Kindsein

Ich denke, je älter ich werde, desto mehr über meine Mutter nach. Ich schätze mich glücklich, denn ich trage keine Verantwortung über Kinder, so wie sie es getan hat. Sie hat immer gearbeitet, bis fast zum Schluss. Sie war kreativ und lustig.

Meine Mutter war von Teenagerzeiten an ein schönes Mädchen. Ich war es nicht. Sie war schlank, gut gebaut und hatte langes, dunkelbraunes Haar und leicht gebräunte Haut. Sie erinnerte mich immer ein wenig an Ali MacGraw. Ich hingegen hatte sehr kurzes, farblich schwer definierbares Haar. Ich hatte keine schmale Nase, so wie sie, sondern eine Hammerhainase. Meine Lippen sind die meines Vaters. Sie sind breit.

Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich mehr von meinem Vater als von meiner Mutter. Ich habe seinen ernsten Blick und ihre Hände.

Sie fehlt mir.
Als ich gestern abend eine Sendung über Alkoholiker im Jura sah, wurde mir bewusst, wie sehr. Früher hätte ich über diese Menschen gelästert, weil ich das alles so verabscheute. Ich hielt sie für willenlose, schlechte Menschen.

Das Sterben meiner Mutter war für etwas gut. Ich urteile nicht mehr. Ich hinterfrage mehr. Ich schaue den Menschen in die Augen und frage nach ihrer Geschichte.

Nachher ist man immer schlauer. Man hätte mehr fragen müssen. Zuhören. Ich vermutete hinter jedem Satz eine Lüge. Hinter der zärtlichen Hand einen harten Schlag.

Omi sagte nach Mutters Tod: Wir wollen nichts Schlechtes über sie sagen.
Das haben wir nie. Für meine Omi ist meine Mutter immer ihr Kind gewesen, nie eine erwachsene Frau. Und am Ende wurde sie wieder ihr Kind.

Manchmal denke ich, es ist gut, dass ich keine Kinder habe, denn am Ende bist du ohnehin allein.

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