Mutter vermissen

Seltsames Gefühl, so lange Zeit krank zu sein. Verdacht auf Mononukleose. Pfeiffer. Oder ganz simpel: Kusskrankheit. Mir ist es eigentlich egal, wie diese ärgerliche Zusammenrottung von Viren heisst. Ich möchte nicht krank sein.

Das Gefühl jedoch kenn ich. Vor acht Jahren lag ich bereits einmal wegen Pfeiffer flach. Ich kam sogar in Spitalpflege, weil ich nicht mal mehr meinen eigenen Speichel schlucken konnte.

Nachher trat ich eine neue Stelle an. Zur gleichen Zeit wurde meine Mutter krank.

Ich denke oft an sie, wenn ich krank bin. Ihre Pflege war immer sehr liebevoll. O-Saft und Essigsocken. Die Universalwaffen gegen alle schlimmen Krankheiten. Manchmal denke ich: vielleicht hat sie sich nur, wenn ich krank war, nützlich in meinem Leben gefühlt. Für sie war ich immer „die Grosse“, die Selbständige, so als hätte ich sie gar nicht gebraucht.

Dabei war es ganz anders. Als sie Ende der 80er eine Geschwulst im Kiefer entfernen lassen musste, starb ich tausend Tode. Ich konnte mir als Kind nicht vorstellen, was passieren würde, wenn sie nicht mehr am Leben ist.

Fast zwanzig Jahre später fand ich es heraus.
Geändert hat sich äusserlich nicht viel. Sie ist einfach nicht mehr da. Ihre Wohnung ist längst weiter vermietet. Ihre Möbel sind verschwunden, ihre Kleider in der Altkleidersammlung.

Innerlich aber hat ihr Tod viel ausgelöst. Ich bin nicht mehr derselbe Mensch wie mit 30. Meine etwaig vorhandene Unbeschwertheit hat sich im Nichts aufgelöst. Einen Menschen sterben zu sehen ist ein Geschenk und Verantwortung zugleich.

Was stelle ich mit meinem eigenen Leben an?
Versuche ich wirklich mit allen Kräften, sinnvoll und glücklich zu leben?

Werbeanzeigen

Über die wirklich starken Männer

In den 90er Jahren liessen sich meine Eltern nach fast zwanzig Jahren Ehe scheiden und – mein Vater bekam das Sorgerecht für mich und meine Schwester. Das mag heute vielleicht keinen mehr wundern, aber in jenen Jahren war es eine Sensation, dass ausgerechnet ein Mann seine Kinder zugesprochen bekam.

Für mich war das eine ungeheure Erleichterung, denn ich hätte nicht mit meiner alkoholkranken Mutter zusammenleben wollen und sie wohl auch nicht mit mir. Dennoch stelle ich heute in Gesprächen mit meinem Vater fest, dass diese ganze Sache nicht so einfach über die Bühne gegangen ist.

Mein Vater erzählte mir, dass für ihn diese Monate der Scheidung ausserordentlich belastend waren. Er durfte sich gar nichts zu Schulden kommen lassen, denn sonst wären wir Kinder einfach „weg“ gewesen.

Seine Worte machen mich wütend.
Es hat scheinbar genügend Menschen in jener Gemeinde gegeben, die meinem Vater auf die Finger geschaut haben und die darauf achteten, ob er auch ja erziehungsfähig ist. Dass meine Mutter vorher jahrelang psychisch angeschlagen war, alkoholisiert und aggressiv gegen mich vorgegangen ist, haben diese Menschen aber wohlweisslich ignoriert. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Eine Nachbarin und meine Omi waren die einzigen Menschen, die sich dafür interessiert haben, wie es uns erging, erzählte er mir. Mein Vater empfindet diese Jahre noch heute als grosse Ungerechtigkeit. Ich stimme ihm zu.

Das einzig Positive daran ist, dass ich dank dieser Situation wohl ein Männerbild intus habe, das nicht besonders konservativ ist. Für mich ist es sonnenklar, dass Männer sich liebevoll für ihre Kinder einsetzen und dass sie ein Sorgerecht kriegen können nach einer Scheidung. Für mich ist auch klar, dass Frauen nicht automatisch die besseren Eltern sind, nur weil sie Frauen sind. Wie auch?

