Der Werkzeugschrank

Seit Februar lebe ich jetzt im Haus. Seit anfangs März habe ich mein Atelier bezogen. Langsam stellt sich eine Ordnung ein. Fast alles ist eingeräumt.

Mein pièce de résistance war Opas Werkzeugschrank. Er steht in meinem Atelier und ich habe ihn seit einem Jahr nicht mehr geöffnet. Warum? Das weiss ich nicht genau. Seine Werkzeuge waren ihm immer heilig. Wie Oma auch hatte auch er ein Faible fürs Aufbewahren von Dingen. Ich schaffte es einfach nicht, den Schrank zu leeren. Es war mir, als würde ich ein Stück von ihm von mir loslösen.

Heute packte ich die Aufgabe aber an und es fiel mir schwer. Sascha holte zuerst die Spinnweben herunter und dann nahm er Stück für Stück für Stück aus dem Schrank. Was rostig war, kam in die Tüte. Der ganze Schrank war stark verstaubt. Das Regal, auf dem Opa sein Werkzeug aufbewahrt hat, war früher Teil der Wohnwand meiner Eltern. Opa war ein Meister des Recycling. Er hat aus allem was gebastelt.

 

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Dann, nach einer Stunde ist der Kasten leer und ich machte mich ans Putzen und neu bestücken.

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Was übrig bleibt, kommt auf den Tisch.
Wieder erhalte ich ein neues Bild meines Grossvaters. Ich entdecke ihn als Erfinder, als Mann, der sich für Elektrik interessiert und: das Schneidern.

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Ich stosse auf Rollen von Milimeterpapier. Auf dem ersten Bogen ist gar nichts. Dann der Grundriss eines der Zimmer des Hauses. Er wollte es verändern. Schliesslich finde ich ein Schnittmuster für ein Jackett mit drei Knopflöchern. Für einen Moment bleibt meine Welt stehen. Ich wusste ja, dass er schneidern konnte. Doch ein Werk aus seinen Händen einfach so zu sehen, berührt mich.

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Geburtstag ohne Muttern

Ich denke, die Mutter vermisst man selten so sehr wie am Geburtstag, denn das ist ja schlussendlich die Sache, die einen zu 100% mit einander verbindet. Es geht mir nicht anders.

Ich kann mich allerdings nicht mehr wirklich daran erinnern, wann wir das letzte Mal ein Geburtstagsfest miteinander verlebt haben. Als Kind war ich an meinem Geburtstag immer in den Ferien bei Omi und Opi im Toggenburg und als Erwachsene versuchte ich, meiner Mutter an diesem Tag aus dem Wege zu gehen. Ich bereue das heute ein wenig. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Menschen konnte meine Mutter so sehr feiern, wie sie litt.

Mir war das alles immer zu nah.
Heute, wo ich in einem Alter bin, wo sie bereits drei Kinder geboren und zwei verloren hatte, sehe ich das anders. Ich frage mich, wo sie einen Ausgleich fand zu ihrem Leben. Wie sie versucht hat, ihre Ängste zu verarbeiten. Ihre Texte, die ich erst nach ihrem Tod gefunden habe, zeigen eine unglaubliche Neugier. Eine Liebe zum Leben. Eine Leidenschaft fürs Verliebtsein. In diesem Punkt sind wir uns verdammt ähnlich.

Ich hätte sie so gerne hier, jetzt. Ich würde mich gerne an sie anlehnen. Sie würde über mein Haar streichen und finden, es sei zu lang. Ich hingegen würde ihr kurzes blondiertes oder gefärbtes Haar verstrubbeln und versuchen, sie auszukitzeln. Denn das ist mir zu ihren Lebzeiten nie gelungen.

Das Kellerloch

Der Keller war mein Sorgenkind. Er war sehr feucht, sehr dunkel und sehr, sehr ungemütlich.
Wir haben ihn während der letzten Jahre gefüllt mit Sperrgut und Müll, den wir fortlaufend entsorgten. Am letzten Freitag haben wir ihn dann endlich geräumt. Die Mulde wurde mit 850kg! Zeugs gefüllt. Wir waren erschöpft von der Hitze und dem Tragen.

