Renovationsfreuden

Wir sind schon bald fünf Monate hier und haben uns im Haus eingelebt. Nun können wir (endlich) die nächsten Schritte zur endgültigen Entrümpelung planen.

Vor einigen Wochen passierte nämlich folgendes: in unserem Gerümpelkeller, wo noch ein altes Bett und ein zerschlagener Schrank lagern, rieselte gelber Staub von der Decke. Nachdem ich im Dezember im Boden meines Ateliers eingebrochen bin, hatte ich echt Angst, dass uns nun als nächstes gleich die Stube in den Keller einbricht.

Ein Rundgang mit dem Schreiner, der bereits mein Atelier renovierte, zeigte aber anderes auf. Offenbar halten die Balken. Offenbar ist das gelbe Geriesel Sand, der beim Bau des Hauses um 1839 als Isolationsmaterial verwendet wurde. Entwarnung.

Nun heisst es: entrümpeln. So vieles haben wir schon entsorgt. Die grossen Gegenstände hingegen, jede Menge bearbeitetes, altes Holz und das ganze Teppichlager, kommen in die Mulde. Am Freitag entrümpeln wir also zwei Kellerabteile, den Raum mit den Teppichresten sowie das Holz im Garten. Das bedeutet für mich: Spinnenphobie überwinden.

Erst nach der Räumungsaktion kann der Schreiner kommen und erst dann kriegen wir einen elektrischen Anschluss im Keller und können einen Tiefkühler kaufen. Ich bleibe gespannt.

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Die Wahrheit über Röteli

Der gestrige Nachmittag war ein besonderer.
Ich lernte in einem Café viele Leute meiner Stadt kennen, unter ihnen die Besitzerin und den Besitzer von Paulas langjähriger Gast-Katze Röteli. Ich hatte etwas Respekt vor dieser Begegnung, weil ich nicht wusste, ob Rötelis Besitzer sauer auf Omi Paula waren. Schliesslich hatte Omi, als sie alleine im Haus lebte und ihre Demenzerkrankung weiter fortschritt, verschiedenste Katzen gefüttert.

Meine Angst war jedoch unbegründet. Es hat mich gerührt, dass es für das Paar keine Sache war, dass Omi ihre Katze gefüttert hat. Das hat mich sehr erleichtert.

Bei der Gelegenheit und dem tollen Gespräch erfuhr ich unter
anderem, dass „Röteli“ kein Männchen, sondern ein zehnjähriges Weibchen ist und in Wirklichkeit „Janis“ heisst. Ich zeigte den beiden Photos von Paulas Katzenbettchen aus diesem Blog. Und: ich konnte endlich danke sagen, dass Janis meiner Oma so viel Freude bereitet hat.

 

Lichtensteig 2012 (4)

 

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Düster stimmt mich, dass in Lichtensteig aktuell fast zwanzig Katzen spurlos verschwunden sind. Viele Menschen hier haben ihr liebes Haustier verloren, wissen nicht, was mit ihm passiert ist. Ich hoffe, das klärt sich rasch auf.

Senfgelber Abschied auf Raten

Der erste bewusste Abschied in meinem Leben war wohl jener von meinem Bruder Sven. Ich erinnere mich an Szenen auf dem Friedhof und meine trauernden Eltern, Omi Paula, die mich weinend umarmt und tröstet. Ich verstand nichts. Ich war erst zwei. Der erste Abschied in meinem Leben war keiner, denn ich hatte Sven nie gesehen, nie in Händen gehalten und nicht begriffen, dass es ihn überhaupt gegeben hatte.

Ich hasse Abschiede. Ich mag mich nicht von Menschen trennen und wenn ich es tue, dann schnell mit einem glatten Schnitt.

Als mein Opa Walter starb, war ich nicht dabei. Die letzten Tage seines Lebens waren nur Omi Paula und eine Schwester der Spitex an seiner Seite. „Ich will nicht, dass du mich so siehst“, sagte er mir leise am Telephon. „So“ bedeutete sterbend. Senfgelb. Abgemagert. Dem Tode sehr nahe.
Ich habe Opa seit Weihnachten 1996 nicht mehr gesehen. Als er anfangs 1997 starb, war er meinen Augen fern, nicht aber meinem Herzen.

