Elephants can remember

Nach einem anspruchsvollen Wochenenddienst am freien Tag ins Toggenburg zu fahren, kostete mich heute morgen früh etwas Überwindung.
Der Gedanke, dass wir Schlafzimmer und Saschas Büro fertig streichen, hat mich dann aber motiviert, aufzustehen. Das Wetter im Toggenburg war grandios. Blauer Himmel. Zarte Schneedecke vor dem Haus. Kein Thurgauischer Nebel. Kein Geruch von Rüben.

Der zweite Anstrich geht irgendwie leichter.
Das seltsame Minttürkis ist verschwunden. Weiss macht das alte Schlafzimmer zu einem neuen Raum, der sehr viel grösser scheint. Zum ersten Mal seit über dreissig Jahren ist er leer. Omas Kruzifix hat einen Abdruck an der Wand hinterlassen. Eine Art Schatten. Jetzt hängt das wunderschöne, traurige Kreuz im Pflegeheim über ihrem Bett.

Ich entrümple den hintersten Vorratsraum. Schachteln, zwei Strickmaschinen, weiteres uraltes, metallenes Zubehör kommt zum Vorschein. Dann zwei Liegestühle, einer davon aus den 50er oder 60ern. Ich bin begeistert. Ich kann mich nicht erinnern, jemals darin gesessen haben.

IMG_20150119_113758[1]

Ich trage alles hinunter in den hintersten Keller, wo ich die Sommermöbel deponiert habe. Ich schleppe Teile des zerkleinerten Schranks nach unten. Eine Matratze. Weiteren Müll, den ich finde. Und dann ist der Vorraum vor unserem Schlafzimmer einfach leer.

Ich schiebe die Seitentüre des einen Estrichabteils zur Seite und erblicke den Elefanten aus Plüsch, auf dem ich als Kind so oft gesessen bin. Mit einem Mal fallen mir all die Fotos von mir ein, die sie von mir gemacht haben. Ich sehe zufrieden darauf aus. Ich muss knapp zweijährig gewesen sein. Meine Mutter lacht auf den Fotos und ist erkennbar schwanger. Mein Bruder. Keiner ahnt, dass Mutters Lächeln danach verschwinden wird.

Omi hat den Elefanten in eine Plastikfolie gehüllt, zugedeckt mit einer uralten, schön bestickten Decke, die voll grauem Staub ist. Omi hat nichts weggeschmissen. Nicht einmal meine Kindersachen. Dass ich jetzt hier so stehe und das sehe, berührt mich. Das Haus als Hort meiner unversehrten Kindheit? Omi nahm dies sehr ernst.

paula_zora

Ich gehe zurück ins Schlafzimmer und putze die verschmutzten Fensterscheiben. Die Luft ist kühl und ich atme tief durch. Vor mir liegt die Krinau. Der Wald ist zugeschneit. Die Sonne scheint auf unser Haus.

IMG_20150119_161958[1]

Werbeanzeigen

Eine Kindheit in Mint und Türkis

Das Schlafzimmer ist der oberste Raum im Haus. Es gibt nur noch den Estrich, aber in den muss man kriechen und klettern.
Das Schlafzimmer war türkisfarben. Seit heute ist es weiss gestrichen.

Ich brauchte Mut. Ich kenne diesen Raum aus Kindertagen. Hier haben wir Kinder und Omi geschlafen. Hier erzählten wir uns Geschichten. Ich fand es immer wieder interessant, die Wände anzuschauen. Türkis. Mint. Das Kruzifix über dem Bett. Draussen rauschte der Bach.

Stand 16. Januar 2015 088

Für einen Moment lang habe ich gezögert. Die Wand wirklich weiss streichen? Die Farben meiner Kindheit übertünchen?

Stand 16. Januar 2015 071

Ich tue es.
Ich zerre Heftpflaster von den Balken ab, die meine Oma angebracht hat. wollte sie damit das Haus, ihre Welt, vor dem Zerreissen schützen? Das Holz ist ungleich bemalt. Türkis. Mint. Ritzen. Risse.

Stand 16. Januar 2015 087

Ich nehme das Barri-Poster ab. Omi hat es vor einigen Jahren aufgehängt. Darunter versteckt sind Kleber, die wohl meine Schwester und ich vor bald dreissig Jahren angebracht haben. Sie sind ganz hart, fast brüchig.

Stand 16. Januar 2015 072

Stand 16. Januar 2015 074

Das Streichen der Wände geht ganz leicht. Die Decke ist abgeschrägt. Ich streiche mit Inbrunst.