Ein wenig mulmig war mir dennoch. Der Keller war immer Opas Revier. Er hat zwar immer wild geflucht über die Feuchtigkeit, aber gemacht hat er deswegen nichts. Ich nehme an, sie hatten einfach zuwenig Geld dafür.

Gestern kam dann „unser“ Schreiner.
Er hat bereits mein Atelier renoviert. Wir wussten, bei ihm ist der Keller in guten Händen. Er arbeitet schnell, sauber und ist überhaupt ein sehr netter Mensch.

Am Freitagnachmittag, also heute, ist von dem dunklen Loch, in dem meine Grosseltern ihre Tontopfsammlung und anderes aufbewahrten nichts mehr übrig. Sogar das Topfregal, schwarz wie die Nacht und total gruusig, ist verschwunden. Der Schreiner hats für uns entsorgt und dafür bin ich dankbar.

Der Raum leuchtet richtig. Es riecht mit einem Mal weniger feucht. Die Holzdecke ist freundlich und wir können jetzt beruhigt in der Stube herumlaufen, weil wir wissen: der Boden hält.

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Der Raum ist dunkel und recht angeschimmelt. (2014)

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wir stapelten hier alles, was wir entsorgen mussten. Es müssen mehrere 100 Kilogramm gewesen sein. (2014)

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„Unser“ Schreinermeister ist an der Arbeit. (Juli 2015)

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die alten Bretter werden entsorgt (Juli 2015)

Feiere, wenn es etwas zu feiern gibt

Wenn ich mir die Blogtexte von vor einem Jahr durchlese, bin ich berührt, wie verzweifelt ich damals war. Ich hatte Angst, das Haus und all das zu verlieren, wofür ich so hart gearbeitet und mein Herzblut gegeben habe. Dabei gab es so viele Menschen, die daran glaubten, dass ich es schaffe. Nur ich tat es nicht.

Jetzt sitze ich in meinem Atelier, schreibe, freue mich auf das Ende der Woche, wenn „Demenz für Anfänger“ erscheint und warte auf meinen Geburtstag. Es ist mir noch immer nicht wohl mit diesem Tag. Die Hitze lässt mich dran denken, wie sie mich vier Tage lang länger als geplant in sich getragen hat.

Die Tage vor jenem Tag denke ich sehr oft an meine Mutter und mir wird klar, wie sehr sie mir fehlt. Letztes Jahr habe ich mich gegen ein Fest entschieden, weil ich überhaupt keine Lust auf irgendwas hatte. Dieses Jahr ist es anders. Es gibt soviel zu feiern.

Ich möchte Omi „ihr“ Buch vorbei bringen. Ohne sie wäre so vieles nicht möglich gewesen. Ich bin gespannt, was sie vom Buch hält.

Da ist beispielsweise die Johannisbeerernte. Letztes Jahr hab ich die ganzen alten Büsche geschnitten und dieses Jahr ist der Ertrag um ein mehrfaches höher. Ich werde wunderbaren Likör ansetzen.

Da sind die Hortensienbüsche, deren Wachsen und Blühen ich täglich mitverfolgen kann. Blumen machen glücklich!

Oder der Fact, dass wir nach bald drei Jahren Arbeit den Keller von Unrat und Müll befreit haben. Endlich ist Raum da für neue Ideen und fürs Renovieren!

Dann ist da noch die Tatsache, dass ich mich an meinem neuen Wohnort mit all den Menschen sehr wohlfühle und das Gefühl habe, nach bald 38 Jahren, ein Zuhause gefunden zu haben. Das alles möchte ich mit meinen Freunden feiern.

Ich bin glücklich und dankbar, dass ich lebe.

Der Tag der Mulde

Ich gebe es gerne zu: ich hatte grossen Respekt vor diesem Tag. Den „feuchten“ Keller, Opas Keller und das „Teppichlager“ im alten Abtrittzimmer zu räumen, hätte ich nie alleine geschafft. Meine panische Angst vor Spinnen behindert(e) mich.

