Tage-Bücher

Ich räumte am Nachmittag weitere Kisten im Estrich aus. Dabei stiess ich, auf der Suche nach Mutters Schulheften, auf ihre Notizhefte.

Vor acht Jahren hab ich diese Hefte aus Mutters Wohnung gezügelt. Sie rochen nach Rauch. Ich verstaute und vergass sie. Heute fielen sie mir in die Hände.

Ich weiss nicht, ob es eine gute Idee war, Mutters Gedanken zu lesen. 1995 war sie 44 und ich 18. Ich war unglücklich verliebt und sie war es auch. Ich litt und schrieb. Sie litt, schrieb und trank.

Die Parallelen sind erstaunlich. Meine Mutter hat jeden meiner Besuche notiert. Ich besuchte sie damals oft. Sie hat sich darüber offensichtlich gefreut. Und doch war sie unglücklich. Sie konnte nur mit wenigen Menschen über sich selber sprechen. Sie hatte ein offenes Ohr für Probleme, besonders für jene von Männern. Darin gleichen wir uns auch.

Mich erstaunt, dass ich nichts Neues aus ihren Zeilen erfuhr. Meine Mutter sprach mit mir immer offen. Ihre Verliebtheit, die Männer in ihrem Leben, ihre Sehnsucht, all das wusste ich immer. Es ist verwunderlich, dass sie all das einem 18jährigen Mädchen anvertraut hat. Ihre geschriebenen Worte klingen genauso so, wie sie damals gesprochen hat. Ich brauche nur ihr Notizheft laut vorzulesen und ich höre die Stimme meiner Mutter.

Ich bedauere so sehr, dass sie nicht mehr lebt. Heute wüsste ich mehr zu entgegnen. Heute könnte ich besser zuhören. Wir wären uns näher, weil wir uns verdammt ähnlich sind.

So bin ich am Nachmittag in die Landi gefahren, um Blumen für ihr Grab zu kaufen. Es ist alles, was ich jetzt noch tun kann. Die direkte Zwiesprache ist beim Tod eines Menschen beendet. Es sind nur noch die Gedanken und meine Gefühle, die da sind.

Auf ihrem Grab wachsen wunderschöne Tulpen. Ich habe sie im Winter 2007 gepflanzt. Die Tulpen sind dunkelrot, gelb und schwarz. Ihre Blütenblätter sind spitz. Sie sind stark, denn sie haben den Winter im Toggenburg überlebt. Und trotz allem sind sie zerbrechlich.

 

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Mutters Schulhefte

Als ich noch ein kleines Mädchen war, durfte ich oft bei Omi und Opa in den Ferien sein. Das Haus war mein Paradies. Gemeinsam mit meiner Schwester durfte ich rumtollen, Theater spielen, lesen, schwimmen gehen und – das Haus durchforsten.

Damals erschien mir das Haus wie eine riesige Überraschungstüte. In jedem Schrank fand ich Überbleibsel meiner Urgrosseltern und Erinnerungsstücke an meine Mutter.

Eines Tages zeigte mir Omi die Schulhefte meiner Mutter.
Mir schienen sie wie ein unbekannter Schatz.
Meine Mutter besass eine aussergewöhnliche, volle, breite Schrift. Sie konnte wunderschön zeichnen und ihre Aufsätze faszinierten mich. Sie beschrieb in einfachen Worten ihren Alltag als Teenager im Toggenburg in den 60er Jahren.

Manchmal denke ich heute, wenn ich von jemandem Talent vererbt gekriegt habe, dann von meiner Mutter. Vielleicht trifft es mich auch darum so, dass sie nicht mehr lebt. Sie hätte noch soviel schreiben können.

Die letzten Sätze meiner Mutter stammen aus der Psychiatrie Littenheid. Dort hat sie drei Tage verbracht und mit krakeliger Schrift in ihrem „Psychi-Tagebuch“ beschrieben, wie sinnlos hier das Warten auf den Tod ist. Ich hab ihr Heft behalten, auch wenn ich es nicht lesen kann ohne zu weinen.

Als wir ins Haus zogen, hoffte ich, ich würde Mutters Schulhefte wieder finden. Jede Schublade, jeden Schrank habe ich durchgesehen. Doch ihre beigen Hefte bleiben verschwunden. Einmal noch habe ich Omi danach gefragt. Doch da sie nicht einmal mehr weiss, dass es meine Mutter gab, erinnert sie sich auch nicht an die Hefte.

Ich hege noch immer die Hoffnung, dass ich eines Tages drauf stosse. Es gibt noch ein Estrichabteil, der mit meinem Kinderwagen und Babykleidern gefüllt ist. Vielleicht finden sich Mutter Schulhefte dort. Ich wäre sehr glücklich.

Kindsein

Ich denke, je älter ich werde, desto mehr über meine Mutter nach. Ich schätze mich glücklich, denn ich trage keine Verantwortung über Kinder, so wie sie es getan hat. Sie hat immer gearbeitet, bis fast zum Schluss. Sie war kreativ und lustig.

Meine Mutter war von Teenagerzeiten an ein schönes Mädchen. Ich war es nicht. Sie war schlank, gut gebaut und hatte langes, dunkelbraunes Haar und leicht gebräunte Haut. Sie erinnerte mich immer ein wenig an Ali MacGraw. Ich hingegen hatte sehr kurzes, farblich schwer definierbares Haar. Ich hatte keine schmale Nase, so wie sie, sondern eine Hammerhainase. Meine Lippen sind die meines Vaters. Sie sind breit.

Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich mehr von meinem Vater als von meiner Mutter. Ich habe seinen ernsten Blick und ihre Hände.

Sie fehlt mir.
Als ich gestern abend eine Sendung über Alkoholiker im Jura sah, wurde mir bewusst, wie sehr. Früher hätte ich über diese Menschen gelästert, weil ich das alles so verabscheute. Ich hielt sie für willenlose, schlechte Menschen.

Das Sterben meiner Mutter war für etwas gut. Ich urteile nicht mehr. Ich hinterfrage mehr. Ich schaue den Menschen in die Augen und frage nach ihrer Geschichte.

Nachher ist man immer schlauer. Man hätte mehr fragen müssen. Zuhören. Ich vermutete hinter jedem Satz eine Lüge. Hinter der zärtlichen Hand einen harten Schlag.

Omi sagte nach Mutters Tod: Wir wollen nichts Schlechtes über sie sagen.
Das haben wir nie. Für meine Omi ist meine Mutter immer ihr Kind gewesen, nie eine erwachsene Frau. Und am Ende wurde sie wieder ihr Kind.

Manchmal denke ich, es ist gut, dass ich keine Kinder habe, denn am Ende bist du ohnehin allein.