Den Abschied von meiner Mutter hätte ich beinahe verpasst.
Sie ist mir nämlich nach einem Streit gezielt aus dem Weg gegangen. Fast ein Jahr haben wir uns nicht gesehen, immer nur telephoniert. Immer gab es einen Grund, warum sie ein Treffen absagte oder gerade nicht zuhause war, wenn ich sie hätte besuchen können. Als ich sie auf der medizinischen Abteilung des Spitals besuchte, wo sie notfallmässig eingeliefert worden war, begriff ich auch warum. Sie war todkrank. Ihr Körper war senfgelb, ihr Bauch riesig, ihr ganzer Körper abgemagert.

Senfgelb ist für mich die Farbe des Todes. Ich hasse Senf und ich verabscheue den Geruch von frischer Leber.

Omi Paula und ich hatten immer gerne telephoniert. Wir hatten stundenlang Gesprächsstoff. Der Abschied fiel uns beiden jedes Mal schwer. Schliesslich kam ich auf die Idee, dass wir einen festen Ablauf für den Abschluss eines Gesprächs einführen sollten. Ich war damals acht Jahre alt, Omi 57.
„Wenn wir fertig sind, dann sagen wir einfach 1… 2… 3… Tschüüüüschüüüss und schicken Küsse durch das Telephon“, schlug ich ihr vor. Und so machten wir das. Fast 30 Jahre lang.

Irgendwann vergass Omi meinen Namen, dann meine Nummer und wie das Telephon funktioniert. Ich hasse diesen Abschied, der keiner ist.

Verdauen

Die Wut ist kleiner geworden.
Noch immer denke ich, dass Uschis Tod eine gottverdammte Verschwendung war.
Ich denke auch, dass der Tod meines Bruders eine ungerechte, ungereimte Sache ist.
Zu gerne würde ich wissen, wer wirklich daran Schuld trägt.

Die letzten Tage und Wochen dachte ich oft über meine Mutter nach.
Die Narben unserer Beziehung sind allgegenwärtig.
Ich vergesse nicht, dass sie mich geschlagen und verletzt hat.
Aber ich mag auch nicht vergessen, was ihr an Ungerechtigkeiten passiert ist.

Die familiären Traumata sind eine Sache.
Offenbar begleiten sie uns schon jahrzehntelang.
Ich mag nicht im Gestern herumhängen.

Die nächste Johannisbeerernte steht an.
Der Garten gedeiht.

Haussorgen. Hausfreuden.

Vor einigen Tagen fand die Elektrizitäts-Sicherheitsprüfung in unserem Haus statt. Ich war gelinde gesagt unruhig.
Schliesslich ist diese unsere Hütte über 175 Jahre alt und ich war mir nicht sicher, ob die letzten 20 Jahre wirklich alles immer rund in Sachen Montage lief.

So kam denn am letzten Mittwoch auch die beruhigende Entwarnung. Nur Kleinigkeiten müssen erledigt werden. Das bedeutet: wir müssen nicht grade ein Vermögen in neue Leitungen investieren. Das beruhigt mit sehr.

Am selben Tag kam auch unser Schreiner vorbei. Uns war aufgefallen, dass im Keller immer wieder gelbes Pulver aus den Balken rinnt. Die Lösung war/ist einfach: Vor vielen Jahren wurde Sand (und viel anderer Plunder) als Isolationsmaterial zwischen die Balken gestopft. Die Balken im Wohnzimmer sind noch immer stabil.

Es ist ein seltsames Gefühl, jetzt hier in der Stube zu sitzen und zu wissen, dass unter meinen Füssen ein Gemisch aus Sand und Holz zwischen den Balken liegt. Dennoch fühle ich mich hier im Haus, trotz Hochwassern und Gewittern, sicher,

Gestern begann der eine Rosenstock zu blühen. Die Blüten sind von leuchtendem Pink. Es ist das erste Mal, dass ich sehe, wie schön er ist. Ich bin dankbar.

Überleben

Omi Paula hat ihre Kindheit überlebt.

Sie wuchs in Wil SG in ärmlichen Verhältnissen auf. In den Kriegsjahren erkrankte sie an Hirnhautentzündung und ist fast daran gestorben. Vor einigen Tagen fiel mir das Negativ eines Photos in die Hände. Omi hat mir das Photo unzählige Male erklärt.

 

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Im Hintergrund steht Tante Bibi. Sie ist die Älteste und trägt eine Brille. Und dann stehen dann Sepp, Hadi und Hans. Paula sitzt im Kinderwagen.

Paula kann nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen. Sie leidet unter Wutausbrüchen, während denen sie sich die Haare vom Kopf reisst. Paula hat schreckliche Schmerzen. Sie erzählt mir später, man habe ihr Eiter aus dem Körper entnommen. Ich erinnere mich an tiefe Narben, die sie mir hin und wieder gezeigt hat, um mich wegen meiner eigenen Narben zu trösten. Ich wusste Omi versteht mich.

