Die zwei Welten

Etwas fällt mir beim Diskutieren mit Menschen, die meinen Blog lesen, immer wieder auf: viele Leser wollen über ihre Ängste vor dem Alter und dem Sterben, dem langsamen Verlust eines geliebten Menschen sprechen oder schreiben. Manchmal scheint es mir, als brächen beim Lesen Dämme. Ich frage mich, warum gerade wir Schweizer derart verhalten mit Emotionen umgehen.

Ich glaube, ich habe damals beim Tod meines kleinen Bruders ein unschätzbares Geschenk mit auf den Weg bekommen: dank Omi Paula habe ich früh gelernt, offen zu trauern. Omi hat mich immer ermutigt, über ihn zu sprechen. Denn nur weil ein Mensch nicht mehr präsent ist, heisst es nicht, dass er nie da war.
So ergeht es mir jetzt mit Omi. Sie lebt. Sie ist demenzkrank und erinnert sich nicht mehr an mich. Ich kann sie nicht mehr einfach anrufen und mit ihr reden. Aber sie ist nicht tot.

Es gibt für mich zwei Welten.
In der einen meiner Welten befinden sich Menschen, die der Meinung sind, man sollte nie zu viel über sich verraten, weil man sich damit verletzlich macht. Ich hab mich gefragt, was an einer Beschreibung einer Demenzerkrankung und meinem Gefühl dabei so intim ist, dass es mich angreifbar machen könnte. Ich finde keine Antwort. Denn nur schon die Tatsache, dass ich meinen Angehörigen auf die Art und Weise verliere, verletzt mich. Gleichzeitig aber fühle ich auch Stärke, weil ich den Verlust aushalte und nicht verzweifle.

In der anderen meiner Welten sind Menschen, die ähnliches wie ich erlebt haben, gerade erleben oder spüren, dass sie ihren Menschen so verlieren werden. Es ist ein Gefühl der Verbundenheit. Wir müssen uns nichts erklären. Jede auch nur denkbare Emotion scheint dem anderen bekannt. Da ist die geteilte Verzweiflung, der Austausch von gemachten Erfahrungen, die Hoffnungslosigkeit, die vielen kleinen Freuden, die Gewissheit, dass man den Weg nicht gemeinsam zu Ende geht. Das ist ein Geschenk. Ich bin dankbar für jede dieser Begegnungen, für die Lebensgeschichten und den geteilten Moment.

Ich mache niemandem einen Vorwurf. Aber manchmal finde ich es schade, dass wir Menschen, die der gesprochenen Sprache mächtig sind, so wenig miteinander über die wirklich wichtigen Dinge im Leben reden. Man könnte sich nämlich trösten. Das Gefühl von Verlust und Trauer ist ein Menschliches, dass sich durch alle Kulturen zieht.

So denke ich an meine Oma, die immer versucht hat, ihre Gefühle in Worte zu kleiden. Dort, wo sie es nicht mehr geschafft hat, weinte sie. Oder sie fluchte. Darin sind wir uns ähnlich und dafür bin ich ihr dankbar.

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