Eine erste Nacht und ein erster Tag

Spätnachts bin ich ins Bett gefallen und eingeschlafen.
Die Katze liess uns im Stich. Es war ihr wohl zu kalt im Schlafzimmer. Es ist anders als im Thurgau. Das Haus braucht einige Tage, bis die Mauern warm sind. Wir müssen uns alle umgewöhnen.

Ich mummle mich in tausend Decken ein. Omi wusste schon, warum sie eine halbe Herde Schaffelle gekauft hat. Leise rauscht der Bach neben dem Haus. Wir schauen auf die anderen Häuser. Von unserem Schlafzimmer aus wirkt alles kleiner. Wir spüren hier unten nicht mal die Bise.

Sascha und ich fahren zurück in den Thurgau und fangen, das Bad zu putzen. Es ist seltsam. Die Wohnung ist fast leer. Es stehen nur noch jene Möbel hier, die wir weitergeben oder aber entsorgen lassen. Entsorgung ist ohnehin ein schreckliches Wort.

Wieder muss ich mich entscheiden: was ist mir noch wichtig? Was ist Gerümpel? Die Schränke sind bald leer geräumt. Fast nichts mehr erinnert daran, dass ich fast fünfzehn Jahre in dieser Wohnung und achtzehn Jahre im Haus gelebt habe.

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Zügelfieber

Gestern sind wir nun also aus dem Thurgau ins Toggenburg gezogen. Der Tag ging vorbei wie im Fluge. Ich fühlte mich wieder kraftvoll.

Um viertel vor sieben kamen die beiden Zügelmänner an. Ich packte sofort die Katze ein, die das anfänglich gar nicht witzig fand. Fast zwei Wagenladungen voll mit unseren Kisten und den Möbeln stapelten die beiden Männer. Sie taten es aufgestellt und sehr freundlich, was in unserer Situation wohltuend war.

Sascha sorgte für die Katze und beantwortete Fragen der beiden Männer, derweil ich die Küche fertig ausräumte, mich von Geschirr trennte und anfing zu putzen. Draussen tobte ein kalter Wind. Durchzug. Abschied von den Nachbarn. Keine Tränen.

Um elf Uhr ging die Fahrt los.

Wir waren sehr dankbar, dass unsere neuen Nachbarn offenbar Saschas Flyer gelesen hatten und niemand die Einfahrt versperrte. Ich ging mit der Katze ins Haus, deponierte sie in ihrer neuen Stube und Sascha fing an, Schnee zu schippen.

Es war ein seltsames Gefühl, vor dem Haus zu stehen und sagen: jetzt bist du daheim. Das ist deins.

Das Haus war kalt. 5°C. Sascha feuert ein. Ich fange damit an, die Küche einzuräumen. Schmeisse weiter Sachen weg. Es ist ganz leicht. Was nicht passt, kommt weg. Mit einem Mal weiss ich, was wohin gehört.

Ich bemerke meine Müdigkeit. Jetzt in die Stube aufs Sofa liegen, neben die schnurrende Katze und schlafen. Das wärs. Aber das geht ja jetzt nicht. Später. Ich räume weiter aus.

Der Berg von Schachteln wird nicht kleiner. Aber immerhin ist die Küche jetzt ausgestattet und einsatzbereit. Vor lauter Auspacken vergesse ich das Essen. Das wird mir erst klar, als es mir trümmelig wird. Sascha kauft mir ein Sandwich. Ich esse. Packe weiter aus.

Die Katze darf schliesslich aus der Stube raus, als die Zügelmänner gegangen sind. Für sie ist es das erste Mal, dass sie in einem Haus mit Treppen lebt. Sie geht auf Entdeckungsreise. Sie ist neugierig. Ich erkenne sie nicht wieder. Mit einem Mal wird mein kleiner Stubentiger zu einem Raubtier. Das Estrichabteil, in dem ich Mäuse vermute, hat es ihr angetan. Kriege ich wohl bald kleine Geschenke von ihr?

Um Mitternacht falle ich ins Bett. Ich möchte lesen, aber die Nachttischlampe ist noch irgendwo im Haus. Aber ich weiss jetzt: Das Haus verliert nichts. Ich bin glücklich.

Mittwochsfreude

Zwei Tage vor Umzug stehen alle Zeichen auf Sturm. Ich bin müde, erschöpft und kann nicht mehr schlafen. Ich bin unruhig.