Es ist eine persönliche Sache und hängt auch von der Lebensgeschichte eines Menschen ab, ob er fähig und müssig ist, seine Kinder zu erziehen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich neben meiner Mutter, die mich geboren hat auch noch einen Vater habe, der bereit war, für mich zu sorgen.

Der verdammte Familienschluuch

Ich reagiere manchmal etwas ungehalten auf Menschen, die sich über ihren Familienschluuch* auslassen. Das liegt wohl daran, dass ich nie grosse Familienfeste erlebt habe. Ich bin da wirklich neidisch.

Umso wichtiger erscheint es mir, an den Festtagen und Geburtstagen mit meinen Familienangehörigen, also Sascha und meinen Eltern, zusammen zu sein und etwas Feines zu essen.

Omi ist, seit sie im Pflegeheim lebt, nicht mehr bei unseren Essen dabei. Je nach Tagesform hat sie Mühe, sich zu orientieren, Probleme mit Kauen und Schlucken und ist überfordert von zu vielen Eindrücken. Sie hat Mühe mit Gehen und mit dem Toilettengang. Und obwohl ich all diese Dinge beruflich täglich unterstütze, habe ich Mühe, es bei ihr zu tun. Viel lieber gehe ich dann einfach so bei ihr vorbei, sitze bei ihr und gehe wieder, wenn es ihr zuviel ist. Ich habe das Gefühl, dass ich ihr dann sehr viel gerechter sein kann, als wenn ich auf Teufel komm raus ein Fest organisiere, wo sie mit dabei sein kann.

Trotzdem beschäftigte es mich gestern. Omi war immer der Mittelpunkt unserer Familie. Sie hat gekocht, beschenkt, gelacht und uns ihre Liebe gezeigt. Jetzt müssen wir uns alle neu orientieren, überlegen, wie wir unsere Festtage ohne ihr Mittun gestalten können. In einem Punkt machen wir weiter: wir streiten uns nicht an Festtagen. Jedes Essen führt danach zu einer tiefgründigen Diskussion über unsere Leben und Familie. Am Ende gehen wir auseinander und sind dankbar für die Zeit, die wir gemeinsam verbringen können.

Ich stand in der Küche, in der sie fast dreissig Jahre lang gekocht hat. Sie hat nicht wirklich gern gekocht. Sie hat immer gesagt: „Ich habs halt nicht gelernt. Ich hab immer nur gearbeitet.“

Voressen hat sie fast immer gemacht, wenn wir bei ihr zu Besuch waren. Ihr Voressen war das beste. Später dann, als sie immer mehr vergass, kochte sie es nicht mehr. Am Abend rief dann jemand von Omis Pflegeheim an. In einem Monat hat sie Geburtstag. Sie wird 87 Jahre alt und wenn wir wollen, dürfen wir mit ihr im Pflegeheim essen. Leider kann sich Omi nicht mehr an ihr Lieblingsessen erinnern. Auf Fragen danach reagiert sie mit: „Ich esse alles.“

Wir sollen den Pflegenden einen Tipp abgeben. Ich weiss schon, was ich mir für Omi wünsche: Voressen mit Rüebli und Müscheli.

* Schweizerdeutscher Ausdruck für Familientreffen

Meine Welt, deine Welt

Gespräche mit Omi sind selten linear. Heute war ein Tag, an dem sie sehr viel sprach, mitten im Satz abbrach und eine neue Geschichte zu erzählen begann.

Sie schaut fern. Eine Tiersendung läuft. Sie liebt Tiere und redet mit ihnen. Bären in Alaska, die Zebrafinken im Käfig oder die Heimkatze, für alle hat sie ein liebes Wort. Büsibüsi, miezmiez, Biepsli und brummbrumm. Sie lächelt.

Ein Gespräch ist schwierig. Es geht ihr gut, soweit ist es klar. Sie isst kleine Fruchtstücke aus einem Tellerchen, der auf ihrem Rollator steht. Ihr Blick geht an uns vorbei auf den Fernseher.

Wir reden über Ostern.
„Ostern?“, fragt sie, „ist das auch schon wieder?“.
Ich nickte.
Sie redet über einen Chef, einen Menschen, der längst tot ist. Dann spricht sie von kleinen Kindern, wohl weil im Fernseher gerade ein kleines Kind zu sehen ist.