Mir geht durch den Kopf, dass dieser Raum nie mehr der gleiche sein wird wie in meiner Kindheit. Ich frage mich, wer hier schon alles geschlafen hat. Paula. Mein Opa wohl kaum. Meine Urgrosseltern? Die Vorbesitzerin des Hauses? Omi hat seit vielen Jahren nicht mehr hier oben geschlafen, weil der Raum unbeheizt ist.

Mit weissen Wänden wirkt das Zimmer gleich grösser. In wenigen Wochen werden wir hier die Nächte verbringen. Ich freue mich.

 

 

 

 

Die Angst meiner Grosseltern

Die Angst vor Krieg ist in meiner Familie verhaftet. Meine Omi Paula und Opa Walter haben den Zweiten Weltkrieg als Teenager erlebt. Der Horror ging ihnen ins Blut über.

Beim Räumen entdeckte ich Plastikgeschirr. Nie ausgepackt. Opa verlangte von Omi, dass sie dieses zu Zeiten des Ersten Golfkriegs kaufte. Ich werfe das Geschirr weg. Es beelendet mich.

Für Opa war dieser Krieg schlimm. Mir scheint heute, als hätten all die Berichterstattungen seine nie verheilten Narben wieder aufgerissen.

Opa wurde als junger, unterernährter Mann eingezogen. Er war Musiker und arbeitete in einer Weberei. Ihm hatte die ganze Welt offen gestanden. Doch nach dem Krieg schaffte er es kaum noch, wieder Fuss zu fassen.

Mein Vater, sein Ex-Schwiegersohn, erzählte mir kürzlich, was für ein guter, vielversprechender Musiker Opa gewesen war. Opa hatte einfach kein Glück.

Dennoch bin ich irgendwie sehr froh, dass er nie berühmt geworden ist. Vielleicht hätte er dann Omi nie kennengelernt. Sie hätten meine Mutter nie bekommen und ich wäre nie geboren worden.

Ich freu mich drauf, im Haus die Portraits meiner Grosseltern aufzuhängen. Sie sind noch immer ein Teil des Hauses.

Neue Nachbarschaft

Die Ruhelosigkeit ist im Moment meine beste Freundin. Zwar kann ich seit kurzem wieder durchschlafen, doch tagsüber wünschte ich mir, der Tag hätte mehr (helle) Stunden.

Unser heutiger Plan war klar: zwei Mal das Auto mit Sperrmüll füllen und ab in die Recyclinganlage. Insgesamt 200kg Holz und Platten haben wir heute entsorgt. Der Keller scheint langsam wieder begehbar.

20150112_102624[1]

Wir entrümpeln weiter. Langsam lichtet sich der Berg von unbrauchbaren Sachen. Ich verstaue meine Kochbücher. Fülle ein Gurkenglas mit Schlüsseln, die ich im ganzen Haus gefunden habe. (Der Schlüssel für die Toilette ist jetzt übrigens auch wieder da, liebe Gäste)

Für einmal ist das Haus nicht kalt, sondern fast schon gemütlich warm. Sascha feuert den Ofen an. Wenn wir dann mal endlich richtig hier wohnen, wird er uns wärmen.

Omas Ehebett lässt sich tatsächlich in zwei Autoladungen entsorgen. Es ist ein seltsames Gefühl, wie das Möbel zerkleinert auf der Müllhalde landet. Aber traurig bin ich nicht. Unser Schlafzimmer muss noch frisch gestrichen werden. Das geht besser, wenn es leer ist. Ich stecke Omis Daunenduvets und die Kissen ebenfalls in einen Sack für die Kleidersammlung. Es muss weg. Ich weiss nicht warum.

20150112_125848[1]

Draussen befreie ich den Abfluss vor dem Haus von Blättern. Ich höre ein dumpfes Quaken. Zuerst halte ich es für den Ruf einer Kröte. Dann bemerke ich: es kommt von den Bäumen herab. Ein Kolkrabe.

Für einen Moment lang möchte ich weinen und rufen: Sei willkommen, mein Freund! Doch dann gehe ich wieder ins Haus. Ich will meinen neuen, schwarzen Nachbarn nicht unnötig erschrecken.

Umziehen Teil 398

Ich muss leidlich anerkennen, dass die einzige, die wirklich Spass an Kisten, Staub und Stress hat, unsere liebste, alte Katze ist. Sie turnt topfit herum. Maunzt. Setzt sich in Pose. Für Dreizehntel scheint das alles ein grosser Spass zu sein. Nicht für mich!