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gestern abend. #hierso

Es führte jedoch kein Weg dran vorbei. Da wir als nächstes den feuchten Keller renovieren lassen wollen, mussten wir endlich die angesammelten, defekten und alten Möbel von Omi entsorgen. Einen grossen Teil haben wir während der letzten Monate erledigt. Die sperrigen Gegenstände hingegen rotteten im Keller vor sich hin.

Wir starteten um 7 Uhr morgens. Ganz im Ernst, ich hab mich verflucht, weil das mein freier Tag in dieser Woche ist und heute einer der heissesten werden wird. Ausschlafen wäre eine Option gewesen. Motiviert hat mich allerdings der Gedanke, endlich wieder mehr Raum zu haben. Mich von all dem altem Plunder zu trennen.

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Stand 7.00 Frisur hält.

Opas Keller zu leeren, war seltsam. Seit 18 Jahren, als er starb, war alles unverändert. Heute haben Sascha alles durchgeschaut und defekte Sachen entsorgt. Wir haben noch immer viel Werkzeug. Nun ist aber endlich ein Überblick möglich, weil wir ALLES zusammengetragen haben.

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nur kurze Zeit später

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aus Opis Keller

Wir finden eine Menge brauchbarer Dinge für die Gartenarbeit, die weder verrostet noch verschimmelt sind.

Als nächstes entsorgen wir behandeltes Holz, das seit März neben dem Hühnerstall bereit liegt. Asseln sind wirklich interessante Tiere!

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noch mehr Müll

Das Teppichlager im alten Abtrittzimmer entpuppte sich ebenfalls als Wundertüte. Wir stiessen neben entsorgungswürdigem Güsel auf einen schönen alten Kinderwagen aus den Vierziger Jahren und einen Davoser Schlitten.

Und so haben wir mit einem Mal mehr Platz für unsere weiteren Pläne und können uns ein besseres Bild vom Zustand des Hauses machen.

Stolz bin ich darauf, dass ich es mit Handschuhen geschafft habe, mit Spinnweben versetztes Holz und anderes zu entsorgen. Für jemanden mit meiner Phobie ist das ein wirklich grossartiges Gefühl.

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fast voll

Sommerwind

In einigen Tagen kann ich damit anfangen, die Johannisbeeren zu ernten. Die Rosen sind verblüht. Die Hortensien zeigen in einigen Tagen ihre volle Pracht.

Der Sommer meiner Kindheit war geprägt von der Johannisbeerernte. Omi Paula stand um vier Uhr morgens auf, las die Zeitung und pflückte Beeren. Alles geschah in den frühen Morgenstunden. Bingozahlen, wichtige Gespräche, Gedanken.

Mittags war es für alles zu heiss. Wir hielten uns immer nur im Haus auf. Das Haus kühlte uns. Es ist auch heute noch kühl. Das ganze Toggenburger Haus ist auf die Jahreszeiten ausgerichtet. Im Winter kann man es schnell auf-heizen. Im Sommer aber sind die Räume trotz Südlage kühl.

Es ist wohltuend, abends nach der Arbeit heim zu kommen und ins Atelier zu sitzen, in dem es einfach nur wohltuend kühl, ja kalt, ist. In diesem Haus hat jeder Raum seinen Zweck. Nichts ist falsch gebaut.

Der Fenchel und die Zwiebeln wachsen. Ich denke an Omi. Die Terrasse zerfällt langsam. Früher hat Omi hier Wäsche aufgehängt. Heute liegen wir hier an der Sonne.

Der Bach führt weniger Wasser als auch schon. Meine Sorge gehört den Forellen. Ich hoffe, sie überstehen die Hitze der nächsten Tage.

Die Linde blüht. Ich jäte. Am Freitag entrümpeln wir den Keller. Ich brauche Luft. Eine Tiefkühltruhe. Freiraum.