Wut vor Trauer

ich habe gestern Abend die Reportage „Engelskinder – Sterben am Lebensanfang“ auf SRF1 gesehen. Mich überkam die kalte Wut. In dem Film sitzen Paare, die ihre Kinder verloren haben. Sie erzählen, wie es ihnen nach dem Tod ihres Kindes nach der Geburt erging. Ich aber sehe nur meine Eltern.

1979, als mein Bruder drei Tage nach der Geburt starb, wurden den Müttern ihre toten Kinder nicht hingelegt. Niemand konnte sich von meinem Bruder verabschieden. Das war wohl nicht nur im Kantonsspital Frauenfeld so. Man deponierte ihn in einer Abstellkammer. Wie ein Stück Müll.

Aber damit nicht genug. Ein Arzt gab meiner Mutter die Schuld an seinem Tod. Wie absolut unmenschlich ist das denn?

Wenn ich die Folgen dieses Todes meines Bruders ansehe, überkommt mich das kalte Grausen: Meine Mutter hat sich nie mehr davon erholt. Sie ist quasi mit meinem Bruder gestorben. Sie hat an seinem Todestag jeweils versucht, sich zu töten. Das Familiengefühl bei uns ist brüchig. Es fehlt immer jemand. Es ist, als ob seine Seele noch immer in der Luft ist. Das kommt wohl daher, dass keiner von uns sich jemals von ihm verabschieden konnte.

Der Tod ist nicht besser begreifbar, nur weil die Trauergemeinde ein Baby in einem schuhschachtelähnlichen Sarg begräbt. Es gehört vorher noch was dazu. In früheren Zeiten wurden die Toten nicht sofort weggekarrt. Im späten 19. Jahrhundert und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gab es in unserer Gegend eine andere Kultur des Abschieds.

Menschen wurden tot, aber würdig fotografiert. Ein Abschied war so besser möglich. Anders hätten die Menschen in jenen Zeiten, wo so viele Menschen früh starben, diese Todesfälle, den Verlust, nicht verarbeiten können.

Das einzige Foto, das ich von meinem Bruder habe, ist sein Geburtsbild. Meine Eltern sind drauf, er in der Mitte. Auf der Karte ist ebenfalls ein Abdruck seines kleinen Fusses. Aber sonst gibt es nichts, was darauf schliessen lässt, dass es ihn einmal gegeben hat.

Ich bin wütend, weil meine Eltern keine Hilfe bekamen. Sie sitzen heute nicht nebeneinander vor einer Kamera und sinnieren darüber, wie sie den Verlust bewältigen. Meine Mutter ist tot. Einzig mein Vater redet phasenweise wenig über meinen Bruder. Klarheit, was passiert ist, wird es wohl nie geben. Zu lange ist es her. Aber die Wut muss raus, damit die Trauer Einzug halten kann.

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6 Gedanken zu “Wut vor Trauer

  1. In meinem Trauerseminar waren damals auch Paare mit dieser Erfahrung. Schlimm auch, wenn das Kind unmittelbar vor der Geburt starb und dann tot geboren werden musste.
    Früher, als die Kindersterblichkeit grösser war, ging man wohl damit anders um (frag mich nicht wie!), aber in den letzten 40, 50 Jahren sollte so etwas, wie es deine Eltern erlebt haben nicht mehr vorkommen, finde ich. Sollte es überhaupt nicht. Schrecklich.
    Das tut mir echt leid für dich und deine Familie.

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  2. Ich kenne leider einen identischen Fall aus jener Zeit – tatsächlich wurden die toten Babys damals mit dem Abfall entsorgt – unglaublich! Die traumatisierten Mütter und Väter wurden höchstens noch „geschumpfen“, dass das viel passiere und nicht weiter schlimm sei, sie könnten ja schliesslich nochmal ein Kind bekommen. Zum Davonlaufen! Ich verstehe Deine Wut. Meiner Gotte ging es leider genauso, wie Deinem Mami! Zum Glück ist das heute anders – aber für euch macht es das nicht mehr besser, ich weiss. Tut mir unendlich leid 😦

