Das Gefühl

Die Ferien sind vorüber.
Ich arbeite wieder. Ein seltsames Gefühl hängt seit Tagen wie eine dunkle Wolke über mir. Ich bin unruhig, was ich daran festmache, dass ich Fingernägel kaue.
Dann heute das Telefonat des Altersheims.
Omi ist sehr krank.

Ich fahre sofort hin und bin dankbar, dass sie nur 10 Minuten von mir entfernt lebt.
Trotzdem verfluche ich Ampeln, greise Velofahrer ohne Helme und das 45er Gefährt vor mir.
Das Gefühl von damals, als meine Mutter im Sterben lag, macht sich in mir breit. Ich habe schreckliche Angst, zu spät zu kommen.

Dann stehe ich vor ihrem Zimmer.
Ich habe Angst, sie zu sehen.
Ich habe mehr Angst vor meinen Erinnerungen an meine Mutter.
Ohne Vorwarnung einen sterbenden Menschen zu sehen, ist grausam.
Ich trete ein und sehe Omi.

Sie hat Fieber und wirkt leicht unruhig.
Aber sie lebt und sieht auch nicht so aus, als ob sie gleich gehen wird.
Ich stehe da und weine.
Sie sieht mich und weint auch.
Wir halten uns an den Händen.
Omi sagt etwas, das ich nicht verstehe, denn sie trägt ihr Gebiss nicht.
„Schön, dass du da bist.“
oder
„Du bist da.“
Ich aber stehe da und kann nicht mehr reden.

Nach einer Weile werde ich ruhiger.
Omi ist 87 Jahre alt.
Sie lächelt mich an.
Ich bin bereit zum Loslassen.

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Rückwärts leben

Eigentlich wollte ich vor sieben Jahren heiraten. Ich habe es nicht und werde auch nie verheiratet sein.
Der Tod meiner Mutter kam dazwischen. Oder besser: Der Tod meiner Mutter hat mich nachdenken lassen, wie ich sein will, wenn ich in ihrem Alter bin.

Die Ehe ist mir zuwider.
Ich gönne es jedem Paar, das sich findet und glücklich ist. Für mich stimmt es nicht.
Der verdammte Freiheitsgedanke hat sich in meinem Hirn festgesetzt. Loyalität kriege ich auch mit einem Ehering nicht einfach so. Sie muss von Herzen kommen, aber eigentlich noch mehr aus dem Innersten der Hirnwindungen. Und darauf vertraue ich.

Vor drei Jahren hat mich Omi gebeten, ihr bei der Suche nach einem passenden Heim für sie zu helfen. Ich hätte damals nicht gedacht, dass das so anstrengend ist. Wir haben zwar nur zwei Heime angeschaut, aber dazwischen lagen viele Gespräche. Ich wollte und musste herausfinden, was Omi wollte.

Das Haus wurde zunehmend unaufgeräumter. Omi schob Kisten herum. Ich frage mich noch heute, woher sie diese Kraft hatte. Das immerwährende Chaos hat mich bedrückt. Omi aber schien zielstrebig. Es gab aber auch immer wieder Einbrüche. Grosse Verzweiflung. Tränen. Dann wieder Gelächter. Herzliche Umarmungen. Trost.

Diese Zeit zwischen Juli und Oktober ist schwierig für mich. Gleichzeitig mit Omis Umzug kam mir immer wieder Mamis Sterben und der Tod meines Bruders in den Sinn. Die Leidensstränge überkreuzen sich. Ich war traurig in Momenten, wo ich energievoll sein wollte. Ich trauere um meinen Bruder und meine Mutter, aber eigentlich viel mehr um meine Familie, die so auseinander gerissen wurde.

Letzten Sommer schliesslich haben wir wirklich angefangen, das Haus zu räumen. Es hat fast ein Jahr gedauert, bis wir die Mulde bestellt und vollbepackt haben. Ich habe entsorgt und das Haus um Tonnen erleichtert. Und nun stehe ich da, der Sommer ist bald vorüber und der Herbst kommt. Noch nie habe ich einen Herbst in meinem eigenen Heim erlebt. Ich bin gespannt.

Die grosse Kühle

Ich habe das Haus im Wandel der Jahreszeiten schätzen gelernt. Im Winter, als wir einzogen, war es kalt. Langsam haben wir es erwärmt. Man spürt, wenn ein Haus lange menschenlos stand. Im Frühling blüht es rundherum. Die Vögel tanzen fliegend um die Mauern und verstecken sich im Gewand der Linde. Im Sommer schliesslich zeigt sich die wahre Qualität des Toggenburgerhauses und die Meisterschaft seiner Erbauer: es ist kühl drinnen. Die Wände halten die Wärme von draussen fern. Im Herbst trotzen die Mauern den Winden.

Heute habe ich die letzten Kiste im kalten Zimmer ausgepackt. Ein erhebendes Gefühl. Es geht mir alles zu langsam. Prioritäten setzen war angebracht in den letzten Monaten. Ideen entwickeln kann ich nur an aufgeräumten Plätzen.

Ich sortiere weiteres Geschirr aus. Besteck. Silberbesteck. Scheren. Viel mehr Scheren. Ich muss mich entscheiden, welche Bilder ich aufhängen will. Es fällt mir schwer, wenn ich noch nicht alle ausgepackt und hingestellt habe.

