Loslassen. Das Wort des Moments.

Omi wird in einigen Tagen 87 Jahre alt. Was für eine Zahl! Nie hätte ich gedacht, dass sie so alt wird. Niemand hätte wohl darauf gewettet, nachdem sie als Kind so schwer an einer Hirnhautentzündung erkrankte.

Ich sitze in meinem Atelier mit Blick auf den Garten, wo die Primeln blühen. Schaffe ich es, dass Omi noch einmal den Garten sieht? Ich habe Angst davor, dass sie nichts mehr erkennt, denn mich kennt sie ja auch nicht mehr.

Omi sprach, solange sie noch im Haus lebte, oft vom Sterben. Der Sehnsucht nach Ruhe. Schmerzlosigkeit. Das nicht Vorhandensein von Trauer und Verlust. Für sie ist diese Phase des Lebens, diese immensen Emotionen, wohl schon vorbei. Sie fühlt sich wohl und sitzt da, als warte sie auf den Bus, der sie bald abholen wird.

Ich sitze da und beende das Manuskript für das Buch über sie. Ich schreibe unsere Geschichte, weil nur noch ich diese Geschichten weiss. Für einen Moment stelle ich mir vor, wie es ist, wenn ich ihr im Juli das Buch zeige. Was wird sie dazu sagen?
Durch Omis Demenz und mein Schreiben darüber hat sich mein Leben komplett verändert. Alles scheint klar. Doch in meinem Innern ist das nicht so: Was wird sein, wenn Omi einmal nicht mehr ist?

Als meine Mutter starb, da war Omi für mich da. Wir haben gemeinsam getrauert. Omi war immer voller Hoffnung. Sie sagte: „Sei nicht traurig, es geht Urseli gut. Nie mehr Sorgen. Nie mehr Trauer.“

Doch dann sagte sie: „Das Schlimmste ist, wenn die Mutter stirbt. Das weiss ich genau.“

Kurze Zeit später zeigte sich ihre Demenz immer stärker. Manchmal denke ich, dass nur das Sterben meiner Mutter sie vom Vergessen abgehalten hat. Es schien mir, als müsste meine Omi mit 79 diese letzte Aufgabe ihres Lebens, nämlich den Menschen, den sie 1951 geboren hat, bis zum Tod begleiten und wieder hergeben.

Ich stand daneben. Ihre Aufgabe war erfüllt. Doch was ist meine Aufgabe? Kinder kriegen ist es jedenfalls nicht.

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Ein Gedanke zu “Loslassen. Das Wort des Moments.

  1. Liebe Zora, Deine Aufgabe erfüllst Du ja schon: uns alle teilhaben zu lassen am Vergehen eines selbsterfüllten Lebens, das nun zu seiner verdienten Ruhe kommt. Möge es Dir vergönnt sein, Deiner Omi Dein Buch in die Hände zu legen, mag sie es nun begreifen oder nicht. Vielleicht legst Du es ihr dann in ihren Sarg. Und im übrigen weisst Du ja besser als ich, wieviele Menschen auf Deine tägliche Hilfe warten. Diese Aufgabe hast Du Dir auch selbst gestellt. Möge sie Dich auch weiterhin erfüllen.

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