Mutter_Sein

Das Gute am Älterwerden ist, dass man sich nicht mehr an die Schläge seiner Kindheit erinnert.

Was soll ich sagen?
Ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die bis zum Arsch hinab verwöhnt wurden. Meine Mutter war einer jener Menschen, denen die Hand „schnell mal ausrutschte“, wie sie es selber zu sagen pflegte. Wenn sie wütend wurde, und das geschah rasch und ohne Vorzeichen, schlug sie drein. Sie prügelte, trat, verteilte Ohrfeigen, Schläge auf den Kopf, auf den Rücken. Die Katze war ebenso Opfer wie ich.

Meine Mutter war ein warmherziger Mensch, jemand, der Fremden abends gerne eine Suppe kocht. Jemand, dessen Türe immer offen stand. Doch gegen mich führte sie ein hartes Regime.

In meiner Kindheit schien mir, als würde sie mich hassen. Ich meine: warum schlägt jemand sein (überlebendes) Kind? Eigentlich hätte sie mich vergöttern müssen, nachdem sie meinen Bruder geboren und verloren hatte. Doch dies geschah nicht. Ich spürte früh, dass sie nicht damit klar kam, dass ich, das Mädchen mit den krummen Beinen lebte während er, der perfekte Junge, in einem kleinen Sarg lag.

Ich habs lange nicht verstanden.
Sie war unsagbar wütend. Anders ist es nicht erklärbar. Ich mag nicht mehr über Herkunft und Umweltfaktoren, die zu Gewalt in der Familie führen, nachdenken.

Schläge tun weh. Der Körper mag es irgendwann vergessen. Die Seele vergisst nichts.

Ich habe keine Kinder. Ich weiss nicht, wie damit klar käme, 24 Stunden am Tag ein Wesen um mich zu haben, das mich aufzehrt, schreit oder einfach von einem Tag auf den anderen stirbt.
Ich bin keine Gebär-Mutter.

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