Das Bild verstört mich zutiefst. Es zeigt Kinder in einer Zeit, wo alles auf der Kippe stand. Meine Grossonkel Sepp und Hans, sowie Grosstante Hadi sind längst tot. Aber Paula hat überlebt. Es ist ein Wunder. Denn, wenn sie nicht gewesen wäre, hätte es meine Mutter nie gegeben.

Ich mag nicht ergründen, wie schrecklich Omi Paulas Krankheit war. Ich weiss nur, dass Ärzte Kindern jahrelang Schmerzempfinden abgesprochen haben. Das Bild dieses kleinen Mädchens berührt mich. Ich empfinde es als eine Ironie des Schicksals, dass Paula jetzt im hohen Alter all das überlebt hat und alles vergisst, so hätte niemals ein Krieg oder eine Krankheit existiert.

Vom Erinnern und Vergessen

Ich erinnere mich gerne.
In der Erinnerung bin ich den Menschen, die nicht mehr sind, nahe.

Aber es gibt auch Dinge, die ich am liebsten vergessen würde. Da sind Erlebnisse voller seelischer Schmerzen, erlittener Ungerechtigkeit und Trauer. Wenn es einen Knopf zum Löschen dieser Erinnerungen gäbe, ich würde ihn sofort drücken.

Es gab diesen einen Moment in meiner Jugend.
Ich war immer ein gläubiges Mädchen gewesen. Ich ging gerne in die Sonntagsschule und ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass Gott in jedem Schmetterling, jedem Huhn, meiner Katze und sogar den Steinen wohnt. Ich hatte, trotz allem Schrecklichen, dem Tod meines Bruders, keinen Zweifel daran, dass alles gut werden würde.

Doch dann versuchte meine Mutter, mal wieder, ihr Leben zu beenden. Sie erlitt immer wieder in jener Jahreszeit, in der mein Bruder verstarb, und in der ihr eigener Geburtstag war, Phasen tiefster Traurigkeit. Ich weiss nicht genau, wie sie es gemacht hat, ich glaube, sie nahm Tabletten. Sie wollte einfach nicht mehr leben. Ich hatte keine Chance, diesen Schritt zu verhindern. Meine Schwester hat unsere Mutter schliesslich gefunden und Alarm geschlagen. So konnte mein Vater, der ausserhalb des Hauses war, den Notfallarzt rufen und meine Mutter wurde vor dem Tod gerettet.

Ich erinnere mich, dass ich an jenem schrecklichen Abend meine Schwester in meinem Zimmer schlafen liess. Ich war vielleicht 13 oder 14, sie vier Jahre jünger. Wir krochen unter die Bettdecken und beteten ein Unser Vater. Meine Mutter lag vorne in der Stube, bei ihr der Arzt. Sie hatte schreckliche Schmerzen und schrie.

Ich weiss noch genau, worum ich gebeten habe: „Lieber Gott, mach, dass meine Mutter in ein Spital gebracht wird.“ Doch es geschah nichts. Meine Mutter wurde nicht in einem Spital behandelt, auch nicht in einer psychiatrischen Klinik. Einige Tage später kam sie zu mir und zischte mich an: „Du bist schuld an dem, was an dem Abend passiert ist. Nur du.“ Dann drehte sie sich ab und redete mit mir nie mehr darüber. Sie lebte noch einige Zeit mit uns, dann zog sie aus.

Das waren jene Tage, wo ich meinen Glauben gegen Sicherheit austauschte. Ich hatte keine Lust mehr aufs Bitten. Als Kind hatte ich mitgekriegt, dass es Christen gab, die den Tod meines Bruders für eine Strafe hielten. „Wenn ein so kleines Kind stirbt, dann muss was dahinter sein…“, ich erinnere mich gut an diese Sätze, von wem auch immer sie in meiner Nähe ausgesprochen wurden. Diese Sätze kehrten zurück in meine Erinnerung, als meine Mutter im Sterben lag. Ihr Sterben als Strafe für unmoralisch gelebtes Leben. Was für eine verdammte Scheisse!

Vielleicht kann ich deshalb nicht aufhören, über sie zu sprechen. Der Tod meiner Mutter war so unnütz. Sie war so ein feiner, liebenswerter, liebender Mensch. Ich vermisse sie zutiefst und wünschte mir, ich könnte etwas tun, um das an ihr begangene Unrecht wieder gut zu machen.