Geschenktes Leben

Als kleines Mädchen hatte ich oft das Gefühl, ich lebte ein geschenktes Leben. Der Tod meines Bruders hing wie eine graue Wolke über mir. Ich lebte. Er nicht.

Ich hatte dankbar zu sein, dass ich da war. Trotz meiner deformierten Hüften. Meiner schlechten Augen. Ich weiss nicht, aber das Überleben der frühen Kindheit setzte unvermutete Kräfte frei. Ich hatte nach den drei Hüftoperationen mit neun, zehn Jahren schreckliche Schmerzen. Ich hatte insgesamt vier Mal gelernt, wieder zu laufen. Jeder Schritt war eine Qual. Das Körpergefühl will neu entdeckt werden.

Oft dachte ich: Du lebst. Das ist ein Geschenk.

„Du musst ein Vorbild sein!“ sagte ein Lehrer in der Primarschule zu mir. Ich frage mich heute noch, woher Menschen die Unverschämtheit nehmen, einem Kind zu sagen, was es zu sein hat.

Heute bin ich 38 Jahre alt.
Der Gedanke, überlebt zu haben, lodert noch immer in mir.
Ich fühle mich oft sehr alt.
Unerfahren.
Ich streiche über die wulstigen Narben an meinen Beinen.
Narben sind erkaltete Lebensadern.
Vulkanstreifen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s