Zurückgelassen

Gestern fuhr ich vom Toggenburg aus nach Frauenfeld. Es war ein sehr schöner Frühlingsabend. Nach Wil fiel mir ein, dass ich im Oktober 2007 diese Strecke gefahren bin, während meine Mutter im Sterben lag. Ich war verzweifelt an jenem Abend, als ich vom Sterbebett weg musste, um die Nachbarskatzen zu füttern. Es war Herbstferienzeit. Niemand war da. Zu gerne hätte ich meine eigene Katze mit ins Pflegeheim genommen, nur damit ich nicht ganz alleine bin.

Dann fiel mir auf, dass auch mein Vater dieselbe Strecke bei der Geburt und dem Tod meines Bruders fuhr. Auch er war verzweifelt. Die Kurven und Strassen wirken bei Verzweiflung und Todesangst endlos.

Ich bin so oft diese Strecke gefahren. Vorbei an Wängi, wo mein Bruder begraben liegt, nach Frauenfeld oder von Frauenfeld nach Wil. Mir scheint, als liesse sich an dieser Strecke meine Kindheit STück für Stück nachverfolgen.

Ich kehrte in meinem Lieblingskebab-Laden ein. Er liegt im Erdgeschoss des Hauses, wo meine Mutter bis fast zu ihrem Tod gelebt hat. Ich sass da und ass einen Dürüm. Mein Blick fiel auf Mutters Stammbeiz. Dort ist sie oft gesessen und hat ihr Tschumpeli getrunken.

Es scheint alles so fremd in Frauenfeld, so als wäre ich schon zehn Jahre fort. Vielleicht, so dachte ich in jenem Moment, lasse ich meine Mutter und meinen Bruder jetzt los. Sie bleiben in Frauenfeld, während ich davon, in die Berge ziehe. Mal sehen.

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