzdem kurvig. Ihr Haar leuchtete dunkelbraun, ihre Augen braungrün. Sie hatte schmale Lippen und eine schmale Nase. Im Gegensatz zu mir.

Nun sitzt sie vor mir. Ihre ergrauten Haare sind leicht blondiert. Mêches. Ihre Haut ist dunkelgelb. Sie ist sehr dünn. Ihr Bauch sticht hervor wie bei einer Hochschwangeren.

Meine Mutter riecht nicht mehr nach Rotwein, sondern nach frischer Leber. Der Geruch ist unerträglich. Für mich. Ich kann sie nicht mal mehr umarmen.

Es ist Sonntag. Ich arbeite. Man ruft mich vom Pflegeheim aus an.
„Wir wissen nicht, wie lange es noch dauert.“
Ich fahre hin. Der Nebel ist undurchdringbar und gefährlich. Ich fahre mit offener Fensterscheibe, damit mir der kalte Wind ins Gesicht schneidet und ich wach bleibe.

Sie döst. Es geht ihr nicht gut.
Sterben ist keine schnelle Sache.
Sie wartet.
Wir umarmen uns.
Ich muss dran denken, dass sie 30 Jahre lang da war. Dass mein 31ster Geburtstag ohne sie sein wird. Dass ich nie heiraten werde. Keine Kinder, keine Familie haben werde. Sie blickt mich sehr traurig an. Es ist nicht ihre Schuld.

Der 14. Oktober 2007. Am 16, Oktober werde ich wieder von der Arbeit, frühmorgens, hier her ins Pflegeheim fahren und es wird das letzte Mal sein, dass ich sie lebendig sehe. Aber das weiss ich jetzt noch nicht.

Herbstblätter

Sterben ist keine einfache Sache.
Man steht als Angehörige fassungslos daneben. Die eigene Endlichkeit wird einem hemmungslos vors Gesicht gehalten. Immer wieder denke ich an ihren Tod, der mein Leben so sehr verändert hat. Traumatisiert bin ich wohl nicht. Dafür träume ich zu selten von ihr. Ich wünsche mir Träume über und mit meiner Mutter. Manchmal denke ich, so ein Traum ist der einzige Zugang, den ich noch zu ihr habe.

Sie liegt in diesem kleinen Grab, wenige hundert Meter von meinem Haus entfernt. Der Friedhof liegt über der Stadt. Man hat eine herrliche Sicht über das Tal. Damals standen hier noch hohe Bäume. Doch die sind längst gefällt.

Bald acht Jahre sind seit ihrem Tod vergangen und ich bin nicht mehr dieselbe. Ich bin nicht unglücklich darüber. Dennoch denke ich so oft an sie und an ihre Worte. Die letzten Berührungen.

Ich hätte sie so gerne dabei gehabt bei vielem, was mir unterdessen geschehen ist. Die Bücher. Das Haus. Den Mann.

Mir ist auch bewusst, dass es ohne ihren Tod wohl nicht dazu gekommen wäre. Dennoch scheint es mir nur natürlich, dass ich als Tochter sie als Mutter teilhaben lassen wollte. Ohne sie und meinen Vater wäre ich nicht am Leben.

Manchmal denke ich auch, dass ich mich glücklich schätzen kann, all das zu leben, was ihr verwehrt geblieben ist. Wenn ich nämlich ihre Texte lese, denke ich, dass auch sie eine gute Autorin war. Ihr Talent hingegen blieb unentdeckt. Sie hat ihr Leben lang hart gearbeitet. Für Literatur war da wenig Zeit und Raum.

Ich habe ihr Grab für diesen Herbst mit buntem Heidekraut bepflanzt. Sie liebte Farben über alles. Nur ja nichts schwarzes, graues oder braunes! Nun denn, so soll es sein.

Herbstferiengefühl

Die Sonne scheint warm, obwohl es schon überall schattig ist. Ich fahre zu Paula. Sie sitzt vor dem Fernseher im Gemeinschaftsraum und döst zu Schawinski. Ich setze mich neben sie. Sie lächelt mich an.
„Schön, dass du da bist.“
Sie weiss nicht, wer ich bin. Ich streichle ihre Hand. Wir küssen uns nicht. Keine Umarmung.

Wir reden ein wenig. Ich frage. Sie antwortet. Aber nicht mit den Antworten auf meine Fragen. Sie redet. Singsang. Ersetzt Worte, die ihr nicht mehr einfallen durch „Dings“. Dings ist ein gutes Wort. Man kann nichts Falsches reininterpretieren. Wir singen gemeinsam. Sie fängt mit „Alli mini Entli“ an, ich mache weiter mit „Döt obe uf em Bergli“. Wir lachen.

Sie nennt mich Ursula. Das ist meine Mutter. Sie stellt mich auch den Pflegenden als ihre Tochter vor. Ich lächle dazu. Ich selber scheine verschwunden. Keiner fragt, wer ich wirklich bin. Alle sind sich gewöhnt, dass sie die betreuten Menschen ständig an irgendwen erinnern.

Paula erzählt mir schliesslich eine Geschichte aus ihrer Kindheit. Sie wuchs neben einem Kapuzinerkloster auf. Die Mönche dort haben damals den Armen Essen gegeben. Für Omi war es gestern. Sie erzählt mir die Geschichte so, als wäre ich dabei gewesen. Dann verstehe ich. Ich erinnere sie an Hadj, meine tote Grosstante. Ich lächle wieder.

Dann gehe ich wieder. Ich muss Mamis Grab neu bepflanzen. Es ist Herbst und die Sommerblumen sind verblüht. Früher, also vor sieben Jahren, haben das Omi und ich gemeinsam getan. Wir fuhren gemeinsam in die Landi, haben uns beraten und gemeinsam gepflanzt. Omi stand meistens daneben und lobte meinen grünen Daumen. Sie sagte, Mami wäre bestimmt ganz stolz auf mich.

Ich bepflanze das Grab. Omi steht nicht neben mir. Ich aber denke nur: irgendwann werde ich ihr Grab bepflanzen. Aber meines wird wohl niemand mehr pflegen.