Die Ferien sind schnell vergangen. Wir haben viel gearbeitet. Der Flur ist gestrichen, das kalte Zimmer spare ich mir auf. Die Fensterläden und die Türen leuchten wieder in Wiesengrün. Das Gartentor sieht fast aus wie vor 60 Jahren. Wir haben es nicht repariert, damit all die Katzen in er Nachbarschaft unter den abgebrochenen Latten hindurch spazieren können.

Wir sind durch die Schweiz gefahren. Langsam. Wir sind dankbar, dass wir hier leben dürfen. Der Ballenberg und der Säntis waren ein Erlebnis wie immer. Langweilig wird es nicht.

Jetzt freue ich mich wieder auf die Arbeit. Ich werde wieder wochenlang hinunter in den Thurgau fahren. Es wird Herbst werden. Der Nebel kommt. Aber ich kehre zurück in mein Daheim, irgendwo da oben im Toggenburg. Ich sehe die verblichenen vanillegelben Wände und freue mich darauf, dass das Haus mich beheimatet und ich dort nicht frieren werde.

Lebensfreude und Sterben

Ich habe mich oft gefragt, was sein wird, wenn mein Omi mal nicht mehr lebt. Als Kind war mir diese Vorstellung ein Gräuel und ich habe oft vor Angst geweint. Sie zu verlieren, schien mir etwas vom Schlimmsten. Mit dem Tod meines Bruders starb auch ein Teil meiner Mutter. Diesen Verlust habe ich hautnah zu spüren gekriegt. Das Resultat ist wohl, dass ich sehr an Menschen hänge, die ich gerne habe. Ich bin nicht gut im Abschied nehmen. Es scheint mir manchmal so, als ob ein Teil von mir sich weigert, sich zu verabschieden, ganz egal ob es um eine Trennung, einen Umzug oder aber den Tod eines nahen Menschen geht.

Heute ist mir der Tod weniger fremd als früher. Einige meiner Freunde leben nicht mehr. Einige Arbeitskolleginnen leben nicht mehr. Irgendwann holt es dich ein und du kommst um einen Abschied nicht herum.

Auf Mutters Tod war ich trotz allem nicht vorbereitet. Ich habs vor mich her geschoben und in aller Konsequenz verdrängt. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Mit Omi ist alles anders. Wir haben oft geredet. Für sie war immer klar, dass sie als erste geht. Für sie schien alles logisch. Die Wünsche sind deponiert. Es sind nur wenige, aber ich hab sie in mein Herz geschrieben.

Die Demenz hat uns entfremdet. Jedes Mal, wenn wir uns sehen, lernt sie mich von neuem kennen, während in mir die Erinnerung an meine Kindheit und an Omi, wie sie früher war, schwelt.
Die Demenz hat sie mir näher gebracht: Omis kindliche Seite, ihre Lebensfreude, die durch nichts zu zerstören ist.
Wer bin ich, denke ich, dass ich zweifle?

Omis grösster Wunsch ist, dass ich sie nicht vergesse. Nichts wäre ferner als dies, zu sehr hat sie mein Leben mitgeprägt und mir geholfen, meine Kindheit gesund zu überstehen. Sie hat mich mit ihrer Liebenswürdigkeit und ihrer Güte erzogen und mir immer das Gefühl gegeben, etwas besonderes zu sein. Mein Wunsch, dass sie mich nicht vergisst, ist nicht in Erfüllung gegangen. Aber vielleicht ist er auch zu hoch gegriffen. Liebe macht sich nicht in einem Namen oder der Erinnerung fest.

Ich bin froh, dass mein Omi trotz Demenz gesund ist. Dass sie sich an ihrem Leben erfreut. Dass sie keine Schmerzen hat. Aber ich weiss genau, wenn der letzte Weg ansteht, dann bin ich da bei ihr. Das ist unsere Abmachung. Und die halte ich ein.

Zaubergarten

Anfangs bereute ich es, dass Omi den Garten umgraben liess und jetzt überall Wiesen sind. Einen neuen Garten zu graben ist eine anstrengende Sache. Ich fing klein an. Der Kräutergarten ist eine wahre Freude und ich liebe es, wenn ich frischen Peterli oder Schnittlauch schneiden gehen kann.

Omis Entscheidung, den alten Garten dem Erdboden gleichzumachen, eröffnet mir aber neue Chancen. Unser Grundstück wird von vielen Tieren besucht: da ist ein Fuchs, Amseln, Blaumeisen, Bachstelzen, ein Specht, Elstern, Krähen und sogar ein Wacholderdrosselpärchen. Es gibt unzählige Schmetterlinge und wildwachsende Pflanzen, die ich so noch nirgends gesehen habe.

Ich habe die Möglichkeit, nun meinen eigenen Zaubergarten zu erschaffen. Ich möchte keinen perfekten Rasen, sondern einen Lebensraum für Tiere schaffen. Ich wünsche mir, dass die Menschen, die den Garten betreten, sich an einem Ort wähnen, wo Natur und Kunst sich treffen. Es soll farbig und lebendig sein. Ich wünsche mir einen Garten, wie ihn Uroma Röös hatte.

Ein Anfang ist gemacht.

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Henri vor dem Haus

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Röös

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der verschwundene Garten mit der Tulpenwolke

19. Juli 2015 087

ein bescheidener Anfang im Frühling 2015

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