Morgen kommt dann also der Schreiner. Er soll sich den Boden anschauen. Mir wäre lieber, wir würden einen Spinnenflüsterer anstellen. Der würde dann nämlich den freundlichen Achtbeinern mitteilen, dass ich wenig Lust auf deren Bekanntschaft habe.

Jetzt, wo Omis Bett raus ist, ist zumindest das Obergeschoss leer. Wir können den Raum renovieren und ihn bereit machen für unseren Einzug in vier Wochen. Kaum vorstellbar, dass wir in so wenigen Tagen dort schlafen werden.

Mein Büro aka Atelier nimmt langsam Gestalt an. Ich weiss jetzt klar, was ich darin machen will (und was nicht). Ich freue mich unbändig auf den Frühling und den Sommer. Denn dann werde ich Opas Keller durchlüften und entrümpeln.

Ich fühle mich aktuell unwohl, was wohl auch daran liegt, dass meine Bücher bereits alle weg sind. Ohne Bücher ist mein Leben leer. Ich will mir unsere Wohnung gar nicht leer vorstellen.

Umzugswehen

Der Zügeltermin rückt immer näher. Die Schachteln türmen sich in unserer Wohnung und ich ärgere mich über mich selbst, wie viel Zeugs man in 18 Jahren anhäufen kann.

Bücher. Spiele. Meine alten Plüschtiere.
Meine Schreibsachen. Und, oh Wunder: meine ersten Schreibversuche, fein abgelegt in Bundesordnern. Liebesgeschichten. Krimis. In mehr oder weniger krakeliger Schrift. Meine Tagebücher. Bestimmt 20 Stück. Meine Zeichnungen und Bilder. Dann wären da auch noch meine Apfelharasse, die im Estrich stehen. Brauchen viel Platz und sind super praktisch.

Viel hab ich in den letzten Jahren schon ausgemistet. Die Kleider meiner Mutter. Alte Kochtöpfe. Zeitschriften. Bücher, die ich nie lesen werde. Doch es muss noch viel mehr weg.

Weil ich nicht weiss, obs Schnee gibt im Februar, habe ich eine Zügelfirma angestellt. Das Gespräch am Telephon war beruhigend. Ich soll mir keine Sorgen machen. Alles kommt gut. Der Mann versteht sein Geschäft. Ich vertraue ihm.

Umziehen bedeutet wohl auch so eine Art Lebensbilanz. Rückblick und Ausschau. Wo will ich hin? Welchen Ballast werde ich jetzt los?

Die Katze geniesst die Unordnung und die vielen Kisten. Sie ist so neugierig. Ich habe beschlossen, mir an ihr ein Vorbild zu nehmen.

Du bist, woher du kommst und wohin du gehst.

Meine jüngere Familiengeschichte ist geprägt von zwei Weltkriegen und Männern, die einen Teil ihres (jungen) Erwachsenenlebens in der Armee und an der Grenze verbracht haben.

Mein Urgrossvater Henri und mein Grossvater Herrmann haben erst spät, mit fast 40 Jahren, ihre Familien gegründet. Was heute als hip erscheint, muss für die jeweiligen Eheleute nicht ganz einfach gewesen sein. Nach einem verheerenden Krieg, den Erlebnissen an der Grenze, endlich zu heiraten und Kinder zu kriegen, stell ich mir anspruchsvoll vor. Meine Grossmutter Ida und Urgrossmutter Anna waren ebenfalls weit über 30 Jahre alt, als ihre Kinder geboren wurden.

Sie ist tief in mir drin, diese Sehnsucht nach Familie, nach Menschen, die einem nahe stehen. Angehörige zu haben, bedeutet für mich Zugehörigkeit und Glück. Ich bin überzeugt, man lebt damit, was man seit Generationen mit auf den Weg bekommen hat.

Vielleicht hänge ich deshalb so am Haus. Es symbolisiert, wer ich bin. Das Haus ist kantig und vielschichtig. Es wurde fast zwei Jahrhunderte lang gepflegt, belebt und geliebt.

Wenn ich im Haus bin, bin ich denen nahe, die nicht mehr sind und deren Züge und Eigenheiten ich trotz alledem mehr oder weniger in mir drin trage.

Meine Verbindung zum Toggenburg, die Liebe zu den Bergen, den Menschen schlägt sich im Haus nieder. Darf ich glücklich sein, dort leben zu dürfen, wo ein Teil meiner Familie her stammt? Dort, wo die, die nicht mehr sind, begraben liegen? Oder sollte ich aus modischen Gründen sagen: es bedeutet mir alles nichts.

Dann wäre ich eine verdammte Lügnerin.