Einer von tausend Toden

Ich wache am Bett. Am Abend zuvor hatte sie sich von mir verabschiedet. Wenn Menschen sterben, spüren sie, was sie noch brauchen. Meine Mutter hatte Spaghetti gegessen, mit ihrer Freundin geredet und mich angerufen. Am Ende sagte sie: Ich bin müde.

Ich werde ins Pflegeheim gerufen. Uschi liegt da. Ihr Atem geht schwer. Diese kochelnden Laute. Ich sehe ihr senfgelbes Gesicht. Wenn die Pflegenden sie umlagern, öffnet sie ihre riesigen, dunklen Augen und sieht mich an.

Hat sie Schmerzen, frage ich. Nein. Sie kriegt Morphium. Patientenverfügung. Meine Mutter. Immer einen Plan B.
Ich bin nicht darauf gefasst, sie sterben zu sehen.
Ich weiss nicht, wie ich bei ihr bleiben könnte.
Ich kann nicht gehen.

Während sie daliegt und stirbt, verstäte ich ihre Häkeldecke. Das hat sie immer gehasst. Also mache ich es für sie.
Wenn man dasitzt und Fäden vernäht, wird alles leichter. Mir kommen viele Dinge in den Sinn. Meine Kindheit. Ihre Umarmungen. Ihre Stimme, die ich nie wieder hören würde. Meine Hoffnung, dass sie noch einmal die Augen aufschlägt, etwas sagt. Der Tag vergeht langsam. Immer wieder gibt es Momente, an denen sie bereit scheint, loszulassen, es aber noch nicht kann. Ich warte.

Am Abend fahre ich nach Hause. Ich bin getrieben von Angst. Dass, wenn ich wieder zu ihr zurückkehre, meine Mutter bereits gegangen ist. Aber sie wartet auf mich. Ich nehme Platz in dem unbequemen Sessel. Warte. Sie atmet. Immer wieder Aussetzer. Ab und zu glaube ich eine Träne zu sehen. Vielleicht bilde ich es mir ein, denn meine eigenen Tränen fliessen unaufhörlich.

Dann wird es Abend. Ich habe keinen Hunger. Keinen Durst. Mir erscheint mit einem Mal alles endlos. Ich will nur noch, dass sie endlich stirbt, damit ich gehen kann. Die Luft im Pflegeheim ist trotz geöffneter Fenster schwer. Ich halte ihre Hand. Ich spüre, wie sie kälter wird. Wage nicht, ihr Gesicht zu berühren. Habe Angst, ich könnte sie beim Gehen stören. Zwischendurch nicke ich ein. Denke, vielleicht schläft sie dann auch. Ich muss es nur vormachen.

Immer wieder wache, schrecke ich auf. Ihr Kocheln. Sie blickt mit aufgerissenen Augen zur Decke. Dann schliessen sie sich. Der Atem geht langsamer.

Um fünf Uhr schrecke ich auf. Nachdem ich rund zwanzig Minuten am Stück geschlafen habe, wache ich von der Stille auf. Mutters Atem hat ausgesetzt. Nach einigen Sekunden röchelt sie. Dann atmet sie weiter. Ich sitze fassungslos da. Schwitze. Weine. Krieche auf das Bett neben ihrem. Ich lege mich hin und halte ihre Hand. Dann werde ich müde. Sobald ich die Augen schliesse, habe ich Angst, einzuschlafen und sie loszulassen.

Da alle Sterbezimmer belegt sind, muss meine Mutter in einem Vierbettzimmer liegen. Wir hören Musik. Immer wieder setzt Mutters Atem aus. Es klingt für mich, als würde sie immer tiefer eintauchen, und das Auftauchen wäre eine Qual.
Ihre Hände werden kälter. Ich weiss, bald ist es soweit. Um viertel nach vier tut sie ihren letzten Atemzug. Aus ihren Augen treten gelbe Tränen. Ich öffne das Fenster. Draussen scheint die Sonne. Der Nebel ist verflogen.

Dieser Text ist im Ebook „Tausend Tode schreiben“ im Frohmann Verlag erschienen.

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2 Gedanken zu “Einer von tausend Toden

  1. Ein Text, der die innere Zerissenheit im Angesicht des Sterbens aufzeigt. Der Gedanke an Flucht, das Bedürfnis zu bleiben, die Angst zu verlieren, das Flehen nach Erlösung.

    Ich kann dem Tod nichts Tröstliches abgewinnen. Als Zurückbleibender. Als Sterbender eines Tages vielleicht schon.

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