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  3. Da wir selbst unseren zu früh geborenen Sohn nach drei Wochen gehen lassen mussten, habe ich mich mit den Thema sehr auseinander gesetzt. Es ist tragisch, was den Eltern früher angetan wurde. Ich kenne allerdings einen relativ aktuellen Fall aus der Schweiz, da kam das Baby so früh, dass sie es auch nicht selbst beerdigen durften. Die Großmutter erzählte es mir mit Tränen in den Augen, weil ihre Tochter sehr darunter leidet.
    Für mich war die Möglichkeit, unseren Kleinen mit nach Hause nehmen und beerdigen zu können, und danach einen Ort zu haben, an den ich meine Trauer tragen konnte, essentiell zur Verarbeitung.
    Wenn du magst kannst du ja mal hier rein schauen…
    https://schnipseltippse.wordpress.com/tag/grab/

    Vlt hätte es deiner Mutter geholfen, ein symbolisches Grab zu gestalten, einen Ort, an dem irgendetwas von ihrem Söhnchen beerdigt worden wäre…

    Es ist sehr traurig, solche Erfahrungsberichte darüber zu lesen. Gott sei Dank hat sich heute vieles geändert.

    Liebe Grüsse
    Schnipseltippse

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    1. Liebe Schnipseltippse, danke für deine lieben Zeilen. Ich werde sehr gerne deinen Blog lesen.
      Mein Bruder wurde begraben. Aber ich denke, es gibt auch noch einen Abschied vor dem Begräbnis.
      Das ist die körperliche Begegnung. Vielleicht hätte sie, wenn sie ihn nochmals berühren hätte können,
      begriffen, dass er tot ist. So aber hat sie kein Bild davon, wie er aussah, als er tot war. irgendwie war
      er so für sie gar nicht wirklich tot. Alles Liebe, zora

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      1. Ach so, das hatte ich falsch verstanden. Ja, das Abschied nehmen können ist extrem wichtig. Wir konnten den Kleinen direkt mit nach Hause nehmen bis zur Beerdigung 1,5 Tage später. Das war eine sehr traurige, aber wichtige und auf gewisse weiße auch wunderbare Zeit. Unsere Freunde und Familie konnten ihn nochmal besuchen und sich verabschieden. Das hat uns allen sehr geholfen.

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  4. Meine Mutter hat ihr Kind zwar nicht kurz nach der Geburt verloren, aber Sie hat es bis heute nicht verarbeitet.
    Mein Vater Starb 2005 was meine Mutter schon ziemlih in den Abgrund riss.
    Gerade als meine Mutter sich wieder von dem Verlust aufrappelte.
    Sie war Einkaufen gefahren, kam freudig nach Hause und dann die Nachricht das Ihre Älteste Tochter bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, der Abrund in dem Sie dort gefallen ist hat sich nie wieder geöffnet, selbst wir vier Geschwister können Sie dort nicht mehr herausholen.
    Sie wollte damals keine Psycholische Hilfe annehemen.
    Heute brauchen wir Psychologische Hilfe.
    Von den Übriggebliebenen vier Töchter sind zwei die sich echte Gedanken machen und sich auch um die Mutter kümmern, aber wir sind mit unserem Latain am Ende.
    Meine Mutter geht von Montag bis Freitag in Tagespflege weil wenn Sie alleine ist uns mit Telefon und Schmerz und Hilferufen Atterkiert.
    Es ist so krass die Wocheneneden wenn meine Schwester die im Haus wohnt sich getraut wegzugehen dreht die total am Rad.
    Wenn ich nicht ans Telefon gehe ruft Sie den Pflegenotdienst an und jammert das Sie so dolle Schmerzen hat.
    Wir sind echt am Ende.
    Sie sagt immer wieder das Sie nicht ins Pflegeheim will, aber wir gehen kapuut daran, man kann Ihr das auch nicht mehr Erklären oder Sie will das nicht verstehen.

    Meine Schwester die im Haus wohnt und in Frührente ist, ist Total überfordert weil meine Mutter Sie so beansprucht, 20 anrufe am Tag sind da untertrieben.
    Ich selber bin Vollzeitbeschäftigt und fahre jeden Tag zu meiner Mutter um den Haushalt einigermasen in Ordung zu halten weil meine Mutter nichts mehr auf die reihe bekommt.
    Wirkliche Hilfe von sogenannten Demenzberatungen bekommt man auch nicht.

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