Wir fahren zu IKEA und kaufen Saschas Schreibtisch. Sein jetziger Arbeitstisch kommt in unsere Küche. Mit einem Mal interessiert mich die Küchenausstellung mehr als je zuvor. Schliesslich wollen wir, irgendwann, die über sechzigjährige Küche renovieren.Ich ignoriere sogar tobende Kinder, die ihre Mütter terrorisieren. Das muss die neue Gelassenheit sein.

Von St. Gallen aus düsen wir ins Toggenburg. Sascha will die Türen noch beschriften, damit die Zügelleute sich orientieren können und ich meinen Büroboden sehen. Wir waten durch tiefen Schnee. Mit einem Mal leuchtet mir unser Haus entgegen und ich muss dran denken, was ich an Weihnachten 2013 gehofft habe: im nächsten Jahr ist das Haus belebt.

Belebt war das Haus wohl: da waren wir, die wir sechzig Jahre Familienschrott entsorgten. Mein Vater und seine Frau, die uns immer wieder tatkräftig mit der Gartengestaltung unter die Arme griffen. Röteli und Simeli, die uns immer mal mit einem Besuch auf der Fensterbank erfreut haben. Ich erinnere mich auch noch an den Sektenheini, der zu Omi wollte und den ich zum Teufel gejagt habe. Und dann waren da noch die Schreiner letzte Woche, die den Boden meines Büros ersetzt haben.

Die alte Werkstatt, der versiffteste Raum im ganzen Haus, verschimmelt, vermodert, ist renoviert. Ich kanns gar nicht glauben. Ich bin nahe an den Tränen, weine aber nicht, weil ich dazu zu müde bin und später wieder in den Thurgau fahren muss. Der Raum ist wunderschön geworden. Nichts, schon gar nicht der Geruch, erinnert an die Unordnung, die wir langsam abgetragen haben. Ich weiss genau, wo welches Möbel hinkommen wird. In die Ecke der Arbeitstisch, das Schreibzeug. Dort die Regale für die Schnittmuster und Wörterbücher. Eine Sitzecke für die Katze.

Ich denke, während ich in dem Raum stehe: Das muss Omi sehen. Das glaubt sie mir nie.

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Sommer 2013

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Sommer 2014

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Weihnachten 2014

 

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Neujahr 2015

 

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Februar 2015

Züglete. Endspurt. Schlafmanko

Die Wohnung leert sich langsam. Nur noch Regale stehen herum. Einige Bilder. Die Spiegel. Die Katzenschlafplätze.
Ich bin müde. Jetzt könnte ich einfach einschlafen und erst wieder im Frühling erwachen. Wir brauchen noch einen Schreibtisch für Sascha. Und ich will den Boden meines Ateliers vor dem Einzug sehen.

Der Boden des Ateliers ist neu gemacht. Der Schreiner hat ihn in zwei Tagen neu gelegt. Es hat sogar eine Dampfsperre. Ich erlerne praktisch täglich neue Wörter.
Morgen nach meinem Feierabend fahren wir hin. Dabei wäre es gescheiter, wenn ich einfach schlafen ginge. Aber wahrscheinlich spielt das jetzt gar keine Rolle mehr. Schlafen kann ich später.

Kurz gesagt: der Thurgauer Estrich muss noch durchetikettiert werden. Ich muss mich entscheiden, was ich mitnehmen will und was nicht. Ha! Man gebe mir weitere zwölf Stunden pro Tag.

Die Katze, bald dreizehn Jahre, übrigens, geniesst den Kartonberg. Nachts besteigt sie ihn, gurrt, miaut und weckt mich. Mich nimmt ja nur wunder, wie sie das im Toggenburg noch toppen will.

Die Kindheit, Erich Kästner und ich

Mit acht Jahren erhielt ich von Opa Walter das Buch „Drei Männer im Schnee“ von Erich Kästner geschenkt. Es hatte einen rot-goldenen Einband mit Zeichnungen drauf. Ich las es in einem Schnurz durch und habe doch gar nichts verstanden.

Doch dann sahen wir gemeinsam in der Toggenburger Stube Ruedi Walter in der Rolle des Millionärs. Ich war mit einem Mal sehr dankbar für das Buch.
Ich las „Das doppelte Lottchen“, „Das fliegende Klassenzimmer“ und schliesslich das mich prägende Buch „Als ich ein kleiner Junge war“.

Kästners Schreibweise hat mich angesprochen. Sein Spruch „Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr.“ hat mich sehr geprägt.

Meine Kindheit mag ich nicht vergessen. Aber ich mag sie in Ruhe verdauen. Die Samstagnachmittage mit meiner Mutter vor dem Fernseher werd ich nicht mehr los.