Nach einer Viertelstunde verabschieden wir uns. Omi ist mit sich selbst beschäftigt. Wir stehen auf und versorgen unsere Stühle wieder. Eine Mitarbeiterin des Pflegeheims sieht uns und meint: „Sie können sich im Fall schon hinsetzen.“
Ich winke ab.
„Schon gut. Heute ist kein Tag für Besuch.“
Omi zuckt die Schultern.
Die Pflegende findet es schade.
„Jetzt haben Sie extra Besuch gekriegt, Frau X.“
„Wir kommen wieder“, sage ich zu beiden, „wir wohnen ja jetzt im Nachbardorf.“
„Das ist schön, dann mussten Sie jetzt nicht extra lange fahren.“
Ich schüttle den Kopf.
„Kein Problem.“

Das erste Osterfest im Haus

Beim Durchlesen wie ich die letzten Ostern verbracht habe, verkneife ich eine Träne. 2013, ich erinnere mich gut, stand das Haus ein halbes Jahr leer und ich war sehr traurig. Ich wusste nicht, wie es weiter gehen würde.

2014 sah ich etwas klarer. Ich wusste, wir würden versuchen, das Haus zu kaufen. Ich freute mich darauf, hier einzuziehen, den Garten zu gestalten und neben E., unserer Nachbarin zu leben.

Und nun ist es da: unser erstes Osterfest im eigenen Haus. Ich habe es dekoriert, Primeln in alte Blumenkästen gepflanzt und Bäume geschnitten.
Noch ist es kalt. Der Schnee ist weg. Die Tulpen blühen noch nicht. Ich bin gespannt darauf, ob auch die Johannisbeersträucher ein weiteres Jahr überleben werden. Ich habe Schokoladenosterhasen und Ostereier gekauft und hoffe, das Wetter wird so gut, dass ich sie verstecken kann. So wie früher, so wie Omi immer getan hat.

Wir werden Omi besuchen. Ich bin wie immer gespannt, wie es ihr geht und was sie mir zu erzählen hat. Bald hat sie nämlich Geburtstag. Dann wird sie 87 Jahre alt. Wir werden von meinen Eltern Besuch erhalten. Ich koche für sie. Ich freue mich. Alles ist gut.

Osterstimmung

Nach bald einmal zwei Monaten sind wir wirklich angekommen. Wir haben die erste Hochwassernacht hinter uns (der Kanal schluckt wirklich viel!) und den ersten Sturm. Die Tanne, die mein Vater unbedingt fällen will, hat dem Wind stand gehalten. Die Katze hat sich ebenfalls an die vielen Zimmer und die Treppen gewöhnt. Sie kommt wieder, wie früher zu ihren festen Zeit in unser Bett und ist immer noch grummelig, wenn ich frühmorgens arbeiten gehe.

Wir haben uns auf den Frühling gefreut, vor allem auf E., unsere Nachbarin. Sie war, solange Omi noch hier lebte, eine wunderbare Ansprechpartnerin. Wir freuten uns darauf, mit ihr und ihren Kindern im Sommer auf unserer Terrasse zu grillieren. Nachbarschaft halt.

Sie hat, als Omi ins Pflegeheim zog, gefragt, ob wir nun ins Haus ziehen würden. Das lag damals, 2012, für uns in weiter Ferne. E. sagte: „Es wäre bestimmt schön, wenn wir Nachbarn würen. Die Kinder würden sich freuen, wenn einmal junge Menschen in dem Quartier lebten.“

Doch heute haben wir erfahren, dass E. tot ist. Wir wussten, dass sie sehr krank ist. Sie hat nie einen Hehl daraus gemacht. Aber da sie nur ein paar Jahre älter ist als wir, haben wir nicht daran gedacht, dass sie sterben könnte. Wir haben uns nicht einmal von ihr (und den Kindern) verabschieden können.

Und nun sitzen wir da. Sascha und ich sind sehr traurig. E. war ein herzensguter, liebevoller Mensch. Ich werde sie furchtbar vermissen. Es wäre so schön gewesen, zumindest einen Sommer gemeinsam zu verbringen. Ihr Schlagzeugspiel wird uns fehlen.